Disclaimer: Siehe Kapitel 1; sehr explizite Gewaltbeschreibung
Kapitel 13: Proelium (2)
Kirika taumelte nach hinten und blickte erstaunt an sich herunter. Ein großer Riss befand sich in ihrer Kleidung, etwa zwischen ihren Busen und der Stoff färbte sich schnell dunkelrot. Wie war der Mann so schnell an sie herangekommen? Sie sah auf und bemerkte, wie der Mann auf sie zusprang und zu einem Stich ansetzte. Geistesgegenwärtig ließ sie sich nach hinten zu Boden fallen, fing den Sturz mit beiden Armen ab und trieb dem Mann ihr Bein in den Bauch, so dass dieser das Gleichgewicht verlor und nach Luft schnappend über sie flog und lautstark einen Tisch mit sich zu Boden riss. Kirika federte zurück auf die Beine und drehte sich zu ihrem Feind um, der sich langsam aufrappelte. Sowohl er als auch Kirika hatten ihre Schusswaffen eingebüßt und waren nur noch mit ihren Klingen bewaffnet. Kirika wusste, dass der blonde Mann nun einen deutlichen Vorteil hatte: Er war stärker und hatte eine deutlich längere Reichweite als sie. Und wendig war er auch, zumindest für eine so große Person. Kirika musterte den Mann und versuchte, sich ein Bild von ihm zu machen. Der Mann, offenbar aus dem Osten Europas stammend, machte einen soldatischen Eindruck auf sie und ein bißchen erinnerte er sie an einen ehemaligen Freund aus längst vergangenen Tagen, der das Malen lieber als das Töten gehabt hatte und daran zu Grunde gegangen war, dass er sich mit ihr eingelassen hatte. Doch für Sentimentalitäten war im Moment der falsche Augenblick und Kirika umgriff fester ihr Kampfmesser. Der blonde Mann hatte sich inzwischen aufgerichtet und sah sie aus traurigen Augen an. „Der Name scheint nicht zu Unrecht Furcht einzuflößen." Der blonde Mann hatte laut und deutlich gesprochen, mit einer so festen Stimme, dass es kaum wahrscheinlich war, dass er ernsthafte Schmerzen litt. Sein Französisch war fast frei von jeglichem Akzent gewesen und Kirika hätte beinahe ihr Urteil über die Herkunft des Mannes zurückgenommen, als dieser sich vorstellte. „Mein Name ist Viktor, Viktor Raikov." Kirika blieb in Verteidigungshaltung, legte jedoch den Kopf schief. „Warum ich dir, einer Noir, so etwas erzähle?" Der Mann lachte, doch das Lachen war falsch und nur gespielt fröhlich. Der traurige Unterton war kaum zu überhören. „Ich möchte dich nicht töten, Noir. Das wird den Kampf zwar nicht vermeiden, aber ich möchte dir erklären, warum ich töte. Ich will, dass du verstehst, dass es keineswegs meine Absicht ist, kleine Mädchen zu töten. Und du bist noch ein halbes Kind, fast im selben Alter wie mein Sohn..." Raikov sah Kirika tief in die Augen, doch das Mädchen hielt dem Blick stand. „Mein Sohn, er ist... eine Art Geisel. Wenn ich Rhodes und seine Tochter nicht töte, stirbt er. Daher...", mit diesen Worten wies der Mann auf die Tür, „steht es dir frei, zu gehen. Überlass sie ihrem Schicksal und ich werde dich verschonen. Stellst du dich jedoch in meinen Weg, dann... wirst du sterben." Raikovs Blick wurde hart. „Es ist deine Entscheidung, Noir!"
Es war still geworden, nachdem die Augenblicke zuvor noch Schüsse zu hören waren. Julia sah ihren Vater fragend an. „Sollen wir nachsehen?" Der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Kirika hat gesagt, sie wird uns holen, wenn es soweit ist. Es ist noch nicht vorbei!" Das rothaarige Mädchen sah wieder zu Boden und entsicherte dann die Waffe, die sie der blonden Korsin abgenommen hatte. Rhodes fuhr herum. „Julia! Was machst du da mit der Waffe? Bist du verrückt geworden?" Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich werde nicht warten, bis Kirika vielleicht stirbt! Sie," damit wies sie auf Mireille, „opfern sich für uns und wir sind dazu verpflichtet, wenigstens unser Mindestes zu tun!" Damit öffnete Julia die Tür und schlich hinaus auf den Gang. Rhodes fluchte. Es hatte keinen Sinn, einen Streit zu riskieren. Julia würde eh tun, was sie zu tun gedachte und Lärm würde nur auf sie aufmerksam machen. Er sah kurz nach Mireille und folgte dann seiner Tochter.
Es dauerte einen Moment, dann nickte Kirika. „Ich verstehe." Dann – ohne eine Vorwarnung – griff sie an: Mit einer Vorwärtsrolle überquerte sie die Distanz zwischen sich und Raikov und sprang noch im Aufstehen nach Vorne. Ihre Klingenspitze verfehlte die Brust des überraschten Mannes nur um Millimeter, als dieser sich unter einem Aufschrei zur Seite warf und Kirika mit seiner rechten Faust den Knauf seines Messers in den Nacken trieb, so dass die Asiatin aufstöhnte. Allerdings Kirika war zu sehr Profi, um sich von einem Schlag außer Gefecht setzen zu lassen. Noch während Raikov nach ihr trat, rollte sie sich auf den Rücken und ergriff das Bein des Mannes, verdrehte es ruckartig und warf den Mann zu Boden. Dann rappelte sie sich auf und ergriff ihr Messer mit beiden Händen und warf sich auf den benommenen Mann, der noch auf dem Boden lag und gerade dabei war, aufzustehen, um ihm die Klinge in die Brust zu treiben. Doch Raikov reagierte schnell und griff mit seiner freien Hand nach einem Stuhl, der auf dem Boden lag. Mit enormer Kraftanstrengung wuchtete er den Stuhl in die Höhe und schmetterte ihn der im Fallen begriffenen Kirika in die Flanke. Mit einem schrecklichen Krachen wurde Kirika beiseite und gegen die Bürowand geschleudert. Alle Luft war wie weggeblasen und sie schnappte nach Luft.
Julia hörte ihren Vater hinter sich, blickte jedoch nicht zurück. Mit schnellen Schritten sprang sie die Treppe ins erste Stockwerk hinauf. Auf der letzten Stufe hielt sie kurz inne und lauschte. Vom anderen Ende des Ganges her hörte sie den Lärm des tobenden Kampfes. „Kirika!" Hastig rannte das rothaarige Mädchen weiter, die entsicherte Pistole in der Hand. Ging es Kirika gut?
Rhodes vernahm, wie Julia nach Kirika rief und biss sich auf die Lippen. Wenn die Lage nicht so verdammt ernst wäre, hätte man über soviel Dummheit lachen können. Doch was Julia tat, hätte auch eine Bitte auf den Gnadenstoß sein können. Wütend und fluchend folgte er seiner Tochter.
Ihre Augenlider flackerten kurz auf und wieder zu, während Kirika um Luft rang. Nur verschwommen nahm sie den Mann vor sich war, der in aller Seelenruhe seine Maschinenpistole vom Boden aufsammelte und die Waffe auf sie richtete. Nun war es vorbei... Kirika lächelte schwach. „Mireiyu...", flüsterte sie kaum wahrnehmbar. Nun würde es endlich vorbei sein...
Raikov richtete die Waffe auf das Mädchen, das hier vor ihm an der Wand lehnte und dem jeglichen Kräfte genommen schienen. Es war furchtbar, doch um sicher zu gehen, musste auch dieses Kind sterben. Seine Mission durfte nicht scheitern. Jaden wartete auf ihn. Der Finger des Serben legte sich um den Abzug der Waffe. Doch bevor er abdrücken konnte, vernahm er eine Stimme. Eine junge Mädchenstimme. Vielleicht war es doch nicht nötig, dieses halbe Kind hier zu töten. Vielleicht reichte auch ein Opfer aus. Hastig wandte er sich zum Gehen.
Kirika hatte den Ruf Julias ebenfalls vernommen und zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes wurde ihr bewusst, wie sehr sie Angst um Julia gehabt hatte. Noch immer verschwommen nahm sie wahr, wie der Mann sich von ihr abwandte. Und zwar, um Julia zu töten. Krampfhaft versuchte Kirika, aufzustehen. Es musste schnell gehandelt werden, Raikov hatte die Tür beinahe erreicht und Kirika hörte bereits die hämmernden Schritte Julias auf dem Gang. Wenn sie nicht schnell handeln würde, war alles umsonst gewesen. Sie sah, wie Raikov bereits die Waffe hob, darauf wartete, seine tödliche Mission fortzusetzen. Mit einem Mobilisieren ihrer letzten Kräfte stand sie auf, stolperte, fing sich mit den Händen und sprang dem blonden Mann mit einem gewaltigen Satz auf den Rücken. Zorn, Wut, Angst, Schmerz... Alle Emotionen des Kampfes entluden sich und mit der Kraft der Verzweiflung stieß sie dem Hünen das Messer ins Genick. Sie spürte, wie die Klinge Sehnen und Adern durchtrennte, hörte, wie das Rückgrat unter der Wucht des Stoßes zerschmettert wurde und Knochen brachen. Langsam, ja beinahe sanft, verlor der Mann das Gleichgewicht. Sie spürte, wie er sich zu fangen suchte, indem er ein Bein vorschob, das jedoch nicht mehr die nötige Kraft aufbringen konnte; dann schlug der leblose Körper des Mannes der Länge nach auf dem Boden auf. Schnell breitete sich das Blut auf dem Boden aus. Kirika erhob sich aus ihrer gebückten Haltung und besah sich den Leichnam: Das Messer hatte soviel wichtige Fasern und Sehnen durchtrennt, dass sie Raikov beinahe enthauptet hatte. Eine klaffende breite Wunde, aus der mit immer heftigeren Stößen Blut floss, zeugte von der Todesursache. Nach einem kurzen Zucken kam der Körper zur Ruhe. Viktor Raikov war tot.
Rhodes sah, wie seine Tochter den Gang entlang rannte und plötzlich abrupt stoppte. Schnell hatte er Julia eingeholt, folgte ihrem Blick und sah nun ebenfalls in den Raum. Hastig wandte er sich von dem grausigen Bild ab, das sich ihm bot und unterdrückte einen Würgereflex. Mit einem Seitenblick erhaschte er das Gesicht seiner Tochter, die blaß und verängstigt voller Abscheu auf den Leichnam starrte. Dann, soweit er es erkennen konnte, brach etwas in ihr und Tränen traten ihr ins Gesicht.
Endnotiz: Bevor jetzt jemand sagt „Das war zu brutal!" möchte ich anmerken, dass ich es so brutal geschildert habe, um Julias folgende Reaktion auf diese Sache verständlich zu machen. Wie man sich vorstellen kann, is das für Julia sicherlich heftig.
