Disclaimer: Siehe Prolog


Kapitel 6: Exilium

„Klärt das deine Fragen, Julia?" Mireille sah das Mädchen an und wartete auf eine Antwort. Nur kurz nickte das Mädchen, dem das Gehörte sichtlich Gedanken bereitete. Die Korsin wandte sich nun Rhodes zu, der sie dankbar ansah und ihr zuflüsterte: „Danke. Ich hätte das nicht so gut gekonnt, Mireille." Die blonde Frau lächelte ob des Kompliments. „Keine Ursache, Raphael. Doch nun...", ihr Ton wurde geschäftsmäßig, „sollten wir uns dem Pläneschmieden zuwenden. Haben sie einen Ort, an dem wir untertauchen können und der über Recherchemöglichkeiten, sprich: Internet, verfügt?" Rhodes dachte einen Moment lang nach. „Ich... ich habe ein Ferienhaus in der Bretagne. Aber wer mich umbringen wollte, weiß das sicher." Mireille nickte zustimmend. „Ja, da haben sie Recht. Mit der Normandie verbindet sie zufällig nichts Bestimmtes?" Rhodes verneinte durch ein Kopfschütteln und Mireille fuhr fort. „Dann sollten wir unseren Weg einfach weiterverfolgen und uns dort ein Hotel nehmen. Ich werde mit meiner Karte zahlen, da man ihre bestimmt längst überwachen lässt." Rhodes nickte bewundernd. „Woher nehmen sie immer so schnell ihre Ideen?" Die Killerin grinste. „Das gehört zum Job, wissen sie? Nun, wie dem auch sei: Wir geben uns dort als Ehepaar aus, Julia und Kirika sind unsere Kinder. Dem Alter nach kann es zwar mit Kirika ein paar Probleme geben, aber es wird schon niemand so genau nachfragen." Rhodes schien jedoch noch nicht so richtig überzeugt zu sein; sein Gesichtsausdruck zeigte deutliche Zweifel. „Aber wenn jemand Ausweise kontrolliert?" Mireilles Grinsen wurde noch breiter. „Rhodes, was haben sie gerade gehört? Schnelle Ideen gehören wie eine gute Planung zu diesem Job... Ich dachte mir schon, dass wir eventuell untertauchen würden müssen. Gefälschte Papiere sind das Einmaleins eines jeden Menschen mit meinem Beruf." Nun lachte auch Rhodes. „Mireille, sie gefallen mir mehr und mehr. Sie hätten zur Polizei gehen sollen. Wir hätten sie brauchen können."

Das Radio begleitete Mireille während der langen Autofahrt. Sie war nun schon seit heute Morgen auf den Beinen und es ging langsam auf Mitternacht zu. Ein Blick ins Auto zeigte ihr drei schlafende Menschen: Kirika hatte sich – nun auf der Rückbank befindlich – in eine Ecke gekuschelt und schlief ruhig. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Anscheinend träumte sie, denn hin und wieder murmelte sie etwas vor sich hin. Rhodes saß auf dem Beifahrersitz und schlief ebenfalls. Seine rothaarige Tochter hatte sich in die andere Ecke der Rückbank gelegt und hatte die Augen geschlossen. Mireille konzentrierte sich wieder auf die Straße vor ihr. Nur noch wenige Autos waren unterwegs. Hin und wieder überholte sie einen Wagen. Wenn sie das Tempo halten konnten, würden sie bald ihr Ziel erreichen. Die Korsin freute sich schon auf die Normandie. Es war lange her gewesen, dass sie die raue Atlantikküste gesehen hatte. Hoffentlich war die Natur dort immer noch so schön. Sie gähnte. „Frau Bouquet?" Julias Stimme schreckte Mireille auf, ihr Puls ging für einen Moment schneller. „Gott, hast du mich erschreckt, Julia..." Das Mädchen kicherte. „Tut mir Leid, Frau Bouquet. Ich wollte sie nicht erschrecken. Darf ich ihnen ein paar Fragen stellen?" Mireille lächelte das verschlafene Mädchen durch den Rückspiegel an, ungewiss, ob das Mädchen das Lächeln sehen konnte. „Frag einfach. Ich kann mir ja aussuchen, ob ich auf die Frage antworte oder nicht." Julia nickte. „Danke, Frau Bouquet." Mireille fiel ein: „Julia, kannst du mir einen Gefallen tun? Nenn mich bitte auch Mireille, ja?" Das Mädchen grinste. „Einverstanden, Mireille. Darf ich dich auch duzen?" Die Korsin nickte. Es war angenehm, jemanden zu haben, der einen auf so einer langen Fahrt wach hielt. „Was ich wissen wollte, Mireille: Kennt ihr euch schon lange, du und Kirika?" Es dauerte etwas, bis Mireille nachgerechnet hatte, wie lange sie Kirika schon kannte und sie war überrascht, wie lange das schon her war, seit sie ihre liebgewonnene Freundin auf dieser Baustelle getroffen hatte. „Nun, ungefähr sechs Jahre. Wir kennen uns schon wirklich lange, denke ich. Es ist das erste Mal, dass ich eine so enge Bindung zu einem Menschen aufgebaut habe, seit ich denken kann."

Julia sah die blonde Frau vor sich an. Sie war attraktiv, keine Frage. Desweiteren war es irgendwie aufregend, mit einer Killerin zu sprechen. Anders, als sie es sich jemals hätte ausmalen können. Und diese Mireille, sie schien viel menschlicher als viele andere Menschen, die sie aus ihrem Alltagsleben kannte. Ein bißchen erinnerte sie an ihre Mutter. Vielleicht hatte ihr Vater auch deswegen dem Duo die Flucht ermöglicht. „Darf... darf ich erfahren..." Julia setzte ab. Die blonde Frau sah sie durch den Spiegel an. „Du willst wissen, warum ich mich für diese... nennen wir es mal ungewöhnliche Branche entschieden habe?" Das Mädchen nickte, aufgeregt. „Aber nur, wenn du willst, Mireille." Die Korsin nickte. „Lass mir einen Moment Bedenkzeit, Julia. Versteh mich nicht falsch, ich mag dich. Um ehrlich zu sein, habe ich dich falsch eingeschätzt. Ich dachte nicht, dass du die Wahrheit so gut verkraften würdest. Ich habe dich für schwächer gehalten, für weniger reif, als du wirklich bist. Doch ich weiß nicht, ob ich einem Menschen, den ich kaum kennengelernt habe und der irgendwann wieder einem normalen, bürgerlichen Leben nachgehen wird, mein Herz ausschütten will. Das sind sehr... intime Gründe. Und wie ich dir sagte: Nur Kirika kennt die wahren Gründe." Julia war es peinlich, so tief gebohrt zu haben. „Mireille... ich wollte nicht..." – „Schon gut, Julia. Du bist neugierig, und ich freue mich auch irgendwo, dass du mich nicht nur verachtest für das, was ich tue." Das Mädchen spürte, wie ein langer, prüfender Blick auf ihr ruhte, als die ältere Frau sie taxierte. Die Killerin hatte Recht: Sie verachtete sie nicht. Es war Julia selbst unbegreiflich, dass sie mit der Tatsache, dass sie mit einer Frau sprach, die andere Menschen ohne Gewissen liquidieren konnte, so gut zu Rande kam. Doch sie glaubte der Frau; sie glaubte, dass Mireille nur schlechte Menschen tötete. Und immerhin hatten die beiden Frauen ihr Leben gerettet und ihrem Vater geholfen, der eine gute Menschenkenntnis besaß. „Nein, ich verachte dich nicht, Mireille. Ich könnte das nicht, was du tust. Ich habe auch wenig Verständnis dafür. Aber gerade deshalb möchte ich wissen, wer du wirklich bist." Die Korsin lachte leise. „Das klingt beinahe so, als ob du mich anmachen wolltest." Julia lachte nun ebenfalls, und setzte dann schelmisch hinzu: „Und wenn es so wäre?" Mireilles Lachen erstarb. „Julia, ich hoffe, das war ein Scherz. Ich... kann doch keine Beziehung mit dir eingehen!" Das Mädchen spürte, dass die blonde Killerin den Scherz nicht als solchen erkannt hatte und biss sich auf die Lippen. Immer diese vorlauten Sprüche! Schnell versuchte sie, den Fehler auszubügeln: „Nein, nein, es war ein Scherz, wirklich! Verzeih mir, ja? Aber ja, ich würde dich gerne näher kennenlernen. Du hast mein Leben gerettet. Ist es zuviel verlangt, die Frau kennen lernen zu wollen, die mir das Leben gerettet hat?" Die Züge der Korsin entspannten sich wieder. „Julia, ich fühle mich ja ein bißchen geschmeichelt, aber lass mir Zeit, okay? Selbst eine Freundschaft erfordert Vertrauen. Und vertrauen fällt mir schwer. Verstehst du?"

Julia spürte, dass das Gespräch vorbei war. Mireille konzentrierte sich wieder auf die Fahrt und lächelte auch nicht mehr so freundlich durch den Rückspiegel. ‚Mist, verdammter!' Mit einer ärgerlichen Handbewegung wischte sich das junge Mädchen eine Strähne aus dem Gesicht und legte sich dann auf die Seite. Etwas Schlaf würde ihr gut tun. Und vielleicht konnte sie die blonde Frau mit etwas Arbeit weich kochen. Ihr war zwar bewusst, dass es schwierig war, das Vertrauen und die Freundschaft Mireilles zu gewinnen, doch ein seltsam unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass sie ihr vertrauen konnte. Vielleicht, weil Mireille sie an ihre Mutter erinnerte...

Die Korsin sah wieder stur auf die Straße. Hinter ihr hörte sie nun auch den ruhigen, leisen Atem Julias. Sie schlief also auch. Was hatte sich das Mädchen denn gedacht? Dass sie ihr einfach so ihr Herz ausschütten würde? Dass sie sofort jubelnd Freundschaft schließen würden? Das war doch naiv! Und dieser Scherz mit der Anmache... Das Mädchen war kaum mit der Pubertät fertig und machte schon Witze über Sachen, von denen sie keine Ahnung hatte, keine! Mireille war wütend. Doch wenn sie ehrlich war, eher wütend mit sich selbst. Julia war noch ein Kind und hatte nur einen Scherz gemacht! Es war überzogen, gleich so sauer zu sein. Und es zeugte doch eher von Verständnis, Toleranz und Vertrauensbereitschaft, mit ihr, einer Killerin!, eine Freundschaft zu wollen. Aber war das Kind wirklich schon bereit, die schwere Bürde einer Mitwisserschaft zu tragen? Und der Altersunterschied... Mireille wischte sich übers Gesicht. Sie war müde, und es war sicher besser, erst einmal zu schlafen und sich morgen darüber den Kopf zu zerbrechen.

Langsam kamen sie auch ihrem Ziel näher und die Korsin verließ die Autobahn und wechselte auf Landstraßen. Bis zum Morgen würde sie ein abgeschiedenes Dorf gefunden haben, da war sie sich sicher...

Raikov saß in seinem Wagen und jagte den CLK die Straßen entlang Richtung Bretagne. Es war zwar unwahrscheinlich, dass Rhodes so dumm war, in sein Ferienhaus zu fahren, doch bevor er nicht von Octavian andere Informationen erhielt, war dies sein einziger Hinweis. Und er konnte es sich nicht leisten, diesen Hinweis zu verwerfen!


Anmerkung: Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich die Geschichte nur langsam entwickle und das sogar Abgründe schneller in Gang gekommen ist. Jedoch glaube ich, dass es dem Tiefgang der Geschichte nicht schaden wird und das ich so den Charakteren gerechter werden kann. Ich hoff einfach mal, dass ich mit dieser Position nicht allein da stehe.