18. Antimagnetismus
Lily hatte sich fast den ganzen
Sonntag in der Bibliothek verschanzt, auf der Suche nach einem
geeigneten Zauber, für ihre Racheaktion an Sirius und Jackie.
Engelchen und Teufelchen lagen ihr noch immer schwer im Magen und
auch wenn Jackie ihre Freundin war, wollte sie die Sache nicht auf
sich beruhen lassen. Nur die zündende Idee fehlte ihr noch
immer. Es sollte etwas sein, was sowohl Jackie als auch Sirius zu
spüren bekommen sollten, denn er war offensichtlich mit von der
Partie gewesen, als sie ihre stummen Begleiter angehext bekamen.
Der
richtige Einfall kam ihr allerdings erst am Montag, während des
Unterrichts bei McGonagall. Sie hatte ein diabolisches Lächeln
auf den Lippen und hörte ihrer Verwandlungslehrerin gar nicht
richtig zu und das, obwohl dieses Fach sowieso schon ein Knackpunkt
bei ihr war. Das konnte sie nicht so leicht aus dem Ärmel
schütteln, wie all die anderen Sachen.
Professor McGonagalls
geschultem Blick allerdings entging Lilys Verträumtheit nicht.
Noch bevor Lily sich wieder dem Geschehen des Unterrichts zuwenden
konnte, rief die Professorin laut: "Miss Evans, wenn Sie wieder
aus Ihren Tagträumen erwacht sind, können Sie uns
vielleicht einmal vormachen, wie Sie diese Maus in eine Uhr
verwandeln."
Lilys Augen waren weit aufgerissen und sie
starrte entsetzt auf das Lehrerpult. Da stand ein kleiner Käfig,
in dem eine kleine Feldmaus ängstlich piepste. Sie ahnte wohl
schon, was ihr gleich passieren würde.
Die Augen der
Siebtklässler waren alle auf Lily gerichtet, die sich nur
zögerlich von ihrem Stuhl erhob. Sie warf noch einen kurzen
Blick zu Jackie, die ihr aufmunternd zulächelte.
Ihren
Zauberstab auf die kleine Maus gerichtet, sprach Lily den
Zauberspruch und kniff ihre Augen dabei fest zusammen. Das Gelächter
um sie herum war nicht zu überhören und noch bevor sie ihre
Augen wieder öffnete, biss sich ihre Gesichtsfarbe sehr mit der
ihrer Haare.
Die Slytherins lachten wieder einmal am lautesten
und Lily betrachtete sich nur widerwillig ihr Werk. Der Käfig
war verschwunden und die Maus auch. Es stand sogar eine Uhr auf dem
Lehrerpult, nur die Zeiger waren kleine Mäuseschwänze, die
sich unruhig auf dem Ziffernblatt hin und her bewegten.
Lily
seufzte laut auf und Professor McGonagall erhob ihre Stimme: "Miss
Evans, diesen Zauber müssen Sie unbedingt beherrschen. Bis
übermorgen einen vier Fuß langen Aufsatz darüber und
Sie werden diesen Zauber dann der Klasse noch einmal vorführen."
Ihre Stimme klang energisch und sofort verstummte das Lachen in
der Klasse. Lilys Blick glitt unwillkürlich zu James, der die
Stirn runzelte, ihr aber ein aufmunterndes Lächeln schenkte.
Genervt ließ Lily sich wieder neben Jackie nieder und
sehnte das Ende dieser Stunde herbei.
Eine schnatternde Schar
von Schülern saß schon beim Mittagessen am
Gryffindortisch. Jackie quetschte sich zwischen Sirius und Peter und
Lily ließ sich neben Remus auf die Bank fallen.
"Was
für ein Tag", grummelte Lily vor sich hin und füllte
sich ihren Teller mit Essen. Jackie und Sirius turtelten mal wieder
herum und ließen Lily genervt die Augen verdrehen. Die beiden
klebten sogar noch beim Mittagessen zusammen und schienen alles
andere um sich herum zu vergessen.
Remus war etwas schweigsam und
auch wieder sehr blass. In der nächsten Nacht würde wieder
Vollmond sein und das machte ihm schon Tage vorher zu schaffen. Lily
legte ihre Hand auf seinen Arm und fragte leise: "Alles in
Ordnung, Remus?"
Der Angesprochene nickte und murmelte: "Bin
bloß froh, wenn das vorbei ist und ich Freitag mit euch auf den
Ball kann."
"Mit wem gehst du eigentlich?",
nuschelte Sirius mit vollem Mund.
"Lass ihn in Ruhe",
maulte James, der sich gerade auf der anderen Seite neben Lily
niederließ. Er hielt ein Buch in den Händen und schob es
Lily zu. "Seite 251 ist der Zauber noch mal ausführlich
beschrieben. Lies das noch mal durch und heute Abend beim Rundgang
werden wir all die kleinen Mäuse auf den Gängen in Uhren
verwandeln."
Jackie kicherte bei seinen Worten und Lily warf
James einen verblüfften Blick zu, doch der ließ sich gar
nicht stören und füllte sich erst mal seinen Teller mit
Essen. Sirius wackelte viel sagend mit den Augenbrauen und selbst
Remus hatte bei Lilys verblüfftem Gesichtsausdruck ein kleines
Lächeln aufgesetzt.
Sie schlug auch gleich die genannte
Seite auf und begann zu lesen. Hin und wieder schob sie sich einen
Bissen in den Mund, bis James grummelte: "Ich hab nicht gesagt,
du sollst das beim Essen lesen." Er riss ihr das Buch aus den
Händen und klappte es wieder zu.
Sirius brach in Gelächter
aus und sagte: "Ihr benehmt euch wie ein altes Ehepaar, nur dass
ihr noch keins seid."
James legte ganz langsam sein Besteck
ab, beugte sich über den Tisch und zischte seinem besten Freund
zu: "Du weißt, dass ich noch eine Rechnung mit dir offen
habe und wenn du nicht gleich deine Klappe hältst, werden es
zwei sein."
James war immer noch sauer auf Sirius, wegen
ihrer Anhängsel am Samstag und er gab ihm dafür die Schuld,
dass er Lily wieder nicht gefragt hatte, ob sie mit ihm zum Ball
ging. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass immer irgendjemand
oder irgendetwas dazwischen kam.
Lily lehnte sich zu ihm hinüber
und flüsterte, nur für ihn hörbar, in sein Ohr: "Ich
habe einen schönen Zauber für die beiden gefunden."
James' Miene erhellte sich sofort und ein diabolisches Grinsen
lag in seinem Gesicht, als er seinen Freund und Jackie fixierte. Die
beiden rutschten jetzt unruhig auf ihren Plätzen hin und her und
warfen argwöhnische Blicke zu ihren Freunden. Sirius schnappte
nach Jackies Arm und zischte ihr zu: "Wir sollten hier
verschwinden. Die Sache gefällt mir ganz und gar nicht."
James' alleiniger Zorn war ihm schon nicht geheuer, doch mit Lily
zusammen war die ganze Sache noch etwas prekärer und vor allen
Dingen gefährlicher für ihn und Jackie.
Lily und James
lachten leise, als sie ihre Freunde beobachteten, wie sie eilig die
Große Halle verließen, sich immer wieder etwas ängstlich
nach ihren Freunden umdrehend.
Während des
Nachmittagsunterrichts hatte James keine Zeit mit Lily über ihre
kleine Racheaktion zu reden. Auch beim Abendessen schwieg Lily
verbissen und ignorierte gekonnt die argwöhnischen Blicke von
Sirius und Jackie, die den ganzen Nachmittag schon auf einen kleinen
Racheakt von den Schulsprechern gefasst waren. Jackie war sogar so
vorsichtig, dass sie Sirius erst mal das Abendessen vorkosten ließ.
Lily fand das zu lustig und hatte noch immer ein verschmitztes
Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie mit James am späten
Abend ihre Runden durchs Schloss drehte.
"Nun sag schon",
grummelte James ungeduldig, als sie gerade den Gang im sechsten Stock
entlang liefen. Er hatte seine Hände in den Hosentaschen
vergraben und war, ebenso wie Lily, stehen geblieben. Lily lief
einmal um ihn herum und fragte verschmitzt: "Wie gut kennst du
dich mit Magneten aus?"
James fuhr sich mit einer Hand über
sein Kinn und murmelte: "Naja, viel weiß ich nicht
darüber. Das mit den Polen, die sich anziehen..."
Lily
nickte zustimmend. "Genau, unterschiedliche Pole ziehen sich an
und gleiche Pole stoßen sich ab."
James machte große
Augen und auf seinem Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen. "Das
ist genial, Lily! Du bist genial!"
"Nun übertreib
es mal nicht", meinte Lily, der die Verlegenheit ins Gesicht
geschrieben stand. Sie senkte ihren Kopf und nuschelte: "Das mit
den Uhren kann ich immer noch nicht."
James schlug sich mit
der flachen Hand vor die Stirn, denn das wollte er ja eigentlich an
diesem Abend mit ihr üben.
Die erste Maus, die er erblickte,
schockte er mal eben und lehnte sich dann lässig an die Wand.
"Und jetzt zauberst du mir eine schöne Uhr daraus, Lily",
sagte er bestimmend und sah sie aufmunternd an.
Lily seufzte
gequält und richtete ihren Zauberstab auf das winzige Tier am
Boden. Wieder kniff sie ihre Augen zu und sagte den Zauberspruch.
James lachte leise und meinte: "Also, es wäre
vielleicht besser, wenn du die Augen auf dein Opfer richtest und
zusiehst was passiert. Ja, und die Handbewegung stimmt auch nicht."
Lily ließ frustriert ihren Arm wieder sinken und blickte
auf die Uhr, die eigentlich gar keine war, sondern eine übergroße
Maus, mit einem Zifferblatt auf dem Rücken.
"Das lern
ich nie", schmollte sie.
James stieß sich von der Wand
ab und stellte sich hinter sie. Er legte seine Hand auf ihre, in der
sie den Zauberstab hielt und raunte in ihr Ohr: "So, und jetzt
probieren wir es zusammen."
Lilys Atmung beschleunigte sich
und ihre Hand kribbelte. Sie war sich seiner Nähe mehr als
bewusst und schloss einen Moment die Augen, damit sie sich überhaupt
auf den Zauber konzentrieren konnte.
"Du tust es schon
wieder", murmelte er und sein warmer Atem strich dabei über
ihre Wange.
"Was?", quiekte Lily.
James lachte
leise und ein Schauer fuhr ihr über den Rücken. "Du
sollst die Augen öffnen", sagte er jetzt etwas energischer.
Er genoss diese Nähe zu ihr und konnte wieder ihren blumigen
Duft einatmen und ihre weichen Haare fühlen. Er wurde aus seinen
Gedanken gerissen, als Lily ihren Arm hob und mit offenen Augen den
Zauber sprach. Lily hüpfte vor Freude in die Luft. "Es hat
geklappt, James!"
James trat einen Schritt zurück und
beäugte kritisch die kleine Kaminuhr, die jetzt vor ihnen stand.
Ein breites Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht und er hob
anerkennend den Daumen. Er konnte seinen Blick nicht von Lily nehmen.
Die leichte Röte in ihrem Gesicht und das freudige Funkeln ihrer
grünen Augen brachten sein Herz schon wieder zum rasen. Er
schloss einen Moment die Augen und legte sich die Frage zurecht, die
er schon wochenlang stellen wollte, doch entweder war irgendetwas
oder irgendjemand dazwischen gekommen, oder ihn hatte der Mut
verlassen. Aber jetzt wollte er es endlich wagen. Er griff hastig
nach Lilys Hand und rasselte mit einer rasenden Geschwindigkeit
herunter: "BegleitestdumichaufdenBall?"
Lilys Augen
drohten heraus zu fallen und sie sagte verständnislos:
"Entschuldige, James, aber ich hab dich nicht verstanden."
James ließ seine Schultern hängen und wollte schon
weiter laufen, doch Lily hielt ihn am Arm fest und sagte lachend:
"Hast du einen Knoten in der Zunge, oder was?"
"So
könnte man es auch nennen", grummelte James.
Lily
stellte sich vor ihn und piekte mit ihrem Zeigefinger auf seiner
Brust herum. "Wiederhol deine Frage noch mal. Ich hab wirklich
nichts verstanden."
Erneut schloss James die Augen, holte
tief Luft und stellte seine Frage nun laut und verständlich.
Wohl etwas zu laut, denn es hallte aus den leeren Gängen des
Schlosses nach. "Begleitest du mich auf den Ball, Lily?"
Er hörte Lilys atemloses: "Gern, James."
Hastig
riss er die Augen auf und blickte in Lilys strahlendes Gesicht. Sie
lächelte ihn an und ihre Augen ruhten auf seinen, als er ein
verwundertes "Wirklich?" von sich gab.
Lily nickte und
setzte ihren Weg den Gang entlang fort. Sie wollte nicht, dass er es
aus ihrem Gesicht ablesen konnte, wie sehr sie sich über seine
Einladung freute.
James trottete hinter ihr her. Er war total aus
dem Häuschen und hätte am liebsten einen Freudentanz
aufgeführt, eine Party gefeiert oder sonst etwas Verrücktes
getan, doch plötzlich fielen ihm Lilys Verluste wieder ein.
Sie
waren schon auf dem Gang zum Gryffindorturm angekommen, als er leise
sagte: "Ich weiß ja, dass du eigentlich gar nicht..."
Lily atmete geräuschvoll aus, stemmte die Hände in die
Hüften und zischte: "Wenn du jetzt nicht aufhörst,
dann überlege ich mir die Sache doch noch mal."
Dass
sie es nicht ernst meinte, konnte er an ihrer Stimme nicht erkennen.
Er blickte zu Boden und schwieg den restlichen Weg, doch ein kleines
Lächeln auf seinen Lippen blieb.
Als sie den
Gemeinschaftsraum betraten, war er wie ausgestorben. Alle Schüler
waren an diesem Montagabend schon im Bett.
"Also
Uhrenvergleich", murmelte Lily und blickte, ebenso wie James,
auf ihre Armbanduhr. Sie fingerte noch ein kleines Stück
Pergament aus ihrer Umhangtasche und hielt es James hin.
"In
genau fünf Minuten belegst du Sirius mit diesem Zauber. Wir
müssen das zeitgleich machen, sonst klappt es nicht."
James nickte verstehend und war in diesem Moment mehr als
verblüfft über Lily. Gut, er wusste ja schon eine ganze
Weile, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte, aber dass sie
so...
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sie ihn zur
Treppe schubste, die zu den Jungenschlafsälen führte. Lily
selbst nahm die andere Treppe und schlich sich in das Zimmer der
Gryffindor Siebtklässlerinnen.
Wie erwartet schliefen alle
und Lily tapste leise zu Jackies Bett. Ungeduldig wartete sie auf das
Piepen ihrer Uhr. Für sie dauerte es eine kleine Ewigkeit, bis
es endlich so weit war und sie den kurzen Ton hörte. Sie
richtete ihren Zauberstab auf ihre schlafende Freundin und sprach mit
einem Funkeln in ihren Augen: "Depulsio". Einen Moment
später schlich sie sich wieder leise davon.
James stand
schon vor der Treppe und hatte ein diabolisches Grinsen im Gesicht.
Für Lily war das Beweis genug, dass er es wohl ebenso geschafft
hatte. Die beiden steuerten die Schulsprecherräume an und
wollten eigentlich nur noch ins Bett.
Lily hatte schon ihre Tür
geöffnet, als James leise sagte: "Ich freu mich auf
Freitag."
Sie drehte sich noch einmal um und ein sanftes
Lächeln umspielte ihre Lippen. "Gute Nacht, James, und
danke für deine Hilfe."
Ein letztes Mal trafen sich
ihre Blicke, bevor sich die Tür hinter ihr schloss. Lily lehnte
sich dagegen und schloss kurz die Augen. Sie wollte sein freudiges
Augenfunkeln noch einen Moment vor sich sehen, doch erschrocken riss
sie die Augen wieder auf, als ein unüberhörbarer
Freudenschrei aus dem Zimmer nebenan kam, verbunden mit einem lauten
Poltern. Lily schüttelte lächelnd den Kopf und, zum ersten
Mal seit Wochen, freute auch sie sich auf den Ball.
Am
nächsten Morgen standen die beiden Schulsprecher schon im
Gemeinschaftsraum der Gryffindors, denn sie wollten auf keinen Fall
die Ankunft ihrer Freunde verpassen, viel zu gespannt waren sie auf
das Ergebnis ihres Streiches.
Als erster kam Sirius die Treppe
von den Jungeschlafsälen herunter, gefolgt von einem ziemlich
blassen Remus und einem verschlafenen Peter.
Sirius lehnte sich
lässig ans Treppengeländer und blickte nach oben, als die
ersten Mädchen herunterkamen. Sein Gesicht erhellte sich, als er
Jackie endlich erblickte.
Er stellte sich vor die Treppe und
strahlte sie an, doch Jackie hatte noch nicht einmal einen Fuß
darauf gesetzt, da flog Sirius schon in hohem Bogen durch den
Gemeinschaftsraum und knallte kurz vor James und Lily wieder auf den
Boden. Mit einem ächzenden Stöhnen rappelte er sich auf und
Lily murmelte: "Hm... der Zauber scheint bei Sirius stärker
zu sein."
James sah zu seinem Freund und flüsterte:
"Naja, ich hab ihn zweimal ausgesprochen."
Lily machte
große Augen, fing dann aber an zu lachen und meinte gelassen:
"Egal, bis Mitternacht werden sie es schon aushalten.
Jackie
keifte von der Treppe aus: "Was für ein Zauber ist das?
Raus damit, Lily!"
Sirius war schon drauf und dran James an
den Kragen zu gehen, weil er dessen fieses Grinsen, nach dieser
Niederlage nun absolut nicht ertragen konnte, doch Lily ging
dazwischen und zischte: "Ihr habt es nicht besser verdient. Ich
sag jetzt nur Engelchen und Teufelchen, also nehmt es hin."
Sirius schnaubte wütend, wurde aber durch eine unsichtbare
Kraft plötzlich weggedrückt, denn Jackie kam jetzt die
Treppen runter. Mit hängenden Schultern verließ er den
Gemeinschaftsraum, denn je näher Jackie kam, je weiter wurde er
weg geschoben. Fünf Meter Abstand zwischen ihnen waren eine
ganze Menge und würde wohl ihren Tagesablauf erheblich
durcheinander bringen.
Remus schüttelte verständnislos
den Kopf. "Auf was für Ideen ihr aber auch kommt."
"Antimagnetismus", zwitscherte Lily nur und folgte
Sirius. Sie holte ihn noch auf dem Gang ein und er knurrte ihr zu:
"Das war nicht fair, Lily. Ich bin so nah dran..."
"An
was?", fragte Lily herausfordernd und heftete ihren Blick auf
sein Gesicht.
Sirius winkte frustriert ab, doch Lily wollte nicht
locker lassen. "Und dann, Sirius? Tauschst du sie dann gegen die
Nächste ein?"
Sirius blieb stehen und sah Lily
kopfschüttelnd an. "Sag mal, wofür hältst du
mich, Lily? Das würde ich nie tun!"
Lily setzte ihren
Weg fort und murmelte: "So sicher bin ich mir da nicht."
In der Großen Halle war es schon ein merkwürdiges
Bild. Jackie saß zusammen mit James und Remus und warf Sirius
hin und wieder einen sehnsuchtsvollen Blick zu, während Lily mit
Sirius und Peter schweigend am anderen Ende des Haustisches, ihr
Frühstück einnahm. Sirius war maulig und das blieb auch den
ganzen Tag über so. In zwei Klassenzimmern musste er die Plätze
tauschen weil es ihm nicht möglich war, so dicht an Jackie zu
sitzen.
Jackie war ebenso genervt und warf Lily hin und wieder
tödliche Blicke zu.
In einer Pause zwischen zwei
Unterrichtsstunden hockte Jackie frustriert auf einer Toilette und
lauschte den Gesprächen anderer Mädchen. Sie hörte wie
jemand sagte: "Hast du gesehen, unser Schnuckelchen Black
scheint es tatsächlich mal wieder geschafft zu haben."
Jackie wurde hellhörig.
"Was meinst du?", fragte
eine Sechstklässlerin aus Huffelpuff.
Das eine Mädchen
lachte: "Na, er hat doch gewettet, dass er die Andrews bis
Halloween rum bekommen hat."
"Ja, und wie es aussieht,
hat er sie schon abserviert", meinte die Huffelpuff lachend.
Jackie hielt die Luft an und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
Doch wiederum wusste sie, dass man dem Tratsch und Klatsch nicht
immer glauben sollte, trotzdem war ein bitterer Nachgeschmack
geblieben, den sie auch den ganzen Tag über nicht verdrängen
konnte.
Am Abend waren die Marauder nicht zum Essen
erschienen, doch Jackie und Lily wunderten sich diesmal nicht.
Im
Gegenteil, sie warteten die halbe Nacht im Gemeinschaftsrum auf die
Rückkehr der vier Freunde. Jackie war schweigsam. Ihr gingen die
Gespräche der Mädchen nicht aus dem Kopf, doch als Lily sie
daraufhin ansprach, winkte sie nur ab und Lily schob Jackies
Schweigsamkeit auf den Zauber, mit dem sie sie belegt hatte. Dass
noch etwas anderes an ihrer Freundin nagte, wusste sie nicht.
Erst
im Morgengrauen öffnete sich die Tür, doch diesmal waren
die Mädchen verwundert, als der Tarnumhang plötzlich fiel
und sie Peter und James erblickten, die den ohnmächtigen Sirius
zwischen sich hatten. Die beiden sahen ganz schön fertig aus.
"Was ist passiert?", fragte Jackie entsetzt und näherte
sich den drei Maraudern vorsichtig, aus Angst, sie könnte wieder
weggedrückt werden, doch der Zauber war verschwunden.
James
grummelte: "Pad hat es heute wohl etwas übertrieben. Er ist
mit dem Kopf gegen einen Stein geknallt."
Jackies Augen
waren vor Schreck geweitet, doch Peter murmelte: "Keine Panik,
er ist nur ohnmächtig."
"Schafft ihn ins Bett",
meinte Lily und legte einen Arm um Jackie, die jetzt Tränen in
den Augen hatte und James und Peter nachsah, wie sie Sirius die
Treppe hoch schweben ließen.
Kurze Zeit später kehrte
James zurück. Er sah völlig fertig aus und brummte den
beiden Mädchen nur zu: "Ich hau mich noch ein bisschen
hin."
Die Vollmondnächte schafften nicht nur Remus,
sondern auch seine Freunde und in diesem Moment verstand Lily, was
ihre Freundschaft ausmachte. Sie würden alles für einander
tun, egal zu welchem Preis.
"Ich seh noch mal nach Sirius",
meinte Jackie plötzlich und steuerte die Treppe zu den
Jungenschlafsälen an.
Lily seufzte und rief ihr nach:
"Zweites Bett links.", bevor auch sie selbst in den
Schulsprecherräumen verschwand.
Jackie nickte ihr dankbar
zu, bevor sie leise die Tür öffnete. Alle Vorhänge an
den Betten waren zu gezogen, doch sie hörte Peters lautes
Schnarchen. Vor dem genannten Bett blieb sie stehen und öffnete
die Vorhänge einen Spalt.
Sirius lag auf dem Rücken,
mit freiem Oberkörper, und hatte die Augen geschlossen. Etwas
unschlüssig stand Jackie noch einen Moment in dem dunklen Raum,
doch dann entledigte sie sich rasch ihrer Kleidung und griff nach
Sirius' Pyjamaoberteil, das am Fußende des Bettes lag. Sie zog
es über ihre Unterwäsche und kletterte leise zu ihm ins
Bett.
Sie hob kurz die Decke an und atmete erleichtert aus, als
sie sah, dass er seine Pyjamahose trug. Einen Moment blickte sie noch
in sein regungsloses, aber entspanntes Gesicht, bevor sie sich an ihn
kuschelte. Sein Atem ging regelmäßig, als sie kaum hörbar
flüsterte: "Ich liebe dich!"
Es brauchte nicht
lange und auch Jackie war eingeschlafen. Sie bemerkte nicht, dass
Sirius, einen Moment später, die Augen geöffnet hatte und
die Decke vorsichtig fester um sie zog.
Jackie wurde erst
wieder wach, als sich jemand ihren Hals entlang küsste und in
ihr Ohr raunte: "Wir müssen aufstehen."
"Will
noch nicht", knurrte sie und schmiegte sich an den warmen Körper
neben sich. Sie atmete seinen Duft ein und in diesem Moment war ihr
klar, dass sie ihm rettungslos verfallen war und sie auch den letzten
Schritt gehen würde.
Sirius betrachtete ihr Gesicht
eingehend. So ganz war die Verletzung noch nicht verschwunden und
doch war es ihm egal. Er hatte sich in den letzten Wochen nichts mehr
gewünscht, als sie so nah bei sich zu haben, dieses Mädchen,
das nicht nur sein Herz verzaubert, sondern auch seine Seele berührt
hatte. Er wollte sie so sehr, doch dafür war jetzt nicht die
Zeit und nicht der richtige Ort. Das wollte er sich für einen
anderen Abend aufsparen und er wusste auch schon genau welchen. Nicht
ahnend, dass er noch andere Steine aus dem Weg räumen musste,
bevor es soweit war.
