Disclaimer: Siehe Prolog


Kapitel 7: Amor Inter Pares

Mireille erwachte am späten Nachmittag durch das Klopfen an der Tür ihres Hotelzimmers, dass sie mit Rhodes teilte. Sie hatten in aller Frühe heute morgen ein Dorf an der Atlantikküste erreicht und sich dort zwei Zimmer genommen. Um den Anschein einer Familie, die Urlaub macht, zu wahren, hatte sie darauf bestanden, mit Rhodes in ein Zimmer zu gehen. Kirika hatte es mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck zur Kenntnis genommen und Mireille war sich nicht sicher, ob ihre Partnerin nicht ernstlich verstimmt war. Noch etwas verschlafen erhob sie sich. „Wer ist da?" Die vertraute Stimme von Rhodes antwortete ihr. „Ich bins. Ich dachte nur, dass sie vielleicht zu Kaffee und Kuchen kommen wollten..." Mireille lachte. Rhodes war doch durch und durch Gentleman. Schauspieler war er jedenfalls nicht. Sie öffnete die Tür und sah den schwarzhaarigen Mann lächelnd an. Sanft strich sie ihm über die vernarbte Wange und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihr Gesicht dem seinigen zu nähern. Der verdutzte Gesichtsausdruck Rhodes' brachte sie erneut zum Kichern. „Raphael," flüsterte ihm die Korsin ins Ohr, „wenn wir den Anschein eines Paares erwecken wollen, darfst du mich nicht in aller Öffentlichkeit siezen..." Rhodes errötete und lächelte schwach. „Ich wollte ihnen... dir nicht zu Nahe treten..." Mireille nahm die Hand von seiner Wange und ging zurück ins Zimmer. „Raphael, ich sage dir schon, wann du mir zu Nahe trittst, glaub mir. Außerdem: Wir nennen uns schon beim Vornamen, wir haben uns gegenseitig schon einmal das Leben gerettet... Da können wir uns auch duzen, oder? Ich mach nur schnell frisch, dann komm ich. Die... Kinder," sie grinste, „können sich ja schon mal was bestellen, ja?" Rhodes lachte und nickte. Dann schloss er die Tür hinter sich und ging wieder nach unten.

Kirika und Julia saßen in einer Art Biergarten auf der Hotelterrasse und sahen aufs Meer hinaus. Beide hatten einen Eiskaffee und einen Teller mit Käsekuchen vor sich stehen und nahmen hin und wieder einen Bissen. Die Japanerin spürte, wie sie von dem anderen Mädchen ausgiebig beobachtet wurde und errötete. „Was... was ist?", fragte sie die Rothaarige, die nun ebenfalls rot wurde und zur Seite blickte. Glücklicherweise kamen Rhodes und kurz danach auch Mireille an den Tisch und nahmen dem Moment etwas die Peinlichkeit. Auch die beiden Älteren orderten Kaffee und Kuchen und ließen sich dann in ihren Stühlen zurück fallen. Mireille hatte ein glückliches Händchen bewiesen: Das Hotel war klein, wirkte jedoch apart und die Besitzer hatten erstaunlich guten Geschmack bei der Einrichtung des Gebäudes bewiesen. Alles unterstrich den Charakter des Alten und es wirkte beinahe so, als ob an diesem Ort die Zeit stehen geblieben wäre. Nur die Tatsache, dass Mireilles Laptop Wlan-Anschluss hatte, zeugte davon, dass sie sich nicht in der Zeit um 1900 in diesem Dorf befanden, sondern im Hier und Jetzt. Die Korsin war schon eifrig am Recherchieren und Rhodes blickte ihr dabei über die Schultern. Kirika betrachtete die Beiden und Eifersucht entflammte in ihr. Sie war sich zwar sicher, dass Mireille nicht mit Rhodes schlafen würde, doch allein die Tatsache, dass er mit ihr die Nacht verbringen durfte, war Grund genug. Die eifersüchtigen Blicke entgingen auch nicht Rhodes' Tochter Julia, die kicherte und, nachdem sie aufgegessen hatte, aufstand und sich für einen Spaziergang am Strand entlang verabschiedete. Gerade, als sie sich zum Gehen wandte, winkte sie Kirika mit sich, die sich rasch dafür entschied, mitzugehen, um nicht länger Rhodes und Mireille zusehen zu müssen.

Mireille hatte zuerst damit begonnen, Rhodes genauer darüber aufzuklären, worin ihre Informationen genau bestanden hatten, um dann den Kreis an Zielpersonen einzuschränken. „Weißt du, Raphael, Marceau hat wirklich viel Geld in der kurzen Zeit seiner Haft an eine Person aus seinem Bekanntenkreis überwiesen. Soviel habe ich bereits herausfinden können, bevor ich dich gewarnt habe. An wen jedoch und wofür das Geld bestimmt war, kann ich nicht sagen – noch! Aber sobald wir die Person haben, werden wir weitere Recherchen unternehmen können." Rhodes nickte. „Ich habe auch daran gedacht, meine Kontakte bei Interpol zu nutzen, um..." Die Korsin fiel ihm ins Wort: „Nein, das wirst du nicht tun! Diese Leitungen werden, mit Verlaub, sicher kontrolliert! Halte den Kreis an Beteiligten so klein wie möglich! Nimm Urlaub, und begründe es damit, dass du die Zeit mit deiner Tochter verbringen möchtest! Kümmer dich um die Formalitäten und sag bloß niemandem, wo du dich befindest, verstanden?" Rhodes nickte verblüfft. „Okay, ja, du hast sicher Recht. Ich mach mich mal dran, einverstanden?" Mireille nickte. „Ja, mach das. Drinnen hab ich ein Münztelefon gesehen." Der Mann winkte ab. „Ich hab doch ein Handy, wir leben ja nicht auf dem Mond! Ich hab hier sogar Empfang!" Er grinste und ging nach drinnen. Mireille schüttelte den Kopf. Dieser Mann war wirklich zu ehrlich! Sie lachte und machte sich wieder an die Arbeit.

Kirika ging neben Julia und sah sie schweigend von der Seite an. Seit sie das Hotelgelände verlassen und die wenigen hundert Meter zum Strand hinunter gelaufen waren, hatten die beiden Mädchen kein Wort miteinander gewechselt. Nun schlenderten sie den Sandstrand entlang, barfuß, und ließen die Wellen, die den Sand hinauf liefen, ihre Füße umspielen. Schließlich brach die Jüngere der Beiden das Schweigen. „Wie alt bist du eigentlich, Kirika? Du siehst jung aus, fast so jung wie ich." Die Asiatin wusste nicht so recht, was sie antworten sollte. Sie hatte ja nie eine richtige Antwort auf ihre wahre Identität gefunden. „So um die 21...", erwiderte sie schließlich in der Vermutung, es so ziemlich getroffen zu haben. Die Rothaarige schien erstaunt zu sein. „Fünf Jahre älter als ich?!" Der ungläubige Ton in Julias Stimme schien Kirika zu amüsieren, die zu lächeln anfing. „Das hätte ich nie gedacht...," schloss Rhodes' Tochter. Wieder schwiegen sie eine Weile. Die beiden Mädchen hatten nun das Hotel ein ganzes Stückchen hinter sich gelassen. Plötzlich und ohne Grund senkte Julia ihre Stimme auf ein Wispern herab und ergriff Kirikas Hand. „Sag, Kirika... Du und Mireille, ihr... ihr... seid ihr, ich meine... zusammen?" Kirika, die fast so groß war wie Julia, wandte ihren Kopf zur Seite und wurde rot. „Wusste ichs doch!", jubilierte Julia, erschrak jedoch, als das andere Mädchen sich heftig von ihr losriss und weiterlief. Schnell eilte sie ihr hinterher. „Kirika, ich wollte dich nicht verletzen! Es tut mir Leid! So warte doch!" Doch das japanische Mädchen war schon weggerannt. Deprimiert und wütend auf sich selbst blieb Julia stehen. Zornig trat sie in den Sand und stampfte mit dem Fuß auf. ‚Verdammt!' Sie hatte wirklich Angst, es sich mit Kirika verscherzt zu haben. Aber was war daran so schlimm, nachgefragt zu haben, ob die beiden Frauen zusammen waren? Sie arbeiteten als Paar, kannten sich schon lange. Und das, was Mireille von wegen Vertrauen und Nähe gesagt hatte... All das hatte Julia in ihrem Gefühl bestätigt, dass die beiden anderen Frauen sich liebten. Langsam ging sie zurück, in Gedanken versunken.

Kirika war weitergegangen und hatte das Flehen Julias ignoriert. Sie hatte nie eine Freundin gehabt, von Mireille abgesehen, und das war etwas anderes. Sie fühlte sich bedrängt von Julia, die mit ihren Fragen bohrte und Vertrauen beinahe erzwingen wollte. Natürlich wusste Kirika, dass das Mädchen nichts Böses hatte tun wollen und es tat ihr Leid, dass sie Julia verletzt hatte. Doch eine Freundschaft war unmöglich! Wie sollte sie das auch bewerkstelligen, sie als Killerin? Ihr war zwar bewusst, dass Mireille sehr wohl Freunde gehabt hatte und teils auch noch hatte. Bastian war das letzte, wenn auch weniger glorreiche Beispiel gewesen. Doch dieses... Kind war einfach zu... kindlich. Kirika hasste sich dafür, nicht trauern zu können, kein Gewissen zu haben. Sie hatte nur bei einer Toten getrauert. Das war bei Chloes Tod gewesen. Da hatte sie Gefühle empfunden. Sonst kannte sie nur Gefühle für Mireille, die sie so sehr liebte. Kirika war sich sicher, dass sie Julia nicht mit in ihre Welt hinab ziehen wollte.Außerdem war es noch zu früh, überhaupt von Freundschaft reden zu können. Sollte sie es einfach laufen lassen, es verlaufen lassen? Sie sah sich um. Weiter hinten sah sie das rothaarige Mädchen, das langsam in die entgegengesetzte Richtung ging. ‚Verdammt!' Kirika fluchte und rannte dem Mädchen nach. Warum musste sich ihr Gewissen immer zum falschen Zeitpunkt melden?

Julia hörte, wie sie jemand rief, konnte jedoch die Stimme nicht sofort einordnen. Erst, als sie die Schritte hinter sich auf dem Sandboden hörte, drehte sie sich um und sah, wie Kirika auf sie zugerannt kam. Nur wenige Sekunden danach stand das asiatische Mädchen außer Atem neben ihr und schnappte nach Luft. „Es... tut... mir... Leid, Julia...", keuchte Kirika. Julia hätte vor Freude in die Luft springen mögen. Sie kannte die beiden Killerinnen zwar erst seit Kurzem, hatte sie jedoch schon – zu ihrer eigenen Verblüffung – ins Herz geschlossen. Mireille war für sie wie eine ältere Schwester und Kirika wie eine gute Freundin, die man erst noch davon überzeugen musste, dass Freundschaft nichts Gefährliches an sich hatte. Glücklich, dass die Japanerin ihr verziehen hatte, ergriff sie ihre beiden Hände. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten, Kirika, ich..." Kirika nickte. „Ich weiß." Sie zog Julia mit sich, weiter weg vom Wasser und ließ sich in den Sand fallen, lag nun auf dem Rücken, die Sonne im Gesicht, die Augen geschlossen. Langsam beruhigte sich ihr Puls und sie atmete mit voller Kraft die kühle, salzige Seeluft ein. Sie spürte, wie Julia sich neben ihr in den Sand gesetzt hatte und sie betrachtete. Kirika fiel es schwer, einen Eingang in ein Gespräch zu finden, daher entschied sie sich, direkt zu sein. „Julia, ich bin nicht gut mit sowas, mit Menschen umzugehen, meine ich. Ich rede nicht viel und durch meine Freundschaft, sollten wir jemals so weit kommen, gewinnst du nichts. Du kannst nur verlieren..." Kirika hörte, wie Julia auflachte. „Aber Kirika! Es kann schön sein, mit jemandem zu reden. Und wenn du nicht der große Redner bist, macht das doch nichts. Das heißt doch nicht, dass wir nicht Freundinnen sein können!" Die Asiatin lächelte traurig und legte sich beide Arme unter den Kopf. Sie blinzelte und sah, wie Julia sich über sie gebeugt hatte und ihr ins Gesicht sah. „Ich bin eine Killerin. Sowohl für dich als auch für mich..." Kirika verstummte, als sie in die Augen des Mädchens sah. Irgendetwas war dort, etwas, was sie verstummen ließ. Etwas Trauriges. „Das ist mir egal, Kirika. Ich brauche niemanden, der auf mich einredet. Ich brauche jemanden, der mir zuhört. Das mag egoistisch sein, bei jemandem nur meinen seelischen Müll abladen zu wollen, aber... Meine Mutter, Kirika, war der einzige Mensch, dem ich mich hätte anvertrauen können. Aber sie ist gegangen, bevor ich es habe tun können. Meine Freundinnen... ich habe sie gern. Aber sie sind pubertierende Hühner. Sie haben keinen Sinn nach ernsten Gesprächen, sondern wollen Spaß haben. Ich glaube einfach, dass du mich verstehen kannst..." Kirika schloss die Augen. „Julia... ich habe nie jemandem vertraut und ich kann dir nicht garantieren, dass du durch unsere Freundschaft nicht verletzt wirst, wenn ich jemals zu dir ein solches Vertrauen aufgebaut habe. Wenn du das akzeptieren kannst, dann..." Noch bevor sie den Satz beendet hatte, spürte Kirika, wie Julia ihr um den Hals gefallen war. „Danke, Kirika! Danke vielmals!" Ein Lächeln schlich sich auf das Gesicht der Killerin und sanft legte sie einen Arm auf Julias Rücken und drückte sie leicht.

Beim Abendessen fiel Mireille auf, dass Kirika begonnen hatte, mehr zu reden. Um ehrlich zu sein, hatte Kirika in all den Jahren, die sie sich nun kannten, nie so viel geredet wie an diesem Abend. Sie schien sich gut zu verstehen mit Julia und Mireille war leicht eifersüchtig. Doch insgesamt freute sie sich über die Entwicklung. Kirika hatte allem Anschein nach eine Freundin gewonnen und würde vielleicht so lernen, wie sie mit Menschen umzugehen hatte. Und es würde ihr Selbstvertrauen geben. Sie lächelte Kirika an, die breit und ungezwungen die Geste erwiderte; und Mireille wusste, dass Kirika unheimlich glücklich war mit ihr, der Welt und ihrer neu gewonnen Freundin. Nur die Sorgen, die sie ihrer Berufsausübung wegen hatte, ließen sich nicht gänzlich vertreiben. Man würde abwarten müssen, wie sich das Ganze entwickelte... Vielleicht war es auch noch zu früh, von Freundschaft zu reden. Doch Mireille konnte nicht leugnen, dass die beiden Mädchen sich zu einander angezogen fühlten. Vielleicht sahen sie ihre inneren Wünsche im Anderen verwirklicht: Selbstbewußtsein oder eine Familie...

Nachdem sie alle satt waren, präsentierte sie Rhodes und den anderen Beiden ihre Ergebnisse der Tagesrecherche im Internet. Viel hatte sie nicht herausfinden können, doch das Geld, dass Marceau überwiesen hatte, war auf ein Schweizer Nummernkonto gegangen, dass nur unter einem Alias geführt war: Octavian. Wer hinter diesem Codenamen steckte, war allerdings unklar und ihre Fähigkeiten im Codehacken reichten bei Weitem nicht dazu aus, dies herauszufinden. Nachdem sie das festgestellt hatte, war sie, einer zweiten Eingebung folgend, Freunden von Marceau auf der Spur gewesen und hatte versucht, sämtliche Bekannten von Marceau abzuhaken, die Marceau rächen würden. Nur zwei Personen kamen dabei in Frage: Ein anderer Freund aus Studienzeiten und eine Jugendfreundin. Alle Anderen waren verstorben oder hatten weder den Einfluss noch das Motiv, Marceau rächen zu wollen. Rhodes und Kirika nickten anerkennend, nachdem Mireille geschlossen hatte. Julia, die die ganze Zeit still dabei gesessen hatte, gähnte nun ausgiebig und gab bekannt, dass sie vorhabe, früh schlafen zu gehen. Sie verabschiedete sich mit einem Küsschen von Rhodes und Mireille und Raphael folgte ihr. „Ich werde schauen, dass sie gut ins Bett kommt. Ich bin auch müde, kommst du dann bald nach, Schatz?" Die Korsin nickte. Vielleicht war Rhodes doch kein so schlechter Schauspieler. ‚Auf jeden Fall', dachte sie sich, ‚ist er ein Gentleman. Denn er weiß, wann er gehen sollte.' Als sie sicher war, dass niemand mehr in der Nähe war, löschte sie die Kerze, die auf dem Tisch brannte und die einzige Lichtquelle in dieser sternenklaren Nacht darstellte. Es war schon spät und dunkel, doch sie konnte die Umrisse von Kirika entdecken. Sanft erhob sie sich und glitt zu ihr hinüber, hob sie aus dem Stuhl und schloss sie in die Arme. „Ich liebe dich, Kirika. Bleib für immer bei mir, versprich es mir!", flüsterte sie ihrer Partnerin ins Ohr, die sich dankbar an sie drückte. „Ja, ich verspreche es dir." Dann hob sich das Gesicht der kleineren Frau und ihre Lippen legten sich auf die der blonden Korsin. Nach dem kurzen Moment des Kusses lösten sie sich voneinander. „Es freut mich übrigens, dass du eine Freundin gefunden hast, Kirika. Es freut mich wirklich für dich. Julia ist kein schlechtes Mädchen. Trotzdem: Achte darauf, was du ihr erzählst! Nicht, dass sie dich verraten würde. Es ist zu ihrem eigenen Schutz." Mireille sah, wie ihre Partnerin langsam nickte. Dann wünschten sie sich noch eine gute Nacht und gingen dann gemeinsam die Treppe hoch.

Kirika schloss die Zimmertür auf und legte sich so leise wie möglich ins Bett, um Julia nicht zu wecken, die zusammengerollt an die andere Seite des Zimmers sah. „Kirika... Bist du müde oder können wir sprechen?" Die sanfte Stimme war ernst und ruhig. Kirika drehte sich zu dem jüngeren Mädchen um. „Ja, können wir. Du hast schon angedeutet, dass du mit mir über etwas Ernstes reden wolltest..." Ohne sich zu Kirika zu drehen, setzte Julia zum Sprechen an und die Japanerin konnte sich denken, dass es dem jüngeren Mädchen schwer fiel, darüber zu reden. Sie legte ihr die Hand auf die Schulter und legte sich direkt hinter sie. „Es muss dir nicht peinlich sein, Julia. Wie du sagtest: Freundinnen vertrauen sich, oder? Und wir... ich will gern versuchen, dir eine Freundin zu sein." – „Hm, ja. Okay... wo fang ich an? Kirika, lass mich dir eine Frage stellen – und bitte versteh es nicht als Provokation. Ich mein das rein sachlich. Glaubst du, dass es... unnatürlich ist... Frauen zu lieben?" Eine Pause folgte. Schließlich antwortete Kirika mit fester Stimme: „Um ehrlich zu sein, habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht. Mag sein, dass es damit zusammen hängt, dass ich nicht der Gesellschaft integriert bin und es mir insofern egal sein kann. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich komme mir in meinem Verhältnis zu Mireille natürlich vor. Natürlicher, als wenn ich mit einem... Mann... schlafen würde. Natürlichkeit ist keine Frage der Natur, sondern wie offen und ehrlich du mit deiner eigenen Natur umgehst. Für mich, ja, für mich ist es natürlich, Frauen zu lieben. Ich fühle mich einfach geborgener bei Mireille, als ich es je bei einem Mann tun könnte. Zumindest glaube ich das... Ich hab da keine Erfahrungen, aber du könntest es als... Gefühl bezeichnen, das mir das sagt." Kirika spürte, wie Julia sich umdrehte und öffnete die Augen. Direkt ihr gegenüber, etwas wäßrig und trotzdem lächelnd, waren die Augen des Mädchens. „Danke. Ich wusste, dass du mich verstehen würdest... Weißt du, Kirika, ich weiß schon länger, dass ich lesbisch bin. Ich habe, als meine Kameradinnen begonnen haben, von Jungs zu schwärmen, von Mädchen geträumt und zuerst habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Aber es hat nicht aufgehört und ich habe mich öfter dabei ertappt, wie ich an Frauen und nicht an Jungs dachte, wenn ich mit mir allein war. Aber ich habe mich auch einfach nicht getraut, mich jemandem anzuvertrauen. Ich hatte Angst, dass man mich nicht akzeptieren würde. Meine Freundinnen würden mich sicher auslachen oder sich von mir abgestoßen fühlen. Verstehst du?" Kirika nickte. „Daher... daher war ich so froh, dich und Mireille kennengelernt zu haben. Ihr... ihr seid auch wie ich. Ich hab gehofft, mich dir anvertrauen zu können, den ersten Schritt noch auf sicherem Terrain machen zu dürfen. Weißt du, meine Eltern sind zwar tolerant, aber ich weiß nicht, wie sie bei ihrem eigen Fleisch und Blut reagieren würden... Kannst du meine Sorgen verstehen?" Wieder nickte Kirika. „Weißt du, Julia, ich habe diese Sorgen zwar nie direkt gehabt, aber ich kann dich verstehen. Keine Sorge, ich werde es niemandem erzählen, auch nicht deinem Vater oder auch nicht Mireille, wenn du es wünschst. Einverstanden?" Das Mädchen nickte. Dann, wie einer Eingebung folgend, beugte sie sich nach vorne und gab Kirika einen Kuss auf die Wange. „Danke, Kirika." Noch bevor Kirika dazu kam, zu reagieren, hatte sich Julia wieder umgedreht. „Es... es bedeutet mir viel, deine Freundin zu sein, Kirika." Immer noch erstaunt und etwas rot geworden, legte sich Kirika auf den Rücken und starrte die Zimmerdecke an. „Hör mal, Julia... Ich weiß, dass war kein richtiger Kuss. Aber Mireille und ich, wir..." Doch ein tiefes, gleichmäßiges Atmen sagte ihr, dass Julia bereits eingeschlafen war. Und trotz des Zweifels war Kirika froh, vielleicht eine Freundin gefunden zu haben...

Raikov fluchte. Die Nachricht, die auf seinem PDA blinkte, hatte seine anfängliche Vermutung bestätigt: Rhodes war nicht in der Bretagne. Ein zurückverfolgtes Handygespräch war in der Normandie geführt worden. Eilig suchte Raikov einen Platz zum Wenden und beschleunigte den Wagen bis zum Maximum. Er hatte eine ganz schön weite Strecke vor sich...


Anmerkung: So, die Schlinge zieht sich zu . Nachdem die Action eeetwas dürftig gekommen ist in diesem Kapitel, kann ich versichern, dass es in den nächsten Kapiteln besser werden wird ;).
Ich hoffe außerdem, dass die Freundschaft zwischen Kirika und Julia nicht zu weit OoC ist. Aber ich glaube, dass Kirika Vertrauen haben kann, wenn sie eine Person als würdig einschätzt. Sie hat außerdem eh schon viel verraten, indem sie Rhodes hilft. Daher ist dieser Schritt nicht allzu weit. Zudem kennen wir sie aus Episode 06 eh schon gefühlvoll und nicht unbedingt als „eiskalt" (auch wenn sie das ist und es auch bei mir bleiben wird ;)).