Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Ich weiß, das es verdammt kurz ist. Aber ich bin am Anfang meines Studiums, also sehts mir nach, ja? ;)
Kapitel 15: Peregrinatio In Praeteritum (1)
Julia war der älteren Frau so nah wie noch nie zuvor und die blauen Augen der Korsin schienen in sie zu dringen. Sie versuchte, Mireilles Blick auszuweichen, doch die Korsin hatte eine Hand an ihre Wange geführt und hielt ihren Kopf so, das sie sich ansahen. Nach einigen Augenblicken ergriff die blonde Frau das Wort. „Warum ich dich zu mir gezogen habe?" Mireille strich Julia eine Strähne aus dem Gesicht und fuhr schließlich mit der Hand hinter Julias Nacken und zog den Kopf des Mädchens zu sich heran, so dass er an ihrer Schulter zum Liegen kam. „Weißt du, Julia..."
Die Korsin stoppte, dachte einen Moment lang nach und setzte dann neu an: „Nein, lass mich anders beginnen: Du erinnerst dich sicher an unsere Flucht aus Paris? Während der langen Fahrt haben wir uns unterhalten und du hast mich irgendwann nach persönlichen Dingen gefragt, wolltest Freundschaft schließen. Du sagtest, du könntest mich respektieren, könntest nachvollziehen, was wir tun. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich denke, du wusstest nicht, wovon du sprichst. Und jetzt beginnst du langsam zu verstehen, in was für einer Welt Kirika und ich leben; Du weißt nun, warum ich es dir nicht sagen konnte, nicht sagen wollte: Sowohl Kirika als auch ich wollten nicht, das du unsere Welt kennenlernst. Zum einen natürlich, weil Mitwisserschaft immer auch Gefahr bedeutet, zum anderen, weil wir nicht wollten, dass sich dir diese Bilder einbrennen werden. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Bilder sind mächtig, und Schreckliches wird dich nie wieder loslassen. Töten... ist eine grausame Sache. Oft wird es in Filmen oder Medien verherrlicht. Aber ansich ist es das Auslöschen eines Lebens. Und nichts daran ist löblich, auch wenn es die „Richtigen" erwischt."
Das Mädchen sah der blonden Frau trotzig in die Augen und bemerkte, wie der Blick der Korsin wehtat. Ohne zu überlegen setzte Julia nach: „Warum tötest du dann? Es zwingt dich doch niemand!" Mireille lachte kurz, doch ihr freudloses Lachen wurde erstickt von einem Hustenanfall. Als sie sich gefangen hatte, nahm sie den Faden wieder auf. „Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte, ein bißchen auch Kirikas Geschichte. Dann wirst du hoffentlich verstehen... und wirklich nachvollziehen können, warum wir so... leben." Julia verzog das Gesicht zu einer abwertenden Grimasse, doch Mireille beachtete sie längst nicht mehr. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf zur Decke gewandt. Langsam, ja beinahe bedächtig legte sie sich ihre Worte im Geiste zurecht, so, als ob sie sich nicht sicher war, ob es richtig sei, dem Mädchen diese Bürde mit auf den Weg zu geben. Das Mädchen hatte viel erlebt, gesehen. Dinge, vor denen Mireille sie wirklich nur zu gern beschützt hätte. Sie mochte Julia, doch sie fürchtete sich vor den Konsequenzen dieser Zuneigung. Freundschaft erforderte großes Vertrauen und das war etwas, wovor Mireille sich immer gefürchtet hatte: Bindungen. Freundschaft war nichts anderes als eine emotionale Bindung und Bindungen würden immer Zwänge mit sich bringen. War es richtig, dem Mädchen die Hand zur Freundschaft zu reichen? Den ersten Schritt hatte sie bereits auf der Autofahrt getan, doch konnte sie es verkraften, diesen letzten Schritt zu tun? Mireille hoffte, dass – wenn sie sich dem rothaarigen Mädchen öffnete – Julia verstehen würde, wie ernst es ihr war. Sie hoffte, das Julia verstehen würde, was für ein Opfer es für sie bedeutete, ihre Vergangenheit vor einem Fremden zu offenbaren und das dies der größte Vertrauensbeweis war, den sie erbringen konnte. Sie hatte das bis jetzt nur einmal getan, und das war vor Kirika gewesen. Hoffentlich würde Julia verstehen und diese Geste zu schätzen wissen... „Julia," Mireille spürte, wie das Mädchen erschrocken zusammenzuckte, als sie nach längerer Zeit der Stille das Gespräch wieder aufnahm, „willst du dich mit mir auf eine Pilgerreiset in die Vergangenheit begeben?" Mireille drehte ihren Kopf dem Mädchen zu und öffnete die Augen.
Julia spürte den Blick der Korsin auf sich ruhen. Doch nun war er nicht mehr so durchdringend, sondern eher weich, ja beinahe bittend. Das rothaarige Mädchen zögerte einen Moment. Bis eben hatte sie nur Ablehnung in sich gespürt, ja beinahe Hass. Doch nun spürte sie, wie ernst es der Korsin war und sie erinnerte sich an die Situation der Autofahrt, als Mireille sie abgewiesen hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit der blonden Frau und dem japanischen Mädchen befreundet hatte sein wollen. Doch nun schien die Korsin bereit zu sein, die ganze Wahrheit zu erzählen. Bilder kamen ihr in den Sinn. Bilder, wie Kirika sie angelächelt hatte, wie sie am Strand gelegen hatten. Und dann plötzlich das Bild, wie Kirika blutüberströmt vor ihr gestanden war und sie aus leblosen Augen angestarrt hatte. Und diese Augen... Nicht das Blut und nicht den Toten, sondern diese Augen würde sie nie vergessen; diese leblosen und doch so gefühlvollen Augen, die nichts als Kälte und zugleich grenzenloser Trauer ausgestrahlt hatten... Was war die Wahrheit? Kälte oder Emotionalität, Härte oder Verletzlichkeit? Was war die Wahrheit?
Julia nickte. „Ich will es versuchen... Mireille."
Endnotiz: Selbst ohne Lateinkenntnisse wird jeder Noir-Fan sich auch mit seinen Deutschkenntnissen den Titel übersetzen können. Immerhin ist es ein elementarer Satz aus der Serie XD.
