Kapitel 2: Springtrap

Logan schloss das Garagentor und sah dem Van nachdenklich hinterher. Der Wagen hatte die Ausfahrt verlassen und verschwand langsam in der Ferne des dunklen Highways, bis von ihm nichts mehr zu sehen war.

Auf dem Weg zurück ins Gebäude und zum Fahrstuhl fiel sein Blick auf die Cola-flasche, die er vorhin im Flur abgestellt hatte. Bestimmt war sie immer noch zu warm, aber sie war noch verschlossen und daher nahm er sie mit und stellte sie zurück in den Kühlschrank im Raum der Wache.

Als er den Lagerraum passierte, vernahm er ein seltsames Rascheln und ein lautes metallisches Klicken. "Habe ich jetzt auch noch Ratten in meinem Haus? Hoffentlich ist das Vieh direkt in die Mausefalle getappt," sagte er zu sich selbst.

Er zog seinen großen Schlüsselbund aus der Tasche und brauchte eine Weile, um den Schlüssel zum Lagerraum herauszusuchen. Ein etwas muffiger Geruch schlug ihm entgegen, als der die Tür öffnete und den Raum betrat. Ausser den bis zur Decke reichenden Lagerregalen an allen Wänden befand sich noch der mannshohe, gelbe Roboter-Hase im Lagerraum. Sein Kunstfell war bereits an vielen Stellen verrottet, an anderen hing es lose herunter. Springtrap stand in einer eher kraftlosen Pose fast genau in der Mitte des Raumes und eigentlich war an ihm nichts Ungewöhnliches zu beobachten. Aber Logans Aufmerksamkeit war geschärft, nachdem er in den vergangenen Wochen bemerkt hatte, dass der Roboter seine Haltung oft auf minimale Art und Weise verändert hatte. Meist waren nur ein oder zwei Finger in einer anderen Position, einmal hatte er sogar die rechte Hand zur Faust geballt. Alles nichts, was auf den ersten Blick auffiel, aber Logan hatte gelernt, auf jedes Detail zu achten…

"Du brauchst gar nicht so zu tun, als ob du dich nicht bewegt hättest," murmelte er. "Ich bekomme das mit. So blöd, wie du vielleicht denkst, dass ich aussehe bin ich wirklich nicht. Und dass ich hier noch keine Kamera installiert habe, könnte ja auch Absicht sein. Schließlich will ich Dich ja nicht stören bei… naja, was auch immer du hier so treibst."

Logan begab sich in die Ecke des Raumes und überprüfte die Mausefallen, wenn man diese so nennen konnte, es waren vielmehr Miniatur-Käfige mit Essensresten darin; und tatsächlich in einem der Käfige hatte sich eine Maus einsperren lassen. Aufgeregt rannte sie in der Falle auf und ab. "Und du bist der glückliche Gewinner, du kommst hier lebend raus! Deine Rattenfreunde muss ich wohl leider vergiften - außer sie kommen in den nächsten Tagen auch aus ihren Verstecken."

Er musste kurz über sich selbst lachen, denn der Fakt, dass er jetzt auch noch mit einer Ratte (oder Maus…) redete, ließ ihn langsam zu der Annahme kommen, dass er dabei war den Verstand zu verlieren. Aber unnötig sterben braucht hier niemand, dachte er und klemmte sich den kleinen Käfig unter den Arm, um das panische Tierchen später im Wald hinter dem Haus auszusetzen.

Als er sich wieder umwandte fiel ihm auf, dass sich der Animatronic Springtrap wieder bewegt hatte. Logan hatte schon lange keine Angst mehr vor ihm, es war für ihn inzwischen eine ganz normale Vorstellung, dass Springtrap eines nachts aus dem Lagerraum ausbrechen würde um nach einem Ausgang aus dem Gebäude zu suchen. Er würde diesen aber nie finden, und zwar deshalb, weil Logan nachts immer den Fahrstuhl abschaltete. Logan mochte zwar keine Angst vor Springtrap haben, wollte aber trotzdem nicht herausfinden, was dieser tun würde, wenn er ihn unvorbereitet oder gar schlafend vorfinden würde.

Der Animatronic hätte mit ihm reden können, wenn wollte, schliesslich hatte Logan seine Sprachbox eigenhändig repariert. Er erinnerte sich, dass das ein ziemlich ekliges Unterfangen gewesen ist, sich durch all die halb vergammelten, alten Innereien zu wühlen, Aber ihm machte das nicht viel aus, denn er hatte früher in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses gearbeitet, und dort gab es wirklich Schlimmeres zu sehen, das hatte ihn abgehärtet.

"Weißt du, wenn du mit mir reden würdest, könnte ich dir vielleicht sogar helfen." Logan wartete einen Augenblick, aber es kam keine Antwort. Also verließ er seufzend den Raum.

Springtrap wäre ja fast weich geworden, dieser Logan war der erste Mensch, mit dem er sich seit 30 Jahren hätte unterhalten kö er hatte andere Pläne und wusste, dass das ihn nur behindern würde. Nachdem er endlich allein im Raum war und hörte, dass Logan sich weiter entfernte, schob er eines der Regale an der Wand beiseite und nahm vorsichtig ein vergilbte AC/DC Poster ab, welches dahinter angeklebt war. Zum Vorschein kam ein großes, zackiges Loch, das Springtrap in den vergangenen Wochen und Monaten herausgekratzt hatte. Er begann sich durch die Kabel, die wirr im Hohlraum zwischen den Wänden hingen zu wühlen.

Er war an diesen tristen Ort gebunden und wollte den engen Gängen und den immer häufiger auftretenden Halluzinationen seiner Opfer, deren Seelen sich wie die Seine in einigen anderen Animatronics aufhielten, entkommen. Daher suchte er verzweifelt nach einem Weg, das Gebäude in Brand zu setzen, um diesem Martyrium ein für alle mal ein Ende zu machen… und vielleicht konnte er den Flammen sogar noch entkommen.

Logan hatte sich mittlerweile in das Büro der Nachtwache begeben und die versteckte Kamera, die im Lagerraum installiert worden war, auf dem Touchpad des Monitors angewählt. Er wusste das Springtrap ihn verstehen konnte und hatte ihn bezüglich der Kamera angelogen, um ihn ungestört beobachten zu können.

"Mal schauen, was du heute so treibst Springy… du gammeliger Haufen Roboterschrott." Ein letztes Mal stand er noch auf, um sich die Cola, die er vorhin kühl gestellt hatte erneut zu holen und machte es sich dann in dem Sessel vor dem Monitor bequem. Springtrap fummelte gerade an den Kabeln herum, die er in mühseliger Arbeit freigelegt hatte. Jedes Mal wenn er zwei stromführende Kabel entdeckt hatte, mit denen er einen Kurzschluss, und damit Funken, hätte erzeugen können, unterbrach Logan die entsprechende Stromzufuhr. Darin war er schon richtig gut geworden, und obwohl es Logan tatsächlich ein wenig Spass bereitete, tat ihm Springtrap doch leid. Aber schließlich konnte er nicht zulassen, dass der alte Animatronic sein geliebtes Gebäude abbrannte - denn auch wenn es vielleicht eine Bruchbude war, Logan fühlte sich hier zu Hause und er wollte nicht, dass sich hieran etwas änderte.

Fast zwei Stunden vereitelte er Springtraps Versuche, das Gebäude in Brand zu setzen, dann wurde ihm langweilig und außerdem fühlte er starke Müdigkeit in sich aufsteigen. Er stand auf und ging zum Sicherungskasten hinter ihm an der Wand. Schnell hatte er die gesamte Stromversorgung des Erdgeschosses unterbrochen, lediglich den Fahrstuhl und den Kühlschrank ließ er weiter versorgen.

Wieder fiel ihm die Colaflasche auf, die er tatsächlich schon wieder nicht geöffnet hatte, daher verstaute er sie erneut im Kühlschrank. Dann begab er sich zum Fahrstuhl und nachdem er in den ersten Stock gefahren war, betätigte er den großen Schalter, den er in weiser Voraussicht vor einiger Zeit selbst angebracht hatte, um vom ersten Stock aus den Fahrstuhl stillzulegen. "Das sollte es gewesen sein," sagt er müde zu sich selbst und ging ins Schlafzimmer.

Der Raum war im Gegensatz zum Rest des Gebäudes auffallend ordentlich und sauber. Der dunkelblaue Velourteppich war frisch gereinigt und das Bett hatte er am Morgen frisch bezogen. Angezogen ließ er sich nun darauf fallen, die weiche Matratze gab angenehm nach und Logan spürte, dass die Müdigkeit ihn übermannte. So dauerte es nur wenige Augenblicke, bis er in einen tiefen Schlaf gefallen war...

Springtrap hingegen nutzte seine Gelegenheit, sich unbemerkt im Gebäude bewegen zu können und begab sich in das Sicherheitsbüro. Ihm war klar, dass er den Strom wieder aktivieren musste, um irgendetwas zu erreichen. Als er schliesslich den Sicherungskasten entdeckte, war er sich seines Erfolges sicher. Aber er wurde enttäuscht, denn die ersehnten Schalter waren durch ein massives Stahlgitter geschützt, dass sich nur über ein Touchpad durch die Eingabe einer Zahlenkombination öffnen liess. Ihm fiel ein, dass Logan die Kombination einmal beiläufig erwähnt hatte; er wusste zwar nicht warum der Mensch so unvorsichtig gewesen war, aber er hatte sich jede einzelne Zahl gemerkt.

Aufgeregt tippte er die Zahlen auf dem Touchpad ein… aber nichts geschah. Immer wieder versuchte er es, aber seine mit Kunstfell überzogenen Finger erzeugten auf dem Touchpad keinerlei Kontakt. Verwirrt starrte Springtrap auf das Display, dessen Arbeitsweise ihm einfach nicht bekannt war. Dunkel erinnerte er sich, dass Logan während einem seiner endlosen Monologe einmal erwähnt hatte, dass man Touchpads nur mit freiliegender Haut bedienen konnte. Nur war dass für Springtrap natürlich ausgeschlossen. Und um noch weiter zu experimentieren, fehlte ihm die Geduld, daher begann er, wütend auf das Touchpad einzuschlagen, bis es nur noch ein zersplittertes Stück Elektronikschrott war.

Ihm wurde klar, dass er für heute versagt hatte. Er ging frustriert in den Lagerraum zurück und nahm seine verhasste Position wieder ein. Aber er wusste, dass Logan irgendwann einen Fehler begehen würde… und was war schon eine Nacht, eine Woche oder ein Jahr.