Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Kapitel 16: Peregrinatio In Praeteritum (2)
Julia wartete gespannt darauf, das Mireille ihre Erzählung beginnen würde, doch die Korsin schien erst noch Kräfte sammeln zu müssen und atmete mehrmals tief ein und aus. Schließlich, nachdem ein paar Minuten in völligem Schweigen vorübergegangen waren, öffnete die blonde Frau den Mund.
„Warst du jemals auf Korsika, Julia?" Mireilles Stimme war kaum mehr als ein Flüstern gewesen und Julia spürte, dass es Mireille nahe ging, ihre Vergangenheit erneut aufleben zu lassen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte und schüttelte daher nur verneinend den Kopf. Ein kleines, sanftes Lächeln umspielte Mireilles Mundwinkel. „Korsika... Eine wunderbare Insel. Die Landschaft dort ist auch heute noch wild und von Bäumen bewuchert. Dort kann man sich noch frei von Zwängen fühlen... Zumindest außerhalb der Zentren. Ich bin damals auf dem Anwesen meiner Eltern aufgewachsen, das nahe Ajaccio an der Küste lag. Fernab von allem habe ich dort die glücklichsten Tage meines Lebens verbracht..."
Mireille setzte ab und schloss die Augen. Beinahe wirkte es so, als ob die Ereignisse vor ihrem inneren Auge erneut abliefen: Sie hörte Schüsse, sah sich wie in Zeitlupe ins Anwesen rennen, die Klinke drücken, sah, wie die Eltern in ihrem Blut lagen, das sich immer schneller unter ihnen ausbreitete... Und Mireille hörte die vertraute Melodie nach einer Komposition von Tschaikowski, vernahm die Melodie, die ihr Schicksal seit diesem Tag bestimmt hatte, die sie einst mit Kirika zusammengeführt hatte. Sie schluckte die Tränen herunter und würgte. Ein Schluchzen drang in ihr hoch. Selbst als sie mit Kirika über die Vergangenheit geredet hatte, war es leichter gewesen, sich zu beherrschen, ihre Kräfte darauf zu konzentrieren, stark zu bleiben. Doch hier, nach all der Zeit, konnte sie nicht mehr und fühlte sich mit einem Mal unheimlich schwach. Mireille wollte sich von Julia abwenden, allein sein und niemanden Zeuge ihrer Schwäche werden lassen. Was würde Kirika von ihr denken, wenn sie davon erfuhr? Würde sie sich erneut Vorwürfe deswegen machen, Mireilles Eltern getötet zu haben? Mireille versuchte wieder, die sich anbahnenden Tränen herunterzuschlucken und zog die Nase hoch, verschluckte sich und fing an zu husten. Als ihr von den Hustenattacken gebeutelter Körper wieder zur Ruhe kam, spürte sie Julias Hand auf der ihren und sah, wie das Mädchen ihr mit der anderen Hand ein Taschentuch hinhielt. Dankbar nahm sie es an und schneuzte sich kräftig. „Danke, Julia." Mireille wurde rot. „Eigentlich hatte ich nicht vor, dass du mich so siehst..." Ein schwaches Grinsen huschte über das fahle Gesicht der Korsin, doch Julia sah sie mit einem Blick an, bei dem Mireille nicht sagen konnte, ob es Mitleid oder Erstaunen. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. „Es tut mir Leid, Julia. Ich werde versuchen, mich von nun an zu beherrschen und dir die Geschichte zu erzählen." Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ihre Stimme war belegt und Mireille hörte die Verlegenheit heraus: „Mireille, ich... ich wollte nicht, das... ich hatte nicht vor, dich dadurch zu verletzen. Wir können das auch gerne verschieben... oder ganz lassen..." Mireille wischte den Vorschlag mit einer raschen Handbewegung beiseite. „Jetzt habe ich angefangen, jetzt führe ich das auch zu Ende! Ich hasse es, Dinge unerledigt zu lassen..." Julia lächelte. „Ja, das kann ich verstehen." Die blonde Frau dachte wieder für einige Momente nach, während sie das Mädchen vor sich betrachtete. Im Grunde konnte sie ihr nicht alles erzählen. Auch wenn sie den Soldats einen entscheidenden Schlag versetzt hatten, waren sie immer noch da und spannen im Unsichtbaren ihr Ränkespiel weiter. Für Julia würde diese Information nur Gefahr und Sorgen mit sich bringen und Noir noch weiter gefährden als dieser Vertrauensbeweis es ohnehin schon tat. Warum überhaupt vertraute sie Julia? Früher hätte sie angesichts solcher „Schwäche" gelacht und diesen Gedanken achtlos beiseite geschoben. Doch nun... Die letzten Jahre hatten sie verändert. Die Zeit mit Kirika hatte sie verändert. Und vor allem die Zeit der Abwesenheit von der Bildfläche der Soldats. Zum ersten Mal war sie seit dem Beginn ihrer Zeit als Killerin fast frei von Sorgen gewesen und hatte sich ganz einem anderen Leben widmen können. Hätte Kirika nicht per Zufall bei ihren Recherchen den Hinweis auf Rhodes gefunden... Sie wäre nicht wieder zurückgekehrt. „Mireille, ist etwas?" Und konnten sie es sich überhaupt leisten, Vertrauen zu „Außenstehenden" zu fassen? Oder sollte die Frage nicht lieber so lauten: Sollten Außenstehende überhaupt mit ihrer Sache in Kontakt geraten? Die Antwort lautete nein, und Mireille wusste das. Doch Julia war schon in der Sache drin gewesen, bevor sie auch nur die Bekanntschaft mit Kirika und ihr gemacht hatte. Und war sie nicht der Grund, warum Rhodes' Familie ins Schussfeld geraten war? Ohne die Bekanntschaft zu Noir hätte Raphael niemals Marceau überführen können und alles wäre „gut" gewesen... „Mireille!" Die Korsin schrak auf, als Julia schon beinahe mit erhobener Stimme ihren Namen rief. „Oh, tut mir Leid, Julia. Ich war in Gedanken..." ‚Verdammt!', dachte sich die ältere Frau. ‚Was tun, was tun?'
Julia spürte, wie die Frau ihr gegenüber mit sich zu kämpfen hatte und sie wusste, das Mireille ihr ihre Gedanken nicht nur aus eigennützigen Gründen vorenthielt. Julia war sich sicher, das sie Mireille vertrauen würde können, soviel hatte sie gespürt – schon damals auf der Autofahrt. Daher war es nicht nötig, das sie die ältere Frau so sehr in Bedrängnis brachte. „Mireille, beantworte mir nur eine... nein, zwei Fragen. Du willst mir die Geschichte nicht erzählen, weil du mich nicht weiter in Gefahr bringen willst oder weil du willst, das ich noch zurück kann, richtig?" Julia beobachtete die Reaktion der Killerin. Mireille öffnete den Mund, wollte sprechen, brachte jedoch keinen Ton hervor. Dann nickte die Korsin. Julia lächelte kurz und fuhr dann fort: „Und der Grund, warum du diese... Tätigkeit ausübst... Bist du wirklich dazu gezwungen worden, das zu tun? Und warum hörst du nicht einfach auf?" Die blonde Frau setzte sich auf und sah Julia, die auf dem Bettrand gesessen hatte, seit sie Mireille das Taschentuch angeboten hatte, an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich bin nicht dazu gezwungen worden. Gezwungen wirst du im Leben zu gar nichts..." Mireille stockte. Wieder war sie an dem Punkt, wo Julia entweder zuviel oder gar nichts erfahren würde. Was konnte sie dem Mädchen zumuten? Mireille musterte Julia kurz und entschloss sich dazu, einfach ihrer Intuition zu vertrauen: „Ich... Ich glaube, ich war um die 8 Jahre alt, als meine Eltern... ermordert wurden. Aus Rach- und Wissensdurst bin ich in diese Branche gegangen, um die Hintergründe und die Wahrheit herauszufinden. Und ich habe zu spät erkannt, dass, wenn man einmal im Sumpf feststeckt, nur schwerlich wieder herauskommt. Meistens nie..." Mireille bemerkte, wie die Augen Julias sich kurz weiteten, konnte jedoch nicht deuten, ob es Schock oder Reue war, was sie in ihnen las. Julia schien etwas sagen zu wollen, doch Mireille hob den Finger und legte ihn dem Mädchen über den Mund. „Shhh... Du musst nichts sagen, dich nicht entschuldigen. Was ich tue, ist trotz aller Erklräungen unentschuldbar. Das war keine Rechtfertigung, sondern nur eine Erklärung, um deine Frage zu beantworten. Nicht mehr, nicht weniger." Julia ließ den Kopf sinken und nickte fast unmerklich. Mireille legte die Hände auf die Schultern des Mädchens. „Julia, ich... Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich versucht habe, mich dir zu „offenbaren"... Ich weiß es bei bestem Willen nicht. Aber bevor ich mich jetzt wieder ausruhe, möchte ich dich um eine Sache bitten: Wenn du mir schon nicht vergeben kannst, versuche, zu vergessen, wer oder was Kirika ist. Verachte sie nicht, sondern bleib ihre Freundin. Nur darum möchte ich dich bitten... Vergiss die Umstände, sondern akzeptiere Kirika. Ich bitte dich..."
