Severus war enttäuscht. Aus irgendeinem Grund hatte er geglaubt, dass Cathrin sofort reagieren würde.
Er kniete sich neben sie und schaute auf sie hinunter.
Dumbledore legte eine Hand auf seine Schulter. „Komm, lass uns sie zurück bringen! Wir müssen jetzt abwarten!"
Widerwillig erhob er sich. Diesmal trug er Cathrin als er disapparierte.
Auf dem Weg zur Krankenstation kam ihnen eine aufgeregte Madam Pomfrey entgegen gerannt.
„Wie kommt ihr dazu, sie einfach mitzunehmen? Mein Herz wäre fast stehen geblieben, als ich das leere Bett sah! Erklärt mir bitte, was das zu bedeuten hat!", rief sie ihnen aufgebracht zu.
„Poppy, du musst uns schon zu Wort kommen lassen! Natürlich werden wir dir alles erklären!", beschwichtigte Dumbledore sie.
Er erklärte ihr die Zusammenhänge, während Severus Cathrin zu ihrem Bett trug.
Dort legte er sie ab, sah sie noch einen Moment lang an, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und ging, ohne ein Wort zu sagen.
Er war zu sehr enttäuscht und glaubte nun fest daran, sie verloren zu haben.
Zurück in seinen Räumen drückte er Eileen fest an sich. Sie lachte ihn an und sagte so etwas wie, „bab bab". Das hieß in ihrer Sprache so viel, wie ,Hunger'.
Er lächelte traurig zurück und ging mit ihr zum Essen in die Große Halle. Es war Wochenende, daher waren nicht alle Plätze belegt. Einige Schüler genossen es, länger zu schlafen.
Das war ihm Recht, so hatte er ein paar Blicke weniger zu ertragen.
Er drückte Eileen ein Milchbrötchen in die Hand und starrte geistesabwesend vor sich hin.
Lupin, inzwischen von Albus unterrichtet, setzte sich neben ihn.
„Severus, komm schon! Lass den Kopf nicht hängen. Du wirst sehen, es wird alles wieder gut!"
Ruckartig drehte er sich ihr zu und Blitze schossen aus seinen Augen.
„Lass mich in Ruhe, mit deinem idiotischen Geschwätz! Du weißt doch gar nicht wovon du redest!"
„Schön, dann erklär es mir!", erwiderte Lupin ruhig. Als er ihm den Rücken zuwandte, sagte er leise: „Falls reden willst, ich kann gut zuhören!"
Dann war er still und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Eileen machte sich darüber keine Gedanken. Sie hatte inzwischen ihr Milchbrötchen großzügig, fein gekrümelt über dem Tisch verteilt und machte sich an der Puddingschüssel zu schaffen.
Ihr Gesicht war von einem zarten Puddinggelb überzogen und die Haare verklebt.
Hermine, die inzwischen in die Halle gekommen war, kam sofort auf sie zu.
Sie zog ihr die Puddingschüssel weg und mit einem Tergeo säuberte sie das Kind. Sie stellte hob Eileen aus ihrem Stuhl und sagte zu Severus.
„Professor, ich habe heute nichts vor und dachte, ich könnte ihnen Eileen ein kleinwenig abnehmen." Als sie sah, wie er seine Augenbraue hob und zu einer zornigen Erwiderung ansetzen wollte sprach sie eindringlich weiter. „Es würde mich freuen, den Tag heute mit ihr zu verbringen, wirklich! Erlauben sie es mir?"
Severus nickte nur, gab Eileen einen Kuss auf die Stirn, winkte ihr noch einmal zu und nach einem kurzen „Um 18 Uhr ist sie zurück!" verließ er die Halle.
Er ging nach draußen. Irgendwie hatte er das Gefühl, zu ersticken. Ziellos lief er durch die Gegend. Nach einigen Stunden stellte er fest, dass er am See stand. Er setzte sich auf die Steine und starrte gedankenverloren über das Wasser.
„So schweigsam, dunkler Professor?", erklang wieder eine Stimme hinter ihm.
Diesmal drehte er sich nicht um, er wusste, wer es war und antwortete nicht.
„Was habt ihr erwartet?", fragte Firenze unbeeindruckt weiter. „Dass alles sofort wieder gut wird? Ich hätte euch für klüger gehalten!"
Wutentbrannt drehte Severus sich um und schrie:
„Ihr! Was habt ihr mir erzählt? Ihre Seele ist noch dort! Wir waren dort, aber sie liegt noch immer bewegungslos da! Wolltet ihr euch über mich lustig machen? Und, war es das wert?"
Firenze schüttelte nur mit dem Kopf. „Denkt doch einmal nach, dunkler Professor! Soll ihre Seele nur in ihren Körper fahren, sie öffnet sofort die Augen, lächelt euch an und alles ist gut? Ein wenig mehr Weitsicht müsst ihr schon offenbaren."
Severus schnaubte. „Weitsicht! Könnt ihr vielleicht sehen, wie es weitergehen soll?"
Firenze funkelte ihn wütend an und schnaubte zurück: „Ihre Seele muss erst einmal von ihrem Körper wieder Besitz ergreifen und sich bewusst werden, wo sie ist. Wenn sie dann erwachen will, wird sie es auch tun, aber wenn sie es nicht will, dann schläft sie weiter! Habt ihr das nicht bedacht?"
Fassungslos sah Severus ihn an.
Er senkte den Blick, drehte sich um und sah wieder auf das Wasser.
„Also gibt es noch Hoffnung?", fragte er leise.
„Hoffnung gibt es immer! Man muss nur an sie glauben!", erwiderte Firenze, verneigte sich und ging zurück in den Verbotenen Wald.
Severus hingegen erhob sich und ging zur Krankenstation.
Noch immer lag Cathrin bewegungslos da. Er wollte es wissen, hatte ihre Mission heute Morgen Erfolg gehabt? War ihre Seele in ihren Körper zurückgekehrt?
Legilimens!
Dunkelheit umfing ihn. Er hatte das Gefühl, mitten in einem schwarzen Raum zu stehen, der von riesigen, dunklen Wänden eingegrenzt wurde. Eine starke Welle von Traurigkeit, Schmerz und Angst erfasste ihn.
Er versuchte, gegen die Mauer anzukämpfen, aber sie begann sich auf ihn zu zu bewegen.
Hilflos rief er „Cathrin!" erhielt aber keine Antwort.
Als die Mauern ihn fast erreicht hatten, rief er noch einmal. Wieder war es still, dann musste er sich zurückziehen. Atemlos sank er auf den Stuhl. Er schloss die Augen und verstand nicht, was er da gerade gesehen hatte.
Irgendetwas in ihr war passiert, aber was bedeutete dieses Chaos? War es wieder so, wie Firenze gesagt hatte? Suchte die Seele ihren Körper ab, um zu erkunden, wo sie war? Hatte sie noch gar nicht realisiert, dass sie wieder zurück war?
Egal was er tat, es wurden eher mehr Fragen, als weniger.
Seine Verzweiflung wuchs. Er sah Cathrin an, wie sie so ruhig und friedlich da lag. Wieder hatte sich eine Haarsträhne gelöst. Er schob sie zaghaft zurück. Dann stand er auf, küsste sie und drehte sich um. Gerade als er den Raum verlassen wollte, erklang eine leise Stimme.
„Severus?"
Wie erstarrt blieb er stehen und schloss die Augen. Sein Gehirn hatte ihm bestimmt einen Streich gespielt.
Wieder erklang ein Flüstern. „Bitte bleib!"
Langsam drehte er sich um. Was er sah, konnte er nicht glauben.
Cathrin hatte ihre Augen geöffnet und sah ihn an. Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sofort rannte er zu ihr, nahm ihre Hand und setzte sich zu ihr auf das Bett. Sagen konnte er kein Wort, sein Hals war wie zugeschnürt.
Er sah sie nur ununterbrochen an.
Sie lächelte. Keiner sagte ein Wort. Sie sahen sich nur an und in seinen Augen stand der ganze Schmerz, die Trauer der letzten Monate.
Ihre Stimme klang rau, als sie fragte: „Ist alles vorbei?"
Langsam nickte er.
„Ist er, ist er fort?", fragte ihre Stimme rau.
Wieder nickte er, bevor er antwortete: „Ja, er ist tot und es ist vorbei."
Ihre Augen strahlten. Er legte sich zu ihr. Sie schmiegte sich in seinen Arm. Lange lagen sie so. Sie konnte spüren, wie schnell sein Herz schlug, es schien sich fast zu überschlagen. Er hielt sie nur fest und seine Gedanken überschlugen sich. Ist jetzt endlich alles überstanden? Haben wir jetzt endlich unseren Frieden? Oh Gott, ich bin so froh!
„Wie lange bin ich schon hier und wie bin ich hierher gekommen? Was ist eigentlich passiert?"
Er erklärte ihr alles. Bei der Stelle, als Voldemort sie quälte, stockte er. Zum einen nahm ihn die Erinnerung daran zu sehr mit, zum anderen wollte er sie kein zweites Mal quälen.
Ihre Augen weiteten sich, als sie ihm schweigend zuhörte.
„Wo ist Eileen?", fragte sie sofort ängstlich.
„Es geht ihr gut, sie ist heute bei Hermine!", beruhigte er sie. Nach und nach erzählte er ihr alles, was in den letzten drei Monaten geschehen war.
Danach schwiegen sie wieder und hielten sich noch fester, beinahe so sehr, dass es wehtat.
In dieser Situation schliefen beide ein. Severus war einfach zu übernächtigt und Cathrin war noch zu schlapp.
In dieser Lage fand sie Madam Pomfrey. Sie musste lächeln. Das Bild, welches sich ihr bot, war zu niedlich. Der mächtige, stets mürrische Professor und die zierliche, immer freundliche junge Frau. Ein ungewöhnliches Paar. Cathrin öffnete die Augen. Als sie das sah, kam sie sofort herangestürmt.
Leise flüsterte sie: „Wie schön, dass du wieder bei uns bist, mein Kind! Wie fühlst du dich?"
Ebenso leise erwiderte Cathrin: „Es geht mir gut. Ich bin noch ein wenig schwach und müde, aber ich habe keine Schmerzen."
Nun öffnete auch Severus die Augen, machte aber keine Anstalten aufzustehen.
Severus, könntest du bitte Eileen holen? Ich würde Cathrin gern in der Zwischenzeit untersuchen!", unterbrach sie die Stille und schickte ihn so aus dem Raum.
Cathrin lächelte ihm hinterher.
„Poppy? Erzähl mir bitte, wie es meinen beiden die letzten Monate ergangen ist, Severus hat es zwar schon getan, aber ich möchte es gern noch einmal von dir hören."
Während Madam Pomfrey sie untersuchte, erzählte sie ihr alles. Sie sprach unter anderem von seinen täglichen Besuchen, davon, dass er mit Eileen zusammen in seinen Räumen wohnte, wie rührend er sich um die Kleine kümmerte und sie überall mit hinnahm, dass die Schüler ihr Bild von ihm revidiert hätten, als sie sahen, wie liebevoll er zu Eileen war und von seiner großen Angst und Sorge um sie.
Cathrin gefiel, was sie hörte. Es bestätigte ihre Meinung über Severus, dass er ein sehr gefühlvoller, liebevoller Vater war.
An die Geschehnisse in Peel, hatte sie allerdings keinerlei Erinnerung.
Dumbledore, der sofort erschien, erklärte ihr, dass die Runen sie geschützt hätten und vermutlich auch ihre Erinnerungen beeinflusst hatten.
Er erklärte ihr, dass durch den Tod Voldemorts nun kein Grund mehr bestand, ihr Familienleben zu verheimlichen. Von nun an, könnten sie offen zusammen leben.
Cathrin war glücklich. Erschöpft schlief sie ein.
Severus eilte unterdessen zum Griffyndorturm. Dort suchte er nach Hermine und erklärte ihr, was soeben vorgefallen war. Sie war total geschockt. Bevor er sich mit Hermine und Eileen zurück auf den Weg zur Krankenstation machte, bat er Harry, dafür zu sorgen, dass Hermines Eltern informiert würden.
Um Cathrins Bett tummelten sich mittlerweile fast alle Lehrer, als die drei zurückkehrten.
Madam Pomfrey schob sie aber alle unsanft aus der Tür und machte ihnen klar, dass das wohl noch zu viel für Cathrin sei. Nur Hermine, Eileen und Severus durften bleiben.
Sie setzten Eileen auf ihr Bett und die kuschelte sich sofort an ihre Mama, was vielleicht auch daran lag, dass es mittlerweile Schlafenszeit war.
Cathrin genoss die Nähe ihrer Tochter und sah auf sie hinab. Groß war sie geworden. Ihre Haare waren gewachsen und mittlerweile dunkelblond. Hermine hatte ihr kleine Zöpfe gemacht. Dadurch konnte man ihre Locken nur erahnen.
Ihre großen dunklen Augen wurden immer kleiner und schließlich schlossen sie sich ganz. Sie war eingeschlafen.
Hermine umarmte Cathrin noch einmal und ließ die drei dann allein.
Severus setzte sich zu ihr. Sie legte ihre Hand in seine und beide sahen sich schweigend an.
