Disclaimer: Siehe Kapitel 1


Kapitel 14: Metus Juliae

Jaden sah, wie sich das Gitter vor ihm öffnete und er betrat langsam und vorsichtig den Kampfplatz. Dieser war ovalförmig von einer Sandsteinmauer umringt, die steil in die Höhe ging. Weiter oben konnte er die Umrisse der Zuschauer erkennen, die im abgedunkelten Restaurant saßen und sich die Kämpfe ansahen, die in der hell erleuchteten Arena stattfanden. Er hörte ihr Johlen und ihre Zurufe, doch ließ diese Nebengeräusche an sich abperlen. Kurz schloss der Junge die Augen und sammelte seine geistigen Kräfte, dann nahm er das Schlachtfeld in den Blick. Durch sein Helmvisier hatte er nur eingeschränkte Sicht, doch das Gitter vor seinem Gesicht boten auch einen gewissen Schutz gegen Schläge gegen den Kopf. Vor ihm, am anderen Ende der Arena in etwa 20 Metern Entfernung, stand ein weiterer Jugendlicher. Nach Körpergröße und Statur zu urteilen, handelte es sich dabei um Laurent, einen Neuankömmling. Jaden war sich zwar nicht sicher, da das Gesicht des Kämpfers ebenfalls hinter einem Helm verborgen war, doch er war sich ziemlich sicher, den Jungen vor sich zu haben, der heute morgen seine „Ausbildung" beendet hatte. Was für ein armer Teufel... Kaum die harte Ausbildung durchgestanden und schon in die Arena... Dabei war der Junge gerade mal 14 Jahre alt und von schmächtiger Statur. Doch von dem, was Jaden gehört hatte, war Laurent schnell und wendig. Das würde ein interessanter Kampf werden. Langsam begannen die beiden Jungen sich zu umkreisen, jeder mit einem gezückten Gladius, dem römischen Kurzschwert, und einem kleinen Bucklerschild gerüstet. Ihre Oberkörper und Beine waren ungeschützt, neben dem kleinen Lendenschurz trugen sie keine Kleidung. Plötzlich setzte der kleinere Junge zu einem Angriff an, doch Jaden hatte inzwischen Erfahrung gesammelt und war in der Arena zu einem der besten Gladiatoren herangewachsen. In den drei Jahren war er stärker und schneller geworden, hatte trainiert. So gelang es ihm mit Leichtigkeit, dem Schlag auszuweichen und seinerseits einen Hieb anzubringen. Jaden sah, wie seine Klinge eine tiefe Scharte in den Schild schlug, den der Junge in letzter Sekunde hochgezogen hatte. Es folgte ein kleiner Schlagabtausch, den Jaden jedoch nur führte, um die Kampfart des Gegners zu erkunden. Laurent war gut und seine Hiebe kamen schnell und kräftig, doch der Altersunterschied war zu groß und Jaden wusste, das Laurent keine Chance haben dürfte, sollte er ernst machen. Mit einem raschen Ausfall brachte er die Verteidigung seines Gegners aus dem Gleichgewicht, so dass Laurent ins Stolpern geriet und die Deckung völlig aufbrach. Jaden riss seinen Schildarm nach vorne und trieb dem wehrlosen Jungen den Buckler ins Gesicht. Etwas benommen von dem Schlag fiel der Junge zu Boden und Jaden trat ihm gegen den Helm, der Laurent vom Kopf rutschte. Jaden ging einige Schritte rückwärts und ließ dem Jungen Zeit, sich wieder aufzurappeln. Dieser wischte sich mit der Schwerthand übers Gesicht und spukte etwas Blut aus. „Gute Idee, Jaden." Der Angesprochene grinste leicht. Der Neue hatte Mut und Witz, dass musste man ihm lassen. Dann sprang Jaden auf Laurent zu und stieß mit dem Schwert zu, das jedoch nur auf das Metall des Schildes prallte. Rasch zog Jaden sein eigenes Schild hoch und parierte die Gegenschläge, die nun auf ihn niederprasselten. Schließlich ebbten die Angriffe ab und Jaden lockerte seine Deckung leicht, um den Gegner ins Blickfeld zu bekommen. Laurent schwitzte und schien langsam müde zu werden. Es war an der Zeit, dies zu Ende zu bringen. In den vier Jahren hier in der Arena war Jaden gereift und hatte gelernt, zum richtigen Zeitpunkt Skrupel auszuschalten. Mit zwei großen Schritten war er bei Laurent und führte sein Schwert von oben herab auf den Kopf des Jungen zu, der ebenfalls das Schwert nach oben riss, um den Schlag zu parieren. Darauf hatte Jaden gewartet: Noch im Schwung des Laufens begriffen, trieb er dem kleineren Jungen den Fuß in die Brust. Laurent wurde nach hinten geschleudert und blieb am Boden liegen. Sein Schwert hatte er verloren und beim Aufprall hatte sich die Schildhand so unglücklich im Schild verfangen, dass sein Arm gebrochen war und in unnatürlichem Winkel vom Körper weg wies. Japsend versuchte der Junge, Luft zu bekommen und Jaden vermutete, dass er ihn genau ins Solar Plexus getroffen hatte. Langsam schritt er auf den Jungen zu, trat sein Schwert beiseite und hielt ihm sein eigenes gegen die Kehle. Abwartend schaute er nach oben zu den Zuschauern. Rufe wurden laut. „Töte ihn!" – „Mach ihn kalt!" – „Schlitz ihn auf!" Jaden sah sich um, ließ den Blick in den Reihen der Zuschauer wandern. Schließlich blieb er auf einer Art Loge haften. Dort, aus dem Dunkel des Raumes, hob sich langsam ein Arm. Der Daumen zeigte nach unten. Jaden seufzte innerlich. Laurent hatte Potential gehabt und doch war sein erster Kampf zugleich sein letzter. Jaden hob sein Schwert, ergriff es mit beiden Händen und ließ es nach unten krachen. Er spürte, wie das Schwert in den Rücken des Jungen eindrang und das Herz durchstieß. Der Junge zuckte kurz, dann wurde der Körper still. Jaden zog sein Schwert heraus, begleitet von einem Blutschwall. Das letzte Aufstöhnen Laurents ging im Jubel der Zuschauer unter...

Mireille öffnete die Augen und blinzelte. Die Sonne schien hell durch das offene Fenster und die Morgenluft war angenehm kühl. Als sie sich an den Lichteinfall gewöhnt hatte, sah sie sich im Zimmer um. Neben ihrem Bett saß Julia und sah sie ruhig an. „Guten Morgen, Julia." Mireille hustete und bäumte sich auf. Das Reden viel ihr noch schwer und sie spürte, dass die Verletzungen noch lange Zeit brauchen würden. Julia erhob sich wortlos und drückte Mireille zurück in die Kissen. Als sie sich zurück ziehen wollte, ließ die Korsin ihre Hand an der Wange des Mädchens ruhen und berührte sie zärtlich. Zuerst zuckte das Mädchen zurück, duldete dann jedoch die Berührung. Mireille sah sie fragend an. „Was ist, Julia?" Das rothaarige Mädchen wich ihrem Blick aus, doch Mireille wusste schon, was los war. „Ist es wegen Kirika?" Julia nickte. Mireille schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, ergriff sie die beiden Hände des soviel jüngeren Mädchens und zog sie an sich.

Rhodes saß über den Laptop gebeugt und brütete über den Daten, die ihm zur Verfügung standen. Kirika und er hatten sich über den PDA des Killers hergemacht, den Kirika getötet hatte und versuchten, alle verwertbaren Informationen zusammenzustellen. Doch im Grunde waren nur zwei Namen zu finden gewesen: Mark Anton, ein Codename für diesen Raikov, und Octavian, der Codename für den Auftraggeber. Und sie hatten über die Aufzeichnungen zurückverfolgen können, wie Raikov sie gefunden hatte. Rhodes hatte daraufhin sein Handy sofort abgestellt. Allerdings wussten sie immer noch nicht, wie nun fortzufahren war. Octavian war ein Anhaltspunkt, jedoch nicht viel mehr. Kirika hatte auch im Internet recherchiert, doch war zu keinem weiteren Ergebnis gekommen. Rhodes lehnte sich zurück und nippte an seinem Kaffee, den er sich bestellt hatte. Er sah sich in der kleinen Gaststube um, dann wandte er sich an Kirika: „Hey, bist du irgendwie weiter gekommen?" Die Asiatin blickte kurz auf und sah ihn an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, aber ich bin noch im Internet am Recherchieren. Vielleicht finden wir ja auch was in die Richtung von Marceau. Ich weiß zum Beispiel, das die Mutter von Marceau solch abartige Kinderkämpfe in antikem Setting veranstaltet hat. Antike – Rom – Octavian; vielleicht ist das eine Spur?" Kirika sah fragend auf und Rhodes nickte. „Ja, könnte sein. Bleib da mal dran, würde ich sagen. Ich versuche, mal etwas über diesen Raikov zu erfahren..."

Julia spürte den Atem der Korsin an ihrem Ohr und fühlte den warmen Körper unter der Decke. Sie war so überrascht gewesen, dass sie nicht einmal versucht hatte, der Umarmung der blonden Frau zu widerstehen und nun lag sie neben der Korsin, die sie eng umschlungen hielt. „Mi-Mireille!" Julia versuchte, sich aus der Umarmung zu lösen, doch etwas hielt sie zurück. Schicksalsergeben fügte sie sich schließlich und ließ den Kopf auf das Kissen sinken, so dass sie der Korsin direkt ins Gesicht sah, als diese ihr den Kopf zuwandte. „Warum?" Mireille lächelte schwach. Leise, beinahe flüsternd, gab sie Antwort.

Jaden sah auf und blickte dem Aufseher ins Gesicht, der den Kopf zur Zellentür hineinstreckte. „Octavian will mich sehen?" Der Wächter nickte. „Ja, heute abend um 22 Uhr. Wasch dich vorher, verstanden?" Jaden nickte. Er musste zugeben, dass ihn diese Nachricht verwirrt hatte. War der Kampf gestern abend der Grund dafür gewesen? Oder hatte ihn sein Vater endlich freibekommen? Der Junge stand von der Holzpritsche auf und ging zum Fenster. Ein kurzer Blick in den Himmel sagte ihm, dass es etwa Mittagszeit war. Bald würde es etwas zu essen geben. Hoffentlich würde es sein letztes Essen hier sein, hoffentlich hatte sein Vater es geschaftt...