Disclaimer: Siehe Prolog
Kapitel 5: Caritas
Es ging bereits gegen Abend und die Sonne stand schon tief, als die beiden Killerinnen in Begleitung von Inspektor Rhodes und seiner Tochter Julia die fast leere Gaststube der Autobahnraststätte betraten. Sie befanden sich in einem schlecht ausgeleuchteten Raum mit wenigen Holztischen und Stühlen, deren Bezug farblich ausgebleicht war. Der Geruch von Kaffee und Zigarettenrauch hing in der Luft und nahm einem beinahe den Atem. Julia verzog angewidert das Gesicht, während die Erwachsenen einen Tisch in der hintersten und dunkelsten Ecke der Gaststube aussuchten und auf ihn zusteuerten. Das Mädchen folgte ihnen unwillig.
Es dauerte nicht allzu lange, bis die Bedienung kam, eine Frau um die 40, offensichtlich ausländischer Herkunft. Mit gebrochenem Französisch nahm sie die Bestellungen auf. Dann verschwand die Frau in der Küche. Schweigen lag über dem Tisch, keiner unternahm den ersten Schritt. Schließlich zündete sich Rhodes eine Zigarette an. „Papa, seid wann rauchst du denn?" Rhodes zögerte und ließ die Zigarette in den Aschenbecher vor ihm fallen. „Seid der Scheidung von deiner Mutter. Tut mir Leid, ich wusste nicht, dass es dich so stören würde." Er drückte die Zigarette endgültig aus. Erneut schwiegen sich die vier Personen an, hingen ihren Gedanken nach. Letztlich brach dann Rhodes' Tochter das Schweigen. „Ich möchte die Wahrheit wissen. Und sei so lieb, Papa, erzähl einmal in deinem Leben keine Lügen." Rhodes blickte auf und sah seiner Tochter in die Augen, als ob er sie prüfen wolle, ob das junge Mädchen schon bereit war, eine solche Bürde auf sich zu nehmen. Das Mädchen hielt dem Blick eisern stand und ein Funken Trotz war in seinen Augen zu erkennen. Rhodes gab seine Zweifel auf und räusperte, nahm Anlauf, wusste nicht weiter und wandte sich Hilfe suchend an Mireille. Die Korsin schüttelte den Kopf. „Nein, Raphael. Bei allem Respekt, aber sie sind der Vater und sie schulden ihrer Tochter die Antwort. Flüchten sie nicht vor der Verantwortung..." Der Schwarzhaarige nickte schuldbewusst und strich sich nachdenklich übers Kinn. Seine Tochter sah ihn immer noch aufmerksam an. „Wie du sicher weißt, Julia, bin ich vor drei Jahren befördert worden, oder?" Das Mädchen nickte. „Natürlich. Und dein Beruf war dir wichtiger als Mama oder ich! Du hast uns eingetauscht gegen deine Karriere." Rhodes lächelte gezwungen. „Ja, vielleicht habe ich das. Ich glaubte nicht, dass es der Beziehung schaden würde. Um ehrlich zu sein, war ich feige genug, zu glauben, dass meine Flucht in den Job die Probleme meiner Beziehung zu deiner Mutter vergessen machen würden. Wir waren vorher schon nicht mehr das glücklichste Paar. Vielleicht habe ich wirklich die falsche Entscheidung getroffen und ich bereue zutiefst – gerade im Hinblick darauf, dass Claire meinetwegen starb – dass ich euch allein ließ." Julia sah ihn unnachgiebig und mitleidslos an. „Erzähl weiter, Papa." Ihr Vater nickte und fuhr fort: „Was du nicht weißt, sind die Umstände meiner Beförderung. Du hast vielleicht mitbekommen, dass ich einen Studienfreund hatte: Jean Marceau. Er war sozial höher gestellt als ich, erfolgreich, mit viel Einfluss. Ihm verdankte ich meine Stellung, ich bewunderte ihn. Als seine Eltern ermordet wurden, bekam ich den Fall zugeteilt und ich verfolgte die Mörder mit Jeans Hinweisen bis nach Deutschland." Rhodes legte eine Pause ein und es war ihm anzusehen, dass er nicht weiter wusste. Wie sollte man auch es so vorsichtig wie möglich formulieren, dass er mit zwei Auftragsmörderinnen kollaboriert und ihnen schließlich sogar die Flucht ermöglicht hatte? Mireille sah in ernst an und nickte dann. „Okay, Raphael, ich werde das hier etwas abkürzen: Diese beiden Killerinnen waren wir." Dabei wies Mireille auch Kirika und sich. Sie war sich der Tragweite dieser Entscheidung bewusst: Nun wusste ein Mensch mehr von ihrer wahren Identität, dazu noch ein halbes Kind, dass sich so leicht im Freundeskreis verplappern konnte. Doch Kirika und sie hatten beschlossen, Rhodes, den sie als eine Art Alliierten ansahen, zu helfen, die Schulden auszugleichen. Dazu gehörte auch, dass sie seine Tochter vor dem Schicksal seiner Frau bewahrten. Mireille sah, wie sich die Augen der Tochter kurz weiteten, dann jedoch wieder auf ein normales Niveau zurück glitten. Mit ruhiger Stimme hakte das Mädchen nach, ihr Gesicht unbewegt, beinahe emotionslos und Mireille hatte Respekt vor Julia, die sie eben noch als Kind eingeschätzt hatte. „Warum, mit Verlaub, laufen sie dann noch frei herum? Mein Vater arbeitet bei Interpol und er ist sicher nicht dafür befördert worden, zwei Gesuchten freies Geleit zu geben." Mireille lächelte. „Julia, ich kann verstehen, wenn du mich und Kirika dafür verachtest, wenn du es als unethisch ansiehst, womit wir unser Geld verdienen. Ich kann dir nur zwei Dinge garantieren: Erstens, dass wir unsere Gründe hatten, die uns gezwungen haben, diesen Beruf zu wählen, Gründe die ich mit niemandem außer Kirika geteilt habe und über die du bitte auch keine Fragen stellst. Zweitens, dass Jean Marceau es verdient hatte. Er war ein Schwein. Ja, wir töten für Geld und mögen in deinen Augen nicht besser sein als jeder andere Verbrecher. Aber wir töten Menschen, die es verdient haben, wir liquidieren diejenigen, die arme, unschuldige Menschen quälen und ausnützen. Wir nehmen nur Aufträge an, die den Abschaum der Gesellschaft zum Ziel haben. Das ist keine Rechtfertigung, sondern nur eine Erklärung, warum dein Vater uns geholfen hat, zu entkommen. Wir haben ihm Informationen zugespielt, die es ihm ermöglicht haben, Jean Marceau dingfest zu machen, Informationen über seine dreckigen Nebengeschäfte, die ich hier nicht weiter ausführen möchte. Kennst du den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik?" Das Mädchen nickte. „Ein Gesinnungsethiker wird nach seinem Gewissen handeln, auch wenn er weiß, dass vielleicht durch sein Handeln mehr Menschen zu Schaden kommen. Ein Verantwortungsethiker bezieht mögliche Konsequenzen für die Allgemeinheit in sein Handeln mit ein, macht sie zu seiner Maxime." Mireille lächelte wohlwollend. „Ja, das stimmt. Was ich dir damit sagen will, ist..." Das Mädchen fiel ihr ins Wort. „Ich habe das bereits verstanden, was sie mir sagen wollten, Frau..." – „Bouquet." Julia sah die blonde Korsin lange und durchdringend an. „Frau Bouquet, ich wäre Gesinnungsethiker gewesen." Mireille lächelte die rothaarige Person, die ihr gegenüber saß, an und blieb still, da gerade die Bedienung kam und das Essen brachte. Nachdem die Fremde wieder gegangen war, sprach Mireille weiter. „Ja, und ich habe vollstest Verständnis dafür. Nimm mir das nicht übel, aber alle jungen Menschen denken anfangs so. Doch das Leben zwingt dich dazu, Entscheidungen zu fällen, die jenseits von Gut oder Böse liegen." Julia nickte und stocherte in ihrem Essen herum. Dann blickte sie wieder auf. „Was passierte danach? Warum sind sie hier?" Mireilles Lächeln wich etwas aus ihrem Gesicht. „Deinem Vater verdanke ich die schönsten drei Jahre meines Lebens. Kirika und ich, wir tauchten nach dem Vorfall unter. Doch natürlich hielten wir uns per Internet auf dem Laufenden, was die aktuellen Geschehnisse anging – auch in unserem Métier. Per Zufall stieß ich im Internet auf eine Quelle, aus der zu erkennen war, dass – aus Rache für Marceaus Haft und späteren Tod – jemand plante, Rache an der Familie des Beamten zu nehmen, der für Marceaus Inhaftierung verantwortlich war. Dein Vater hatte uns sehr geholfen und wir waren bereit, das Risiko einer Entdeckung auf uns zu nehmen, um ihm, deiner Mutter und dir zu helfen, euch zu warnen. Doch wir kamen zu spät. Deine Mutter war bereits Tod, als ich deinen Vater erreichte." Julia sah die Korsin nachdenklich an, den Kopf leicht schiefgelegt. „Gaunerehre also?" Sie lächelte leicht. Die blonde Frau erwiderte es. „Ich... danke dafür, Frau Bouquet. Ich verdanke ihnen wohl mein Leben. Und ich möchte ihnen auch dafür danken, dass sie es versuchten, meine Mutter zu retten." Das Mädchen verstummte kurz. Dann: „Glauben sie, wir haben es geschafft?" Mireille schüttelte den Kopf. „Nein. Aber wir werden das Unsrige tun, dafür zu sorgen, dass ihr beide in Sicherheit kommt."
Anmerkung:Caritas kann im Lateinischen sowohl Sorge als auch Liebe bedeuten, wobei dies nicht im sexuellen Sinne zu verstehen ist. Die geschlechtliche Liebe wird im Lateinischen als Armor bezeichnet und hebt sich streng von der Caritas ab. Caritas wäre also zum Beispiel auf die Liebe von Eltern zu ihrem Kind zu beziehen.
