Die Sonne ging langsam wieder auf und der Vollmond war vom Himmel verschwunden. Kari verwandelte sich zurück, doch das Blut des Jungen klebte noch immer an ihren Händen. Hätte man in ihrem Kopf nach Anzeichen von Gewissensbissen gesucht, man wäre erfolglos gewesen. Kari wusste nicht wieso, aber sie hatte sich damit abgefunden, jeden Vollmond jemanden umzubringen. Wer sagte, Liebe war ein gutes Gefühl, der hatte die Befriedigung eines Werwolfes nach dem Morden nicht miterlebt.
Dennoch wusste sie nicht, wie sie ihren Eltern so unter die Augen treten würde. Sie wussten seit ein paar Tagen von ihrer Verwandlung und hatten sie so gut wie möglich unterstützt, doch Kari entgingen nicht die angewiderten Blicke, die ihre Eltern zu verstecken versuchten. Auch gab es ein weiteres Problem. Es waren Sommerferien, also hatte sie keine weiteren Gedanken daran verschwendet, doch bald würde die Schule wieder anfangen. Natürlich war Unnatürliches in einer Schule für Zauberei und Hexerei Alltag, doch wie würden sie auf einen Werwolf reagieren, der ein Mal im Monat zur Bestie wurde?
Sie seufzte. Sie war Zuhause angekommen. Ihre Eltern hatten ihre Abwesenheit sicherlich nicht übersehen, geschweige denn den Vollmond gestern Nacht am Himmel. Und falls doch, machte das Blut, welches sie so gut wie möglich abzuwischen versucht hatte, deutlich genug. Kari klopfte, obwohl sie sich am Liebsten im nächsten Busch verkrochen hätte. Ihre beiden Eltern öffneten ihr und Kari wusste, dass sie mit ihrem Vergehen nicht davon kommen würde. »Wir müssen reden«, sagte ihr Vater ernst. Ihre Mutter schien beim Anblick des Blutes beinahe ohnmächtig zu werden.
»Na gut, darf ich aber erst auf die Toilette?«, antwortete Kari genervt, weil sie sich keine Predigt ihrer Eltern anhören wollte, »Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr und meine Blase scheint gleich zu platzen« Während ihre Mutter sie leicht verwirrt anschaute, wurde ihr Vater wütend, »Dafür hast du später noch genug Zeit, jetzt komm erst mal mit, junges Fräulein« Wie erwartet war das Gespräch nicht allzu angenehm. Nachdem Kari von letzter Nacht erzählt hatte, kam sie jedoch nicht mehr wirklich zu Wort.
»Oh Gott, der arme Junge«, stöhnte ihre Mutter, vollkommen weiß im Gesicht, »Seine Eltern machen sich sicherlich riesige Sorgen« Ihr Vater stattdessen machte sich über etwas anderes Gedanken. Er hatte Angst, man fände die Leiche und könnte den Mord auf Kari zurückführen. »Ich habe die Leiche entsorgt« Kari zuckte mit den Schultern. Ihre Mutter schien sich zwischen Trauer, Wut und Entsetzen nicht entscheiden zu können und so spiegelte ihr Gesicht ein völliges Gefühlschaos.
»Darf ich mich jetzt duschen?«, fragte Kari und deutete auf die rote Flüssigkeit auf ihren liebsten Hosen. Nächstes Mal würde sie aufpassen, an Vollmond Sachen anzuziehen, an denen sie nicht allzu sehr hing. »Du bleibst hier, bis wir fertig sind!« Ihre Mutter schien endlich wieder das Reden erlernt zu haben, »Wir dürfen dich nicht wieder zur Schule schicken, du wirst dort noch jemanden umbringen!« Kari stöhnte. Sie hatte keine Lust, das ganze Jahr bei ihren Eltern zu bleiben, das würde sie nicht überleben.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte ihr Vater, »Ich kenne einen Schulleiter, den wir um Hilfe bitten können. Er wird unser Geheimnis für sich behalten und dir helfen, dich bei Vollmond unter Kontrolle zu halten« Da setzte Karis Mutter ein, »Aber du musst an Vollmond alles tun, was er verlangt, Kari, sonst wird das Ministerium Wind davon bekommen und und-« Sie schien kurz davor zu sein, in Tränen auszubrechen. Natürlich wusste Kari, was dann passieren würde. Sie würde nach Askaban kommen. »Ja, in Ordnung, das schaffe ich schon«, versuchte sie ihre Mutter zu trösten. Sie wollte sie nicht weinen sehen. »Dann kontaktiere ich sofort Albus Dumbledore«, entschied ihr Vater.
Also war es beschlossene Sache. Ein Werwolf sollte auf Hogwarts losgelassen werden. Als sie in ihr Zimmer ging, grinste sie, »Das wird sicher interessant« Ihr innerer Wolf hatte sie von Grund auf verändert. Sie war nun hemmungsloser, umbarmherziger.
