Disclaimer: Siehe Kapitel 1


Interludium

Kirika lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Seit sie das Gelände der Fabrik verlassen hatten, war kaum ein Wort gesprochen worden. Eigentlich nur das Nötigste. Es war schwer zu sagen, was genau vorgefallen war, doch etwas hatte sich in Julia verändert und Kirika spürte den Ekel des Mädchens, die Abscheu vor ihr, ihrer Tätigkeit. Es ließ sich jedoch nicht mehr ändern, dass ihre Freundin mehr gesehen hatte, als gut für sie war. Und irgendwie war die Japanerin dankbar dafür gewesen, dass Rhodes sich um seine Tochter gekümmert, sie in den Arm genommen hatte. Sie hätte nicht gewusst, wie sie hätte handeln sollen...

War es naiv gewesen, zu glauben, dass Julia nie ihre wahre Natur erkennen würde? Die Asiatin erinnert sich an einen Satz, den sie einmal aufgeschnappt hatte: „Have you ever loved someone who is so beautiful and pure that you are too afraid to show him your own darkness?" Ein bißchen erinnerte sie das Zitat an Julia und sie selbst. Zwar liebte Kirika Julia nicht wie Mireille, doch sie war ihre Freundin. Zudem war Julia unschuldig in diese Sache hineingeraten und Kirika machte sich Vorwürfe, auf die Freundschaft mit dem etwas jüngeren Mädchen überhaupt eingewilligt zu haben. Was, wenn die Sechzehnjährige es nicht verkraften würde können? Und wie kalt und emotionslos musste sie auf Julia gewirkt haben, als sie Raikovs Leichnam durchsucht und die wichtigsten Gegenstände an sich genommen hatte, als sie Julias Vater gesagt hatte, wie weiter vorzugehen war, kurz, als sie einfach so weiter gemacht hatte als sei nichts geschehen? Für einen Menschen, der nie getötet und noch je mit dem Tod direkten Kontakt gehabt hatte, musste die Szene sicher grausam gewirkt haben, doch für sie – und bei diesem Gedanken konnte sie die Abscheu des Mädchens vor ihr verstehen – war Töten leicht. Mit jedem Menschen, den sie umgebracht hatte, war es ihr leichter gefallen. Und die Rechtfertigung, das sie „nur" hatte Handeln müssen, damit es Mireille bald besser ging... Kirika wusste selbst, das es nur die halbe Wahrheit war, denn sie war kaltblütig. Kirika drehte sich um und sah auf den leeren Platz neben ihr auf dem Bett. Er war noch unbenutzt und niemand war außer ihr in dem geräumigen Hotelzimmer. Die Asiatin zwang sich dazu, sich etwas auszuruhen und schloss die Augen. Es hatte keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, ob sie Julia als Freundin verloren hatte: Es würde nur Schmerz mit sich bringen, darüber zu sinnieren, zumal Julia ohne sie deutlich besser dran sein würde. Und doch wusste Kirika irgendwo, das sie sich gerade selbst belog...

Rhodes saß auf einem Stuhl neben der blonden Korsin und fühlte ihren Puls, der schwach, aber stetig schlug. Es war ein Wunder, dass es der verletzten Frau so gut ging, doch er musste zugeben, dass Kirika, gute Arbeit geleistet hatte: Als sie zusammen die Verbände gewechselt hatten, war ihm aufgefallen, wie gut die Wunden aussahen. Sie würden wohl ohne große bleibenden Schäden verheilen, wenn Mireille Ruhe bekam. Dagegen sah Kirikas Schnittwunde, um die er sich gekümmert hatte, nicht so gut aus: Die Messerklinge dieses Raikov hatte zwischen den Brüsten des Mädchens eine tiefe Fleischwunde gerissen, die stark geblutet hatte. Zwar waren keine Organe verletzt worden, doch eine tiefe Narbe würde wohl bleiben. Zudem schienen mehrere Rippen des Mädchens geprellt oder sogar angebrochen zu sein. Rhodes hatte die Entscheidung des Mädchens, sich auszuruhen, nachvollziehen können. Ähnlich wie Mireille würde ihr die Rast hier gut tun. Und auch für Julia, und Rhodes sah dabei in Richtung des Badezimmers, würde die Gelegenheit, einmal den Kopf freizubekommen, nötig sein. Sie hatte viel gesehen und erlebt. Dinge, die er ihr eigentllich gerne erspart hätte.Der schwarzhaarige Mann erhob sich und ging zum Fenster. Geistesabwesend blickte er auf die Dorfstraße, die mit Backsteinpflaster belegt war. Überhaupt wirkte auch dieses kleine Dorf irgendwie mittelalterlich mit all den engen Gäßchen und den niedrigen Häusern. Sogar die Dorfkirche war klein. Und sie hatten Glück gehabt, dass es hier überhaupt so etwas wie ein Gasthaus gab, das Zimmer vermietete. Nach dem langen Marsch, den Kirika ihnen aufgezwungen hatte, war ihm das Zimmer mit seinem Schlafplatz beinahe wie das Paradies vorgekommen. Überhaupt hatte Kirika alles selbst in die Wege geleitet, hatte einen kühlen Kopf bewahrt und sie zu Fuß durch einen Wald zu diesem Dorf geführt. Und Rhodes musste Kirika im Nachhinein Recht geben: Sie hatten das Fabrikgelände verlassen müssen, wollten sie nicht weiter auf dem Präsentierteller stehen... Mireille war während des 'Spaziergangs' wieder zu sich gekommen und hatte versucht, selbst zu laufen, doch Kirika hatte es ihr verboten und er und die Asiatin hatten sich abgewechselt, die Frau zu stützen. Und nun schlief die Korsin tief und fest. Im Schlaf, dachte sich Rhodes, sah sie beinahe aus wie ein Engel. Und nicht wie ein Todesengel, sondern wie ein makelloses, astrales Wesen. Nun, es mochte auch daran liegen, dass Mireille im Moment besonders blaß war. Der Weg hierher war lang gewesen, gute sieben Kilometer. Gott sei Dank hatte Mireille ihre Kräfte zusammen genommen und hatte sich unter großen Anstrengungen auf den Beinen gehalten, als er an der Rezeption die zwei Zimmer für sich und „ihre Töchter" verlangt hatte. Ihre Maskerade – Darstellen einer Familie – hatte auch diesmal geklappt, wenn auch Mireille sehr angeschlagen gewesen war.
Langsam wurde auch er müde und da Mireille fest schlief, entschied er sich dafür, ebenfalls ein Nickerchen zu machen. Er drehte den Kopf zum Bad, aus dem nun das Rauschen der Dusche zu vernehmen war. „Julia, ich leg mich etwas hin. Wenn du wieder rauskommst, sei leise, ja?" – „Ist gut, Papa."

Julia hatte geduscht und war gerade dabei, sich abzutrocknen. Sie war müde und erschöpft. Der Weg hierher war anstrengend gewesen. Langsam fuhr sie sich durchs Haar und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Gott, sah sie müde aus. Aber sie wollte nicht schlafen gehen, nicht Kirika gegenüber treten müssen und schon gar nicht neben ihr schlafen. Julia wollte es sich nicht eingestehen, doch insgeheim hatte sie etwas Angst vor Kirika. Sie fühlte sich als Verräterin und Verratene zugleich. Einerseits empfand sie Abscheu vor der Freundin, auf der anderen Seite hatte Kirika auch ihre liebevollen Seiten, hatte sich rührend um Mireille und sie gekümmert. Wie konnte die Freundin nur so sein, etwas so Schreckliches tun und auf der anderen Seite ein „guter Mensch" sein? Und war sie glücklich dabei? Julia schüttelte unwillig die Gedanken ab und warf das Handtuch achtlos über den Rand der Badewanne. Mit raschen Griffen zog sie sich ihren den Slip an und schlüpfte in einen der hauseigenen Bademäntel. Die Berührung des weichen Stoffes war angenehm, viel sanfter als die Berührungen der letzten Tage, die allesamt sehr rauh und von Stress und Hektik gekennzeichnet gewesen waren. Vielleicht vom Kuss abgesehen, den sie Kirika gegeben und den die Asiatin erwidert hatte. Julia wurde rot, als sie daran dachte und fühlte sich mit einem Mal unwohl in ihrer Haut. Warum war der Gedanke an den Kuss so reizvoll? Kirika war schon liiert und zudem war sie kalt und gefühllos, tötete für Geld. Julia konnte nicht verstehen, wie ein Mensch für Geld morden konnte. Und trotzdem fühlte sie sich zu Kirika hingezogen. Es stand immerhin außer Frage, das der Mord an diesem Raikov ihr das Leben gerettet hatte. Leise öffnete sie die Tür zum Schlafzimmer und ging auf Zehenspitzen zur Zimmertür. Ihr Vater lag – noch in Kleidung – auf der Bettdecke und schlief. Die verletzte Korsin lag neben ihm. Julia hielt einen Moment inne und betrachtete das Bild. Es war eine Ewigkeit hergewesen, dass ihre Mutter und ihr Vater so nebeneinander gelegen hatten... Julia lächelte und ging die letzten Schritte zur Tür. Sie trat aus dem Zimmer und schloss die Holztür hinter sich, ging rasch über den dunklen, schlecht ausgeleuchteten Gang und betrat das Zimmer schräg gegenüber. So vorsichtig wie möglich schloss Julia die Tür hinter sich und wandte sich anschließend um.

Kirika hatte das Geräusch gehört und war sofort hellwach gewesen. Jemand hatte versucht, die Tür zu öffnen! Es war zwar anzunehmen, dass es sich um Julia handelte, die aus dem Zimmer ihres Vaters zurückkehrte, aber ein Risiko wollte die Asiatin nicht eingehen. Rasch zog sie ihre Pistole unter ihren Klamotten hervor, die auf dem Boden neben dem Bett lagen und zielte in Richtung Tür. Als sie Julia erkannte, die – als sie die auf sie gerichtete Waffe sah – rückwärts gegen die Tür prallte und sie panisch ansah, lächelte Kirika schwach und ließ den Arm sinken.

Julia fing sich rasch wieder ein und fauchte Kirika an. In ihrem Schreck deutete sie Kirikas Lächeln falsch und vergriff sich dabei im Ton, was die Antwort harscher als beabsichtigt klingen ließ: „Findest du das witzig!?" Sie sah, wie die Killerin den Arm sinken ließ und ihr Lächeln verschwand und es einem traurigen Gesichtsausdruck wich. „Tut mir Leid, Julia. Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber ich wollte auch kein Risiko eingehen." Julia wich den roten Augen aus, die sie durchdringend ansahen und ließ sich aufs Bett fallen. Sarkastisch erwiderte sie: „Das hab ich gesehen, als du den Mann geköpft hast." Kirika ließ die Waffe verschwinden und setzte sich aufs Bett, schob sich ein Kissen hinter den Rücken und lehnte sich an die Wand. „Julia, ich..." Kirika griff nach Hand des Mädchens, die neben ihr lag, doch die Rothaarige entzog sich ihrem Zugriff und wandte sich von ihr ab. Die Asiatin spürte, das es im Moment vergeblich sein würde, mit dem Mädchen reden zu wollen. Sie legte sich ebenfalls hin und blickte auf den Rücken ihrer Freundin. Sanft berührte sie sie an der Schulter. „Julia, wenn du das verdaut hast, dann sag es mir. Ich würde gerne mit dir reden, mich aussprechen. Okay?" Ein unwirsches Nicken war die kurze, unbefriedigende Antort.

Kirika lag wieder auf dem Bett und starrte an die Decke. ‚Verdammt!', dachte sie bei sich. Wahrscheinlich brauchte Julia einfach Zeit. Kirika hoffte das zumindest. Hoffentlich belog sie sich nicht schon wieder selbst...