Disclaimer: Siehe Prolog
Notiz des Autors: Es tut mir wirklich ungeheuer Leid, dass ich erst jetzt wieder zum Schreiben gekommen bin. Doch ´das Ende der Schulzeit, private Angelegenheiten und eine chronische Schreibblockade (XD) haben mich davon abgehalten, weiter zu schreiben. Sorry dafür . Ich hoffe, dass es bis zum nächsten Update nicht ganz so lang braucht ;).
Kapitel 4: Julia
Raikov hatte das Schulgebäude gerade rechtzeitig zum Beginn der Mittagspause erreicht. Er verlangsamte seinen Gang und schlenderte gelassen zu einer Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite. In aller Ruhe setzte er sich auf die Bank, die dort stand und lehnte sich zurück. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf das Schultor des alten Gebäudes aus rotem Sandstein, aus dem nun eine Unmenge an Schülern herausquoll. Die Kinder drängelnden und schubsten sich, schoben, drückten. In diesem Gewühl eine Zielperson ausfindig zu machen, war äußerst schwierig – auch wenn man sich ihr Aussehen noch so oft eingeprägt hatte. Also beschloss der Killer, sich lieber auf das mögliche Erscheinen von Rhodes zu konzentrieren. Die Frage war nur: Würde er kommen? Um ehrlich zu sein, schätzte Raikov den Inspektor eher feige ein. Immerhin hatte dieser einen ehemaligen guten Kameraden aus Karrieregründen ans Messer geliefert. Die Welt heutzutage kannte keinen Anstand mehr...
Mireille parkte den Civic in einiger Entfernung zum Schulgebäude, einen Block entfernt. Sie drehte den Schlüssel und der Motor erstarb. Dann wandte die blonde Killerin sich an Rhodes und ihre Partnerin: „Raphael, Kirika, ich weiß nicht, wie schnell wir aufbrechen müssen. Ich würde es für sinnvoll erachten, dass ich hier im Wagen in Bereitschaft bleibe und ihr beiden Julia von der Schule abholt." Kirika nickte. Die Vorsichtsmaßnahme ihrer Partnerin war sicherlich richtig. Der Killer würde zwar nicht in aller Öffentlichkeit am Schulgebäude zuschlagen, dennoch war es klüger, auf jeden Fall kein Risiko einzugehen. Sie zog ihre Pistole und entsicherte sie. Dann ließ Kirika die Waffe in den Bund ihrer Hose gleiten und öffnete die Autotür. Auch Rhodes stieg aus und warf die Tür ins Schloss. Er war blaß und merklich aufgeregt. Kirika sah ihn fragend an, als ob sie sich vergewissern wollte, ob er der Sache gewachsen war. Der Mann nickte nur kurz und wechselte dann die Straßenseite. Kirika folgte ihm.
Die Augen des Killers wanderten über die Menge der Personen, die sich in der Nähe des Schulgebäudes bewegten und verharrten schließlich auf zwei Personen: Die eine von ihnen war Rhodes, die andere ein kleines asiatisches Mädchen. Was ihn jedoch noch mehr überraschte als die Tatsache, dass Rhodes tatsächlich selbst gekommen war, war das Faktum, dass er eine Killerin in seiner Begleitung hatte. Raikov hatte das Mädchen zwar noch nie zuvor gesehen, doch ihre Art, sich zu bewegen, ihre vorsichtigen Blicke: Alles an ihr schrie geradezu nach einer geübten Killerin! Woher kannte Rhodes so eine Person? Raikov schob diese Gedanken beiseite und stand auf. Langsam ging er die Straße entlang zurück zum Parkhaus. Fürs Erste hatte er genug gesehen und die Anwesenheit eines anderen Profis würde die Lage nur verkomplizieren.
Kirika beobachtete die Umgebung, während sie Rhodes zur Schule seiner Tochter folgte. Wo konnte sich der Killer versteckt haben? Ihr Blick glitt die Häuserfassaden zu beiden Straßenseiten entlang. Gute Scharfschützenpositionen, links wie rechts. Die Japanerin beschleunigte kurz ihren Gang, um mit Rhodes Schritt zu halten. „Monsieur Rhodes, wir sollten uns beeilen. Hier stehen wir wie auf dem Präsentierteller." Der Mann nickte. Seine Anspannung war deutlich zu spüren. Kirika tat der Inspektor leid. Der Schmerz, einen geliebten Menschen verloren zu haben, die Angst, einen geliebten Menschen verlieren zu können... Bis vor Kurzem hatte sie selbst nicht gewusst, was solche Angst bedeuten konnte. Nun wusste sie es. Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken zu Mireille. Wie würde sie sich verhalten, wenn sie Mireille verlieren würde? Was würde sie tun? Kirika ballte die Faust und zwang sich, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Was nützte es, sich im Moment Sorgen zu machen? Sie musste sich auf den Augenblick konzentrieren! Erneut beobachtete sie die Umgebung. Sie hatten jetzt beinahe das Schulgebäude erreicht und die Lage konnte jederzeit brenzlig werden. Zwar boten die vielen Schülerinnen, die ihnen entgegen kamen, einigermaßen Deckung, doch... Plötzlich sah sie aus den Augenwinkeln heraus eine verdächtige Bewegung auf der anderen Straßenseite: Ein Mann stand von einer Bank auf und schlenderte davon. Warum stand ein Mann von einer Bushaltestelle auf, ohne das ein Bus zu sehen war oder das er sichtlich auf jemanden gewartet hätte? Doch der Mann ging in die entgegengesetzte Richtung davon und Kirika atmete auf. Wenn er nicht auf sie zu ging, würde er es nicht hier in der Menge versuchen. Schnell prägte sie sich das Erscheinungsbild des Mannes ein: Hoch gewachsen, kurzes blondes Haar, eine Weste. Mehr konnte sie in der Schnelle nicht erkennen. Rhodes schien ihre Erleichterung zu bemerken und sah sie fragend an. Kirika schüttelte den Kopf. „Es ist nichts..." Es war sicherlich klüger, Rhodes im Moment nicht noch weiter zu verunsichern.
Mireille saß im Wagen und sah auf die Uhr. In diesem Moment würde ein Schwall von Mädchen aus der Schule stürmen und die Mittagspause genießen wollen. Ob Kirika und Rhodes schon unter Beobachtung standen? An der Schule würde man ihnen voraussichtlich nicht auflauern, zumindest nicht mit tödlichen Absichten und nicht dem Inspektor. Vielleicht würde seine Tochter dort sterben, aber Kirika und Raphael würden sicher nicht getötet werden. Anscheinend wollte der Auftraggeber Rhodes leiden sehen, daher war sein Leben augenscheinlich noch nicht in akuter Gefahr. Die Korsin betrachtete aufmerksam die Straße vor sich, behielt alles im Auge. Warum waren Raphael und Kirika noch nicht zurück? Es konnte doch nicht so lange dauern, Rhodes Tochter zu finden...
„Papa? Was machst du denn hier?" Sowohl Inspektor Rhodes als auch Kirika schnellten herum und standen einem etwa sechzehnjährigen, zierlichen Mädchen gegenüber, deren schulterlanges rotes Haar gewellt ein feines Gesicht umrahmte. „Julia! Gott sei Dank!" Kirika hörte die Erleichterung in Rhodes wackliger Stimme. Die Aufregung musste ihn tatsächlich mitnehmen. „Julia, wir müssen hier weg. Keine Zeit für Erklärungen, verstanden?" Die Erregung und Sorge in Rhodes Stimme schien auch seiner Tochter nicht zu entgehen, die verwirrt den Kopf schieflegte. „Wir?" Ihr Blick legte sich auf Kirika. „Gehört sie etwa zu dir? Und überhaupt: Ich wollte gerade mit zwei Freundinnen in die Stadt gehen!" Rhodes überhörte das letztere, nickte abwesend und ergriff ihre Hand, fordernd. „Bitte, Julia. Ich stell euch später vor!" Damit zog er das Mädchen die Straße entlang. Kirika folgte den Beiden. Julias beide Freundinnen reagierten auf das plötzliche Auftauchen des Vaters von Julia und auf sein komisches Verhalten nur mit Kopfschütteln und steckten tuschelnd die Köpfe zusammen.
Raikov ließ sich in sein CLK fallen und klappte die Tür zu und dachte kurz nach. Es war nicht gut gewesen, gleich bemerkt worden zu sein. Er hatte den Blick der anderen Killerin förmlich gespürt. Unruhig nahm er seine Aktentasche vom Beifahrersitz und holte seinen PDA hervor. Das Symbol für eingegangene Nachrichten blinkte auf dem kleinen Schirm. Raikov ließ den Touchpen hervorkommen, ergriff ihn und klickte auf das Brieficon. Ein Menü öffnete sich. „Ja, ich will die Nachricht lesen..." Genervt klickte Raikov auf das Symbol, bis der Text geladen hatte.
„Tod von Claire Rhodes wurde vermeldet. Töten sie nun die Tochter. Sie haben weitere 48 Stunden, bis ihr Ultimatum abläuft. (Octavian)"
Nachdem der Killer die kurze Nachricht gelesen hatte, klickte er auf „Antworten". Dann schrieb er:
„Tochter bei Verlassen der Schule lokalisiert. Rhodes in Begleitung einer Killerin hat interveniert. Erbitten weiterer Informationen über mögliche Person. Hinweise: Asiatische Herkunft, wahrscheinlich Japanisch; schwarzes Haar, klein und zierlich; Profi. Hänge mich an Tochter und Rhodes. (Mark Anton)"
Die Vorliebe für altlateinische Namen war unverkennbar bei seinem Auftraggeber. Verschmitzt lächelte Raikov. Das war wohl auch nötig, wenn man antike Gladiatorenspiele aufleben ließ...
Julia saß neben ihrem Vater auf dem Rücksitz des Hondas, als dieser Paris in Richtung Normandie auf einer Autobahn verließ und mit Höchsttempo über den Asphalt donnerte. Das Mädchen war aschfahl und Spuren getrockneter Tränen waren auf ihren Wangen zu erkennen. Kirika beobachtete die Rothaarige im Rückspiegel. Dann griff sie ins Handschuhfach und holte eine Packung Taschentücher hervor und reichte sie nach hinten. Das französische Mädchen ergriff sie dankend und zupfte ein Papiertaschentuch heraus, um sich die halb getrockneten Tränen vom Gesicht zu wischen. Schließlich wandte sie sich mit belegter Stimme an ihren Vater und die beiden Frauen: „Mama ist also wirklich tot?" Rhodes nickte ruckartig. Julia drehte den Kopf beiseite und blickte aus dem Wagen auf die Landschaft, die neben ihnen vorbeizog. Nach längerer Ruhepause ergriff Mireille das Wort: „Monsieur Rhodes, ich habe uns möglichst schnell aus Paris weggebracht, aber wir sollten bald beraten, wie wir nun vorzugehen gedenken. Und ihre Tochter," dabei bedachte die Korsin mit einem kurzen Blick die Tochter, die sie nun aufmerksam ansah, „ihre Tochter, Raphael, verdient ein bißchen Aufklärung. Sie im Dunkeln zu lassen, wäre nicht Recht." Der schwarzhaarige Mann nickte wieder kurz. „Fahren sie einfach die nächste Raststätte an. Mit etwas im Magen kann man so etwas leichter bereden." Ernst sah er aus dem Fenster. Seine Hand suchte die Hand seiner Tochter, fand sie jedoch nicht und so zog er sie wieder zurück. Dies blieb nicht unbemerkt und Kirika fragte sich, ob Vater und Kind wirklich als solche zu retten waren... Und das nicht nur auf die Frage hin, ob eine von beiden Personen bald sterben würde.
Nach einer kurzen Fahrtstrecke lenkte Mireille den Wagen auf den Parkplatz einer Raststätte und stellte den Wagen im Schatten von Platanen ab. Erschöpft ließ sie sich in ihren Sitz sinken. Während der Fahrt hatte sie die Anspannung gar nicht wahrgenommen, doch nun spürte sie, wie ihre Sinne ihrem Körper die Energie entzogen hatten. Langsam sah sie zu ihrer Freundin hinüber, die im Rückspiegel weiterhin das andere Mädchen betrachtete. So wie die Korsin Kirika einschätzte, würde diese gerade darüber sinnieren, wie es sich anfühlen musste, eine Mutter zu verlieren, eine Mutter, die Kirika nie gehabt hatte. Sanft ergriff sie die Hand der kleineren Frau und drückte sie. Die Japanerin schreckte etwas hoch ob der plötzlichen und unerwarteten Berührung, lächelte jedoch sofort, als ihr Blick auf Mireilles Hand fiel.
Rhodes sah, wie die beiden Killerinnen sich zärtlich berührten. Er lächelte sanft. Seine Einschätzung war also schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen richtig gewesen: Die beiden Frauen liebten sich innig. Rhodes war aufgeschlossen genug, nichts Anstößiges an einer Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu finden, wunderte sich jedoch, dass er sich ein bißchen für die Beiden freuen konnte. Immerhin waren beide Frauen gesuchte Mörderinnen, die ihr Leben durch den Tod anderer finanzierten, etwas, was er verabscheute und sogar verachtete. Doch er konnte sich nicht helfen: Die beiden Frauen hatten – trotz ihres furchtbaren Gewerbes – etwas, das er als Anstand oder vielleicht sogar Ehrgefühl bezeichnen würde; Dinge, die er in seinem Leben vermisste. Und ein bißchen beneidete er auch die Liebenden, da er spürte, dass ihm eine solche Zuneigung bisher vergönnt gewesen war. Ja, am Anfang seiner Beziehung zu Claire war er glücklich gewesen, hatte sich zusammen mit seiner Frau über die gemeinsame Tochter gefreut. Doch schon vor der Trennung vor drei Jahren war das Familienleben immer mehr zusammengebrochen und er hatte nicht nur nach der Scheidung seine Tochter immer weiter verloren. Hatte er überhaupt noch eine Chance bei dem inzwischen fast erwachsenen Mädchen? Sein Blick glitt hinüber zu Julia, die inzwischen eingeschlafen war. Sie ahnte noch nichts von der wahren Identität ihrer beiden Lebensretterinnen. War es klug, ihr die ganze Wahrheit zu erzählen, so wie sich Mireille das vorstellte? Konnte man einem Kind so viel zumuten? Er legte seine Hand auf Julias Kopf und streichelte sie sanft. Ein Lächeln, nur winzig und wie ein Hauch, legte sich über das Gesicht der Schlafenden. Doch die Zeit drängte, und Rhodes war darauf bedacht, seine Tochter in Sicherheit zu wissen, bevor die Zeit zum Nachdenken gekommen war. Er räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der beiden Frauen auf sich zu ziehen, die sich ihm auch sofort zuwandten.
„Wir sollten etwas essen, beraten und dann weiterfahren. Wir müssen unsere etwaigen Verfolger abhängen, oder?" Der Vorschlag Rhodes' gefiel Mireille. Ihr Magen knurrte. Seit gestern Abend hatte sie nichts mehr gegessen. Heute morgen waren sie mit dem Flugzeug in Paris gelandet und hatten sich sofort zum Büro des Inspektors aufgemacht, um ihn zu warnen. Für Essen war da keine Zeit geblieben. Die Korsin nickte zustimmend. „Einverstanden. Und, solange ihre Tochter noch schläft: Was darf sie wissen? Sie sind der Vater und ich möchte mich nicht in Erziehungsangelegenheiten einmischen, von denen ich nur wenig verstehe..." Der Mann nickte dankbar. „Ja, ich habe mir auch schon über das Problem meine Gedanken gemacht. Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht!" Er legte eine kleine Pause ein, fuhr dann jedoch fort: „Warten wir ab. Vielleicht haben sie ja wirklich Recht, und es wird Zeit, dass Julia erwachsen wird..."
