Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Kapitel 17: Venia
Nachdem Julia den Raum verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, fühlte sie sich wie leer. Ihr Zorn, ihre Enttäuschung über Kirikas und Mireilles Tätigkeit waren zwar noch irgendwo tief in ihr vorhanden, doch all ihre Emotionen waren wie betäubt. Mireille war sehr offen zu ihr gewesen und wenn sie es gewollt hätte, hätte die blonde Killerin ihr alles erzählt. Oder zumindest den Teil der Geschichte, der für sie wichtig und von Bedeutung war. Aber hatte die Korsin das nicht bereits getan? Hatte sie durch diese Erzählung nicht bereits alles Wesentliche für eine Vertrauensbasis geschaffen? Julia war sich nicht sicher, wie sie all diese Informationen bewerten sollte, die sie gerade erhalten hatte, eins war jedoch klar: Mireille übte diese Tätigkeit nicht zum Spaß aus und Julia erinnerte sich an das Gespräch mit Kirika am Strand, in dem die Japanerin erzählt hatte, dass sie ihre Vergangenheit selbst nicht genau kannte. Vielleicht war es auch bei ihr ein ganz ähnlicher Grund gewesen, der sie dazu bewogen hatte, als Mörderin tätig zu werden: Die Suche nach der eigenen Identität oder zumindest einem Teil der Wahrheit. Ein bißchen bereute sie ihr hartes Verhalten Kirika gegenüber. Doch trotz allem waren die beiden Mörderinnen. Mireille hatte es selbst gesagt: Niemand hatte sie dazu gezwungen. Es war nur eine Erklärung, keine Entschuldigung gewesen, die die Korsin vorgebracht hatte. Auf der anderen Seite verdankte sie den Beiden ihr Leben und das Leben ihres Vaters. Julia seufzte. Das alles war so sehr kompliziert und Julia fühlte sich nicht im Stande, noch weiter darüber nachzudenken. Vielleicht sollte sie erst einmal einen Kaffee trinken, um ihre Gedanken in Ruhe ordnen zu können...
Aus den Augenwinkeln sah Kirika, wie Julia die Treppe ins Foyer des Gasthauses herunterkam und dann den Gästeraum betrat. Kirika blickte kurz zu ihr hinüber und wandte sich dann rasch wieder ab. Sicherlich würde sie nur weitere harsche Blicke ernten. Also wandte sie sich wieder dem Bildschirm vor ihr zu. Ihre Arbeit hatte noch keine Früchte abgeworfen und Mireilles kluge Rechercheideen fehlten gerade jetzt. Auch Raphael war in seine Arbeit vertieft und so bemerkten beide zuerst nicht, das Julia sich mit einer Tasse Kaffee zu ihnen gesetzt hatte. Erst, als sich das rothaarige Mädchen räusperte, sahen beide auf und lächelten sie kurz an. Julia war die Szene etwas unangenehm und sie versuchte, schnell auf ein anderes Thema zu lenken. „Habt ihr etwas herausgefunden?" Rhodes schüttelte den Kopf. „Bis jetzt nicht. Aber wir sind noch dran..." Julia nickte und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. Die Wärme des Kaffees tat gut und das Koffein nahm die Schläfrigkeit von ihr, die sie befallen hatte. Schließlich, als sie die Tasse geleert hatte, stand sie auf. „Ich werde einen kleinen Spaziergang machen. Oder kann uns hier jemand finden?" Abwartend sah sie ihren Vater an, der den Kopf schüttelte. „Nicht mehr als irgendwo anders auch. Bleib aber nicht zu lange weg und meide die Hauptverkehrswege, okay?" Das Mädchen nickte und ging dann zum Ausgang. Auf der Schwelle blieb sie stehen und sah zurück auf den Tisch, an dem ihr Vater und ihre Freundin saßen. Ihr Blick traf den von Kirika, doch die Japanerin sah sofort weg. Julia wandte sie sich um und verließ den Gasthof.
Als seine Tochter den Raum verlassen hatte, wandte sich Rhodes an Kirika, die wieder in ihre Arbeit vertieft war und auf Rhodes Anrede hin etwas durcheinander aufsah. „Willst du ihr nicht folgen?" Die Japanerin sah den schwarzhaarigen Mann kurz an und senkte dann den Blick. „Nein." Raphael lächelte das Mädchen an, auch wenn sie es nicht mehr sehen konnte. „Ich denke, du solltest gehen. Außerdem wird dich der Spaziergang auf andere Gedanken bringen, so dass du danach besser arbeiten wirst können." Kirika sah auf und Rhodes ins Gesicht. Schweigend versuchte sie zu ergründen, warum der Mann so sehr darauf drängte. Julia hatte sie schlecht behandelt und auch wenn Kirika rein logisch betrachtet die Sechzehnjährige verstehen konnte, war sie doch verletzt gewesen, das ihre Freundin nicht einmal mit sich reden hatte lassen. Warum sollte sie sich noch weiter in eine verlorene Schlacht stürzen? Der Interpolinspektor schien ihre Gedanken lesen zu können und er lächelte schwach. „Du hattest neben Mireille noch nie eine Freundin, oder?" Kirika legte den Kopf schief. Nein, wenn man es recht betrachtete, war Mireille in der Tat Kirikas erste Freundin, und das im doppeldeutigen Sinne. Zwar hatte sie eine seltsame Verbindung mit Chloe gehabt, doch diese hatte – um es vorsichtig zu benennen – abrupt geendet. Und ihre Schulkameradinnen in Japan, das war nicht einmal der Rede wert. Nein, Mireille war wirklich ihre einzige Freundin gewesen. „Kirika, weißt du... Freundschaft ist, wenn sie gut ist, eine Sache, die mehr aushält, als du denken magst. Und Julia, sie ist eine gute Freundin. Und nun hopp! Wenn du sie einholen willst, musst du dich beeilen!" Die letzten Worte hatten beinahe wie ein Befehl geklungen, der keine Widerrede duldete und Kirika stand auf, nickte Rhodes kurz zu und folgte dann Julia nach draußen.
Rhodes lehnte sich in seinen Stuhl und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Es war traurig, zu sehen, wie wenig Vertrauen ein so junger Mensch fassen konnte, wenn er erst einmal so Schlimmes erlebt hatte. Kirikas Leben hatte nicht einmal richtig begonnen und es war im Grunde schon wieder zu Ende. Ein Leben in Einsamkeit: Rhodes konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen. Und doch, wenn er darüber nachdachte, waren die letzten Jahre eigentlich so gewesen. Nach der Trennung von Julias Mutter war sein einziger Lebensinhalt sein Beruf gewesen und er hatte sich vollkommen in seine Arbeit geflüchtet, war weggerannt vor anderweitigen Verantwortungen. Im Grunde ein schäbiger, selbstsüchtiger Zug. Und nun war es nicht mehr rückgängig zu machen. Die ganze Zeit hätte er sich entschuldigen können und hatte es nicht getan. Nun war es zu spät. Rhodes wischte sich mit dem Ärmel sein Auge und setzte sich wieder in seine Arbeitshaltung. Die einzige Möglichkeit, Vergebung zu erlangen, war, seine Tochter zu beschützen. Und dafür war diese Arbeit hier nötig.
Julia blinzelte. Es war nun gegen Mittag und die Sonne stand hoch an einem fast wolkenlosen Himmel und von den weißen Häusern reflektierte das Sonnenlicht mit unheimlicher Helligkeit zurück. Inzwischen war es auch wärmer geworden und die kühle Morgenluft war gewichen, daher zog sie ihren Pullover aus und band sich das Kleidungsstück um den Bauch. Als sie sich gerade in Bewegung setzen wollte, spürte sie eine Hand auf der Schulter. Erschrocken fuhr sie herum und sah in das vertraute Gesicht Kirikas, die sie sanft und beinahe etwas schüchtern anlächelte. Bevor sich Julia auch nur fragen konnte, wie es die Killerin geschafft hatte, ohne jegliches Geräusch hinter sie zu gelangen, spürte sie, wie das etwas ältere Mädchen ihre Hand ergriff. Etwas überrascht von der Direktheit der sonst so defensiven Japanerin ließ Julia sich über die mit Kopfsteinpflaster gedeckte Straße führen und die beiden Mädchen verschwanden in einer engen Seitengasse. Hier – im Schatten – war es merklich kühler und Julia fröstelte es leicht, zumal die Seebrise vom Atlantik her kühle Luft brachte. In der Sonne war das an sich eine angenehme Kühlung, doch hier war es beinahe etwas unangenehm. Doch Julia blieb keine Zeit, ihren Pullover anzuziehen, denn Kirika zog sie wortlos hinter sich her Richtung Dorfrand. Nach nur wenigen hundert Metern hatten sie das Dorf hinter sich gelassen und befanden sich auf weiter Flur. Zwischen ihnen und dem angrenzenden Wald, durch den sie auf der Flucht gekommen waren, befanden sich nur noch Weinberge und ein paar Felder, alles in einer leicht hügeligen Landschaft, die einen beinahe idyllischen Anblick bot. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, nur hin und wieder konnte man ein Auto auf der nahen Landstraße fahren hören, ansonsten war es still. Inzwischen hatten die beiden Mädchen eine kleine Anhöhe erklommen und als Julia zurückblickte, sah unten am Hügelrand das Dorf liegen. Neben einem Weinberg ließ sich Kirika schließlich nieder und lehnte sich an einen noch recht junge Baum, den dort ein Weinbauer gepflanzt haben musste. Da Kirika schwieg und auch keine Anstalten machte, zu reden, ließ Julia sich still neben der Freundin nieder und blickte auf die roten Dächer des Dorfes herab. Da die Fläche, an der sich die beiden Mädchen anlehnen konnten, recht klein war, berührten sich ihre Arme und Schultern. Zuerst war Julia das Gefühl unangenehm gewesen, doch nach wenigen Momenten war die Befangenheit verflogen. Während sie so beisammen saßen, musterte Julia ihre Freundin, die trotz des Altersvorsprungs etwa gleich groß war. Kirika hatte die Augen leicht geschlossen und die leichte Brise wehte ihr durchs Haar, das im Wind vor sich hin flatterte und ihr teils ins Gesicht hing. Es schien, als ob die Japanerin am Dösen war, doch Julia spürte den Atem des Mädchens, der ruhig und regelmäßig, jedoch nicht in einem Schlafrhythmus ging. Was wohl in der Killerin vorging? Julia wollte sie gerade fragen, doch eine innere Stimme sagte ihr, das Kirika im Moment lieber schwieg und die Ruhe dem Gespräch vorzog. Aus diesem Grund entschied sich die Französin, dass es besser wäre, diese beinahe andächtige Stille nicht zu stören.
Rhodes sah, wie seine Frau mit ihm sprach, doch er konnte nicht verstehen, was sie sagte. Er bemühte sich und bat sei, lauter zu reden, doch je weiter sie den Mund öffnete, desto dumpfer wurde der Klang und desto weiter fühlte er sich von ihr entfernt. Dann sah er, wie der blonde Mann – Raikov – vortrat aus dem Schatten, der sie umgab und einen Arm hob. Zwei grelle Funken erhellten die Umgebung, als der Mörder feuerte. Er sah, wie seine Frau aufzuckte, als die Projektile sie trafen, wie sie blutüberströmt auf ihn zukam. Ihre Lippen formten Worte, die er nicht verstand. Und doch wusste er, was sie sagten: „Es ist deine Schuld!" Rhodes wollte sich abwenden, doch eine innere Macht hielt ihn davon ab, während die blutüberströmte Leiche seiner Frau ihn aus hohlen Augen ansah und den Arm nach ihm ausstreckte und ihn schließlich berührte. Rhodes schrak auf, als sich ein Arm auf seine Schulter legte und zu zerren begann.
„Ganz ruhig, ganz ruhig, Raphael. Es war nur ein Traum, nur ein Traum..." Es dauerte einen Moment, bis Rhodes realisierte, wo er sich befand. Erst als sein Blick auf das blasse Gesicht der Korsin fiel, die neben ihm auf der Bank vor dem Rechner saß, dämmerte ihm, was passiert war. „Wa-warum sind sie... bist du nicht im Bett? Du musst dich ausruhen, Mireille!" Mireilles mahnender Blick brachte ihn zum Schweigen. „Ich wollte nur einen Tee haben und ich fühle mich schon etwas besser. Ein paar Tage Ruhe und ich bin wieder fit. Aber du musst dich auch ausruhen, Raphael. Es nützt niemandem etwas, wenn du dich hier überarbeitest. Ruh dich auch etwas aus, bitte." Rhodes setzte sich gerade hin und entzog sich Mireilles Griff, deren Hand immer noch auf seiner Schulter geruht hatte. „Einer muss ja die Arbeit machen. Und du solltest dich ausruhen, Mireille. Ich komme gleich mit deinem Tee, versprochen. Aber du musst dich ausruhen!" Die blonde Frau lächelte schwach. Es war nett, das Raphael sich so sorgte, doch die Korsin wusste, wovon Rhodes geträumt hatte. Es war nicht gut, sich selbst so unter Druck zu setzen. Langsam erhob sie sich. „Wo sind eigentlich unsere beiden Kinder?" Rhodes sah auf und fing an, leicht zu grinsen. „Die sind auf einem Spaziergang." Mireille nickte. Wenigstens eine Sache wendete sich also zum Guten, zumindest einmal zum Besseren.
Die Mittagszeit war nun schon vorbei und die Sonne hatte den höchsten Punkt am Firmament bereits überschritten. Die beiden Mädchen hatten immer noch kein Wort gewechselt. Doch Julia war nicht ungeduldig: Es war schön, hier im Freien zu sitzen. In der Stadt hatte sie weder die Zeit noch wirklich die Gelegenheit gehabt, in völliger Abgeschiedenheit von der Hektik der Stadt zu sein – und dazu noch in freier Natur. Zudem wärmte die Sonne angenehm, solange man im Licht saß. Und Kirikas Anwesenheit war nicht mehr unangenehm, so wie sie es gestern abend gewesen war.
Auch Kirika hatte die Veränderung in der Haltung Julias ihr gegenüber bemerkt und sie war Raphael sehr dankbar, dass er sie aufgefordert hatte, Julia zu folgen. Er hatte sicher gespürt, das Julia bereit war, zu reden; schneller, als sie es vermocht hatte. Menschliche non-verbale Kommunikation war noch nie ihre Stärke gewesen, Mireille hatte ihr das oft genug zu spüren gegeben. Die Asiatin erinnerte sich an den gestrigen Abend. Sie hatte Julia gebeten, mit ihr zu reden, wenn sie bereit war. Und nun war sich auch Kirika sicher, das der geeignete Moment gekommen war. Langsam wandte sie sich der Freundin zu und betrachtete das Profil des Mädchens. Sie hatte in der Tat ein fein geschnittenes Gesicht und einen kleinen Stupsnasenansatz. Kirika bemerkte, wie die Augen Julias sich ihr zuwandten und sie ansahen, ohne dass das Mädchen den Kopf drehte und die Japanerin errötete leicht. „Ich... erinnerst du dich an gestern? Ich sagte, ich wolle mit dir reden... Bist du... geht das...?"
Julia fiel auf, wie schwer es Kirika fiel, einen Faden zu finden, an den sie sich klammern konnte. Doch es spielte auch keine Rolle mehr, was Kirika sagen wollte. Mireille hatte bereits für ihre Freundin gesprochen, mehr als nötig gewesen wäre. Daher hob die rothaarige Französin ihre Hand und legte ihre Finger über Kirikas Mund. Sie spürte, wie der warme Atem der Freundin über ihre Finger strich, als diese bei halb offenem Mund abrupt in ihrem Satz endete. „Es ist gut, Kirika. Wir sind Freunde. Und... ein guter Mensch hat mir einmal gesagt, das Freundschaft bedeutet, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist." Julia ließ die Hand sinken und betrachtete Kirikas Gesicht. Äußerlich zeigte dasselbe fast keine Regung, doch Julias Augen erfassten das leichte Beben von Kirikas Lippen, als diese nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Schließlich lehnte sich Kirika wieder an den Baum und sah ins Tal. Julia beobachtete ihre Freundin noch einen Augenblick aus dem Augenwinkel und sah dann ebenfalls geradeaus. Plötzlich spürte Julia, wie sich eine Hand über die ihre legte und sie zärtlich drückte. Julia lächelte. ‚Danke nicht mir, sondern Mireille.', schoss es ihr durch den Kopf.
Nachtrag: Ein guter Freund von mir, der Korrektur gelesen hat, kritisierte, dass Kirikas Verhalten unpassend sei. Ich will kurz erklären, wie ich mir das Ganze dachte, so dass auf einige Aspekte, die dem schnellen Leser vielleicht entgehen, hingewiesen wird.
Zuallererst: Ja, es ist ungewöhnlich für Kirika, eine „Fremde" bei der Hand zu nehmen und sie hinter sich herzuziehen. Aber die ganze Freundschaft ist ungewöhnlich, da wir diese Seite an Kirika – die sich zweifelsohne seit dem Ende von Noir weiterentwickelt hat – noch nicht kennen. Zudem wird sie an diesem Punkt nicht wissen, wie genau sie reagieren soll. Ein Eklat im Dorf wäre ebenfalls unpassend, daher die Entscheidung, einen anderen Ort für die Unterredung zu suchen.
Die Szene mit der Berührung zwischen den beiden, wo man einen Kuss ahnen mag, da die beiden nahe bei einander sitzen: Diese Szene war nicht als erotisch von mir konzipiert, sondern sollte eher Julias ambivalente Einstellung zu Kirika als Person und Kirika als Killerin zeigen, sprich: Ablehnung, die durch Gewohnheit und Wissen um Kirikas Person vergeht. Ein Kuss wäre hier höchst unpassend, selbst für mich ;). Und sie sitzen so nahe bei einander, weil der Baum eine kleine Fläche bietet (siehe Text!).
Julia hat Kirika im Übrigen die Hand vor den Mund gehalten, um sie zum Schweigen zu bringen. Es war nämlich alles gesagt, weiteres Reden also unnötig. Freunde akzeptiert man so, wie sie sind.
