Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Kapitel 11: In Periculo Mortis (2)
„Leg sie hin!" Kirika wies auf den Tisch und Rhodes hatte Mireille, die stöhnte und ihr Blut auf dem Boden verteilte, dass aus drei Einschusslöchern in ihrem Rücken troff, kaum abgelegt, da hatte Kirika schon aus ihrem Rucksack ein kleines Erste-Hilfe-Set zum Vorschein gebracht. Es war keine Minute vergangen, seitdem sie das Gebäude betreten hatten und doch hatte die Korsin schon viel Blut verloren. Julia stand aschfahl in einer Ecke des Büroraumes und schien unter Schock zu stehen. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem Leben noch nie eine verwundete Person gesehen und schon gar nicht so viel Blut. Doch dem schwarzhaarigen Mädchen blieb keine Zeit, sich um ihre Freundin zu kümmern, da ihre ganze Aufmerksamkeit ihrer Partnerin galt, geltend musste! Während sie Desinfektionsmittel, Nahtzeug, Mullverbände und ein Messer bereit machte, gab sie Rhodes Anweisungen, wie er Mireille zu legen und zu halten habe, die der bleiche Mann auch streng und schnell befolgte. Dann griff die Asiatin nach dem ersten Stück Metall, dass ihr gerade in die Finger kam und ergriff den Kiefer der blonden Frau, die immer langsamer und angestrengter atmete und drückte ihn auf. Mit einer geschickten Bewegung klemmte sie das Metallplättchen dazwischen. „Mireille, egal, was geschieht: Immer draufbeißen, hörst du?" Kirikas Worte waren leise und eindringlich gewesen und die Korsin schien verstanden zu haben. „Du wirst sie doch nicht operieren?!" Aus Rhodes' Stimme klangen Angst, Ekel und Unglauben heraus. Kirika nickte nur. „Halt sie fest, Raphael. Du darfst sie auf keinen Fall loslassen. Julia, halt du ihre Beine." Etwas zögerlich kam das rothaarige Mädchen heran und griff mit beiden Händen nach den Beinen der Korsin. Ihre Augen waren auf das viele Blut geheftet, dass vom Tisch auf den Boden floss. „Julia! Traust du dir das zu?" Das Mädchen nickte wortlos, doch bestimmt. Kirika wandte sich nun wieder ihrer Partnerin zu, die vor ihr auf dem Tisch lag. Die Frage war wohl eher, ob sie sich das zutraute... Doch ihr blieb keine Wahl, wollte sie Mireille retten. Kirika hatte schon viele Menschen an Schusswunden sterben sehen und sie wusste, dass Mireille ihr Schicksal teilen würde, sollte sie nicht bald operiert werden. Mit einem schnellen Ruck zeriss sie die Bluse der Korsin und legte ihren Rücken frei. Die ehemals fast makellose weiße Haut war nun rot, Blut quoll aus den drei runden Löchern, die sich auf ihrem Rücken verteilten. Glücklicherweise war eine Kugel durch die Schulter hindurch gegangen und die anderen beiden Projektile hatten allem Anschein nach keine lebenswichtigen Organe tangiert. Langsam griff sie nach dem Messer neben ihr und setzte zog mit den Fingern der anderen Hand eines der Einschusslöcher auseinander. Die Korsin stöhnte und unterdrückte einen Schrei. „Ich weiß, das tut weh, Mireille, aber es muss sein. Tut mir Leid!" Mit einer raschen Bewegung führte Kirika die dünne Klinge in die Wunde und hebelte die Kugel, die Gott sei Dank nicht tief steckte heraus. Dann stopfte sie Mull in die Wunde. „Ich desinfiziere das nachher, Raphael! Drücken sie nur drauf, damit die Blutung stoppt!" Dann wandte sich Kirika dem nächsten Loch. Ihre Tränen schluckte sie herunter. Sie musste stark sein, für Mireille und auch für sich. Das Atmen der blonden Frau war inzwischen zu einem Röcheln geworden und Kirika wusste nicht, ob es der Schmerz oder der nahe Tod war, dass die schrecklichen Atemgeräusche verursachten. Doch konzentriert fuhr sie in ihrer Arbeit fort und schnitt auch die andere der beiden Wunden auf, hebelte die Kugel heraus und füllte sie mit Mull. Als sie die letzte Kugel entfernt hatte, warf sie das Messer beiseite und öffnete die Flasche mit Alkohol. „Das brennt jetzt, Mireille..." Hektisch kippte Kirika das Mittelchen auf die Wunden und die Korsin zuckte unter ihnen zusammen. Julia und Rhodes hatten Mühe, die schwerverletzte Frau zu halten. Kirika sah auf und bemerkte, wie Julia langsam grünlich im Gesicht wurde. „Das Schlimmste ist vorbei, Julia. Du kannst, wenn du willst..." Ein dankbares Lächeln blitzte kurz im Gesicht ihrer Freundin auf, wurde jedoch von einem Würgereflex erstickt und das Mädchen wandte sich schnell ab. Kirika hörte, wie Julia sich übergab. Als sie kurz aufblickte, sah sie Julias Vater an, der jedoch – von der Blässe abgesehen – keine Anzeichen von Schwäche zeigte, sondern aus dessen Augen Entschlossenheit sprach. „Kirika, beeil dich! Wir müssen hier weg!" Kirika nickte und verband Mireilles Wunden nun endgültig, deren Blutungen langsam versiegten. Als Kirika fertig war und Mireille das Haar aus dem schweißnassen Gesicht strich, sah sie, dass ihre blonde Partnerin ob der Anstrengung in Ohnmacht gefallen war. Ihr Atem ging kurz, aber regelmäßig und Kirika ließ sich erschöpft auf die Knie fallen. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht und sie wollte sie nicht mehr halten. Sanft strich sie der Korsin übers Gesicht und sanft lächelte die ältere Frau im Schlaf.
Raikov hatte seine Position erst verlassen, als er sicher war, dass die Vier nicht mehr aus der Tür zurück auf den Hof kommen würden. Dann hatte der Serbe seinen Rucksack geöffnet und seine Ausrüstung vor sich ausgebreitet. Es war sicherlich sinnvoll, nur gut ausgerüstet gegen Noir zu kämpfen, auch wenn ihre Kampfeskraft halbiert sein sollte. Was war für einen Kampf in engen Bürogängen wichtig? Das Gebäude war teils sehr dunkel, doch in die meisten Plätze fiel Sonnenlicht, daher war das Nachtsichtgerät keine gute Idee, wollte er sich nicht zufällig selbst blenden. Doch Rauch- und Splittergranaten waren sicherlich eine gute Idee und Raikov griff nach drei Granaten jeder Sorte und klemmte sie an seinen Gürtel. Ein bißchen ärgerte sich der Killer, dass er keine Blendgranaten dabei hatte: Nützlich wären sie hier allemal gewesen. Allerdings – und dabei strich er sanft über das kühle Metall – würde seine MP7 sich als sinnvolle Investition erweisen. Zudem hatte er ein Kampfmesser. Insgesamt war er gut gerüstet. Schnell verstaute der blonde Mann den Rest seiner Ausrüstung wieder in seinem Rucksack und schnallte ihn sich auf dem Rücken. Dann entsicherte er seine Maschinenpistole und zog die Schulterstütze heraus. Mit der Waffe im Anschlag bahnte er sich seinen Weg durch das Gebäude, möglichst darauf bedacht, leise vorzugehen.
Kirika zog die Nase hoch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann ergriff sie dankbar das Taschentuch, dass Rhodes ihr hinhielt. Es war ein Stofftaschentuch, bestickt mit seinen Initialen. „Sowas gibt's heute noch?" Kirika lächelte schwach und Rhodes grinste. „Behalt es fürs Erste." Die Killerin nickte. „Danke, Monsie... Raphael. Wie geht es Julia?" Kirika sah sich um und bemerkte, wie Julia neben der Eingangstür des Büroraumes saß und mit starrem Blick die Wand ihr gegenüber anstarrte. Rhodes senkte die Stimme und nahm Kirika beiseite. „Physisch gesehen geht es ihr gut. Aber...", und seine Stimme wurde zu einem Flüstern, „Ich glaube, sie steht unter Schock. Sie hat noch nie Blut oder Verletzte gesehen. Das hier muss auf sie wirken wie ein Kriegsgebiet... Kannst du vielleicht mit ihr reden? Ich hab es schon versucht, aber sie blockt mich nur ab." Kirika schüttelte den Kopf und Rhodes sah sie fragend an. „Manche Erfahrungen muss man selbst verarbeiten und niemand kann einem dabei helfen. Das mag kalt klingen, aber glauben sie mir, sie wird es schaffen. Julia ist stärker als sie denken." Rhodes sah skeptisch aus, schluckte jedoch eine Antwort. „Außerdem haben wir andere Sorgen. Der Killer wird nach dem ersten Streich drauf brennen, auch den zweiten Schlag zu führen. Haben sie eine Waffe?" Rhodes nickte. „Ja, eine USP." Mit einer Hand fuhr er zur Innentasche seines Jackets und zog eine Pistole hervor. „Sehr gut. Munition haben sie auch?" Rhodes nickte. „Aber nur das Magazin in der Waffe." – „Das wird genügen." Kirika erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung und fühlte Mireilles Puls. Er war schwach durch den großen Blutverlust, aber stetig. „Du und Julia, ihr beide stützt Mireille und folgt mir. Wenn ich die Hand hebe, bleibt ihr stehen, wenn ich winke, kommt ihr. Verstanden?" Rhodes nickte. „Julia?" Kirika erhielt keine Antwort. „Julia!" Das Mädchen zuckte zusammen und sah Kirika aus großen, grünen Augen an. Kirika ging auf sie zu und sah ihr tief in die Augen. Wie sollte sie dem Mädchen ihre Lage schonend beibringen, ohne sie noch mehr zu verunsichern als es die neuartige Situation eh schon tat? „Julia, ich... Ich kann das sicher nicht so gut in Worte fassen, wie du das jetzt sicherlich könntest. Ich weiß, es ist schwer für dich. Du hast Angst und das ist verständlich. Ich... ich habe auch Angst. Doch wenn wir überleben wollen, müssen wir lernen, unsere Angst zu überwinden. Du warst vorhin bei der notdürftigen Operation sehr tapfer. Wirst du noch einmal tapfer für mich sein?" Das Mädchen nickte. „Danke, Julia. Danke, wirklich!" Kirika zögerte einen Moment, dann beugte sie sich vor und erwiderte die Zärtlichkeit, die Julia ihr gestern Abend gegeben hatte: Der sanfte Kuss schien schon so weit zurückzuliegen und nun war es doch so schnell gegangen, dass Kirika von sich aus dem Wunsch Julias nachkam und das Tempo bestimmte, mit dem sich eine freundschaftliche Beziehung bildete. Die schwarzhaarige Killerin spürte, wie sich etwas im Körper ihrer Freundin anspannte, ihr neue Spannung und Kraft gab und sie atmete auf. Dann wandte sie sich um und sah Rhodes an, der den Kuss verblüfft verfolgt hatte, doch keinerlei Bemerkung machte, sondern das Gesehene auf sich beruhen ließ. „Wir können aufbrechen, Raphael." Der schwarzhaarige Mann legte den Kopf schief. „Schon klar. Aber wohin denn?" Kirika zuckte mit den Schultern. „Egal wohin. Wir müssen nur schnell hier weg. Zum Einen, weil Mireille weitergehende Versorgung und Ruhe braucht, zum Anderen, weil wir verfolgt werden. Und daher sollten wir uns auch einen anderen Ausgang suchen als den, durch den wir gekommen sind..." Rhodes nickte und entsicherte seine Waffe. Mit der freien Hand half er nun Julia, die Mireille langsam aufnahm. Kirika verließ als erste den Raum, sicherte den Gang vor ihnen mit erhobener Waffe, die anderen folgten ihr und ließen den Raum zurück wie er zuvor gewesen war. Nur das halbgeronnene Blut auf Tisch und Boden sowie das Erbrochene Julias zeugten vom Kampf, der hier ausgefochten worden war und hätten verraten können, dass der Raum erst vor Kurzem genutzt worden war.
