Disclaimer: Siehe Kapitel 1


Kapitel 12: Proelium (1)

Spärliches Licht fiel durch das Fenster und gab den Blick auf einen von Staub bedeckten Gang frei, der halb zugestellt war mit Stühlen und Tischen. Kirika schob die ersten Hindernisse mit dem Fuß beiseite und versuchte dabei, möglichst wenig Lärm zu machen. Mireille, deren schmutziges Gesicht von blonden Strähnen halb verdeckt war, hing immer noch ohnmächtig an Rhodes Schulter, der sie abstützte und mit der anderen Hand die geladene USP hielt. Julia half ihrem Vater, Mireille zu halten, indem sie sich den linken Arm der Korsin über die Schulter gelegt hatte und das Gewicht der blonden Frau zur Hälfte trug. Die Gruppe kam nur langsam vorwärts, denn das Gebäude war dicht zugestellt mit allerlei Hindernissen, die beim endgültigen Verlassen des Bürokomplexes zurückgelassen worden waren. Die Szenerie erinnerte ein bißchen an eine überhastete Flucht. Kirika war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie den Angreifer allein bekämpfen würde müssen. Auf Rhodes Hilfe war wenig zu geben, auch wenn er bewaffnet war. Und dazu noch in diesen engen Gängen! Wenn man es logisch betrachtete, war es beinahe unmöglich, ohne Verluste das Gebäude zu verlassen. Mit einem kleinen Blick nach Hinten sah sie ihre Partnerin besorgt an. Hoffentlich war das nicht der Erste gewesen...

Raikov hielt inne. Er stand auf einer Treppe zum zweiten Obergeschoss und war gerade im Begriff gewesen, das Stockwerk zu verlassen und das erste Obergeschoss zu betreten, als er ein leises Kratzen aus dem Erdgeschoss hörte. Es hatte sich beinahe so angehört, als hätte jemand knapp unter der Treppe einen Gegenstand verrückt. Der Serbe lachte leise in sich hinein und nahm eine Fragmentgranate vom Gürtel, zog den Sicherrungsverschluss heraus und ließ sie einfach ins Treppenhaus fallen. Der dumpfe Aufprall und eine verzerrte, hektische Stimme gingen im Lärm der Explosion unter. Raikov ließ eine Rauchgranate hinterher fallen und stürmte die Treppe hinunter ins erste Obergeschoss. Er würde sich schnell einen guten Platz suchen müssen, für den Fall, dass die andere Noir die Explosion der Granate überlebt haben sollte. Eigentlich, gestand sich Raikov ein, war davon auszugehen.

Kirika hatte das kleine Etwas gerade fallen sehen, als sie sich schon hinter einem Tisch zu Boden fallen ließ und die Anderen mit sich zu Boden zog. Ihre Warnung „Deckung!" war im ohrenbetäubenden Lärm der Granate untergegangen, deren Wucht den Tisch über ihre Köpfe hinweg riss. Dann regnete es Glas-, Holz- und Metallsplitter auf sie herab. Julias Kreischen ging im Prasseln der Fragmente unter. Als Kirika sich wieder aufrappeln wollte, um eine bessere Position einzunehmen und dem Angreifer Paroli bieten zu können, sah sie, wie eine zweite Granate zu Boden fiel. Erneut ließ sich die Japanerin fallen und rollte sich zurück in den Gang. Doch die erwartete laute Explosion blieb aus: Statt dessen wurde die Gruppe im Nu von dichten Rauchschwaden eingenebelt. Kirika vermochte es nicht, nur die Hand vor den Augen wahrzunehmen. Ein kluger Schachzug, den Rückzug auf diese Art zu decken, das musste sie zugeben. Und wenn sie zu lange an einer Position verharrten, würden sie ein gutes Ziel abgeben. ‚Verdammt!' Kirika fluchte innerlich. Dann entschied sie sich zum einzig Vernünftigen in dieser Situation: Dem taktischen Rückzug. Mit einer Handbewegung machte sie Rhodes und ihrer Freundin ihren Plan klar und die Gruppe zog sich in den Gang zurück. Soweit Kirika sich richtig erinnern konnte, war weiter hinten eine kleine Besenkammer gewesen, an der sie vorbeigekommen waren. „Raphael!", flüsterte sie dem schwarzhaarigen Mann zu, „du und Julia, ihr geht in die Besenkammer. Ihr öffnet nur, wenn ich viermal kurz hintereinander klopfe, verstanden? Ansonsten wirst du schießen, klar?" Rhodes nickte und schob seine Tochter in die dunkle, enge Kammer. „Was wirst du machen, Kirika?" Das asiatische Mädchen wich dem Blick des älteren Mannes aus und sah zu Boden. „Du weißt bereits, was ich vorhabe. Pass besser auf Julia auf." Dann wandte sich Kirika ab und ging wieder in Richtung des Treppenhauses, aus dem sich der Rauch bereits etwas verzogen hatte, jedoch immer noch genug vorhanden war, um ihr Vorrücken gefahrlos zu decken.

Raikov hatte sich inzwischen eine gute Position gesucht und sich am Ende eines langen Ganges hinter ein paar Schränken, die im Gang standen, in Sicherheit gebracht. Von dort hatte er, auf sein Knie gestützt, eine gute Position, aus der er den ganzen Gang im Blickfeld hatte. Er war nur spärlich ausgeleuchtet und links wie rechts viel nur wenig Sonnenlicht durch ein paar geöffnete Bürotüren. Nun war es nur eine Frage der Zeit, bis Noir die Treppe hinauf stürmen würde, um ihn anzugreifen. Der Serbe war sich seines Planes sicher: Das Bürogebäude war klein und besaß auf dieser Seite des Komplexes kein zweites Treppenhaus (von einer kleinen Feuerleiter abgesehen), soviel hatte er bereits in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit herausfinden können, indem er einen Fluchtplan studiert hatte, er in einem der Büros gehangen war.

Julia war unheimlich zumute in dem engen, stickigen und dunklen Raum. Mireille, Kirikas Partnerin, stöhnte im Schlaf und ihr Vater wirkte mit seiner gezückten Waffe irgendwie bedrohlich. Das rothaarige Mädchen zog den leblos wirkenden Körper der älteren Frau zu sich heran und legte ihren Arm um deren Hüfte. Was würde nun passieren? Was war, wenn Kirika allein versagte? Sie richtete den Blick auf ihren Vater und flüsterte: „Glaubst du, dass Kirika das hier allein schafft?" Rhodes wandte den Kopf und Julia konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass er aschfahl war. Der Mann nickte kurz. „Wenn es einer schaffen kann, dann sie." Julia blickte wieder zu Boden. Das Warten war unerträglich. Und was, wenn ihre Freundin Hilfe benötigte? Julia wusste zwar, dass der Gedanke, dass ausgerechnet sie Kirika helfen würde können, lächerlich war, doch das Nichtstun und Abwarten, ob das Mädchen sterben oder leben würde war einfach grauenhaft. Ihr Blick fiel auf die Waffe der Korsin, die in einem Halfter in Hüfthöhe steckte. Das Metall der Waffe wirkte kalt und Julia ergriff mit klammen Fingern die Pistole und zog sie aus ihrer Halterung. Das Mädchen führte die Waffe zu sich heran, um die Handfeuerwaffe besser betrachten zu können. Wie man eine Pistole bediente, konnte ja wohl nicht so schwer sein...

Nachdem sie den Gang hinter sich gebracht hatte und durch die nur noch schwach ausgeprägten Rauchwolken hindurch war, hatte Kirika nun den Fuß der Treppe erreicht und fing langsam an, Stufe für Stufe höher zu steigen, immer darauf bedacht, etwaigen Beschuss aus jeglicher Richtung sofort erwidern zu können. Die Treppe war recht breit und Kirika drückte sich mit dem Rücken an die Wand hinter ihr, um wenigstens eine Seite frei zu haben. Als sie auf der Hälfte der Treppe stand, konnte sie erkennen, dass in die Richtung, aus der sie gekommen war, parallel zum Erdgeschoss ein weiterer Gang führte – die einzige Möglichkeit, das Treppenhaus zu verlassen, es sei denn, sie wollte noch höher steigen. Es war davon auszugehen, dass sich der Angreifer wohl in diesem Gang verschanzt hatte. Kirika stieg die Treppe gänzlich hinauf und huschte an die Ecke zum Gang. Dort presste sie sich an die Wand und zog einen kleinen Spiegel aus der Tasche. Vorsichtig schob sie ihn etwas in den Gang, um ihre Lage besser einschätzen zu können: Der Gang war gute 20 Meter lang, etwas zugestellt mit hüfthohen Tischen und Stühlen. Links wie Rechts gingen Türen in kleine Büroräume ab, die jedoch allesamt zu waren. Am Ende des Ganges waren ein paar Schränke umgekippt. Ansonsten konnte die Japanerin nichts Auffälliges im Gang entdecken. Doch auf die Distanz und in dem schummrigen Licht war das auch äußerst schwer. Mit Sicherheit wartete der Killer nur darauf, dass sie ihren sicheren Platz verlassen und sich ins Schussfeld begeben würde. Kirikas Kopf stand unter Hochspannung: Was war zu tun? Eine Möglichkeit war, den Gang so schnell wie möglich entlang zu spurten, um den Abstand zwischen ihr und dem Angreifer auf ein Minimum zu verkürzen und einfach darauf zu hoffen, dass sie schneller und besser zielen konnte. Doch der Plan war riskant und sie musste auch an die Menschen denken, die in diesem Moment auf sie bauten. Eine andere Option wäre, die erstbeste Bürotür zu öffnen und dem tödlichen Feuerhagel zu entgehen, indem sie die Distanz parallel zum Gang verkürzen würde. Aber was war, wenn die Türen verschlossen und daher nicht schnell genug zu öffnen waren? Kirika zog den Spiegel zurück. Wenn sie auf ihre Reflexe vertrauen konnte, würde sie sich auch während des Angriffs entscheiden können, was klüger war. Kirika holte noch einmal tief Luft, dann betrat sie den Gang und rannte los...

Der Serbe sah, wie sich die Gestalt der Killerin aus den Schatten löste und ihre Deckung verließ. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit schoss das Mädchen auf ihn zu, sprang dabei über Stühle und Tische oder stieß diese einfach beiseite. Die Asiatin bewegte sich so schnell, dass Raikov Mühe hatte, ein ruhiges Ziel zu bekommen. Er sah, wie das Mädchen im Lauf ihre Waffe auf ihn richtete, sah das Glitzern in ihren Augen. Und er drückte ab, füllte den Gang mit einem Kugelhagel, einem regelrechten Abwehrschirm, um den Ansturm von Noir zu stoppen. Als das Magazin leer war, senkte er die Waffe und betrachtete sein Werk. Die Tische und Stühle, sogar Teile der Wände, waren zerfetzt vom Einschlag der Kugeln und große Holzsplitter waren aus dem Mobiliar gerissen. Und die letzte Tür vor ihm, nur wenige Meter entfernt, war offen. Der Gang war leer. Raikov wurde blass. Innerhalb nur weniger Sekunden hatte Noir den ganzen Gang überwunden und hatte überlebt! Schnell wechselte er das Magazin und drückte die Schulterstütze zusammen. In den engen Büros war die MP7 als Pistole besser als Gewehr zu benützen. Zudem zog er sein Kampfmesser und nahm es in die Linke, drückte beide Hände zusammen, so dass es so schien, als ob er beide Waffen fast in einer Hand trug. Dies war eine Technik, die er sich bei den verschiedenen Spezialeinheiten der Welt abgeschaut hatte: CQC, Close-Quarters-Combat, würde ihm erlauben, blitzschnell zwischen Pistole und Messer zu wechseln und ihm zusätzlich die Alternative lassen, Noir im Nahkampf überwinden zu können. Dann verließ Raikov seine Position und ging langsam auf das Büro zu.

Kirika lehnte direkt an der Wand hinter der Bürotür und wartete darauf, dass der Killer eintrat. Als sie den Lauf der Maschinenpistole bemerkte, der sich langsam in den Raum schob, reagierte sie blitzschnell und ergriff den Lauf der Waffe. Während sie die MP von sich wegdrückte, bewegte sie sich mit einer Seitwärtsdrehung in Raikovs Weg und drückte mehrmals ab. Doch zu ihrer Überraschung sah sie die Kugeln ins Leere gehen. Der blonde Mann, den sie direkt vor sich erwartet hatte, hatte sich nicht gegen den Ruck an der Waffe gewehrt, im Gegenteil: Er hatte sich elegant von Kirika ziehen lassen und sich durch ihre eigene Bewegung den Weg zeigen lassen, auf dem er der tödlichen Ladung aus Kirikas Magazin entgehen konnte. Nun stand Raikov neben dem um einiges kleineren Mädchen, die verzweifelt versuchte, durch eine schnelle Rückwärtsbewegung den Fehler auszubügeln. Doch Raikov war nicht so dumm, Zeit damit zu verschwenden, seine Hand loszureißen und die Maschinenpistole auf das Mädchen zu richten, sondern er löste die andere Hand aus der starren Position und riss das Messer ruckartig nach oben, sah, wie die scharfe doppelschneidige Klinge die Brust des Mädchens traf und es nach hinten taumeln ließ...


Endnotiz: CQC ist eine Technik, die es erlaubt, Nahkampf und Fernkampf ideal miteinander zu verbinden und auch mehrere Feinde auszuschalten, selbst wenn man überrascht wird. Die Idee, CQC einzubauen, habe ich aus Metal Gear Solid 3 genommen. Dort spielt CQC eine elementare Rolle. Doch ist CQC keineswegs eine Erfindung der MGS-Macher, sondern ist sehr wohl eine reale Kampftechnik, die von Spezialeinheiten trainiert wird (zumindest wenn man dem militärischen Berater der MGS-Macher vertrauen darf...XD).