Ein großer Hund und eine kleine Erpressung
Madison
und Claire schliefen schon lange, nur Lily wälzte sich unruhig
in ihrem Bett umher. Ihr Gespräch mit James Potter ging ihr
nicht aus dem Kopf, besonders die absurde Forderung, die sie ihm
gestellt hatte.
In ein paar Stunden würde ihr erster
Schultag beginnen und sie konnte einfach nicht abschalten - kein
guter Start ins letzte Schuljahr.
Seufzend schlüpfte Lily in
ihre mollig warmen Hausschuhe, griff nach ihrem Bademantel und
verließ leise ihren Schlafraum. Wenn sie schon nicht schlafen
konnte, war es die Gelegenheit mal wieder ein paar Nachforschungen
wegen dem geheimnisvollen Schlüssel an Madisons Kettchen
nachzugehen. Das konnte sie nur an einem ganz bestimmten Ort: in der
Verbotenen Abteilung der Bibliothek von Hogwarts. Die Bücher,
die allen zugänglich waren, hatte sie schon längst
durchgesehen und es war nicht das erste Mal, dass sie sich heimlich
nachts in diesen Bereich schlich.
Und genau das wusste Sirius
Black, der in dieser Nacht darauf hoffte, dass Lily Evans einen
Fehler machte und er sie damit in der Hand hatte.
Im spärlichen
Schein seines Zauberstabes beobachtete er auf einer magischen Karte
noch ein paar kleine Punkte, die sich im Schloss bewegten. Diese
Karte war das Resultat jahrelanger Nachforschungen, die er mit seinen
Freunden angestellt hatte. Es hatte sie eine Menge Zeit und
Detektivarbeit gekostet, um jeden noch so kleinen unbekannten Gang in
dem großen Schloss aufzuspüren und in dieser Karte
festzuhalten. Sie war ihnen in so manchen Nächten hilfreich,
wenn sie ungesehen aus dem Schloss schleichen wollten, auf der Suche
nach einem Abenteuer, denn diese magische Karte zeigte jeden
einzelnen Bewohner des Schlosses, genau an der Stelle, wo er sich
gerade aufhielt.
Genau in diesem Moment bewegte sich der kleine
Punkt, versehen mit dem Namen Lily Evans aus dem Gryffindorturm.
Sirius wusste schon seit ihrem sechsten Schuljahr, dass Lily nachts
hin und wieder in die Verbotene Abteilung der Bibliothek von Hogwarts
schlich, und genau dieses Wissen machte er sich jetzt zu Nutze.
Mit
der magischen Karte und seinem Fotoapparat bewaffnet schlich er durch
die ausgestorbenen Gänge des Schlosses. Gerade noch rechtzeitig
konnte er verhindern, dem Hausmeister des Schlosses, Argus Filch, in
die Arme zu laufen. Der griesgrämige Mann war ständig auf
der Suche nach Vergehen, die er den Schülern anhängen
konnte, ganz besonders den Maraudern.
Durch einen Geheimgang
erreichte Sirius die Bibliothek und verfluchte sich selbst dafür,
dass er James' Tarnumhang nicht mitgenommen hatte. Nun musste er sich
der neuen Schulsprecherin zeigen, ob er wollte oder nicht.
Lily
stöberte wieder in einem der vielen schaurigen Bücher der
Verbotenen Abteilung herum. Diese Bücher wurden nicht umsonst
hier aufbewahrt, denn sie behandelten schwarz-magische Themen, die in
Hogwarts nicht gelehrt wurden. Nur wer die schriftliche Erlaubnis
eines Lehrers vorweisen konnte, bekam ein bestimmtes Buch dieser
Abteilung ausgehändigt. Lily hatte so eine Erlaubnis natürlich
nicht. Was hätte sie auch als Grund angeben können? Madison
war ihre Freundin und selbst die wusste nicht, dass Lily heimlich
nach einem Hinweis auf den Schlüssel an ihrem Kettchen suchte.
Sie wollte sie damit überraschen und das vielleicht noch vor
ihrem achtzehnten Geburtstag, der erst in sechs Wochen war.
Gedankenverloren blätterte sie durch eines der dunklen
Bücher, als sie leise Schritte hörte. Noch bevor sie sich
hinter einem der vielen Regale in der Dunkelheit verstecken konnte,
machte es Klick. Ein kurzes helles Licht ließ sie leicht
blinzeln, doch wer ihr gegenüberstand, sah sie erst, als sich
der leichte Rauch verflüchtigt hatte.
"Black, was, bei
Merlins Barte, tust du um diese Zeit hier?", zischte sie und
blickte sich hektisch um, denn wo Black war, konnten seine Freunde
nicht weit sein.
Sirius lehnte sich lässig an ein Regal,
ließ seinen Blick über Lily wandern und blieb an ihren
plüschigen Hausschuhen hängen.
"So sieht unsere
Schulsprecherin also bei ihren nächtlichen Streifzügen
durch das Schloss aus", witzelte er.
Lily zog den Gürtel
ihres Bademantels fester, nachdem sie das Buch zurück ins Regal
gestellt hatte. Ihre Augen funkelten zornig und bohrten sich
regelrecht in Sirius fest. Die Kamera in seiner Hand war ihr nicht
verborgen geblieben, schließlich wedelte er damit vor ihrem
Gesicht herum, als wäre sie ein Hund und das unscheinbare Gerät
eine Leckerei.
"Was willst du nun wirklich von mir?",
fragte sie schon leicht gereizt und fuhr sich nervös mit den
Händen über die Haare. Normalerweise hätte sie Black
jetzt herunter geputzt, dass ihm Hören und Sehen vergangen wäre,
aber ihre momentane Situation ließ es nicht zu.
Sirius
stieß sich von dem Regal ab und kam langsam näher. Lily
wich automatisch zurück und fingerte in ihrer Bademanteltasche
nach ihrem Zauberstab, den sie ihm einen Moment später
bedrohlich ins Gesicht hielt.
"Komm ja nicht näher!",
knurrte sie.
Sirius lachte leise. "Vergiss es, Evans, wenn
ich dich anrühren würde, würde ich mir den Zorn von
jemandem zuziehen und das bist du mir sicher nicht wert. Sag mir
lieber, was du um diese Zeit zwischen diesen Büchern verloren
hast?"
Lily biss sich auf die Unterlippe. Was sollte sie ihm
sagen? Die Wahrheit sicher nicht. Entweder würde er sie
auslachen, oder die ganze Schule wäre über ihre nächtlichen
Aktivitäten im Bilde. Also wartete sie erst einmal ab, was er
überhaupt wollte.
Als könne Sirius ihre Gedanken lesen,
meinte er: "Also gut, wie du willst. Deine kleinen nächtlichen
Unternehmungen sind bei mir sicher." Zum Beweis drückte er
seine Kamera an die Brust.
Lilys Augen weiteten sich, aber in
ihrem Kopf war schon die perfekte Antwort: "Was willst du mit
deinem kleinen Schnappschuss beweisen, Black? Ich könnte ja
schließlich auch eine Erlaubnis haben, hier zu sein."
Sirius lachte bellend auf, verstummte aber sofort wieder. "Du
glaubst, du bist clever, Evans, aber ich bin schlauer. Wie bitte
willst du Gonni oder dem Schulleiter erklären, warum du deinen
Pyjama und einen Bademantel trägst und die Uhr dort an der Wand
kurz nach Mitternacht anzeigt."
Langsam drehte sich Lily zu
Beweisstück B auf Sirius' Liste und schloss kurz die Augen. Er
hatte sie genau aus diesem Winkel fotografiert und die Uhr war mit
Sicherheit im Hintergrund zu sehen.
In ihrem Kopf ratterte es
nach einem Ausweg aus dieser verzwickten Situation. Nervös kaute
sie auf ihrer Unterlippe herum und zeigte Sirius damit, dass er schon
fast gewonnen hatte.
"Also gut, was willst du, Black?",
fragte Lily mit einem bissigen Unterton in ihrer Stimme.
Auf
Sirius' Gesicht erschien ein triumphierendes Lächeln und langsam
ging er auf Lily zu. Schritt für Schritt wich sie zurück,
bis sie mit dem Rücken an der Regalwand stand. Eine Kette, die
an einem der schwarzen Bücher hinter ihr hing, klapperte
schaurig.
Sirius stützte eine Hand an einem der Regalbretter
ab und beugte sich nah zu ihr heran. Zu nah, für Lilys
Geschmack, denn ihre Augen weiteten sich, als sein warmer Atem über
ihre Wange streifte.
"Ich hab dich in der Hand, Evans",
raunte er mit einem leisen Lachen in ihr Ohr.
Dieses Lachen
weckte augenblicklich Lilys Zorn. Trotzig reckte sie ihr Kinn in die
Höhe und fixierte seine Augen, als sie zischte: "Nun red
nicht um den heißen Brei herum. Sag' was du willst!"
Sirius warf seinen Kopf in den Nacken und versuchte gar nicht
erst, gegen sein Triumpfgefühl anzukämpfen. Er hatte Lily
Evans, ihres Zeichens Schulsprecherin, in der Hand. Nun musste er
sein Anliegen nur noch richtig in Worte fassen, damit sein Plan
gelang.
Lily trat ihm mit ihren plüschigen Pantoffeln gegen
sein Schienbein und sah ihn lauernd an.
Sirius ging einen Schritt
zurück und suchte ihren Blick, als er meinte: "Diese ganze
Sache bleibt unter uns, wenn du ... wenn du James dazu bringst,
Schulsprecher zu bleiben. Er hat es verdient und es ist nicht
richtig, dass du von ihm forderst, sein Amt niederzulegen."
Lily klappte der Mund auf. Sie hatte ja einiges von dem Schönling
von Hogwarts erwartet - dass sie seine Hausaufgaben machen sollte,
oder ihm die Schultasche tragen, oder dass er irgendwelche
Schweinereien von ihr wollte - aber nicht, dass es hier um seinen
Freund ging. Ausgerechnet diese Sache lag ihr schwer im Magen. Sie
hatte an James Potter eine Forderung gestellt, die viel zu schnell
ihre Lippen verlassen hatte, ohne dass ihr Gehirn auf irgendeine
Weise daran mitgewirkt hatte. Das war überhaupt der Grund, warum
sie nicht schlafen konnte und ausgerechnet von Black hier erwischt
wurde.
Lily ließ die Schultern hängen und atmete
geräuschvoll aus. "Potter hat dieses Amt nicht verdient und
ich sehe schon, dass die meiste Arbeit an mir hängen bleibt,
aber ich werde versuchen, mit ihm auszukommen, doch sollte es nicht
klappen..."
Sirius hob eine Hand, um ihren Redeschwall zu
unterbrechen. "Zuerst einmal musst du ihn davon überzeugen,
Schulsprecher zu bleiben ... also, es liegt in deiner Hand, Evans.
Entweder James bleibt Schulsprecher, oder ich spiele Gonni das Foto
zu und sie wird nicht gerade begeistert sein, dass die immer akkurate
Miss Evans gegen irgendwelche Schulregeln verstößt."
Für den teuflischen Gesichtsausdruck, den Sirius bei diesen
Worten auflegte, hätte Lily ihn am liebsten ins Jenseits
befördert, aber sie schloss nur die Augen und nickte
resignierend. Auf was hatte sie sich da bloß eingelassen? Ein
Pakt mit dem Teufel.
Als sie die Augen wieder öffnete, war
Sirius verschwunden, so lautlos wie er gekommen war.
Der
nächste Morgen, der erste Schultag, war die Katastrophe
schlechthin, zumindest für Madison, Claire und Lily. Sie hatten
verschlafen und hasteten 20 Minuten vor Stundenbeginn die Große
Treppe hinunter. Madison band sich noch im Laufen ihre widerspenstige
Haarpracht zusammen, während Lily leise vor sich hin schimpfte
und ganz allein Sirius Black die Schuld für ihr verspätetes
Auftauchen in der Großen Halle gab.
Alle Tische waren schon
voll besetzt und nur ganz am Ende neben vier gewissen Siebtklässlern
war noch etwas Platz. Madison steuerte die vier Marauder auch gleich
an, warf ihre Tasche achtlos zu Boden und stellte ein Bein neben
James auf die Bank. In aller Ruhe und ohne auf die verwunderten
Blicke der anderen zu achten, begann sie ihre Stiefel zu schnüren.
Sirius beugte sich etwas vor und grinste, denn Madison war der Rock
der Schuluniform etwas hoch gerutscht. Soviel nackte Haut am frühen
Morgen ließ Sirius leise schlucken und für einen Moment
kam ihm der Gedanke unter die Bank zu rutschen, um vielleicht noch
einen Blick auf Madisons Unterwäsche zu erhaschen. Diese
anstößigen Gedanken vergingen ihm allerdings, als Lily
sich ihm gegenüber neben Remus quetschte und sich eilig einen
Toast butterte.
James hielt seinen Kopf gesenkt, auch als Claire
sich zwischen ihn und Sirius setzte. Er wollte Lily nicht ansehen,
denn er war immer noch nicht gut auf sie zu sprechen. Ihre Forderung
war absurd und dennoch wollte er noch an diesem Tag zum Schulleiter
gehen und sein Amt niederlegen, bevor er es überhaupt richtig
angetreten hatte. Soweit hatte ihn Lily gebracht.
James sah erst
auf, als ihre Hauslehrerin die Stundenpläne verteilte. Sie blieb
vor den Siebtklässlern stehen und blickte streng über ihre
Brille. "Ich möchte, dass Sie in Ihrem letzten Schuljahr
alles geben!"
Sirius konterte mit Unschuldsmiene: "Tun
wir das nicht immer, Professor McGonagall?"
"Ja, Mr.
Black, im Nachsitzen geben Sie wirklich alles und lassen nichts aus",
antwortete seine Hauslehrerin mit einem leicht amüsierten
Unterton in der Stimme und rauschte davon.
Madison griff nach
einem Apfel und überflog ihren Stundenplan. Sie hatte nur die
nötigsten Fächer gewählt, da sie ihre Zukunft weder im
Ministerium noch im Sankt Mungo's sah, wo hingegen Lily wohl den
vollgepacktesten Stundenplan von allen hatte. Claires Pensum lag
irgendwo mittendrin und Sirius' wohl auch, weil er meinte: "Hey,
da haben wir ja fast die gleichen Fächer. Na, wenn das kein
gutes Ohmen ist."
Claire wurde knallrot und sah kurz zu
Lily, deren Blick allerdings auf Sirius geheftet war. Sie hatte schon
den Mund geöffnet, um eine spitze Bemerkung auf ihn loszulassen,
doch Sirius' Kopf ruckte unauffällig in Richtung James, der sich
langsam erhob.
Lily schluckte laut, denn es war offensichtlich,
was Black von ihr wollte. Sie sollte ihr Versprechen einlösen
und James Potter davon abhalten, das Schulsprecheramt niederzulegen.
Eigentlich wollte sie für so ein Gespräch ausgeschlafen
sein, aber Sirius sah das wohl anders. Er trat unter dem Tisch nach
ihr und zischte leise: "Mach schon, Evans, sonst..."
Lily
atmete geräuschvoll aus und hätte Black am liebsten auf die
Rückreise nach London geschickt, doch Claire, die die ganze Zeit
nicht den Blick von Sirius genommen hatte, fragte neugierig: "Was
sollst du machen, Lily?"
Lilys schlechte Laune war
augenblicklich wieder da und sie knurrte ihre Freundin an: "Ich
muss ... noch was mit Potter klären." Schon rauschte sie
davon, aber nicht bevor sie Sirius einen tödlichen Blick
zugeworfen hatte.
Madison ließ sich auf James' freien Platz
fallen und meinte lachend: "Lily läuft Potter hinterher,
dass ich das noch erleben darf."
Remus fixierte seinen
Freund sehr genau, denn sein teuflisches Grinsen entging ihm nicht,
aber nicht nur er starrte Sirius an, auch Claire, die an diesem
verflixten Morgen ihr Glück nicht fassen konnte, neben dem
jungen Marauder zu sitzen. Sie hantierte mit dem Kürbissaft
herum und sah Sirius an, als wäre er ihr Frühstück.
Madison konnte darüber nur die Augen verdrehen und warf noch
einen kurzen Blick zu ihrem Bruder. Er nahm schweigsam zwischen den
Erstklässlern aus Ravenclaw sein Frühstück ein und
erst nach einem grellen Pfiff von Madison, blickte er auf und
schenkte ihr ein Lächeln.
"Oh, Gray, jetzt bin ich
taub", sagte Sirius gespielt entrüstet und rieb sich die
Ohren.
Claire knirschte nach dieser Bemerkung mit den Zähnen
und Madison meinte grinsend: "Armer kleiner Blacky, wenn ich
gewusst hätte, dass du so sensibel bist, dann hätte ich
meinem Bruder eine Eule geschickt."
Peter prustete seinen
Kürbissaft quer über den Tisch und Madison meinte
angewidert: "Ihr solltet erst einmal ein paar Tischmanieren
lernen, das ist ja..."
"Widerlich", vollendete
Remus den Satz für sie und griff nach seiner Schultasche. Er
lächelte Claire an und sagte auffordernd: "Du hast doch
auch Muggelkunde. Wir sollten uns beeilen!"
Claire blickte
auf die Uhr und verfiel in Hektik. Ihr Kürbissaft landete auf
Sirius' Hose und ließ ihn erschrocken aufspringen. Bevor Claire
jedoch mit dem Ärmel ihres Umhangs das Chaos beseitigen konnte,
sagte Sirius genervt: "Es war so ein schöner Morgen, bevor
du aufgetaucht bist."
Er meinte die Worte nicht ernst, doch
Claire stiegen Tränen in die Augen und mit wehendem Umhang
hetzte sie aus der Großen Halle, gefolgt von einem
stirnrunzelnden Remus.
Madison schulterte ihre Tasche ebenso und
warf Sirius einen wütenden Blick zu. "Es ist schade, dass
du es nicht siehst..."
Sie folgte der Schar von Schülern
und Sirius fragte kopfschüttelnd: "Was, zum Hippogreif,
soll ich nicht sehen?" Aber es war nur noch Peter da und der
konnte oder wollte ihm keine Antwort geben.
Lily war James
nur widerwillig gefolgt und sah ihn gerade noch die Treppe hinauf
gehen. Er hatte Verwandlung, genau wie sie, Madison und Sirius. Zwei
Stufen auf einmal nehmend hetzte sie hinter ihm her. Lily hatte keine
Lust auf irgendwelche Zuhörer und wollte die Sache schnell
hinter sich bringen, denn noch war kaum ein Schüler auf den
Gängen zu sehen.
"Potter", rief Lily laut und
hoffte darauf, dass James seine Schritte verlangsamte.
James
verdrehte die Augen und warf nur einen kurzen Blick über seine
Schulter. Er war nicht in Stimmung für ein Schwätzchen mit
Lily Evans, denn sein letztes Gespräch mit ihr lag ihm noch
schwer im Magen. Dennoch schloss er genervt die Augen und blieb
stehen.
"Was willst du, Evans", knurrte er, drückte
seine Schultasche an sich und sah Lily abwartend an.
Lily kaute
nervös auf ihrer Unterlippe und versuchte, seinem
durchdringenden Blick auszuweichen. Die ersten Schüler stürmten
schon die Treppe hinauf und zwangen sie zu handeln.
Einen tiefen
Atemzug später murmelte sie: "Also, Potter, lass es uns
zusammen versuchen."
James zog eine Augenbraue hoch und
fragte leicht verwirrt: "Äh ... wie soll ich das jetzt
verstehen, Evans? Du willst ein Date mit mir?"
Lily funkelte
ihn wütend an: "Argh ... Potter, lass deine Witze, du weißt
genau, was ich meine."
Ihr Blick wanderte den Gang hinunter
und sie fing an, nervös von einem Bein auf das andere zu
tippeln. Sie sah schon die Klatschpresse vor sich - Evans drückt
sich mit Potter in einem leeren Gang herum!
James amüsierte
ihr nervöses Gehabe und er setzte noch eins drauf. Mit einer
schon unverschämten Unschuldsmiene sagte er: "Tut mir leid,
Evans, ich weiß ehrlich nicht, wovon du sprichst."
Lässig
drehte er sich auf dem Absatz herum und steuerte auf das
Verwandlungsklassenzimmer zu. Innerlich klopfte er sich selbst auf
die Schulter, für seine Lässigkeit, die er noch nie zuvor
bei Lily Evans an den Tag gelegt hatte. Meist war er nervös und
wusste nicht, was er sagen sollte, aber an diesem verrückten
Morgen war wohl so einiges anders.
Lily atmete geräuschvoll
aus. Vor ihrem geistigen Auge erschien wieder Sirius Black und
wedelte mit seiner Kamera herum. Dieses Bild genügte, dass sie
die Beine in die Hand nahm und James hinterher rannte. Sie erwischte
ihn am Ärmel seines Umhangs und zog heftig daran. Der Stoff gab
ein verräterisches Geräusch von sich und an der Naht über
seiner Schulter zeigte sich ein langer Riss.
Lily lief knallrot
an, als James grinsend meinte: "Hey, Evans, du brauchst mir
nicht gleich die Klamotten vom Leib reißen. Ich geh auch so mit
dir aus."
Die ersten Schüler waren nur noch ein paar
Meter entfernt und Lily knirschte mit den Zähnen. "Verdammt,
Potter, ich will kein Date mit dir. Ich will nur ... nur, dass du
Schulsprecher bleibst."
James stand die Verblüffung ins
Gesicht geschrieben und im Moment fühlte er sich wie in einem
schlechten Traum. Gestern noch wollte Lily Evans, dass er sein Amt
niederlegte und heute bettelte sie ihn förmlich an, es nicht zu
tun, aber hiermit sah er seine Chance gekommen, endlich das lang
ersehnte Date mit ihr zu bekommen. Einen Moment war er versucht
danach zu fragen, woher ihr Sinneswandel kam, aber er ließ es
sein, denn so eine Gelegenheit würde sich nie wieder bieten.
James streckte schon die Hand nach der Klinke zum Klassenzimmer
aus und sagte über seine Schulter hinweg. "Ok, ich bleib
Schulsprecher ... wenn du mit mir ausgehst!"
Lily sah aus,
als hätte jemand einen Eimer kaltes Wasser über sie
gegossen. Sie schnappte wie ein Fisch im Wasser nach Luft, als
Madison, gefolgt von einem zerknirscht dreinblickenden Sirius, die
Tür ansteuerte. Sirius taxierte die beiden Schulsprecher auf
eine unverschämte Art und Weise und sein Blick blieb an Lily
hängen. Es war ein herausfordernder, warnender
Ich-hab-dich-in-der-Hand-Blick, den er ihr zuwarf.
Lily schnaubte
verächtlich und sagte kaum verständlich: "Also gut,
Potter, ich geh mit dir nach Hogsmeade."
James konnte sein
Glück gar nicht fassen. Er strahlte übers ganze Gesicht und
ließ sich völlig benebelt von Sirius in das Klassenzimmer
schieben.
Alle ließen sich auf ihren Plätzen nieder,
einschließlich einer rothaarigen Hexe, die müde, abgehetzt
und ziemlich genervt die Augen schloss.
Sirius drängte James
auf seinen Platz in der letzten Reihe und fragte lachend: "Was
ist mit deinem Umhang passiert, Prongs?"
Professor
McGonagall begrüßte die Schüler und James sagte
verträumt: "Den hat Evans mir zerfetzt!"
Seine
Worte kamen etwas zu laut über seine Lippen, denn der Großteil
der Schüler aus den anderen Häusern lachte und Lily schlug
sich die Hände vors Gesicht.
Dieser Morgen war einfach
grauenhaft und es wurde noch schlimmer, denn Madison konnte ein
lautes Lachen nicht unterdrücken, ebenso wie Sirius. Die beiden
zogen sofort die Aufmerksamkeit ihrer Hauslehrerin auf sich. Mit
zusammengekniffenen Augen meinte Professor McGonagall: "Da wir
heute alle so eine fröhliche Runde sind, Mr. Black, tauschen Sie
doch bitte mit Miss Evans den Platz, dann können Sie hier vorn
mit Miss Gray im Duett lachen."
James konnte sein Glück
gar nicht fassen und drängte Sirius sofort weg. Er räumte
den Tisch ordentlich auf und überhörte Sirius' leise
Proteste, als er den Weg zur ersten Bank einschlug.
Madison
reichte Lily ihre Tasche und flüsterte: "Irgendwie ist bei
dir heute der Pottertag, was Lily?"
Lily riss ihrer Freundin
die Tasche aus der Hand und stapfte hocherhobenen Hauptes durch den
Raum, dabei rempelte sie Sirius an, den sie für die ganzen
Katastrophen an diesem Morgen verantwortlich machte.
Sirius ließ
sich ziemlich genervt neben Madison nieder und Professor McGonagall
erhob ihre Stimme. "Nun, dies ist Ihr letztes Schuljahr und Ihre
Abschlussprüfungen stehen bevor, das heißt, wir beginnen
die allgemeinen Wiederholungen, angefangen von der ersten Klasse."
Sirius legte sich die Hand vor den Mund und unterdrückte ein
Lachen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, denn in
der ersten Reihe zu sitzen war schon mehr, als er wollte.
Sie
fingen klein an. Ein Streichholz sollte in eine Nähnadel
verwandelt werden. Die meisten Schüler waren ziemlich genervt
und kamen im Handumdrehen zum gewünschten Ergebnis, aber Madison
bekam das auch nach dem dritten Versuch nicht hin. Sie wurde immer
nervöser und war froh, dass die Lehrerin gerade durch die
hinteren Bankreihen marschierte und ihre hilflosen Versuche ihren
Augen verborgen blieben.
Sirius hob belustigt eine Augenbraue,
verkniff sich allerdings einen spöttischen Kommentar und legte
seine rechte Hand auf Madisons. Er drehte ihr Handgelenk ein wenig
und raunte in ihr Ohr. "Die Bewegung stimmt nicht ganz, ein
bisschen mehr Schwung."
Madison tat, was er sagte und schon
klappte es. "Ich sollte wohl mehr Haushaltszauber üben",
meinte sie lächelnd.
Sirius ließ seinen Blick über
ihr Gesicht wandern, und da waren sie wieder, die kleinen silbernen
Pünktchen in ihren Augen, die ihm schon letzte Nacht aufgefallen
waren, denn sie zeigten Madisons echtes Lächeln, nichts daran
war künstlich oder falsch. Sirius war etwas verwundert, denn
Madison galt in der Schule als die Eisprinzessin. Unnahbar und doch
leidenschaftlich, wenn man den Gerüchten glauben schenken
konnte.
Lily konzentrierte sich auf ihren Zauber und schloss
kurz die Augen, als James sich zu ihr heranbeugte und ihr
zuflüsterte: "Heute Nachmittag können wir doch die
Hogsmeade-Wochenenden festlegen. Ich schlage vor, wir setzen das
erste gleich für nächsten Samstag an."
Lily schob
James energisch beiseite, denn er war ihr viel zu nah und machte sie
nervös. "Vergiss es, das findet wie immer vor Halloween
statt."
James machte ein enttäuschtes Gesicht. Zu gerne
hätte er dieses erste Date mit Lily Evans so schnell wie möglich
gehabt, um sie von seinen verborgenen Qualitäten zu überzeugen,
aber vielleicht konnte er das auch bei ihren Schulsprecheraufgaben.
Lily hingegen war erleichtert, noch eine kleine Gnadenfrist zu
haben, bis sie ihr Versprechen einlösen musste.
Nach
dieser Stunde trennten sich ihre Wege und sie trafen sich nur zum
Mittagessen in der Großen Halle wieder. Sehr zum Verdruss von
Claire, saßen sie allerdings diesmal von den Maraudern so weit
wie nur möglich entfernt.
Am Nachmittag traf sich Madison
mit ihrem Bruder Max vor dem Schlossportal.
"Na, wie war
dein erster Tag?", fragte Madison und zog ihren Umhang aus, denn
die Septembersonne meinte es an diesem Tag gut mit ihnen. Sie hatte
ihre Schulkleidung gegen Jeans und ein schwarzes Top getauscht, so
wie man sie kannte.
"Ging so", nuschelte Maxwell und
blickte zu den herumtollenden Schülern.
Madison legte ihrem
Bruder einen Arm um die Schultern, führte ihn zum Ufer des
Schwarzen Sees und meinte: "Die ersten Tage sind immer die
schwersten und wahre Freunde zu finden braucht seine Zeit."
Max
kickte einen Stein weg und seufzte laut auf. "Diese Schule ist
total irre, aber ich ... mir fehlen meine Freunde und Sam."
Madison grinste, versuchte es allerdings vor ihrem Bruder zu
verbergen. Ihr Blick fiel auf Sirius und Peter, die faul unter einem
Baum lagen und vor sich hin dösten.
"Wir können ja
später mal bei Hagrid vorbeischauen, der hat auch einen Hund",
versuchte Madison ihren kleinen Bruder aufzumuntern und drängte
ihn dichter an den Waldrand. Ein kleiner Spaziergang um den Schwarzen
See würde ihren Bruder schon ein bisschen ablenken und sie
könnten nebenbei auch noch Ausschau nach Abby halten, die sich
sicher ein schattiges Plätzchen zwischen den großen Bäumen
gesucht hatte.
Sirius folgte Madison aus dem Augenwinkel heraus
mit seinem Blick. Er beobachtete Bruder und Schwester sehr genau und
stellte einige Unterschiede fest. Madison - schwarzhaarig und
braungebrannt, während Maxwell der blonde, blasse Typ war, aber
dennoch verblüffte ihn die Vertrautheit der beiden, denn welcher
Elfjährige ließ sich schon vor seinen Mitschülern von
seiner großen Schwester umarmen.
Das Schulgelände war
an diesem Nachmittag gut gefüllt und dennoch entging Sirius
nicht, dass vier Slytherins Madison und Maxwell unbemerkt hinterher
schlichen.
Sirius überlegte einen Moment und erinnerte sich
daran, was Madison über das Haustier ihres Bruders erzählt
hatte - das war die Gelegenheit.
Madison und Max saßen
auf einem großen Stein, den Rücken zu den großen
Bäumen des dunklen Waldes gewandt. Abby hatte sich zu ihnen
gesellt und ließ sich bereitwillig von Max streicheln. Sie
spürte wohl instinktiv, dass der Erstklässler sich ein
bisschen einsam fühlte.
Madison hatte ihren Blick über
das ruhige Wasser des Sees schweifen lassen, als es auf einmal hinter
ihr im Geäst knackte. So schnell, dass Maxwell es gar nicht mit
bekam, richtete sie ihren Zauberstab auf die Geräuschquelle und
da kamen sie, die wohl größten Unruhestifter in Hogwarts,
seit die Black-Schwestern und die Lestrange-Brüder die Schule
verlassen hatten. Wilkes, Rosier, Regulus Black und noch ein
Siebtklässler aus Slytherin. Sie alle trugen die unverkennbaren
Hausfarben - Grün und Silber - und ihr höhnisches Lachen
ließ Madison die Stirn runzeln.
Sie zog Maxwell hinter sich
und knurrte die vier an. "Was wollt ihr hier?"
Regulus
Black trat vor, spielte mit seinem Zauberstab und meinte gelassen.
"Du willst dieses schöne Fleckchen doch nicht etwa für
dich beanspruchen, Gray."
Madison zog eine Augenbraue hoch
und lachte leise. Regulus Black war ein Fünftklässler mit
dunklen kurzen Haaren und fast einen Kopf kleiner als sie selbst,
aber er war nicht allein, und genau das war ihr Problem.
"Was
wollen die von uns?", flüsterte Max und lugte hinter dem
schützenden Rücken seiner Schwester hervor.
"Ärger
machen", zischte Madison und ließ die vier nicht aus den
Augen. Ihre Hoffnung auf irgendwelche Hilfe schwand, denn sie waren
auf der anderen Seite des Schwarzen Sees und hier verirrte sich kaum
jemand hin.
Maxwell würde keine große Hilfe sein, wenn
sie sich verteidigen mussten und wie es aussah, kam es schneller dazu
als erwartet.
Wilkes richtete seinen Zauberstab auf Madison und
rief: "Halbblüter wie ihr es seid..."
Seine Worte
wurden vom Rascheln im Unterholz unterbrochen. Ein riesiges schwarzes
Tier stürzte aus dem Schatten der Bäume heraus und warf
Wilkes und den hühnenhaften Siebtklässler mit einem Sprung
zu Boden. Madison war ebenso erschrocken wie ihr Bruder, aber mit
einem einfachen "Expelliarmus" flogen Regulus Black und
Rosier die Zauberstäbe aus der Hand.
Das riesige Etwas
entpuppte sich als ein großer schwarzer Hund, der nun
zähnefletschend vor den vier Slytherins stand. Sie versuchten
gar nicht erst, ihn mit Flüchen zu schocken, sondern nahmen die
Beine in die Hand und verschwanden in der Dunkelheit des Waldes.
"Wow", sagte Max mit leuchtenden Augen und schob sich
an seiner Schwester vorbei auf das Tier zu. Madison verdrehte die
Augen und meinte: "Sei vorsichtig. Ich kenne diesen Hund nicht."
Ganz langsam näherte sich Maxwell dem Hund, der weitaus
größer war als sein Neufundländer Sam und so aussah,
als könnte er ein kleines Kind zum Frühstück
verspeisen.
Max kannte sich mit Hunden aus und als er sah, dass
das Tier freudig mit dem Schwanz wedelte, ließ er sich vor im
auf die Knie sinken, denn Hunde sahen oftmals eine Bedrohung darin,
wenn sich jemand über sie beugte.
Max' Hand fuhr erst
zögerlich und dann kühner durch das seidenweiche Fell.
Madison hatte die Luft angehalten, denn dieses Tier war ihr nicht nur
völlig unbekannt, es war ihr auch nicht geheuer. Wo war es
hergekommen? Wer war sein Besitzer, denn dass es kein streunender
Hund war, sah man an seiner gepflegten Erscheinung.
Mittlerweile
hatte sich der Hund auf die Seite fallen lassen und ließ sich
von Maxwell kraulen. Dass es ihm gefiel, hörte man an seinem
leisen wohligen Knurren.
Dieser Hund kam Madison seltsam vor.
Seine Augen waren grau und seine Zähne schneeweiß.
Irgendetwas an diesem Tier schien ihr bekannt und doch fremd zu sein.
"Hat er kein Halsband um?", fragte Madison und suchte
mit ihrer Hand zwischen dem dichten Fell nach einem Hinweis auf einen
möglichen Besitzer.
Maxwell strahlte und Madison glaubte
auch zu wissen, warum - ihr Bruder sah in dem Tier einen neuen,
ersten Freund in einer für ihn neuen Welt.
