20... und seine Folgen
Jackie rannte durch das Schlossportal hinaus in die kalte Halloweennacht. Sie wollte nur noch weg und ihren Tränen freien Lauf lassen. Der Abend hatte noch gar nicht richtig begonnen und doch war er für sie zu Ende. Noch immer hallte das Wort "Wette" in ihrem Kopf und der Schmerz in ihrem Inneren war noch nie größer gewesen als in diesem Moment. Sie hatte ihm vertraut und er hatte sie benutzt. Mit dieser bitteren Erkenntnis zog sie sich in den Umkleideraum ihres Quidditchteams zurück, denn hier würde sie garantiert niemand finden. Selbst Sirius nicht, wenn er auf die Karte der Marauder sehen würde. Er war der Letzte, dem sie begegnen wollte.
Sirius verließ mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf die Große Halle. Sein Gesicht und sein Hemd waren von dem Punsch verklebt, doch es war ihm egal. In seinem Kopf spukten Jackies letzte Worte herum: "Du warst der größte Fehler meines Lebens, denn ich habe dir vertraut." Er verstand nicht, warum sie das gesagt hatte, denn kurze Zeit vorher hatten sie noch getanzt und zusammen gelacht. Was war nur passiert?
Währenddessen hockte James auf einem Bett im
Krankenflügel und Lily zog ihm vorsichtig seinen Umhang von den
Schultern. Er biss die Zähne zusammen, doch Lily sah die kleinen
Schweißperlen auf seiner Stirn. "Warum hat Bellatrix das
getan?", fragte sie jetzt etwas vorwurfsvoll.
Ein trockenes
Lachen kam von James. "Warum tun Slytherins so etwas? Hätte
ich nur nicht auf Moony gehört, dann würde Bella hier
sitzen und wir beide wären unten in der Großen Halle",
grummelte James, der im Moment eigentlich nur wütend auf sich
selbst war. Er war wütend darüber, dass er zu langsam war
und Bellatrix Black nicht aus dem Saal gehext hatte und er war wütend
darüber, dass seine Verabredung mit Lily nun scheinbar zu Ende
war, nach noch nicht einmal einer Stunde.
James wurde aus seinen
Gedanken gerissen, als Madam Pomfrey die Tür zum Krankensaal
aufriss. Sie war wohl die Einzige an diesem Abend, die sich nicht
verkleidet hatte. Zielstrebig steuerte sie die beiden Schulsprecher
an.
Noch bevor Lily etwas erklären konnte, winkte die
Krankenschwester ab. "Der Schulleiter hat mir schon alles
berichtet, Miss Evans."
Sie zerrte James das Hemd vom
Körper, wobei der leicht aufstöhnte, denn Madam Pomfrey
ging nicht so zaghaft mit ihm um wie Lily. Sie besah sich seinen
linken Oberarm genauer und murmelte: "Ein glatter Bruch. Der
wievielte Knochen ist das eigentlich schon, den ich Ihnen heile, Mr.
Potter?"
James warf einen kurzen Blick zu Lily, die etwas
schockiert aussah und brummte: "Ich glaub der achte."
Die
Krankenschwester lachte leise. "Ja, das könnte stimmen. Na,
dann wissen Sie ja wie es geht."
Sie reichte James eine
kleine Phiole und hatte ein diabolisches Grinsen im Gesicht, als sie
energisch sagte: "Austrinken und dann gehen Sie ins Bett, Mr.
Potter! Der Abend ist für Sie zu Ende."
James wollte
schon protestieren, doch Lily knurrte: "Mach schon, James!"
Die Enttäuschung sah man ihr nicht an. Sie versteckte es gut
hinter einem sanften Lächeln.
James atmete geräuschvoll
aus und trank mit geschlossenen Augen die kleine Phiole in einem Zug
leer. Er schüttelte sich kurz und murmelte: "Haben Sie noch
kein neues Rezept für das Zeug, Madam Pomfrey? Das schmeckt
schlimmer als Peters Socken riechen."
Diese Aussage ließ
nicht nur die Krankenschwester lachen, sondern auch Lily, die nun
James half sein Hemd wieder anzuziehen. Er blickte zu Boden und
nuschelte: "Tut mir leid, Lily, aber du kannst doch wieder auf
den Ball gehen."
Lily zog eine Augenbraue hoch und meinte:
"Ohne meine Verabredung? Kommt gar nicht in Frage. Du kannst
doch nichts dafür, James, und außerdem hattest du ja
sowieso keine Lust zu tanzen."
Sie meinte die Worte ehrlich,
denn nach dieser Aktion hatte auch sie keine Lust mehr, sich unter
die Schar ausgelassener Schüler zu mischen.
Schweigend
machten sich die beiden auf den Weg in den Gryffindorturm, wobei sich
James mit der rechten Hand seinen lädierten Arm etwas hielt. Die
Musik aus der Großen Halle drang unwillkürlich an ihr Ohr
und ließ James leise seufzen. Er hatte sich so viel von diesem
Abend versprochen, doch nun war er zu Ende, noch bevor er richtig
begonnen hatte.
Der Gryffindorturm war wie ausgestorben, alle
waren auf dem Ball, auch die jüngeren Schüler. Zielstrebig
steuerten die beiden die Schulsprecherräume an.
Das Feuer im
Kamin prasselte vor sich hin und tauchte ihren Aufenthaltsraum in ein
angenehmes Licht und eine wohlige Wärme.
Lily zog sich ihre
Maske vom Gesicht und ebenso einige der Klammern, mit denen ihre
Haare hochgesteckt waren, heraus. Sie schüttelte ihren Kopf kurz
und James schluckte schwer. Noch nie war sie ihm so schön
vorgekommen, wie in diesem Moment. Ihre roten Locken fielen weich
über ihre nackten Schultern und passten hervorragend zu dem
grünlich schimmernden Kleid, das ihre schönen Augen noch
mehr betonte.
Lily bemerkte sein Gestarre und grummelte: "Du
hast gehört, was Poppy gesagt hat, ab ins Bett mit dir."
James seufzte, dieser Abend war das reinste Desaster gewesen und
die Schmerzen in seinem Arm waren momentan auch nicht zu verdrängen,
dennoch hielt er Lily am Arm fest, bevor sie ihre Zimmertür
öffnen konnte. Sie drehte sich langsam zu ihm um und lächelte
ihn an, dass ihr Herzschlag sich dabei etwas beschleunigt hatte,
bemerkte allerdings nur sie. Grüne Augen trafen braune und
ließen ihre Knie ein wenig weich werden. Nach Halt suchend,
lehnte sie sich an ihre noch immer geschlossene Tür und schloss
kurz die Augen, gespannt darauf was jetzt passieren würde. In
ihrem Kopf ging es gerade drunter und drüber. Die Vernunft hatte
jetzt gegen ihr Herz den Kampf angetreten und sie selbst wusste noch
nicht, wie es ausgehen würde. James war ihr in den letzten
Wochen mehr als nur ein Freund geworden, diese Erkenntnis machte das
alles noch schwerer für sie und nur mühsam öffnete sie
die Augen. Er war ihrem Gesicht ganz nahe. Sie konnte die kleinen
goldbraunen Punkte in seinen Augen sehen.
Zögerlich hob er
eine Hand und strich eine ihrer vorwitzigen Haarsträhnen aus
ihrem Gesicht, nicht die Augen von ihren nehmend. Dass sie den Kopf
nicht wegdrehte, ließ ihn kühner werden und er beugte sich
näher zu ihr heran.
Beider Augen schlossen sich und jeder
konnte den warmen Atem des anderen fühlen. Schon einmal, am
Schwarzen See, war er ihr so nah gewesen, doch das Schicksal meinte
es auch diesmal nicht gut mit ihnen, denn soeben öffnete sich
die Tür zu den Schulsprecherräumen mit einem lauten Knall.
"Prongs, ich brauch unbedingt die Karte!", rief ein
völlig aufgeregter Sirius, die momentane Situation, in der die
Schulsprecher sich gerade befanden, völlig ignorierend.
"Das
glaub ich jetzt nicht", grummelte James und schloss frustriert
die Augen. Noch nie hatte er Hass auf seinen Freund verspürt,
doch nun war er nahe dran, Sirius ins Jenseits zu befördern. Er
lehnte seine Stirn neben Lilys Kopf an ihre Tür und zischte:
"Wenn du keinen guten Grund hast, warum du hier so reinplatzt,
Padfoot, dann bist du mehr als nur tot."
Lily hatte Mühe
ein Lachen zu unterdrücken und sah Sirius erstaunt an, als der
leise sagte: "Jackie ist verschwunden. Ich kann sie nirgends
finden." Lilys und James' Blicke trafen sich und beide hatten
denselben Gesichtsausdruck, Sorge.
James dirigierte Sirius zum
Sofa und schubste ihn mehr oder weniger darauf. "So, nun erzähl
mal schön der Reihe nach", sagte James in einem väterlichen
Tonfall. Ihm waren die glasigen Augen seines Freundes nicht verborgen
geblieben.
Lily hatte sich die Karte der Marauder von James'
Schreibtisch geschnappt und reichte sie ihm. Er aktivierte sie und
suchte das Schloss nach Jackies kleinem Punkt ab. Die meisten Schüler
waren in der Großen Halle, doch auch in den Gängen des
Schlosses war Jackie nicht zu finden. Jeden Raum suchte James mit
seinen Augen ab, bevor er sagte: "Im Schloss ist sie auf keinen
Fall. Was, zum Hippogreif noch mal, ist passiert? Ihr konntet doch
sonst nicht die Finger von einander lassen, Pad."
Sirius
fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und sah Lily an. "Sie
hat irgendetwas von einer Wette gefaselt und mir dann ein Glas Punsch
ins Gesicht geschüttet, bevor sie verschwand. Ich versteh das
einfach nicht."
Seine Stimme klang verzweifelt und er suchte
in Lilys Gesicht nach irgendeinem Hinweis, der ihm vielleicht weiter
helfen könnte.
Lily machte große Augen und sagte
enttäuscht: "Dann stimmt es also doch, was man sich so
erzählt."
Sie dachte gerade an Jackie, die irgendwo
ganz alleine saß und sich die Augen aus dem Kopf weinte. James
schüttelte verständnislos den Kopf. "Wovon sprichst du
überhaupt, Lily?"
Er sah zu Sirius, der seinen Kopf
gesenkt hielt, als Lily grummelte: "Die Mädchen erzählen
schon lange, dass Sirius gewettet hat, Jackie bis Halloween..."
"Was?", fuhr Sirius aufgebracht dazwischen, "ich
habe mit niemandem gewettet. Wie krank seid ihr Weiber überhaupt?"
Lily kniff argwöhnisch die Augen zusammen und fixierte
Sirius genau. Sie sah die Verzweiflung in seinen Augen und fragte
ungläubig: "Dann stimmt es also nicht?"
"Nein",
murmelte Sirius und starrte ins Feuer. "Ich hab sicher eine
Menge Blödsinn gemacht und ich bin kein unbeschriebenes Blatt,
aber so etwas... Ich verstehe nicht, warum sie mit mir nicht darüber
gesprochen hat."
"Ich schon", sagte Lily leise.
Sie seufzte laut auf und meinte: "Dann müssen wir eben
abwarten, bis sie zurückkommt. Es hat keinen Zweck, sie in der
Dunkelheit zu suchen."
Ihre Stimme spiegelte ihre Besorgnis
wieder. Sie sorgte sich nicht darum, dass ihrer Freundin etwas
passieren könnte, dafür war Jackie viel zu clever. Nein,
ihre Sorge galt Jackies momentaner Gefühlsverfassung, denn da
war ihre Freundin nicht so hart im Nehmen.
"Damit ist der
Abend ja dann für uns alle gelaufen", grummelte James.
Lily seufzte. "Ich zieh mich um und warte dann auf sie."
Mit diesen Worten rauschte sie schon in ihr Zimmer. James sah ihr
nach und Sirius murmelte: "Tut mir leid, Prongs, wenn ich euch
gestört habe."
Sein Blick war dabei immer noch zu Boden
gerichtet. James klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schulter
und sagte zuversichtlich: "Das renkt sich schon wieder ein, Pad.
Jackie ist keins von den Mädchen, die irgendetwas auf Klatsch
und Tratsch gibt."
"Du hast ihre Augen nicht gesehen!",
war Sirius' knappe Antwort darauf, bevor er mit hängenden
Schultern die Schulsprecherräume verließ.
James sah
ihm irritiert nach und stöhnte einen Moment später laut
auf, denn in diesem Augenblick war ihm klar, dass sein bester Freund
nicht einfach nur verliebt war.
In der Großen Halle war
der Halloweenball in vollem Gange. Remus stand kurz bei Peter und
wechselte ein paar Worte mit ihm. Im Moment war er der einzige seiner
Freunde, der überhaupt anwesend war. Auch wenn er sich Sorgen um
James machte und Jackies Abgang ihm Kopfschmerzen bereitete, hatte er
dennoch für diesen Abend eine Verabredung. Megan kam in ihrem
Harpyienkostüm auch schon auf ihn zu und er schenkte ihr ein
kleines Lächeln.
Sie waren in den letzten Wochen Freunde
geworden, was wohl auch James' Tanzstunden zu verdanken war. Er hatte
bemerkt, dass Megan nicht so oberflächlich war, wie einige
andere Mädchen, mit denen sich James und Sirius früher
abgegeben hatten. Er hatte mit ihr viel Zeit in der Bibliothek
verbracht und eigentlich war es Megan gewesen, die Remus auf den Ball
eingeladen hatte, doch das alles war im Moment völlig unwichtig.
Megan griff nach seiner Hand. Auch wenn ihr Gesicht halbseitig,
durch eine schaurige Maske verdeckt war, sah Remus dennoch ihre
Schönheit darunter. Ihre Klugheit blieb ihm allerdings auch
nicht verborgen, als sie fragte: "Willst du mal nach James
sehen, oder weshalb machst du so ein Gesicht?"
Remus seufzte
und zog sie auf die gut gefüllte Tanzfläche. Er griff nach
ihrer Hand und murmelte: "Ich glaub, Prongs ist bei Lily in
guten Händen."
Megan lachte. "Wie wahr. Er
versucht es ja auch schon lange genug."
Etwas verschmitzt
fügte sie noch hinzu: "Da James ja nun weg vom Markt ist,
bist du jetzt mein Opfer."
Remus lachte, da er mittlerweile
ihre Art von Humor schon kennen gelernt hatte und ihre Aussage nicht
ernst nahm, aber ihn brachte noch etwas anderes zum Lachen. Abrupt
blieb er mit Megan stehen und drehte sie an ihren Schultern in eine
ganz bestimmte Richtung. An einem der Tische gab es gerade etwas
Lustiges zu sehen. Greg Johnson, der auch Remus ein Dorn im Auge war,
seit er versucht hatte Lily mit einem Liebestrank gefügig zu
machen, war leicht panisch. Vor ihm kniete Rudolphus Lestrange und
sah ihn mit verklärtem Blick an, während seine Hand immer
wieder über Gregs Bein wanderte. Bellatrix versuchte ihn von den
Ravenclaws weg zu ziehen, was ihr scheinbar nicht so recht gelang. Da
Slughorn ihr den Zauberstab abgenommen hatte, konnte sie ihre Wut
noch nicht einmal mit einem Zauber stillen.
Megan giggelte: "Mir
tut ja Lestrange schon beinahe leid, denn Johnsons Vater ist ein
Muggel und wenn herauskommt, dass er plötzlich jemanden anbetet,
der kein reines Blut hat..." Sie musste über ihre eigenen
Worte lachen und darüber, wie Bellatrix immer noch versuchte,
ihre Begleitung von Greg Johnson weg zu ziehen. Nur mit Hilfe von
Snape, der doch tatsächlich als Fledermaus verkleidet war,
gelang es ihr, den sich sträubenden Rudolphus Lestrange aus der
Halle zu zerren. Remus sah aber noch, wie Bellatrix ihm ordentlich
eine ins Gesicht klatschte. In diesem Moment war ihm klar, dass
allein Jackie für die Sache verantwortlich war und auch wenn
sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ihn die Stirn runzeln ließ,
war er dennoch verblüfft, auf was für eine Idee sie
gekommen war.
Er griff wieder nach Megans Hand und tanzte mit ihr
durch die Halle, seine Gedanken waren allerdings bei seinen Freunden
und frustriert seufzte er auf.
Megan hielt in ihrer Bewegung inne
und sagte energisch: "Geh schon, Remus! Sieh nach deinen
Freunden!"
Sie lächelte ihn an, doch Remus meinte: "Wir
haben doch eine Verabredung..."
Megan winkte ab und sagte
verschmitzt: "Egal, die holen wir nach, beim nächsten
Hogsmeade-Ausflug." Sie drückte ihm noch einen Kuss auf die
Wange und verschwand zwischen den tanzenden Paaren. Ganz so viele
Schüler waren nicht mehr anwesend, da die jüngeren schon
von den Vertrauensschülern in ihre Gemeinschaftsräume
geschickt worden waren.
Remus winkte Megan, die sich zu ihren
Freundinnen gesellt hatte, noch mal kurz zu und verschwand dann aus
der Großen Halle. Er hatte gehofft, Peter irgendwo anzutreffen,
doch der war wohl mit seiner Begleitung wie vom Erdboden verschluckt.
Als Remus dann den Gemeinschaftsraum der Gryffindors betrat,
war Lily gerade dabei, die jüngeren Schüler in ihre
Schlafräume zu scheuchen, während James mit geschlossenen
Augen auf dem Sofa vor dem Kamin lag und Sirius auf der Fensterbank
saß und in die Dunkelheit starrte.
Etwas genervt setze
Remus seine Perücke ab und zog sein Kostüm über den
Kopf. Lily ließ sich erschöpf auf einen Sessel fallen und
Remus fragte leise: "Ist Jackie noch nicht wieder aufgetaucht?"
Lily schüttelte den Kopf und Sirius murmelte: "Es
regnet draußen und sie hat noch nicht einmal einen Umhang
dabei." Remus zog eine Augenbraue hoch und blickte Lily an, die
jedoch nur leise seufzte und dem schlafenden James eine Decke
überwarf. Er hatte sich geweigert ins Bett zu gehen, doch Madam
Pomfreys Medizin hatte es wohl in sich, denn schon nach kurzer Zeit
war James eingeschlafen, noch nicht einmal die lärmenden Schüler
hatten ihn geweckt.
Remus beschwor ihnen drei Tassen Kakao
herauf, aber Sirius lehnte ab und beobachtete weiter die
Regentropfen, die an der Fensterscheibe herunter liefen. Tausend
Fragen schwirrten in seinem Kopf herum, die nach einer Antwort
verlangten und er machte sich Sorgen.
Hin und wieder kehrte ein
Pärchen vom Ball zurück und durchbrach die momentane Stille
im Gemeinschaftsraum, denn keiner der Freunde sprach ein Wort.
Es
war schon weit nach Mitternacht, als sich die Portraitür erneut
öffnete und jemand leise eintrat.
"Jackie!", rief
Lily entsetzt und sprang von ihrem Sessel auf. Jackie blickte ihre
Freundin erschrocken an, denn sie hatte nicht damit gerechnet, noch
jemanden anzutreffen. Aus ihren Haaren tropfte das Wasser und ein
roter Quidditchumhang hing nass über ihren Schultern. Nichts
erinnerte mehr an das junge, hübsche Mädchen, das sie noch
vor ein paar Stunden gewesen war. Dunkle Ringe lagen unter ihren
verweinten Augen und ließen ihr Gesicht noch blasser wirken.
Ihre Augen huschten durch den Gemeinschaftsraum und trafen sich
mit denen von Sirius. Langsam stand er auf, doch sie richtete ihren
Zauberstab auf ihn und zischte: "Bleib mir vom Leib, Black! Wir
sind fertig miteinander."
Ihre Stimme war gefährlich
leise und doch war ihre Verletztheit herauszuhören.
"Bitte,
Jackie", kam Sirius' verzweifelte Stimme, während er ein
paar Schritte auf sie zuging. Lily und Remus hielten die Luft an, als
Jackie laut "Depulsio!" rief und Sirius gegen die nächste
Wand geschleudert wurde.
Sein Gesicht war schmerzverzerrt, doch
nicht als Folge des Fluches, sondern aufgrund der emotionalen Folter,
die er im Augenblick erleiden musste.
"Warum hast du das
getan, Jackie?", fragte Lily vorwurfsvoll und etwas
verständnislos. Sie konnte Jackie verstehen, dass sie verletzt
war, aber dass sie Sirius keine Gelegenheit für Erklärungen
gab, verstand sie nicht.
"Damit er mir mindestens drei Meter
vom Leib bleibt", zischte Jackie aufgebracht und stapfte die
Treppe zu den Mädchenschlafsälen hinauf, ohne
irgendjemanden auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
Wieder einmal gewannen ihre Tränen die Oberhand und sie wollte
auf keinen Fall vor ihm Schwäche zeigen.
Lily rief ihr
hinterher: "Er hat keine Wette abgeschlossen!"
Sirius
blickte ebenso wie Remus hinauf zur Treppe, als Jackie kurz stehen
blieb und traurig sagte: "Ich dachte, du bist meine Freundin,
Lily. Scheinbar haben sie dich auch schon eingewickelt. Jeder wusste
es, nur ich nicht."
Dicke Tränen kullerten ihre Wange
herunter und ihre Hand schloss sich fest um die Stange des Geländers.
So fest, dass ihre Fingerknöchel schon weiß hervortraten.
"Gute Nacht", flüsterte sie kaum hörbar, bevor
sich die Tür hinter sich schloss.
Lily wollte ihr hinterher,
doch Remus hielt sie am Arm fest und schüttelte den Kopf. "Lass
sie heut in Ruhe, Lily. Auch wenn du sie besser kennst als ich, sie
wird dir heut nicht zuhören und du machst alles nur noch
schlimmer."
Lily nickte stumm und bewunderte Remus wieder
einmal für seine ruhige, verständnisvolle Art. Ihr Blick
glitt zu Sirius. Er saß wieder auf der Fensterbank, seinen Kopf
an die Scheibe gelehnt und eine Träne verließ sein Auge.
In diesem Moment wurde ihm schmerzlich bewusst, wie sehr er Jackie
liebte.
Das
Abendessen in der Großen Halle verlief schweigend. Remus saß
am anderen Ende des Tisches mit Megan O'Leary zusammen, während
Jackie sich zu Connor an den Ravenclawtisch gesetzt hatte. Immer
wieder fixierte Sirius die beiden und in ihm brodelte es mächtig.
Am liebsten hätte er sich den Kapitän des Ravenclawteams
geschnappt und ihn durchgehext, dass ihm hören und sehen
verging. Doch Jackie hatte ihn unbewusst verändert und ihm war
klar, dass er damit alles nur noch schlimmer machen würde.
Für
James war Sirius im Moment undurchschaubar, diesmal konnte selbst er
nicht hinter die Fassade seines Freundes sehen. Nur eines bemerkte
er, dass das Funkeln in den grauen Augen seines Freundes fehlte.
Das Quidditchteam der Gryffindors kehrte erst spät am
Abend in ihren Gemeinschaftsraum zurück. Alle zogen sich sofort
in ihre Schlafräume zurück. Auch Jackie genehmigte sich
erst einmal eine ausgiebige Dusche, bevor sie, nur mit einem Pyjama
bekleidet, in den jetzt leeren Gemeinschaftsraum zurückkehrte.
Sie wollte auf Lily warten, mit der sie den ganzen Tag über noch
kein Wort gesprochen hatte, und die von ihren Rundgängen noch
nicht zurückgekehrt war. Jackie hockte sich vor den Kamin und
zog sich eine Decke um die Schultern. Den ganzen Tag war sie an der
frischen Luft gewesen und es dauerte auch gar nicht lange, bis sie
einnickte. Ihr Kopf ruhte auf der Sitzfläche eines Sessels und
sie hörte nicht, wie sich die Portraittür öffnete.
Weder Sirius noch Lily sah Jackie, als sie sich verabschiedeten
und Lily die Schulsprecherräume ansteuerte. Leise fiel die Tür
hinter ihr ins Schloss und ein gequältes Seufzen entwich ihrer
Kehle. Lily hatte gehofft, James noch anzutreffen, um endlich mal ein
Wort mit ihm zu reden. Den ganzen Tag über waren sie nicht ein
Mal allein gewesen, denn die meiste Zeit war er mit dem Team beim
Training. Sie wollte jetzt endlich reinen Tisch machen, doch
stattdessen hörte sie nur ein leises Schnarchen aus seinem
Zimmer.
Sirius stieg die Treppen zu den Schlafsälen
hinauf, als sein Blick noch einmal in den leeren Gemeinschaftsraum
fiel und da sah er sie, eingewickelt in eine Decke und tief
schlafend.
Das leichte Glimmen des Kaminfeuers spiegelte sich auf
ihrem Gesicht, als er langsam näher ging. Doch einige Schritte
vor ihr, spürte er den Zauber, mit dem sie ihn belegt hatte und
der ihm unweigerlich klar machte, dass er ihr fern bleiben sollte.
Diesmal jedoch wollte er nicht so schnell aufgeben. Er blickte sich
noch einmal um, bevor er sich in seine Animagusgestalt verwandelte.
Er war sich nicht sicher, ob er den Zauber damit brechen könnte.
Einen Moment zögerte er noch, aber als er keinen Widerstand
spürte, trottete er näher heran. Er blickte sie mit seinen
großen Hundeaugen an und fiepte leise.
Langsam schlug
Jackie die Augen auf, doch sie wich nicht ein Stück zurück.
Auch wenn sie ihn bisher nur einmal in seiner Animagusform gesehen
hatte, hätte sie diesen großen schwarzen Hund unter
tausenden erkannt.
"Hallo Padfoot", nuschelte sie und
streckte eine Hand nach dem Tier aus. Jackie fühlte das
seidenweiche Fell unter ihren Fingern und sie hörte sein
wohliges, leises Knurren, bevor er seinen Kopf auf ihren Schoß
legte. Sie schloss die Augen, ohne ihr Tun zu unterbrechen. Dieser
ruhige Moment zwischen ihnen machte ihr klar, dass aus ihrer
Verliebtheit schon lange Liebe geworden war, aber sie wollte die
Wahrheit, die reine Wahrheit, bevor sie ihm wieder ihr Vertrauen
schenkte. Sie hoffte, dass sie mit ihrer Forderung nicht zu weit
gehen würde.
Mit einem leisen Seufzen schob sie den Hund von
sich, stand auf und lief die paar Schritte bis zur Fensterbank. Die
Decke hatte sie fest über ihren Pyjama gezogen und es machte den
Eindruck, als würde sie sich in ein Schneckenhaus zurückziehen.
"Du kannst dich zurück verwandeln", murmelte
Jackie, den Blick dabei aus dem großen Fenster in die
Dunkelheit gerichtet.
Sirius kam ihrer Aufforderung nach, aber er
blieb ihr fern, denn noch immer lag der Zauber auf ihm.
"Sieh
mich an", kam es kaum hörbar jedoch fordernd von ihm.
Jackie drehte sich langsam um und sie sah trotz der spärlichen
Beleuchtung den Schmerz in seinen Augen, als er leise fragte: "Was
soll ich tun, damit du mir glaubst, Jackie?"
Jackie schloss
kurz die Augen. Sollte sie es wagen, das von ihm zu fordern? Es war
ihm gegenüber nicht fair, das wusste sie. Hin und her überlegte
sie, bevor sie den Kopf senkte und murmelte: "Veritaserum!"
Sirius machte große Augen. Er hatte eine Menge erwartet,
aber dass sie so etwas forderte...
Jackie beobachtete seinen
Gesichtsausdruck. Sie war auf eine Ablehnung, auf einen Wutausbruch
oder sonst etwas gefasst, doch er nickte zustimmend.
"Also
gut, wenn es das Einzige ist, was dich überzeugen kann. Aber es
dauert noch eine Woche, bis Lily den Trank fertig hat, das weißt
du", sagte Sirius und fixierte ihre Augen.
Jackie wandte ihm
den Rücken zu und blickte wieder hinaus in die Dunkelheit, bevor
sie leise sagte: "Ich weiß, aber vielleicht ist es gut so
und es lässt uns Zeit zum Nachdenken. Überleg dir genau, ob
du das wirklich tun willst."
Sirius nickte nur, aber das sah
sie nicht, jedoch hörte sie sein leises "Gute Nacht",
bevor sich Schritte von ihr entfernten. Jackie wandte ihren Blick zur
Treppe und sah ihn mit gesenktem Kopf hinauf steigen. Er spürte
nicht, wie sie den Zauber von ihm nahm und er sah nicht, das kleine
Lächeln in ihrem Gesicht.
Die Schulwoche verging rasend
schnell. Den Siebtklässlern wurde momentan alles abverlangt. Sie
erstickten nicht nur an ihren Hausaufgaben, sondern bekamen noch
zusätzliche Aufgaben auf, die sie langsam aber sicher auf ihre
Prüfungen vorbereiten sollten. Für das Gryffindorteam wurde
es allerdings noch schlimmer, denn James hetzte sie in jeder freien
Minute und bei jedem Wetter auf das Quidditchfeld. Er kannte keine
Gnade, auch wenn er selbst oft bis weit nach Mitternacht über
seinen Aufgaben brütete. Das Einzige was er bedauerte war, dass
er während der ganzen Zeit Lily nur bei den Mahlzeiten oder im
Unterricht traf. Wenn er spät abends vom Training kam schlief
sie schon, oder war mit Schulsprecherkram beschäftigt, den sie
ihm bis zum ersten Spiel abgenommen hatte.
Zwischen Jackie und
Sirius lief es ähnlich. Sie wechselten nur hin und wieder ein
Wort, gingen sich sonst aber größtenteils aus dem Weg. In
dieser Zeit wurde Sirius klar, wie sehr er sie brauchte, ihre Augen,
ihre Hand und ihre Stimme, auch wenn sie etwas verlangte, das ihm
eigentlich nicht so behagte, aber er hatte ein reines Gewissen.
Der
Samstag kam, und noch vor dem Frühstück jagte James das
Team wieder zum Training. Windig und regnerisch war es an diesem Tag
und die Spieler kamen total durchgefroren in die Große Halle
zurück. Jackie wärmte sich ihre Hände an heißem
Tee und grummelte: "Ich hab bald Hornhaut am Hintern."
Lily prustete und Sirius grinste, während Remus
kopfschüttelnd meinte: "Ich bewundere euch wirklich, dass
ihr eure Hausaufgaben überhaupt noch schafft."
James
nuschelte mit vollem Mund: "Wenn das Spiel nächste Woche
vorbei ist, stellen wir das Training bis Weihnachten ein. Es gibt
schließlich auch noch andere Dinge, um die wir uns kümmern
müssen." Er warf bei seinen Worten einen kurzen Blick zu
Lily, die sofort kerzengerade saß und leise sagte: "Der
Trank ist fertig und es wird Zeit, dass wir herausfinden, wer Jackie
da nach dem Leben getrachtet hat."
Sirius' und Jackies
Blicke trafen sich, als Remus sich über den Tisch beugte und zu
Lily flüsterte: "Ich hoffe, du hast einen guten Plan."
Lily seufzte: "Leider noch nicht."
Remus lehnte
sich etwas zurück, dass es in seinem Kopf arbeitete sah man
genau, doch er behielt seine Gedanken für sich und nuschelte
nur: "Ich geh noch mal in die Bibliothek."
"Grüß
Megan!", rief Sirius ihm grinsend nach. James und Lily sahen ihn
verblüfft an, denn die meiste Zeit in der vergangenen Woche
hatte er geschwiegen und sich jeglichen blöden Kommentar
gespart, doch an diesem Morgen war er wie ausgewechselt und nur
Jackie kannte den Grund.
Am späten Vormittag kam Jackie
endlich aus ihrem Schlafsaal. Sie hatte sich nach dem morgendlichen
Training ein langes entspannendes Bad gegönnt und noch einmal
über alles nachgedacht. Über Sirius und diese blöde
Wette, die nun eigentlich nicht mehr zur Debatte stand. Sie hatte ihn
in der letzten Woche oft beobachtet und auch gesehen, dass er sich
von den Mädchen fernhielt, die immer mal wieder versuchten, ihn
mit ihren weiblichen Verführungskünsten um den Finger zu
wickeln.
Mit dieser Erkenntnis betrat sie den gut gefüllten
Gemeinschaftsraum. Unten an der Treppe stand Sirius schon und winkte
ihr mit einer kleinen Phiole. Nur langsam stieg sie die Treppe
hinunter, ihre Augen fixierten dabei die seinigen.
Jackie folgte
ihm aus dem Gemeinschaftsraum hinaus auf den Gang. Er lehnte hinter
einer Rüstung an der Wand und wartete darauf, dass sie näher
kam. Nachdem er noch einmal den Gang rauf und runter gesehen hatte,
öffnete er die Phiole. Noch bevor er seinen Arm hob, hielt
Jackie ihn fest. "Du musst das nicht tun! Allein, dass du bereit
dazu warst, ist Antwort genug."
Sein erstauntes Gesicht und
das Funkeln seiner Augen, das sie in den letzten Tagen so vermisst
hatte, ließen Jackie das einzig richtige tun. Sie drückte
seinen Arm herunter, sodass die Flüssigkeit auf den Boden
tropfte, während sie mit der anderen Hand in seinen Nacken
griff. Die Phiole mit dem Veritaserum fiel zu Boden und zerbrach und
damit auch die Barriere, die zwischen ihnen stand.
"Küss
mich, Black!", waren ihre letzten Worte, bevor sie ihre Augen
schloss und ihre Lippen auf seine legte. Ein überraschtes
Keuchen entwich seiner Kehle. Seine Hände vergruben sich in
ihrem Haar und all die Anspannung der letzten Woche war vergessen. Da
war nur noch ihr betörender Duft und ihre zarten Hände, die
unkontrolliert durch sein Haar fuhren.
"Sucht euch ein
Zimmer", rief Frank lachend, der sich gerade mit Alice auf den
Weg zum Mittagessen machen wollte, gefolgt von James, der wie alle
anderen Spieler schon wieder in seiner Quiddichtuniform steckte.
Er
baute sich vor den beiden auf und grummelte: "Schluss jetzt,
Mittagessen und dann ab zum Training!" Das diabolisch vergnügte
Grinsen auf seinem Gesicht konnte er allerdings nicht verbergen.
"Sklaventreiber", zischte Sirius und machte sich, Hand
in Hand mit Jackie, auf zum Mittagessen. James sah ihnen einen
Augenblick nach und hoffte, dass sich endlich auch für ihn und
Lily so eine Chance ergab, doch das musste wohl warten bis nach ihrem
ersten Spiel.
