17 Jahre später
1. Von Schulsprechern und Fledermäusen
Geschnatter erfüllte die Große Halle in der Hogwartsschule
für Hexerei und Zauberei. Das Schloss, das wohl mehr Geheimnisse
als Schüler beherbergte, war nach einem langen Sommer wieder
erfüllt mit Leben.
Lily drängte sich mit ihren
Freundinnen Claire McDugal und Madison Gray an ein paar Huffelpuffs
vorbei, die mitten im Weg standen und ihre Ferienerlebnisse zum
besten gaben.
Lily straffte ihre Schultern und zog ihren Umhang
etwas zurecht, damit man ihr glänzendes Schulsprecherabzeichen
besser sehen konnte. Das allein genügte schon, um sich den Weg
durch die schnatternde Schülerschar zu bahnen. Immer wieder
blickte sich Lily um, auf der Suche nach ihrem neuen
Schulsprecherpartner, der gewöhnlich aus einem anderen Haus kam.
Ziemlich am Ende des Gryffindortisches fanden die drei Mädchen
einen Platz. Madison und Claire setzten sich Lily gegenüber.
Madisons Blick war auf die große Flügeltür
gerichtet und das hatte einen Grund: Ihr Bruder Maxwell würde
heute sein erstes Jahr in dieser Schule antreten.
Er war ihr
Halbbruder und das absolute Gegenteil zu seiner Schwester. Madison
war der Vamp schlechthin. Ihre langen schwarzen Haare bekam sie nie
gebändigt. Ständig sah sie aus, als wäre sie gerade
vom Besen gestiegen, da half auch kein Dr. Morrison extra starkes Gel
für unbezähmbare Frisuren. Nicht nur ihre Haare waren
schwarz, auch ihre Augen, wenn man die kleinen silbernen Pünktchen
darin übersah. Ihre Kleidung war bei vielen Mädchen als
schlampig verschrien, aber auch nur, weil sie ständig diese
knapp sitzenden schwarzen Tops trug, die ihr die Jungs am liebsten
vom Leib reißen würden, und diese langen Stiefel, die, ob
Sommer oder Winter, ihre ständigen Begleiter waren. Um ihren
Hals hing eine feine Silberkette mit einem kleinen Schlüssel
daran - dem Geheimnis ihrer Herkunft.
Diesem Geheimnis wollte
Lily Evans, Streberin, Hexe und beste Freundin, schon seit mehr als
einem Jahr auf die Spur kommen. Seit sie wusste, dass das Geheimnis
um Madisons richtigen Vater erst an ihrem achtzehnten Geburtstag
gelüftet werden sollte. Auch wenn Madison nach außen hin
immer die Kalte, Unnahbare darstellte, wusste Lily, dass ihre
Freundin nur zu gern wissen wollte, wo ihre Wurzeln waren, wer ihr
wahrer Vater war.
Madisons Stiefvater liebte seine Tochter, das
hatten Lily und auch Claire oft genug gesehen, wenn sie bei ihrer
Freundin zu Gast waren. Es war ein typischer Zaubererhaushalt, obwohl
Madisons Stiefvater ein Muggel war. Er hatte sich mit der ganzen
Zauberei arrangiert und war keinesfalls erstaunt gewesen, als sein
leiblicher Sohn, Maxwell, seinen heiß ersehnten Brief bekam.
Claire riss Lily aus ihren Gedanken, als sie aufgeregt sagte:
"Sie kommen!"
Professor McGonagall, stellvertretende
Schuldirektorin und ihres Zeichens Hauslehrerin von Gryffindor,
führte die schnatternde Schar Erstklässler an. Der Hut lag
schon, wie in jedem Jahr, auf dem kleinen dreibeinigen Schemel
bereit.
Claire McDugal, die schüchterne Zurückhaltende
mit den kurzen braunen Haaren, die recht unscheinbar wirkten, genau
wie sie selbst, war ebenso aufgeregt wie Madison. Claires blaue Augen
verrieten, dass in ihr ein fröhliches Gemüt steckte und das
zeigte sie auch, indem sie laut klatschte, während Lily sich
immer noch suchend an den anderen Haustischen umblickte, nach einem
Abzeichen, das auf den zweiten Schulsprecher deuten ließ.
Madison war aufgestanden, als ihr Bruder den großen Hut auf
seinen Kopf setzte, der seine Augen und seine blonden Haare
vollkommen bedeckte. Die hungrigen Blicke, die ihr einige männliche
Schüler dabei zuwarfen, ignorierte Madison vollkommen.
Angespannt presste sie die Lippen aufeinander und seufzte enttäuscht
auf, als der Sprechende Hut laut verkündete: "Ravenclaw!"
Die Ravenclaws begannen laut zu klatschen und Madison winkte
ihrem Bruder zu. Das Lächeln, das sie ihm dabei schenkte, war
warm und herzlich, während Maxwell ein enttäuschtes Gesicht
machte. Er hatte so sehr gehofft, in das Haus seiner großen
Schwester zu kommen.
"Sieht so aus, als nähme er es
schwer auf", murmelte Lily.
Madison seufzte. "Es war
eigentlich klar. Er ist viel klüger als ich. Er ist anders -
ruhiger und nicht so verrückt. Ich werde mich morgen nach dem
Unterricht mit ihm treffen und ihm das Schloss zeigen."
Den
Rest der Auswahl verfolgten die drei Freundinnen teilnahmslos, bis
der Schulleiter sich erhob und seine obligatorischen Worte an die
Schüler richtete.
Aufmerksam lauschten alle seinen Worten,
besonders Lily. Sie war manchmal aufbrausend, aber immer höflich
und hilfsbereit zu jedem, doch in diesem Moment funkelte in ihren
grünen Augen der Zorn und ihre Gesichtsfarbe passte sich
augenblicklich der Farbe ihrer dunkelroten Haare an. Ihr hochroter
Kopf deutete auf erheblichen Überdruck hin und es war wohl nur
noch eine Frage der Zeit, bis aus ihren Ohren Dampfwolken schießen
würden. Man konnte ihr Zähneknirschen deutlich hören,
denn soeben hatte der Schulleiter von Hogwarts, Professor Albus
Percival Wulfric Brian Dumbledore persönlich, verkündet,
wer Lilys Schulsprecherpartner sein würde - James Potter.
Der
Stein des Anstoßes saß nur ein paar Plätze weiter
und winkte seiner neuen Partnerin mit einem Lächeln zu, während
Lily die Lippen fest zusammen presste, um nicht laut loszuschreien.
Es war Madison, die das Wort ergriff und aussprach, was Lily
dachte: "Merlin, was hat Dumbledore zu sich genommen, um
ausgerechnet Potter zum Schulsprecher zu machen. Der wird gar keine
Zeit für diesen Kram haben, weil er ständig nachsitzen
muss, oder weil er Quidditch spielt, oder..."
Lily würgte
ihre Freundin mit einer unwirschen Handbewegung ab und Claire meinte:
"Du spielst doch auch Quidditch, Madison."
"Ja,
aber ich habe sonst keine Verpflichtungen, außer..."
Madison sah den Tisch entlang und ihr Blick blieb an Remus Lupin
hängen. Sofort hatte sie wieder dieses verträumte Lächeln
im Gesicht, bei dem Claire anfing zu kichern und somit die
Aufmerksamkeit von vier männlichen Siebtklässlern aus ihrem
Hause auf sich zog.
Einer der vier, Sirius Black, auch als
derjenige bekannt, der seine Freundinnen wechselte wie andere ihre
Unterwäsche, zwinkerte Claire zu, die sofort rot anlief und
ihren Blick umgehend auf ihren gefüllten Teller richtete.
Lily
warf einen kurzen Blick zu den vier Freunden und murmelte: "Ich
sag dir eins, Claire, wenn du dich mit Black einlässt, werde ich
nicht diejenige sein, an deren Schulter du dich ausweinen kannst. Die
letzten zwei Jahre als Vertrauensschülerin habe ich nämlich
nichts anderes getan, als seine abgelegten Liebschaften zu trösten."
Madison sagte kauend: "Naja, sieh ihn dir an, Lily. Der Typ
ist heiß, und in unserem Alter sollte man jede Chance nutzen."
Lily schnaubte verächtlich, obwohl sie wusste, dass Madison
Recht hatte. Sirius war nicht umsonst der umschwärmteste Typ in
der Schule. Seine stahlgrauen Augen strahlten etwas Mystisches aus
und die langen schwarzen Haare, die ihm lässig ins Gesicht
fielen, unterstrichen sein leicht aristokratisches Aussehen noch.
Claire warf einen amüsierten Blick zu ihrer schwarzhaarigen
Freundin und sagte grinsend: "Ah, deshalb hat Gonni dich und
Chester Montgomery auch in der Besenkammer erwischt, weil du jede
Chance nutzen wolltest."
Madison winkte gelassen ab. "Das
war ganz gut so. Merlin, wenn ich daran denke..."
"Könnt
ihr auch mal von etwas anderem reden?", keifte Lily und schob
mürrisch ihren Teller von sich.
Einige ihrer Hauskameraden
warfen ihr einen verstörten Blick zu, denn niemand kannte Lily
so aufbrausend und zickig. Das war sie nur, wenn einer in der Nähe
war - James Potter, ihr neuer Schulsprecherkollege. Seine hilflosen
Versuche, endlich ein Date mit ihr zu bekommen, amüsierten wohl
die ganze Schule, bis auf Lily. Jedes Mal, wenn er in ihre Nähe
kam, flippte sie aus. James Potter war in ihren Augen ein arroganter
Mistkerl, der jüngere Schüler verhexte, um so noch mehr
Aufmerksamkeit zu bekommen, und gerade deshalb lehnte ihn Lily ab. Da
half ihm auch sein gutes Aussehen und die Tatsache, dass er Kapitän
der Quidditchmannschaft ihres Hauses war, nichts. Lily hasste einfach
die Art, wie er sich lässig durch seine unordentlichen schwarzen
Haare fuhr, immer einen dummen Spruch auf den Lippen. Nur heute
schien er merkwürdig still. Vielleicht auch weil Remus Lupin
neben ihm saß, der, von dem Lily gehofft hatte, dass er der
neue Schulsprecher an ihrer Seite werden würde. Der Junge mit
dem braunen Haar war so ganz anders als seine Freunde. Ruhig und
ausgeglichen, immer höflich, doch von Zeit zu Zeit wirkte er
etwas krank.
Aber da war noch ein vierter, der zu dem
Freundeskreis um James Potter gehörte. Peter Pettigrew, ein
kleiner unscheinbarer Junge mit mausbraunem Haar, der sich gerne mal
hinter seinen Freunden versteckte, wenn es zu irgendwelchen
Auseinandersetzungen mit den verhassten Slytherins kam. Ausgerechnet
der tönte nun lautstark: "Vielleicht bekommst du ja nun
doch noch deine Chance bei Evans, Prongs!"
Madison
schaufelte ihr Essen in sich hinein und nuschelte: "Diese
Spitznamen, irgendetwas muss doch dahinter stecken."
"Das
kann Lily doch herausfinden, wenn sie jetzt so eng mit Potter
zusammen arbeitet", flüsterte Claire leise zu Madison, doch
Lily hatte die Bemerkung ihrer Freundin sehr wohl gehört und
sagte aufgebracht: "Ich werde alles tun, was von mir verlangt
wird, aber ich werde auf keinen Fall, ich wiederhole, auf gar keinen
Fall eng mit Potter zusammen arbeiten."
Das Klappern des
Bestecks um sie herum verstummte und einige Gryffindors unterbrachen
ihre Gespräche, sogar die vier Siebtklässler ein paar
Plätze weiter.
Sirius, Remus und auch Peter hatten ihre
Augen auf ihren Freund gerichtet, der stur auf seinen Teller blickte
und keinerlei Regung zeigte. James' Lippen waren fest zusammen
gepresst und seine Hand, in der er seine Gabel hielt, zitterte.
Das
Begrüßungsessen zum Schulanfang in der Hogwartsschule für
Hexerei und Zauberei war immer der Höhepunkt zu Beginn eines
jeden Schuljahres, doch in diesem, ihrem letzten Jahr, schienen nicht
alle in Hochstimmung zu sein.
Noch bevor seine Freunde ein paar
bedauernde und beruhigende Worte an ihren Freund richten konnten,
warf James seine Gabel auf den Tisch und stand auf.
"Prongs!",
rief Sirius, doch sein Freund ließ sich nicht beirren und
steuerte geradewegs die rothaarige Hexe an, seine neue
Schulsprecherpartnerin.
Lily saß auf der anderen Seite des
Tisches und blickte zu ihm auf, als er sich hinter Madison und Claire
aufbaute.
James' braune Augen funkelten ärgerlich hinter
seiner Brille und er fragte sich gerade, was er verbrochen hatte,
damit er immer von der hübschen rothaarigen Hexe abgelehnt
wurde. Er wollte die Sache jetzt ein für alle mal aus der Welt
schaffen und sagte leise, aber bestimmend: "Ich glaube, wir
müssen was klären, Evans. Wenn du die Güte hättest,
mir zu folgen."
Er deutete mit einer Hand zur Eingangstür
der Großen Halle. Madison drehte sich halb zu ihm um und ließ
ihren Blick über seinen Körper wandern, doch die
Schuluniform verdeckte die Teile, die sie besonders interessierten.
"Also, ich hätte nichts dagegen, wenn er etwas mit mir
zu klären hätte", sagte sie grinsend und sah James
nach, wie er mit wehendem Umhang die Halle verließ.
"Nun
geh schon, Lily!", drängelte Madison, "das ist deine
Chance, ihm endlich mal zu sagen, was du von ihm hältst, ohne
dass seine Freunde dabei sind."
Lily warf einen kurzen Blick
zum Slytherintisch. Ihre Augen suchten jemand ganz Bestimmten,
jemanden, der sie schon die ganze Zeit beobachtet hatte: Severus
Snape, heimlicher Feind von James Potter und seinen Freunden. Er
wandte sich schnell ab, als er Lilys Blick bemerkte, und ließ
seine langen, strähnigen schwarzen Haare wie einen Vorhang vor
sein blasses Gesicht fallen.
Lily stützte ihre Arme auf den
Tisch und stand schwerfällig auf. Sie atmete tief durch,
straffte ihre Schultern und sagte laut: "Jawohl, es ist Zeit,
dass ich diesem aufgeblasenen Schnösel sage, was ich von ihm
halte!"
"Richtig so!", rief Madison ihrer Freundin
mit vollem Mund nach, doch Claire sinnierte: "Ich halte das für
gefährlich."
Sirius rieb sich die Hände und sagte
fröhlich: "Das Schuljahr fängt ja hervorragend an,
zumindest für Prongs. Ich wette, er bekommt seine Chance, heute
Abend endlich mal einen Blick unter Evans' Schulrobe zu werfen."
Peter prustete bei den Worten seines Freundes laut los und Remus
verdrehte die Augen. Selbst er konnte nicht verstehen, warum
ausgerechnet sein Freund, James Potter, zum Schulsprecher ernannt
worden war. Sirius und er hatten die längste Vergehensliste an
der ganzen Schule und es grenzte schon fast an Leichtsinnigkeit,
einem von ihnen so ein Amt zu übertragen.
"Lily wird
ihn durchhexen, das ihm Hören und Sehen vergeht, das schwöre
ich euch", sagte Remus mit blitzenden Augen und wedelte dabei
mit der Gabel vor den Gesichtern seiner Freunde umher.
Sirius
lachte und lehnte sich etwas zurück, um einen besseren Blick auf
den Ravenclawtisch zu haben. Während er überlegte, welchem
Mädchen er dort seine Aufmerksamkeit schenken könnte,
meinte er: "Prongs ist schon seit Ewigkeiten scharf auf die
Evans und ich glaub nicht, dass sie seinem Charme noch lange
widerstehen kann."
Remus schüttelte über die Worte
seines Freundes nur den Kopf, war aber gespannt darauf, wie sich die
Sache zwischen dem Schulsprecherpaar entwickeln würde. Sirius
hingegen hatte schon den perfekten Plan, um seinem Freund etwas unter
die Arme zu greifen, sollte seine heimliche Angebetete ihm wieder
einmal eine Abfuhr erteilen.
James hatte nicht erst lange auf
Lily gewartet - die Chance, dass sie ihm folgen würde, war viel
zu gering. Lange genug hatte er versucht, ihr etwas näher zu
kommen, ohne Erfolg.
Er steuerte ihren gemeinsamen
Schulsprecherraum an, ein kleines Büro im zweiten Stock des
Schlosses. Die Tür war nur angelehnt, denn für dieses neue
Schuljahr war noch kein Passwort festgelegt worden.
Schnelle
Schritte durch das immer noch ruhige Schloss ließen James herum
fahren. Da kam sie, die rothaarige Hexe, die einen großen Teil
seines Herzens einnahm, ohne dass sie etwas davon wusste oder er
etwas dagegen tun konnte. In so manchen Nächten hatte er sich
schon verflucht, wenn ihr Gesicht und ihre unvergleichbaren grünen
Augen in seinen Träumen auftauchten. Nervös fuhr er sich
mit den Fingern durch die Haare, was Lily schon wieder genervt
aufstöhnen ließ.
James drückte die Tür auf,
deutete eine kleine spöttische Verbeugung an, um seine
Unsicherheit zu überspielen, und murmelte: "Ladies first!"
Lily hatte schon eine spitze Bemerkung auf der Zunge, die sie
sich aber verkniff, und schritt hocherhobenen Hauptes an James
vorbei. Energischen Schrittes trat sie in den Raum und stolperte,
nicht gerade sehr Lady like, über die Kannte eines dicken
Teppichs.
James erwischte sie gerade noch so am Kragen ihres
Umhangs und meinte amüsiert: "Es ist nicht nötig, dass
du vor mir auf die Knie gehst, Evans."
Lily riss sich los,
strich sich ihre Haare aus dem Gesicht und zischte: "Wovon
träumst du nachts, Potter? Also, was willst du heute Abend noch
so Wichtiges mit mir klären, das nicht Zeit bis morgen hat?"
Sie lehnte sich an die Wand neben der Tür, jederzeit bereit
für eine schnelle Flucht und um sich etwas zu sammeln nach dem
peinlichen Auftritt eben.
James blickte sich in aller Ruhe in dem
Raum um. Zwei Schreibtische am Fenster, eine große Sitzgruppe
vor dem Kamin und ein großer runder Tisch, an dem sie wohl die
Treffen mit den Vertrauensschülern abhalten sollten, bestimmten
die Einrichtung.
Lily lehnte immer noch neben der halbgeöffneten
Tür und suchte in ihrem Kopf nach ein paar passenden Zaubern, um
Mr. Arrogant ins Jenseits zu hexen, denn nichts anderes war James
Potter in ihrem Augen.
"Hör zu, Evans", riss James
Lily aus ihren mordlustigen Gedanken. "Ich hab mich nicht um den
Job gerissen, verstehst du?"
"Dann geh zu Dumbledore
und leg dein Amt nieder", forderte Lily mit trotzig
hochgerecktem Kinn und blitzenden Augen.
James klappte der Mund
auf, doch einen Moment später stützte er seine Hände
rechts und links neben Lilys Kopf ab. Irritiert blinzelte Lily, als
James seinen Kopf senkte. Seine strubbligen schwarzen Haare kitzelten
sie jetzt in der Nase und sie konnte nicht umhin, mal kurz daran zu
riechen. Frische Luft, etwas Waldartiges und dennoch Männliches
schlug ihr entgegen.
James hielt seinen Blick gesenkt, als er
sagte: "Ok, Evans, wenn es das ist, was du willst... dann...
dann werde ich drüber nachdenken."
Er konnte die
Enttäuschung in seiner Stimme sehr gut verbergen, aber in seinen
Augen spiegelte sich Verletztheit, die Lily allerdings nicht sah,
weil sie sich rasch unter ihm durchgeduckt hatte und nun zur Tür
hinaus verschwand. Ihr Herz pochte schmerzhaft in ihrer Brust und sie
flüchtete sich in das nächstbeste Klassenzimmer, um erst
einmal zu Atem zu kommen und ihre Gedanken etwas zu ordnen, denn im
Moment fühlte sie sich einfach nur mies. Schulsprecher zu sein,
war eine Auszeichnung und sie forderte so einfach, dass James das
aufgeben sollte. Auch wenn er in ihren Augen ein Störenfried war
und sie die Beweggründe des Schulleiters nicht so ganz
nachvollziehen konnte, hatte sie kein Recht darauf, so eine Forderung
zu stellen.
Kurz nachdem Lily die Große Halle verlassen
hatte und das Begrüßungsessen beendet war, flüsterte
Madison ihrer Freundin zu: "Ich geh mal schauen, ob Abby
irgendwo in der Nähe ist."
Claire griff nach ein paar
Keksen und drückte sie Madison in die Hand. "Hier, ich
weiß, dass sie die mag", meinte sie augenzwinkernd.
Madison verstaute die Kekse lächelnd in ihrem Umhang und
verließ die Große Halle, aber nicht ohne ihrem Bruder
noch einmal zuzuwinken. Einige Schüler sahen ihr nach, denn noch
hatte der Schulleiter das Essen nicht offiziell für beendet
erklärt. Auch die drei Marauder blickten der dunkelhaarigen
Schönheit nach und Sirius grummelte: "Wenn Gray Prongs
jetzt dazwischen funkt, dann kann sie was erleben."
Remus
wollte seinen Freund zurückhalten, doch Sirius hatte sich schon
erhoben und eilte Madison hinterher. Er sah gerade noch, wie sie aus
dem Schlossportal verschwand und fand es etwas merkwürdig. Seine
Neugierde allerdings war größer und er folgte ihr, hinaus
in die Dunkelheit.
Der Himmel war bedeckt, doch das hell
erleuchtete Schloss brachte genug Licht. Madison stand nur wenig
entfernt unter einem Baum und rief leise: "Abby."
Aus
dem Geäst des Baumes löste sich etwas und schwebte lautlos
näher. Eine kleine Fledermaus, etwas größer als eine
Hand, zog ihre Kreise und ließ sich dann auf Madisons Schulter
nieder.
"Hey, da bist du ja", sagte sie leise und
strich dem kleinen Geschöpf über die ledrigen Flügel.
Sirius hatte das Schauspiel beobachtet und ging langsam näher.
"Du hast eine Fledermaus als Haustier?", fragte er
neugierig.
Madison fuhr herum und funkelte ihn wütend an.
"Was soll das, Black? Warum schleichst du mir nach?"
Ihre
Augen blitzten im fahlen Schein des Lichts und ließen Sirius
automatisch einen Schritt zurückweichen. Er kannte Madison Gray
jetzt seit sechs Jahren und wusste, dass mit ihr nicht gut Kirschen
essen war, wenn sie diesen Blick drauf hatte. Sie hatte vor nichts
und niemandem Angst und hatte sich schon so manches Mal Strafarbeiten
dafür eingehandelt, wenn sie jemanden verhext hatte, der sie als
Halbblut beschimpfte. In der Beziehung war sie anders als ihre beste
Freundin Lily, die in jedem das Gute sah. Sie vertrat ihr Recht, ohne
an die Konsequenzen zu denken.
"Ich dachte, du wolltest
Evans und Prongs hinterher", sagte er entschuldigend und blickte
neugierig auf das kleine Wesen, das immer noch auf Madisons Schulter
saß.
Madison verzog ihr Gesicht. "Also bitte, Black,
glaubst du, die beiden machen einen Spaziergang über die
Ländereien?"
Sirius entspannte sich etwas und wiegte
seinen Kopf hin und her. "Sicher nicht, aber wer weiß,
vielleicht..."
Madison lachte leise. "Potter hat
schlechte Karten bei ihr, das wissen wir beide."
Sirius
nickte, lehnte sich lässig an den Stamm des Baumes und lenkte
von dem leidigen Thema ab, als er fragte: "Wie ist ihr Name?"
Er zeigte dabei auf die kleine Fledermaus, die ihn interessiert
betrachtete.
Madison holte einen der Kekse hervor, hielt ihn
Sirius hin und meinte: "Ihr Name ist Abby und sie mag diese
Dinger."
Sirius schluckte leicht, denn offensichtlich war es
eine Aufforderung, dass er dieses kleine Wesen füttern sollte.
"Ein ungewöhnlicher Name", murmelte Sirius und sah
dabei zu, wie Abby etwas von dem Keks knabberte.
Madison drehte
den Kopf, damit sie die Fledermaus besser sehen konnte. Das spärliche
Licht aus dem Schloss fiel in ihre Augen und zum ersten Mal bemerkte
Sirius die feinen silbernen Pünktchen darin, die sie
geheimnisvoll wirken ließen.
Abby breitete ihre Flügel
aus und flatterte davon. Als sie in der Dunkelheit verschwunden war,
sagte Sirius gedankenverloren: "Diese Fledermaus, sie passt zu
dir."
Madison zog eine Augenbraue hoch. "Naja, sie ist
kein richtiges Haustier. Sie folgt mir überall hin und sie war
eigentlich schon immer da. Den Namen hat ihr meine Mutter gegeben,
als ich noch ganz klein war."
"Hat dein Bruder auch so
ein abgefahrenes Haustier?", fragte Sirius neugierig und wusste
in diesem Moment selbst nicht, warum er dieses Gespräch
überhaupt noch hinauszögerte.
Madison steuerte das
Schlossportal an und lachte. "Nein, Max steht auf die
gemütlichen Tiere. Sein ständiger Begleiter ist Sam, ein
Neufundländer, aber leider musste der zu Hause bleiben."
Sirius grinste in sich hinein und hielt Madison galant die Tür
auf. Es waren diese kleinen Dinge, die ihn so beliebt bei den Mädchen
machten, doch Madison blieb davon unbeeindruckt. Sie lehnte sich in
die geöffnete Tür und verschränkte die Arme vor der
Brust.
"Sag mal, Black, was soll diese ganze Fragerei
überhaupt?", fragte sie argwöhnisch, während ihre
dunklen Augen Sirius eindringlich musterten.
Sirius grinste, ließ
seinen Blick über ihren wohlgeformten Körper wandern und
meinte gelassen: "Mein Angebot steht noch, also wenn..."
Madison atmete geräuschvoll aus und zischte: "Ach,
daher weht der Wind. Vergiss es, Black, ich hab dir schon mal gesagt,
dass du mir einfach zu grün hinter den Ohren bist."
Die
Eingangstür zur Großen Halle öffnete sich und noch
bevor Madison in dem Gewimmel von Schülern verschwinden konnte,
hielt Sirius sie an der Schulter fest und raunte in ihr Ohr: "Tja,
viel Auswahl wird dir ja in diesem Schuljahr nicht mehr bleiben. Wenn
es dir nicht aufgefallen ist, sind wir die Ältesten hier. Es sei
denn, du beziehst die Lehrer mit ein."
Madison drehte ihren
Kopf etwas und grinste. "So gesehen hast du leider Recht, also
sollte ich mal das Bedürfnis haben, mit dir in einer Besenkammer
zu verschwinden, lass ich es dich wissen."
So langsam
amüsierte sie dieses Geplänkel mit dem Schönling von
Hogwarts, der es in den vergangenen Jahren eigentlich genau wie sie
gehalten hatte. Hin und wieder eine kleine Affäre, aber nichts
Ernstes, um eine feste Beziehung einzugehen. Lily und Claire tadelten
sie ständig dafür, dass sie dieses lockere Leben führte,
und Madison fragte sich manchmal, ob sie überhaupt dazu in der
Lage war, wahrhaft zu lieben.
Lily ging an diesem ersten
Abend allein ihren Schulsprecherpflichten nach und betrat ziemlich
gefrustet den Schlafsaal der Siebtklässlerinnen im
Gryffindorturm. Nur noch drei Betten standen darin, denn eine ihrer
Mitschülerinnen hatte nach den Sommerferien die Schule wechseln
müssen.
Claire hatte ihren Hogwartskoffer schon ausgeräumt
und zwitscherte fröhlich: "Ah, und, hast du Potter deine
Meinung gesagt?"
Lily gab nur ein knurrendes Geräusch
von sich und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie hatte keine
Lust, über ihren Schulsprecherkollegen zu reden, und sie wollte
nicht an ihre Forderung denken, die in ihren Augen jetzt doch absurd
und falsch schien, doch gesagt war gesagt.
"Wo ist Madison
überhaupt?", fragte sie stattdessen.
Claire senkte
ihren Blick und nuschelte: "Sie wollte nach Abby sehen und...
und ich glaube, sie ist mit Sirius Black..." Sie schluckte den
Rest des Satzes hinunter und doch wusste Lily genau, worauf Claire
hinaus wollte, und ihr blieben die traurigen Augen ihrer Freundin
nicht verborgen.
Nur Lily und Madison wussten, dass Claire bis
über beide Ohren in Sirius Black verliebt war, der sie jedoch
nie beachtete.
Lily schüttelte den Kopf. "Madison würde
Black lieber in einen Maulesel verwandeln, als etwas mit ihm
anzufangen, das weißt du, Claire."
"Ich liebe
Maulesel", murmelte Claire mit einem kleinen Lächeln im
Gesicht. Lily warf ein Kopfkissen nach ihrer Freundin und kramte in
ihrem Koffer nach ein paar ganz besonderen Schuhen. Dieselben, die
Claire und Madison auch besaßen - Heavy Shoes. Diese Schuhe
wurden nur für eine Sache benötigt - Irish Dance, denn
diese Leidenschaft verband die drei Mädchen. Begonnen hatte es
aus einer Laune heraus, als sie vor vier Jahren in den Ferien so
einen Tanzkurz besucht hatten und seit dem war es ihr heimliches
Hobby.
Immer wenn eine von ihnen nicht gut drauf war, packten sie
ihre Schuhe aus und ließen die alten Melodien von irischen
Komponisten erklingen. Über die Jahre waren die drei immer
besser geworden, stellten ihre eigenen Choreographien zusammen und
entwarfen ihre Kostüme. Nur dann zog Madison ihre heiß
geliebten Stiefel aus und schlüpfte in die Schuhe, die den
wohlklingenden Laut verursachten. Genau wie an diesem Abend, denn sie
alle drei brauchten eine kleine Ablenkung.
Madison tauchte nur
wenig später auf, warf ihren Hogwartsumhang achtlos in eine Ecke
und ließ sich in voller Bekleidung auf das Bett fallen. Sie
schloss genüsslich ihre Augen und murmelte: "Endlich, wie
hab ich mich danach gesehnt."
Claire lehnte sich an den
Bettpfosten und zischte: "Ach was, sag bloß, Sirius Black
war so gut, dass du jetzt in Schwärmerei verfällst."
Madison öffnete ein Auge und blickte Lily fragend an, die
aber nur die Augen verdrehte. Ihr Blick wanderte weiter zu ihrer
Freundin mit dem kurzen frechen Haarschnitt. "Sag mal, Claire,
was unterstellst du mir jetzt eigentlich?"
Claire senkte
ihren Blick und atmete tief ein. "Na das, was alle dachten, als
Sirius kurz hinter dir die Große Halle verlassen hat. Er hat
nicht mal sein Abendessen beendet und das will schon was heißen."
Lily machte ein leicht schnaubendes Geräusch und wuselte
weiter durch den Raum. Madison sprach aus, was sie und auch Lily
dachten: "Du scheinst Blacks Angewohnheiten ja sehr genau zu
kennen, Claire. Er spielt nicht in deiner Liga. Du bist viel zu gut
für ihn, verstehst du?"
Claire reckte trotzig ihr Kinn
in die Höhe und funkelte ihre Freundin böse an. "Aber
du scheinst in seiner Liga zu spielen. Ihr seid euch ja so
ähnlich..."
Madison schluckte, denn da waren sie
wieder, diese Vorwürfe, obwohl sie wusste, dass Claire es in
diesem Moment nicht so meinte.
Lily entschärfte die
Situation etwas, aber es gefiel ihr gar nicht, dass ausgerechnet
Sirius Black ein Streitpunkt zwischen ihren Freundinnen war. Sie warf
Madison ihre Heavy Shoes zu und meinte: "Lasst uns tanzen, das
hat mir die ganzen Ferien über gefehlt."
Claire ließ
sich neben Madison auf ihr Bett fallen und senkte ihren Kopf. "Es
tut mir leid, ich wollte dich nicht so anfahren, aber..."
Madison legte einen Arm um Claire und sagte leise: "Ich will
nicht, dass er dir weh tut."
Claire seufzte tief und Lily
grummelte: "Auf die Beine jetzt und kein Wort mehr über
Black."
Ihre energische Art ließ Madison und Claire in
Gelächter verfallen, dass die erhitzten Gemüter etwas
beruhigte.
James lag frustriert auf seinem Bett und beachtete
weder Peter noch Remus, die ihre Koffer auspackten, als Sirius ihren
Schlafraum betrat.
Er warf Remus einen fragenden Blick zu, der
jedoch nur die Augen verdrehte und das Wort ‚Evans' mit seinem Mund
formte.
Sirius stöhnte genervt auf, denn so langsam ging ihm
sein Freund mit seiner Schwärmerei für die rothaarige Hexe
auf die Nerven. Nicht mal in den Ferien war er davon verschont
geblieben.
Sirius sagte amüsiert: "Und, Prongs, ich
hoffe, du hast Evans mal so richtig die Meinung gesagt."
James
drehte sich auf den Bauch und nuschelte in sein Kissen. "Wohl
eher sie mir. Verdammt noch mal, das Leben ist ungerecht."
Peter lachte laut auf und Remus meinte: "Also, besser könnte
es doch für dich im Moment nicht laufen. Du bist Schulsprecher
und das mit Lily Evans, der Lily Evans!"
James hob seinen
Kopf etwas und knurrte: "Das ist es ja gerade. Sie will, dass
ich dieses Amt nieder lege und wisst ihr was? Ich werde es auch tun,
gleich morgen früh gehe ich zu Dumbledore und werfe ihm das
Abzeichen vor die Füße."
Noch bevor irgendeiner
seiner Freunde etwas dazu sagen konnte, knallte die Badezimmertür
hinter ihm ins Schloss.
"Oh wei", murmelte Peter.
"Prongs ist mir als Schulsprecher lieber als dieser fiese
Slytherin Snape."
"Schniefelus", verbesserte ihn
Sirius und ihm wurde klar, dass er wohl nun endlich seinen Plan in
die Tat umsetzen musste, damit sein Freund Schulsprecher blieb.
Sirius packte ebenso seinen Koffer aus und legte seinen magischen
Fotoapparat, wie immer, in seinen Nachtschrank. Damit würde er
Lily Evans überführen und seinen Trumpf ausspielen und
schon in der kommenden Nacht sollte es soweit sein.
