Als Kari einige Tage später am Gleis 9 3/4 stand und den anderen Schülern von Hogwarts dabei zusah, wie sie sich von ihren zu Tränen gerührten Eltern verabschiedeten und losrannten, um einen guten Platz im Zug zu ergattern oder ihre Freunde aufzusuchen, dachte sie an ihre eigenen Eltern. Sie hatten sie vor dem Bahnhof abgesetzt und ihr einige aufmunternde Worte zugerufen. Ihr Gesichtsausdruck verriet Kari, dass ihr Vater und ihre Mutter beide dachten, dass sie den Wolf nicht unter Kontrolle bekommen würde. Niemand rechnete damit, dass Kari es nicht einmal wollte.
Sie fühlte sich frei von allen Sorgen, wenn sie ihren tierischen Instinkten nachging. So, wie sie sich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Kari hatte schon immer versucht, allen Erwartungen gerecht zu werden und hatte damit schon viele Menschen enttäuscht. Ein Gewicht, welches sie nicht einmal wusste, dass sie getragen hatte, war ihr von den Schultern gefallen, einfach so. Das Leben war so viel einfacher, wenn man nicht so viel über dies und jenes nachdachte.
Da sie jedoch auf den Weg hierher etwas getrödelt hatte, fand sie sich in einem randvollen Zug wieder. Die vorderen Abteile waren überfüllt und es würde sie nicht erstaunen, wenn ein verrückter Schüler halb aus dem Fenster hängen würde, um dort noch Platz zu finden. Im hinteren Bereich jedenfalls, war es leer. Bis auf einige Schüler, die entweder ganz alleine saßen und vor sich hinstarrten oder ihre Nase in ein Buch gesteckt hatten, war nicht viel los. Der Lärmpegel war innerhalb nur einiger Meter rasch gesunken und Kari fragte sich, mit was das zu tun hatte. Vielleicht hatte sie ein 'Bitte-Nicht-Reden-Oder-Atmen'-Schild übersehen?
Sie entschied sich in ein leeres Abteil zu setzen, da Kari ungern gegenüber dem Jungen sitzen wollte, der ständig mit seiner Kröte redete, oder neben dem Mädchen, welches nicht aufhören wollte, die Existenz von schrumpfhörnigen Schnarchkacklern durch - natürlich vollkommen logische - 'Beweise' zu bestätigen. Kari wäre wahrscheinlich aus dem fahrendem Zug gesprungen oder hätte sie sich am nächsten Vollmond zum Ziel genommen. Obwohl sie natürlich genau wusste, dass sie sich in der Haut einer vollkommen hemmungslosen Bestie ihre Opfer nicht einfach aussuchen konnte.
Der ganzen Fahrt über wurde sie zu ihrem Glück nicht gestört, wenn man von einer Frau hinabsah, die mit verschiedenen magischen Süßigkeiten und Leckereien vorbeiging und sie für einige Sickel verkaufte. Kari verbrachte die Zeit damit, mit ihren nackten Fingern lustige Bilder an die beschlagene Scheibe zu malen und ein Buch zu lesen. Die Trostlosigkeit des hinteren Zugabteils hatte sie angesteckt. Aber eine gute Sache hatte die Fahrt gehabt. Sie hatte herausgefunden, dass sie mit Leichtigkeit ihre Nase mit der Zunge berühren konnte.
Kaum kam der Zug zu einem Halt, stürmten die Schüler aus allen Abteilen. Sogar von ganz hinten hörte Kari die Schüler schubsen und drängeln, um so schnell wie möglich durch den Vorderausgang ins Freie zu kommen. Sie hingegen ging es ruhiger an und nahm sich ihre Zeit. Sei es, weil sie den anderen überlegen war, oder ihr Fuß schlichtweg eingeschlafen war, das tat nichts zur Sache. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass Hogwarts einen richtigen Service anbot, denn kaum war man aus dem Zug, wurde man von prächtigen Kutschen abgeholt.
Kari hob die Augenbraue. Die pferdeähnlichen Tiere, die die Kutsche zogen, schienen ganz schön am Ende. Sie bestanden augenscheinlich nur aus Haut und Knochen und waren komplett schwarz. Sie hätte sie für Pferde gehalten, wiesen sie nicht auch Aspekte von Fledermäusen, Drachen und sogar Echsen auf. Kari hatte einige seltsame Wesen gesehen, doch so etwas war ihr noch nie vor die Augen getreten. Doch sie durfte auch nicht wirklich urteilen, schließlich war sie zur Hälfte Wolf.
Als sie in eine der Kutschen einsteigen wollte, eilte ein Junge an ihr vorbei und stieß ihr versehentlich gegen die Schulter. »Pass doch auf wo du hinläufst!«, murrte sie und wandte sich zu ihm, nur um zu sehen, dass es der Junge mit der Kröte aus dem hinteren Abteil war. Er stotterte eine Entschuldigung, »E-Es tut mir Leid, ich war in Eile und hab dich nicht-« Er sah ziemlich ängstlich aus und schien eine leichte Beute für jeden darzustellen. Wahrscheinlich war er nicht der Beliebteste der Schule. »Schon gut, kann jedem mal passieren«, murmelte Kari und schüttelte den Kopf.
Sie stieg in eine der Kutschen und lehnte sich zurück, entspannte die Stille. Keine zwei Sekunden später hörte sie ein paar Schritte und einen leichten Lufthauch. Sie öffnete ein einzelnes Auge einen Spalt und machte es gleich wieder zu, als sie den quirligen Jungen von vorhin sah. Vielleicht ging er weg, wenn sie nur lang genug die Augen zu hielt. »Tut mir Leid wegen vorhin, ich bin Neville Longbottom«, stellte sich der Junge vor und streckte Kari die Hand aus. Sie seufzte und öffnete die Augen. »Ich bin Kari Myth«, antwortete sie und nahm die Hand an. »Der Name passt zu dir«, lächelte er.
Kari schaute ihn verblüfft an. Wusste er, dass sie ein Werwolf war? Wenn so ein Einfallspinsel sie innerhalb einiger Minuten enttarnen konnte, wie würde sie es dann schaffen, in Hogwarts unerkannt zu bleiben? Sie war vollkommen im … Gesäß. Er schien ihren geschockten Blick zu bemerken, denn er fügte hinzu, »Du siehst einfach wie jemand aus, dessen Name mit einem 'K' beginnt. Der Name ist wie für dich gemacht« So etwas Dummes habe ich noch nie gehört, dachte sie. »So etwas … hab ich noch nie gehört« Und doch fand sie es äußerst amüsierend und auch irgendwie lieb.
Als sie am Schloss ankamen, war der Mond schon aufgegangen. Obwohl er weit vor der Komplettierung war, erinnerte er Kari daran, wie sie sich zu verhalten hatte. Als Neville Anstalten machte, ihr die letzten Meter Richtung Schloss zu folgen, sprach sie, »Danke, den Rest schaffe ich schon alleine« Ihr Ton hatte sich gefärbt in der Farbe der Endgültigkeit. Wenn sie sich keine Probleme machen wollte, sollte sie sich von den Leuten hier so gut wie möglich fern halten.
