6. 48 Stunden
Nach ihrer
nächtlichen Aktion hatte Lily eigentlich vorgehabt, an diesem
Sonntagmorgen so richtig auszuschlafen.
Aber es kam wieder mal
anders als geplant.
Lautstarke Stimmen aus dem Aufenthaltsraum
der Schulsprecher drangen an ihr Ohr. Fluchend kletterte sie aus dem
Bett und warf sich eilig ihren Bademantel über, bevor sie die
Tür öffnete.
Da stand James, der die Lippen fest
zusammen gepresst hatte, um nicht laut los zu lachen, mitten im Raum.
Vor ihm stand Black, das vermutete sie, denn eigentlich sah Lily nur
eine Menge blonde, lange, lockige Haare, doch der Körperbau ließ
eindeutig auf Sirius zurück schließen und seine Stimme
ebenso.
Hysterisch rief er: "James, verdammt! Was mach ich
denn jetzt? Ich kann doch so nicht zum Frühstück gehen."
Sirius Verzweiflung machte James allerdings herzlich wenig aus,
denn er lachte jetzt ungeniert. Sein Blick traf Lily und einen Moment
lang hatte sie das Gefühl, er wüsste bescheid.
Sie
räusperte sich laut und erschrocken fuhr Sirius herum. Nun
konnte Lily einen ersten richtigen Blick auf ihr Meisterwerk richten
und sie war verblüfft. Sirius Black, der Mädchenschwarm von
Hogwarts, hatte eine blonde Haarpracht und dazu noch ein blinkendes
Banner auf seiner Stirn mit der Aufschrift: "Egal ob blond oder
schwarz, ich bin der Schwarm aller!"
Die Buchstaben prangten
in neongrünen Lettern auf seiner Stirn und blendeten einem fast
die Augen. Die blonde Lockenmähne fiel dabei weit über
seinen Rücken und er zupfte ständig daran herum.
Lily
konnte nicht mehr und brach ebenso in schallendes Gelächter aus.
Zwischen zwei Lachern presste sie hervor: "Da hat aber jemand
ganze Arbeit geleistet Black. Du wirst unwiderstehlich sein, alle
werden dir zu Füßen liegen."
Den Sarkasmus in
ihrer Stimme konnte sie nicht unterdrücken und James schlug
gleich mit seinen nächsten Worten nach: "Tja, Padfoot,
entweder kommst du so mit oder du wirst einen elendigen Hungertod
erleiden."
Sirius warf sich auf das Sofa und jammerte
kläglich: "Ich mach mich zum Gespött der ganzen Schule
und vor allen Dingen der Mädchen. Ich werde sterben, wenn mich
jemand so sieht."
James verdrückte sich diesmal ein
lautes Auflachen und meinte beruhigend: "Das geht sicher bald
wieder weg, Pad, dann bist du wieder ganz der Alte und alle werden
dich lieben." Sein unterdrücktes Lachen brach nun doch
wieder hervor, als es an der Tür laut klopfte.
Lily öffnete
und Remus grinste sie an. Bevor er eintrat, flüsterte er in ihr
Ohr: "Ich weiß, dass du es warst, Lily. Wie lange hält
der Zauber?"
Lily riss die Augen weit auf und schluckte
schwer, doch Remus raunte in ihr Ohr: "Das bleibt unter uns,
versprochen." Seine Augen funkelten belustigt, doch seine Stimme
verlangte eindeutig eine Antwort.
"48 Stunden",
wisperte Lily und verschwand schnurstracks ins Badezimmer.
"Verdammter Mist", grummelte sie vor sich hin und
betete inständig, dass Remus seinen Freunden nicht verraten
würde, wer hinter Sirius' „Verschönerung" steckte.
Blacks Rache wäre ihr sicher und vor seinem Zorn hatte sie dann
doch Respekt.
Sie duschte diesmal lange und ausgiebig und hoffte,
die drei Marauder würden verschwunden sein, wenn sie aus dem Bad
kam. Sie hatte Glück, der Aufenthaltsraum war tatsächlich
leer, nur Jackie saß auf dem Sofa, ein verschmitztes Lächeln
auf dem Gesicht. Ihre Sorgen vom gestrigen Tag schienen vollkommen
vergessen, als sie anerkennend meinte: "Das hast du super
gemacht, Lily. Ich denke, daran wird Mr. ach - ich - bin - ja - so -
schön Black eine Weile zu knabbern haben und ich hoffe der
Zauber hält auch noch morgen, wenn wieder Unterricht ist."
Lily grinste: "Jep Morgen darf er all die Lehrer mit seinem
Aussehen beglücken, aber ich hab da ein Problem. Remus weiß
Bescheid."
Jackie zog scharf die Luft ein, sagte jedoch:
"Ich glaub nicht, dass er etwas verrät, dann hätte er
es mit Sicherheit schon getan, glaub mir."
Lily seufzte:
"Ich hoffe, du hast Recht, sonst hängt Black mich an den
nächsten Baum."
Eilig machten sich die beiden
Mädchen auf in die große Halle, denn sie hofften, dass
Sirius Drang nach etwas Essbarem größer war als seine
Scheu, so unter Menschen zu gehen.
Kurz vor der Tür zur
großen Halle stellten sich ihnen drei- nur all zu bekannte -
Slytherins in den Weg. Die hübsche Bellatrix Black, begleitet
von Rudolfus Lestrange und Snape, dessen fieses Grinsen auf Lily lag.
Jackie fingerte schon nach ihrem Zauberstab, doch augenblicklich
hexte Lestrange ihn ihr aus der Hand. Im selben Moment griff Bella
nach Lilys langen roten Haaren und riss ihren Kopf nach hinten. Lily
presste ihre Lippen zusammen, um nicht laut aufzukeuchen, denn Bella
kannte keine Gnade. Ihr Atem streifte Lilys Gesicht, als sie zischte:
"Eins sag ich dir, du widerliches Schlammblut. Bete darum, dass
ich dich nie alleine treffe, denn sonst..."
"Sonst
was?", ertönte ein Stimme von der Treppe. Hastig drehten
sich die drei Slytherins zu der Stimme um, die ihnen wohl bekannt
war.
Jackie sah Lily einen kurzen Moment an und beide verstanden
ohne Worte. Jackie holte aus und traf mit einem gezielten Schlag die
gerade abgelenkte Bellatrix Black mitten auf der Nase. Lily riss sich
los und schockte Lestrange, der sofort steif wie ein Brett nach
hinten fiel. Snape reagierte zu spät, denn dieser jemand, dem
die Stimme gehörte, sprang mit einem Satz über das
Treppengeländer und riss Snape zu Boden.
Jackie und Lily
sahen mit großen Augen zu, wie Snape sich mit einem jungen Mann
prügelte. Es war kein anderer als Sirius, dessen blonde Locken
wohl für sie beide heute unverkennbar waren. Oben auf der Treppe
standen Remus und James, beide die Arme vor der Brust verschränkt
und grinsten.
"Meinst du, wir sollten ihm helfen?",
fragte Remus, den Blick nicht von den raufenden jungen Männern
wendend.
James sprang lässig über die Brüstung und
packte seinen Freund sowie auch seinen Erzfeind am Kragen.
Sirius
schlug wild um sich und rief aufgebracht: "Lass mich los, James,
damit ich diesem Widerling..."
"Nichts da",
knurrte James. "Du wirst verschwinden. Lily und ich regeln das."
Bella hielt sich ihre blutende Nase und fauchte: "Ihr beide
steht auf meiner Liste ganz oben, Potter."
James gab ein
trockenes Lachen von sich und meinte gelassen: "Du stehst auch
auf meiner ganz oben, deshalb für jeden von euch 10 Punkte Abzug
dafür, dass ihr einen Schulsprecher hinterhältig überfallen
habt."
Jackie wandte sich dezent ab, weil sie das Gefühl
hatte, Bella würde gleich vor Wut platzen. Ihr Blick traf sich
dabei mit dem von Sirius, der nun scheinbar wieder Herr seiner Sinne
war. Er hob einen alten Schlapphut auf, der wohl bei der Rangelei auf
dem Boden gelandet war. Mit beiden Händen zog er ihn über
seine blonde Lockenpracht und über die immer noch blinkende
Aufschrift auf seiner Stirn. Remus schubste ihn in die Große
Halle und Jackie schlich ihnen nach.
"Geh schon", sagte
James barsch zu Lily. Sie sah ihn argwöhnisch an. Noch nie hatte
er in solch einem Ton mit ihr gesprochen. Traurig und verletzt senkte
sie ihren Blick und schlich ihrer Freundin hinterher. Sowie sie durch
die Tür verschwunden war, holte James aus und seine Faust
krachte mitten in Snapes Gesicht. Völlig überrascht von dem
Schlag, taumelte er leicht nach hinten, doch James hielt seinen
Zauberstab auf ihn und zischte: "Wenn ich noch einmal höre,
dass irgendwer jemanden als Schlammblut beschimpft, dann habt ihr die
längste Zeit so ausgesehen wie jetzt."
Bella lachte
höhnisch: "Ah, Potter, bist wohl immer noch verknallt in
das kleine Schlammblut."
James ließ seine
Fingerknöchel knacken und meinte nur: "Ich mach auch vor
dir nicht halt, Bella." Er musste sich mächtig
zusammenreißen, um sich auf kein Machtspielchen mit Bellatrix
einzulassen. Sein Temperament war meist etwas aufbrausend, doch
gerade rechtzeitig sah er noch McGonagall die Große Treppe
herunterkommen und verdrückte sich eilig zum Frühstück.
Seltsamerweise saß Jackie neben Remus und Sirius neben
Lily an ihrem Haustisch. Peter war, wie immer, noch nicht da, deshalb
ließ sich James mal eben elegant neben Lily fallen. Ohne es zu
wollen, rückte sie instinktiv näher an Sirius heran.
Sie
hielt ihren Kopf gesenkt und aß stumm ihr Müsli. Jackie
hatte Sirius fixiert, der sich in alter Manier seinen Teller voll
lud. Doch als McGonagall an ihm vorbei lief und ihm seinen Hut vom
Kopf riss, wetterte er: "Was soll das?"
Er drehte sich
um und blickte in das verblüfft und zugleich spöttisch
dreinblickende Gesicht seiner Hauslehrerin. Professor McGonagall
kämpfte um ihre Selbstbeherrschung und drückte Sirius
kurzer Hand wieder den Hut auf den Kopf. "Nur für heute
haben sie diese Ausnahmegenehmigung, Mr. Black. Morgen herrscht hier
wieder eine kopfbedeckungsfreie Zone", sagte sie und lief eilig
hinauf zum Lehrertisch. Ihr Körper bebte dabei und es war
eindeutig, dass sie leise vor sich hin lachte.
Dieser kurze
Moment, als Sirius sein Vertuschungsmanöver nicht auf dem Kopf
gehabt hatte, war ausreichend gewesen, um jede Menge Schüler
einen kurzen Blick darauf werfen zu lassen. Das allgemeine Gelächter
galt ihm und etwas genervt warf er seine Gabel auf den Tisch, erhob
sich und stellte sich auf die Bank. Er zog sich seinen Hut vom Kopf,
machte eine kleine Verbeugung und rief laut in die Große Halle:
"Also werft alle jetzt einen Blick darauf und lacht euch aus,
denn ich habe vor, mein Frühstück in Ruhe einzunehmen."
Er drehte sich noch einmal in die Runde und ließ sich dann
wieder auf seinen Platz fallen, ohne den Hut wieder aufzusetzen,
"So
und jetzt will ich essen", grummelte er, die Lacher rings rum
völlig ignorierend.
Jackies Blick hing fasziniert an ihm,
denn mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht damit, dass er
diesen Mut aufbrachte. Den Mut eines wahren Gryffindors.
Lilys
Blick ruhte auf Jackies Gesicht und in diesem Moment wusste sie, dass
es um ihre Freundin vollends geschehen war. Nichts, was sie jetzt
noch sagen könnte, würde Jackie von Sirius abhalten. Sie
hatte ein für alle Mal ihr Herz an ihn verloren.
"Verstehst
du, was ich meine?", flüsterte eine warme Stimme in Lilys
Ohr. "Er ist ihr verfallen und sie ihm, ein für alle Mal."
Hastig drehte Lily ihren Kopf zu der Stimme, die James gehörte,
und erschrak kurz. Ganz nah war er ihrem Gesicht. Sie konnte seinen
warmen Atem auf ihrer Wange fühlen und seinen Duft einatmen. Die
große Halle um sie herum verschwamm, sie sah nur noch seine
haselnussbraunen Augen, die auf den ihren ruhten, bis jemand rief:
"Morgen, alle miteinander." Sofort fuhren James und Lily
auseinander und Remus stöhnte genervt auf: "Ja, ja, Peter,
dir auch einen Guten Morgen."
Der Zauber, der kurzzeitig
zwischen den Schulsprechern geherrscht hatte, war verschwunden, aber
ein wissendes Lächeln ihrer Freunde blieb.
Remus durchbrach
die kurzeitige Stille und fragte: "So Padfoot, gehst du jetzt zu
Poppy wegen..." Er zeigte auf Sirius blinkendes Banner.
Sirius
schluckte seinen letzten Bissen herunter und schüttelte den
Kopf. "Nein, ich werde es ertragen, solange es da ist. Dieser
jemand, der mir das verpasst hat, wollte mir damit wohl etwas sagen."
Sein Blick ruhte dabei auf Jackie, die jedoch ebenso wie Lily auf ihr
Frühstück starrte, als wäre es die spannendste Sache
der Welt.
Remus zog die Augenbrauen hoch, zu verblüfft war
er über seinen sonst so eitlen Freund. Sollte sich der
starsinnige, sonst so von sich eingenommene junge Mann so verändert
haben?
James schob seinen Teller von sich und meinte: "Also
Lily, was hältst du davon, wenn wir heute die letzten Details
für den Ball durchgehen und Gonni unser Konzept vorlegen?"
Lily war tief in ihren Gedanken versunken und sah sich etwas
verwirrt um. Hastig nickte sie und Remus fuhr dazwischen: "Wir
könnten doch alle noch mal zum See runter gehen. Vielleicht
haben wir auch noch ein paar gute Ideen."
"Jo, Moony,
das ist eine gute Idee", kam es von Sirius, "und unsere
Besen können wir doch auch mitnehmen, für einen kleinen
Rundflug zwischendurch. Bist du dabei, Jackie?"
"Hab
noch Hausaufgaben", nuschelte diese und sah Hilfe suchend zu
ihrer Freundin, doch Lily fiel ihr in den Rücken: "Die
haben wir doch schon gestern gemacht. Ach komm schon, Jackie."
Lily wollte zum einen nicht allein mit den Maraudern sein und sie war
sich zum anderen ziemlich sicher, dass Sirius die Gunst der Stunde
nutzen würde, um sich für sein gestriges Verhalten bei
Jackie zu entschuldigen.
"Komme nach", sagte Jackie
hastig und sprang von ihrem Platz auf. Eilig verließ sie die
Halle, Sirius Blick im Rücken, der meinte: "Sie war es,
eindeutig. Na warte Mrs. Andrews."
Etwas Anerkennendes lag
in seiner Stimme, doch James sagte: "Sie kann es nicht gewesen
sein, denn sie hat die Nacht auf dem Sofa in unserem Aufenthaltsraum
verbracht."
James hörte Lilys erleichtertes Ausatmen
sehr genau, doch Sirius sagte: "Wer bitte schön soll mir so
was sonst antun? Es kann nur Jackie gewesen sein."
Remus
meinte lachend: "Naja, es könnte auch eine abgelegte
Freundin von dir gewesen sein. Und wir alle wissen, davon gibt es
eine Menge." Diesmal stimmte sogar Peter in das allgemeine
Gelächter mit ein.
McGonagall kam noch einmal an ihren Tisch
und meinte zu James und Lily: "Also eines habe ich noch
vergessen. Der Halloweenball wird von Ihnen beiden eröffnet und
ich hoffe auf eine spektakuläre Tanzeinlage von Ihnen."
Lilys Augen weiteten sich und James stammelte entsetzt: "Was?
Aber, ich kann nicht tanzen."
McGonagall lächelte: "Na,
wenn das so ist, Mr. Potter, dann genügt auch ein schöner
Walzer - so als Einstieg."
Schon war sie verschwunden und
James schlug sich verzweifelt mit den Händen vors Gesicht:
"Himmel, mir bleibt aber auch nichts erspart."
Sirius
meinte: "Mann, Alter, immer cool. Es sind noch glatte sieben
Wochen bis zum Ball und Lily übt sicher gern mal mit dir."
Lily wollte schon etwas erwidern, als sie Remus Stimme hörte:
"Oh ja, ich glaub auch, dass macht Lily bestimmt gern."
Sein Blick klebte an Lilys Gesicht und sie sah ihm an, dass er keinen
Widerspruch duldete. Er hatte Lily in der Hand, er wusste, dass sie
an Sirius Aussehen Schuld war und auch wenn sie Remus für loyal
hielt, setzte er sie mit seinem unschuldig drein blickenden Gesicht
unter Druck.
Erwartungsvoll und zugleich etwas ängstlich sah
James Lily an, die nun resignierend nickte. Sie fühlte sich
nicht wohl unter den Maraudern und stand auf.
Eilig wollte
sie die Halle verlassen, als Snape ihren Weg kreuzte. Er zischte ihr
zu: "Dein geliebter Schulsprecherfreund wird nicht so leicht
davonkommen, merk dir das, du..."
Lily machte große
Augen und sah in Snapes etwas lädiertes Gesicht. Jetzt verstand
sie, warum James sie weggeschickt hatte. Auch wenn sie sich
geschmeichelt fühlte, dass er sie verteidigt hatte, fand sie es
dennoch nicht richtig von ihm, es auf diese Art und Weise zu tun.
Ohne ein Wort an Snape zu verschwenden, durchquerte sie die
Eingangshalle des Schlosses und lief schnurstracks nach draußen.
Die letzten warmen Strahlen der Herbstsonne streiften ihr Gesicht und
genüsslich schloss sie die Augen. Trotz des lauen Wetters wehte
ein leichter Wind über die Ländereien von Hogwarts.
Lily
wollte schon den schwarzen See ansteuern, weil sie hoffte ihre
Freundin dort anzutreffen, doch die schwebte gerade lässig über
ihr und sagte: "Lils, hör auf zu träumen. Hier oben."
"Komm mit zum See", flehte Lily Jackie an, doch diese
lachte nur und sauste auf ihrem Besen Richtung Quidditchfeld. Ihre
braunen Locken flogen dabei im Wind, ebenso ihr Umhang. Lily legte
eine Hand über ihre Augen, um ihre Freundin im Sonnenlicht
besser sehen zu können. Ihr blieb nicht verborgen, dass sich
gerade zwei Menschen todesmutig auf ihren Besen vom Astronomieturm
stürzten. Lily schüttelte den Kopf, denn diese beiden waren
Potter und Black, unverkennbar. Sie johlten um die Wette, bevor sich
ihre Wege trennten. Sirius steuerte das Quidditchfeld an und James
flog hinunter zum See.
Sirius hatte Jackie schon von weitem
die Torstangen umrunden sehen und er fand, hier oben wäre die
beste Möglichkeit für ein Gespräch unter vier Augen.
Er jagte ihr auf seinem Besen nach. Seine blonde Lockenpracht hatte
er vorsorglich zusammengebunden. Kurz vor Jackie stoppte er seinen
Besen und ließ sie näher kommen. Jackie jedoch wollte
nicht neben ihm stoppen. Sie wollte eigentlich nur ihre Ruhe hier
oben haben und nicht ausgerechnet mit Sirius reden, der sie immer
irgendwie leicht nervös machte.
Sirius jedoch sah ihr
Ausweichmanöver und mit einem geschickten Griff hielt er ihren
Besenstiel fest. Jackie war eine gute Fliegerin und hielt sich trotz
seiner plötzlichen Aktion elegant auf dem Besen. Sie schwebte
jetzt neben ihm und grummelte: "Was soll das, Black? Wenn du mir
wieder irgendwelche Liebenswürdigkeiten an den Kopf knallen
willst, dann..."
"Bitte", sagte Sirius leise und
nahm nicht den Blick von ihren braunen Augen. Jackie lehnte sich
etwas auf ihrem Besen zurück und verschränkte abwehrend die
Arme vor der Brust. Sie wollte ihm nicht offenbaren, wie sehr er sie
am Tag zuvor verletzt hatte. Seine Worte hatten sie tief getroffen
und sie war der Meinung, dass sie all den hübschen Mädchen
in Hogwarts nie das Wasser reichen könnte.
Sirius kratze
sich verlegen am Kopf und sagte: "Es tut mir leid, Jackie, weißt
du, wegen gestern. Ich wollte das eigentlich gar nicht sagen und hab
es auch nicht so gemeint."
Jackie schnaubte: "Ja, ja,
Black, spar dir deine Entschuldigungen und lass mich einfach in
Ruhe." Sie packte den Stiel ihres Besens mit beiden Händen
und sauste davon. Ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen, denn
in ihrem tiefsten Inneren hoffte sie, dass er es ernst meinte, aber
so schnell wollte sie nicht nachgeben.
Sirius grummelte vor sich
hin: "Diese Nuss ist härter zu knacken als erwartet. Aber
bis zum Halloweenball hab ich dich soweit, Miss Andrews."
Er
jagte ihr auf seinem Besen nach. Jackie liebte dieses sorglose
Spielchen und sauste geschwind zwischen den Torstangen hindurch,
ihren Verfolger nicht aus den Augen lassend.
Lily saß
mittlerweile mit James und Remus unten am schwarzen See und die drei
hatten die Köpfe zusammen gesteckt. Das Konzept für den
Ball stand und musste nur noch McGonagall vorgelegt werden.
Remus
meinte: "Ihr solltet das aber nicht allein organisieren. Ich bin
der Meinung, ihr solltet das den Vertrauensschülern überlassen."
James nickte zustimmend und sagte erleichtert: "Ich wäre
auf alle Fälle dafür, das erste Spiel der Saison rückt
immer näher und einige aus unserem Team sind ganz schön
eingerostet und haben scheinbar andere Sachen als Quidditch im Kopf."
Er warf bei seinen Worten einen Blick zu einem Pärchen, das
gerade schmusend im Gras lag. Frank und Alice lagen etwas abseits von
den anderen Schülern und küssten sich ungeniert.
Remus
sagte grinsend: "Denk aber auch an deine Tanzstunden mit Lily."
Lily kniff die Augen zusammen und James stöhnte: "Mann,
wie oft soll ich es noch sagen. Ich kann das nicht und will es auch
nicht können."
Auf Lilys Gesicht stahl sich ein
Lächeln, doch dieses erstarb sofort wieder, als sie Remus Blick
auffing, der ihr eindeutig sagte, dass es jetzt nur an ihr lag, James
etwas aufzubauen.
Leicht säuerlich zog Lily ihre Schuhe aus
und ihre Strümpfe ebenso. Sie sprang auf die Beine und sah James
erwartungsvoll an, der aber überhaupt nicht verstand, was sie
von ihm wollte.
"Wir werden jetzt unsere erste Tanzstunde
abhalten", meinte sie leicht gequält und warf Remus dabei
einen vernichtenden Blick zu. Remus jedoch lehnte sich bloß
entspannt an einen Baum und nickte zustimmend.
"Aber",
rief James verzweifelt, "ich kann doch nicht hier vor allen...
nein, auf keinen Fall." Hektisch sah er sich um, denn an diesem
schönen Sonntag waren so einige Schüler auf den Ländereien
anzutreffen.
Remus grummelte: "Nun stell dich nicht so an.
Auf dem Ball werden dir auch alle zusehen."
"Wir haben
hier aber keine Musik", sagte James schnell und hoffte, sich so
doch noch aus der Affäre ziehen zu können. Remus grinste,
schwang seinen Zauberstab und leise Musik hüllte die drei ein.
Lily seufzte laut auf, denn diese Sache hier gefiel ihr ganz und
gar nicht. Sie wollte James auf keinen Fall so nah sein - und um
Himmels Willen nicht mit ihm tanzen, doch Remus gab einfach keine
Ruhe.
Schwerfällig erhob sich James und trat näher zu
Lily, die jedoch zischte: "Schuhe aus, sonst kann ich womöglich
nachher zu Poppy gehen, damit sie meine gebrochenen Zehen heilt."
James rollte mit den Augen, tat aber, was sie verlangte. Lily
reichte ihm die Hand und sah hinunter auf den Boden. "Also auf
Drei, James." Der Angesprochene nickte hastig und wartete auf
Lilys Zählen und bei "Drei" setzte er sich in
Bewegung. Natürlich in die falsche Richtung und patschte mit
seinem nackten Fuß auf Lilys fein säuberlich lackierte
Zehen. Sie zog scharf die Luft ein, machte aber gute Miene zum bösen
Spiel und meinte lächelnd: "Okay, wir probieren es jetzt
mal anders. Du stellst dich neben mich und wir üben erst mal so
die Schritte."
Sie bemerkte sehr wohl, wie James sich immer
mehr verkrampfte, und spürte auch, wie die anderen Schüler
rings um sie herum sie beobachteten.
James gab sein Bestes, auch
wenn es noch nicht genügte, bis Remus Gnade walten ließ
und die Musik beendete.
"Wird schon", meinte er
belustigt und schenkte der frustriert dreinblickenden Lily ein
Lächeln. Hastig zog sie sich ihre Strümpfe und Schuhe
wieder an und verschwand ohne ein weiteres Wort in Richtung Schloss.
Sie hatte diese Tanzstunde mit James genossen, keine Frage, und
das machte ihr Angst. Die Szene in der Großen Halle am Morgen
hatte ihr deutlich gemacht, wie fasziniert sie von ihm war. Doch
sollte sie ihren Drang, ihm nah zu sein, wirklich nachgeben? Dann
hätte er bereits gewonnen und seine Prophezeiung würde
eintreten. In ihren Augen war er immer noch ein Weiberheld und
stellte allem nach, was einen Rock trug. Würde er sich wirklich
für sie ändern? Eine Frage, die unaufhörlich in ihrem
Kopf ratterte und nach einer Antwort verlangte.
