Disclaimer: Siehe Prolog


Kapitel 8: Adversarius Ignotus

Raikov war müde, als er das Dorf, das sich Rhodes dem zurückverfolgten Handygespräch zufolge als Schlupfwinkel ausgesucht hatte, erreichte. Der Killer aus Belgrad war die ganze Nacht gefahren und es dämmerte bereits, als er das Ortsschild passierte. Er stellte den Wagen etwas abseits der Hauptstraße in einer Seitengasse ab, um sicher zu sein, dass er vorerst unentdeckt blieb. Dann suchte er in aller Ruhe die Dorfbäckerei auf und bestellte sich ein warmes Croissant mit Marmelade, dazu einen extra-starken schwarzen Kaffee, den er eilig trank und sich nachfüllen ließ. Dadurch gestärkt, verließ er die Bäckerei und ging zurück zu seinem Wagen. Es war um halb Acht, normale Bürger gingen gerade zur Arbeit. Raikov ging jedoch nicht davon aus, dass Rhodes oder seine Tochter schon auf den Beinen waren. Daher hatte er sicher noch etwas Zeit. In seinen Fahrersitz zurückgelehnt, genoss er ein bißchen die Entspannung, ließ die Anstrengung der Nacht von sich abfallen. Schließlich zog er sein Handy aus der Tasche, dass ihm per Post zugeschickt worden war. Bedächtig wählte er die Nummer seines Auftraggebers und legte sich im Kopf bereits die Sätze zurecht. Er hörte, wie nach dreimaligem Klingeln am anderen Ende der Leitung abgenommen wurde. Eine kratzige Stimme war zu hören. „Hier Octavian. Haben Sie sie gefunden?" Raikov bejahte die Frage. „Gut, Viktor. Ich wusste, dass auf sie Verlass sein würde." Der Killer schnaubte verächtlich. Er hatte sich nicht aussuchen können, ob auf ihn ‚Verlass sein würde'! Er ballte wütend die Faust und versuchte, seine Stimme zu kontrollieren, als er sprach: „Sir, ich werde mich um die Tochter kümmern, wie abgemacht. Danach werden sie meinen Sohn freilassen und ich werde den Vater töten." Ein hässliches, kaltes und emotionsloses Lachen, dann war wieder die kratzige Stimme des anderen Mannes zu vernehmen. „Viktor, mein lieber Viktor... Glauben sie im Ernst, dass ich so dumm bin? Erst, wenn sie die Mission erfüllt haben – gänzlich erfüllt haben! – , werde ich Jaden auf freien Fuß setzen. Glauben sie mir, Marceau lag falsch, den Jungen auf Noir anzusetzen. Er hat versagt und wir fingen ihn wieder ein. Ich werde den selben Fehler nicht auch noch begehen und ihrem Sohn die Freiheit schenken, bevor sie nicht ihren Teil der Abmachung erfüllt haben. Verstanden?" Raikov vernahm ein Klicken und dann ein gleichmäßiges Tuten. Sein Gesprächspartner hatte aufgelegt. „Dieses Schwein!" Raikov schlug mit der geballten Faust aufs Armaturenbrett. ‚Dieses erpresserische Schwein!'

Als der Wecker um halb Neun klingelte, war Kirika schon seit geraumer Zeit wach und war lediglich aus Rücksicht auf Julia im Bett geblieben, um das Mädchen nicht zu wecken. Die Japanerin starrte die Decke an, dachte an die Geschehnisse des gestrigen Abends. Der Kuss von Mireille war so wunderbar gewesen... Doch bei dem Gedanken an Mireilles warme, feuchte Lippen und die vergangenen drei Jahre im selbstauferlegten Exil, die so wunderbar gewesen waren und in denen sie zum ersten Mal gelernt hatte, mehr zu reden, sich in die Beziehung auch aktiv und fordernd einzubringen, kam auch der Gedanke an Julias Kuss. Eine Welle des schlechten Gewissens überkam sie. Hatte sie dem Mädchen etwa Hoffnungen gemacht, weil sie gestern Abend so ernst über das Thema Sexualität gesprochen hatten? Kirika war sich immer noch nicht sicher, ob sie überhaupt mit Julia befreundet war. Sie respektierte das Mädchen und fühlte sich auch von ihr angezogen, fand sie sympathisch, was sie jedoch darauf zurückführte, dass sie einfach noch nie die Gelegenheit gehabt hatte, jemanden kennenzulernen, der sie so respektierte, wie sie war. Doch tat Julia das wirklich? Konnte das Mädchen wirklich verstehen, was es bedeutete, Menschen zu töten? Sie hatte noch nie einen getöteten Menschen gesehen. Wie würde sie reagieren, wenn Kirika für sie würde töten müssen? Würde Julia sie verabscheuen und von sich stoßen? Es war schwer für die Killerin, sich einzugestehen, dass sie sich gerne mit dem jüngeren Mädchen anfreunden wollte und Angst hatte, verletzt zu werden. Es war so schwer... Ähnlich wie es einst bei Milosh gewesen war. Und wenn sich der Verdacht, dass Julia sie tatsächlich mehr als nur freundschaftlich interessant fand, bestätigen sollte, würde es die junge Beziehung unnötig strapazieren.

Eine Bewegung neben ihr riss sie aus ihren Gedanken. Noch halb verschlafen kam der Rotschopf von Julia zwischen den Kissen heraus zum Vorschein und das Mädchen streckte sich. Schwach erwiderte Kirika das Lächeln, dass Julia ihr zuwarf und erhob sich wortlos. Während sie sich im Bad das Gesicht wusch, kam sie nicht von den Zweifeln ab, die sie plagten. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und eine Stimme flüsterte ihr ins Ohr, so nahe, dass es kitzelte: „Es tut mir Leid, Kirika. Ich wollte dich nicht bedrängen. Bestimm du das Tempo, mit dem sich eine Beziehung zwischen uns bildet, okay? Versprich mir nur, dass du mich nicht von dir stoßen wirst..." Kirika lächelte innerlich und wollte sich umdrehen, doch sie hörte, wie Julia bereits das Zimmer verlassen hatte und die Tür sich schloss. Mireille hatte Recht gehabt, Julia war kein schlechter Mensch. Sie hatte, wenn es nötig war, eine gute Menschenkenntnis und Kirika fühlte ihre Sorgen von sich genommen. Dankbar sah sie dem rothaarigen Mädchen nach.

Mireille sah, wie Julia lächelnd aus ihrem Zimmer kam, als die Korsin gerade zum Frühstück gehen wollte. „Ist Kirika noch bei euch im Zimmer oder schon unten?" Julia wandte sich der blonden Frau zu und deutete auf die Tür, aus der sie gerade gekommen war. „Sie ist noch drin, Mireille." Mireille nickte dankend und klopfte an die Zimmertür. „Kirika? Ich bins, kann ich rein?" Nur wenige Augenblicke später wurde ihr geöffnet und die Tür schloss sich hinter ihr. Julia sah der blonden Frau kurz nach. Ein bißchen beneidete sie die Beiden, die so offen mit ihrer Beziehung umgehen konnten. Nachdenklich ging sie zum Frühstückstisch auf der Hotelterrasse hinunter, wo sie ihren Vater vorfand, der gerade telefonierte. Den Gesprächsfetzen nach zu urteilen, redete er mit seinem Vorgesetzten. Desinteressiert wandte sie sich lieber einer aktuellen Zeitung zu.

Kirika hatte kaum die Tür geschlossen, da wurde sie auch schon ein wenig unsanft aufs Bett gezogen und in die Arme geschlossen. Mireille küsste sie heftig auf den Mund, bedeckte ihren Hals und ihr Gesicht mit Küssen, ließ ihre Zunge kreisen, spielen. Kirika lächelte. „Mireiyu... Ich... Warum...?" Die Korsin kicherte. „Ich habe dich eben vermisst, Kirika. Wir hatten wenig Zeit für einander in den letzten Tagen. Und...," die ältere Frau ließ einen Moment von Kirika ab und sah sie lächelnd an, „ich möchte doch, dass du nicht vergisst, wer ich bin." Kirika zog Mireilles Hals zu sich herab und küsste sie. Mit der freien Hand fuhr sie durch die blonde Haarpracht der Korsin. Als sie sich lösten und Mireille ihre Kleidung zurecht zupfte, sah Kirika ihre Partnerin liebevoll an. Gemeinsam verließen sie das Zimmer und gingen hinab zu ihren beiden Schützlingen. Der kurze Moment der Intimität war so wunderbar gewesen, dass Kirika sich fragte, wie sie jemals ohne die Korsin zurecht kommen sollte. Ein bißchen fürchtete sie sich vor der Abhängigkeit. Doch die Liebe zu der blonden Frau war zu wichtig für sie, als das sie der Furcht hätte nachgeben können...

Durch das Objektiv hindurch beobachtete Raikov die Szenerie auf der Terrasse des Hotels. Er hatte zu Fuß das Dorf verlassen und sich in den Dünen auf die Lauer gelegt, nachdem er – als reine Vorsichtsmaßnahme – am Wagen der Flüchtigen einen Peilsender angebracht hatte. Das richtige Auto zu finden war leicht gewesen: Der einzige Wagen, der vor dem Hotel stand, war ein nagelneuer Honda Civic. Fast schon zu einfach. Von seinem Platz aus hatte er einen exzellenten Blick auf die Hotelanlage und das Dorf. Er war gerade zur rechten Zeit gekommen, um zu sehen, wie sich zu Rhodes und seiner Tochter, einem bildhübschen Mädchen übrigens, zwei andere Personen gesellten: Die ihm schon bekannte schwarzhaarige Asiatin und eine ihm noch unbekannte blonde Frau. Raikov brauchte einen Moment, um eins und eins zusammen zu zählen, grinste dann jedoch. ‚Dieser gerissene Bastard! Und verraten hat er sich trotzdem!' Der Killer erinnerte sich, wie sein Auftraggeber im kürzlich geführten Telefonat Noir erwähnt hatte. Rhodes war ein Freund von Marceau gewesen. Warum sollte Rhodes also nicht Noir kennen? Kein Wunder, dass Octavian angeblich nichts über die Killerin in Erfahrung hatte bringen können: Niemand konnte einem vernünftigen Menschen zumuten, gegen Noir zu Feld zu ziehen. Doch Raikov war sich bewusst, dass Vernunft längst nicht mehr zählte, nicht für ihn. Er hatte einen Sohn zu verlieren, sein eigen Fleisch und Blut. Für ihn zählte nur noch der Sieg. Egal über wen. Alles andere war unbedeutend. Mit einem Handgriff entsicherte er die Waffe und schaltete das Laservisier ein; das PSG-1-Scharfschützengewehr war einsatzbereit. Er holte tief Luft, atmete halb aus, hielt den Atem. Eine perfekte Technik, ein guter Schütze, eine gute Waffe: Es würde gutgehen.

Die Atmosphäre am Tisch war gelöst und die frische Seeluft tat merklich gut. Mireille hatte gerade mit Rhodes darüber gesprochen, wie man weiter vorzugehen gedachte, während sie ihr Croissant aß, als ihr der seltsame rote Punkt auf Julias trägerlosem grünen Top auffiel, der langsam aber stetig in Richtung Hals des Mädchens wanderte. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, bis die Korsin geschaltet hatte: „Julia, runter!" Doch obwohl das rothaarige Mädchen schnell reagierte, war Kirika schneller: Mit einer ruckartigen Bewegung hatte sie sich auf das Mädchen geworfen und es mitsamt sich und dem Stuhl zu Boden gerissen. Noch im Augenblick des Fallens zerbarsten zwei der Holzbalken des Fachwerks hinter ihnen und Holzsplitter regneten auf den Tisch und die Anwesenden herab...

Der Killer hatte die rasche Bewegung nicht kommen sehen und war so überrascht, dass er zweimal abdrückte ohne genau zu zielen. Als er erneut durch das Objektiv die Lage zu erfassen suchte, sah er, wie Noir gerade ihre beiden Schützlinge aus dem Feuerbereich ins Hotelinnere zogen. ‚Verdammt!' Raikov hätte schreien können vor Zorn. Doch er war Profi genug, seine Emotionen zu kontrollieren. Sein Hirn stand unter Hochspannung, versuchte, die Handlungen von Noir vorherzusehen. Sicher würden sie das Dorf schnellstmöglich verlassen. Der blonde Mann warf sich das Gewehr auf den Rücken und zog den Schultergurt fest. Er musste versuchen, seinen Wagen zu erreichen – schnell!