Cathrins Zustand war nach wie vor unverändert.

Wie immer, saß Severus jeden Abend an ihrem Bett, als plötzlich Dumbledore und Madam Pomfrey zu ihm traten. Albus legte ihm seine Hand auf die Schulter.

Eine Zeit lang standen sie schweigend da. Dann begann Dumbledore: „Severus, mein Freund! Wir alle wissen, es wäre eigentlich an der Zeit wäre, dass Cathrin erwacht."

Schnaupend erwiderte Severus: „Daran müsst ihr mich nicht erinnern, das weiß ich selbst!"

Ungeachtet des Einwurfs sprach Albus weiter. „Wir haben uns auch unsere Gedanken gemacht. Was ist, wenn Voldemort ihren Geist geschädigt hat und sie gern erwachen möchte, aber nicht kann?"

Severus richtete sich auf und sah die beiden an.

„Das wäre nicht auszuschließen. Aber wie wollen wir das nachprüfen?"

Albus schaute ihn nur an und Severus verstand. „Okklumentik? Ich soll in ihren Geist eindringen?"

Dumbledore nickte.

Severus stand auf, stellte sich vor das Bett und richtete seinen Zauberstab auf Cathrin.

Legilimens!

Er war auf einiges gefasst, was er sehen würde. Aber nicht darauf!

Er sah nichts!

Stattdessen war er in einem Strudel gefangen. Er schien zu fallen, Blitze zuckten überall und ein Pfeifen erklang, welches ihm fast den Verstand raubte.

Mühsam zog er sich wieder zurück.

Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, dass es vorbei war. Er atmete schwer.

„Nun? Was hast du gesehen?", fragte Dumbeldore.

Schwer atmend brachte er nur ein „Nichts!" hervor und sank zu Boden. Als er wieder sprechen konnte, erklärte er den beiden alles.

Fassungslos schauten sich die drei an. Damit hatten sie nicht gerechnet.

Albus brach die Stille „Laßt uns aufhören! Sprechen wir morgen weiter!"

Alle nickten.

Mühsam erhob sich Severus. Er blieb noch eine Weile bei Cathrin sitzen, küßte dann ihre Wange und ging.

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Sobald er seine Augen schloss, sah er den Strudel und die Blitze und er hörte das Pfeifen.

Als es dämmerte stand er auf, bat Dobby, auf Eileen zu achten und ging an den See.

Dort setzte er sich auf die Steine.

Das war Cathrins Lieblingsplatz gewesen. Hier hatte sie gezeichnet. Er zog die Knie an und legte seine Stirn darauf. Dann schloss er die Augen. Bilder zogen an ihm vorbei.

Cathrin, Eileen, die Ferien in Peel, der dunkle Lord, der Steinkreis und die Schutzhülle.

All das sah er noch einmal.

„Der dunkle Professor darf nicht aufgeben!", ertönte plötzlich eine Stimmer hinter ihm.

Er fuhr herum und sah in die Augen von Firenze.

Er drehte sich wieder um und flüsterte: „Was wisst ihr schon! Wie kann man aufgeben, wenn man nicht weiß, was man tun soll?"

„Wir dachten immer, der dunkle Professor wäre voller Energie!", erwiderte der Zentaur.

„Firenze, ich weiß nicht mehr weiter. Ich glaube, ich verliere sie!", presste Severus hervor.

„Nein! Habt ihr schon vergessen, was eure Mutter euch über die Magie der Runen erzählt hat?

Ihr habt in ihrem Geist nichts sehen können. Weil nichts zu sehen war! Die Runen beschützen sie! Denkt nach, dunkler Professor! Was habt ihr im Steinkreis gesehen, bevor ihr nach Hogwarts zurückgekehrt seit?"

Severus stutzte. Noch immer wusste er nicht, worauf Firenze hinaus wollte.

„Ich sah ein Glitzern in der Luft und fühlte mich wohl. Ich konnte mich entspannen.", sagte er zögernd.

„Und nun denkt nach! Die Runen schützen den Geist der Reinen! Ihre Seele hat euch die Ruhe gegeben! Ihre Seele ist noch dort!"

Severus erstarrte. Es dauerte eine Weile, bis er auf stand. Als er sich herum drehen wollte, war Firenze verschwunden.

Nachdenklich kehrte er zurück ins Schloss. Was hatte Firenze gesagt Die Runen schützen den Geist der Reinen! Ihre Seele ist noch dort! Er musste zu Dumbledore. Vielleicht konnte der damit etwas anfangen.

Ungeachtet der frühen Stunde schritt er auf den Wasserspeier zu. Zitronensorbet, der Wasserspeier gab die dahinter liegende Treppe frei.

Er stürmte sie nach oben und hämmerte dort an die Bürotür.

Ein verschlafener Albus Dumbeldore öffnete ihm, wurde aber schlagartig hellwach, als er erkannte, wer da so einen Krach machte.

„Bitte komm doch herein Severus. Etwas muss dir eingefallen sein, sonst wärst du nicht so zeitig hier, oder?", fragte er ruhig.

Hastig ging Severus an Dumbledore vorbei und betrat das Büro. Unaufhörlich lief er auf und ab und erzählte ihm dabei von dem ungewöhnlichen Treffen mit Firenze.

Dumbledore wurde nachdenklich. Sein Blick wurde ernst.

Er ging zu einem Buchregal und nahm ein altes, abgewetztes Buch heraus. Darin schlug er nach.

„Hm. Ich habe die Runenmagie völlig vergessen. Wie konnte mir das nur passieren. Firenze könnte Recht haben. Hm…", murmelte er vor sich hin.

Severus war ungeduldig. Was das alles, was Albus dazu zu sagen hatte?

Er versuchte sich an die Gespräche mit seiner Mutter zu erinnern, in denen sie ihm etwas über die Magie der Runen beibringen wollte.

Was hatte sie gesagt?

„… die Runen schützen die Reinen vor den Dunklen. Eine reine Seele in Gefahr wird von den Runen geschützt. Sollte die dunkle Seele mächtiger sein, werden die Runen helfen, ihm zu widerstehen.", hatte sie ihm einst gesagt.

War es möglich?

Cathrins Seele, ihr Geist war in Gefahr. Ihrem Körper hatte Voldemort bereits geschadet.

Vielleicht hatten die Runen ihre Seele, ihren Geist aus dem Körper gezogen, um sie so vor Voldemort zu schützen. Wenn es so war, wo war die Seele dann?

War es das, was Firenze meint?

Das Glitzern in der Luft, der sichtbare Teil ihrer Seele, der sich noch im Steinkreis befand?

Atemlos erzählte er Dumbledore von seiner Vermutung.

Dieser schwieg und nickte nur.

„Wenn es so ist, wie schaffen wir es, dass ihre Seele in ihren Körper zurückkehrt?", drängte Severus ungeduldig.

„Ich dachte mir schon so etwas und habe in diesem alten Buch einen uralten Spruch gefunden, der uns vielleicht nützlich sein könnte.", antwortete Dumbledore.

„Einen Versuch ist es wert.", fuhr er fort. „Als erstes sollten wir Cathrin in den Steinkreis zurück bringen und dort sollten wir mittels des alten Spruches versuchen, ihre Seele und ihren Körper wieder zu vereinen."

„Lass uns sofort aufbrechen", mahnte Severus ungeduldig.

„In Ordnung, lass mich nur normale Kleidung anlegen." Erwiderte Dumbledore und zeigte auf sein Nachthemd.

Anschließend eilten die beiden zur Krankenstation. Mittels eines Schwebezaubers brachten sie Cathrin zur Appariergrenze und apparierten nach Peel.

Am Steinkreis angekommen legten sie sie vorsichtig in ihm ab. Das Glitzern war noch immer da. Es hüllte Severus wieder vollständig ein und seine Anspannung wich.

Beide, Severus und Albus stellten sich gegenüber voneinander im Steinkreis auf. Cathrin lag zwischen ihnen. Dann sprachen sie den alten Spruch:

Insprinc haptbandun,
inuar uigandun

Ben zi bena,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sose gelimida sin

Entspringe dem Fesselband,
entflieh den Feinden!

Knochen zu Knochen,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern,
so seien alles fest gefügt.

Zuerst geschah nichts. Dann zog ein Wind auf. Die Runen erstrahlten in einem gleißenden Licht. Das Glitzern legte sich um Cathrins Körper. Es sah aus, als würde dieser es regelrecht einsaugen.

Dann war es still. Alles sah aus, als wäre nichts geschehen. Das Licht der Runen verblasste.

Cathrins Körper lag noch immer bewegungslos am Boden.