Nenn mich beim Vornamen
Sirius tauchte an diesem Abend
als letzter beim Essen auf und quetschte sich neben James, der heute
irgendwie zufrieden und glücklich aussah.
"Alles klar,
Prongs?", fragte Sirius und blickte zu Remus, weil sein Freund
ihm keine Antwort gab und nur zum anderen Ende des Tisches starrte,
wo Lily mit ihren Freundinnen, Madison und Claire, saß.
Remus
beugte sich über den Tisch und meinte verschwörerisch:
"James hat heute Abend sein erstes offizielles Treffen mit
seinem Gegenstück."
"Gegenstück?",
fragte Peter kauend.
James schüttelte kurz den Kopf, als
wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. "Ich werde aber
nicht allein mit Evans sein, die Vertrauensschüler sind auch
dabei. Wo warst du überhaupt, Pad?", fragte James und
registrierte erst jetzt die Ankunft seines Freundes.
Sirius
füllte sich den Teller und sagte stolz: "Ich habe heute
eine gute Tat vollbracht und jemandem aus der Klemme geholfen."
Sein Gesichtsausdruck hatte sich verdüstert, als er an
seinen Bruder dachte, der mit seinen kleinen Slytherinfreunden
versucht hatte, Madison Gray und ihren kleinen Bruder zu überfallen.
"Erzähl uns davon", forderte ihn Remus auf und
versuchte das Gespräch am Laufen zu halten, denn irgendwie war
wohl ihr erster Schultag für alle anders verlaufen, als
erwartet.
Sirius warf einen kurzen Blick hinüber zum
Slytherintisch und murmelte; "Gray und ihr Bruder wurden von
vier Slytherins aufs Korn genommen... "
"Ah, und du
hast den Retter gespielt", sagte James und riss seinen Blick
endlich von der rothaarigen Hexe los.
Sirius legte sein Besteck
nieder und kratzte sich verlegen am Kopf. Er beugte sich etwas vor
und meinte leise: "Naja, nicht ich, eher Padfoot."
Sofort
unterbrachen seine Freunde ihr Essen und Remus zischte ungehalten:
"Du hast was getan? Bist du übergeschnappt, Pad? Wenn dich
nun irgendjemand dabei beobachtet hat. Wenn Madison Gray
herausfindet, dass..."
Sirius stöhnte laut auf und
einige ihrer Hauskameraden warfen den Maraudern fragende Blicke zu,
doch eigentlich dachten sie alle nur, dass die vier wieder etwas
aushecken würden.
"Niemand hat mich gesehen",
beruhigte Sirius seine Freunde. "Aber ich kann ja Madison
unauffällig aushorchen."
Remus schloss kopfschüttelnd
die Augen und James meinte lachend: "Was man bei dir unter
aushorchen versteht, ist schon klar, Pad. Aber sie wird dir sicher
nichts ins Ohr stöhnen. Madison Gray wird nie mit dir... "
Sirius setzte sich kerzengerade hin und ließ seinen Blick
zu der dunkelhaarigen und in seinen Augen auch geheimnisvollen
Schönheit wandern.
"Willst du mit mir wetten, Prongs?",
meinte Sirius amüsiert, während der Schalk in seinen Augen
blitzte.
Remus warf James einen warnenden Blick zu, denn er ahnte
schon, worauf das hinaus lief, und so war es auch. James zog eine
Augenbraue hoch und fragte grinsend: "Was ist dein Einsatz?"
Sirius fuhr sich mit der Hand über sein Kinn und dachte
angestrengt nach, während Remus warnend sagte: "Lasst es
sein, wenn Madison das herausfindet, dann hext sie euch ins
Jenseits."
James grinste: "Ok, dann eben ohne
Wetteinsatz. Wenn Pad mit ihr ... dann soll er einfach eine Kerbe in
seinen Bettpfosten schnitzen, dann wissen wir Bescheid und alles
bleibt diskret."
Peter quiekte: "Diskret? Wie willst du
bei den vielen Kerben an Padfoots Bett die richtige finden?"
Sirius lachte bellend auf und meinte gelassen. "Oh, Prongs
findet sie, keine Sorge."
"Du begehst einen schlimmen
Fehler, Pad", warnte Remus erneut, doch er stieß damit bei
seinen Freunden auf taube Ohren, die sich beide köstlich
amüsierten.
Madison erzählte Lily und Claire leise
von dem Hund, der ihr und Max aus der Klemme geholfen hatte.
Lily
überlegte und meinte: "Vielleicht gehört er nach
Hogsmeade und ist einfach nur ausgerissen."
Madison
schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, er hatte nicht
einmal ein Halsband um und Max denkt jetzt, dass er einen neuen
Freund gefunden hat."
"Lass deinen Bruder bloß
nicht allein hier herumschleichen", sagte Claire aufgeregt und
warf einen Blick zum Slytherintisch. "Nicht einmal vor
Erstklässlern machen sie halt."
"Vielleicht sollte
ich dieses Problem heute mal auf der Vertrauensschüler-Versammlung
ansprechen", sagte Lily und senkte ihren Blick, denn ein
gewisser Slytherin klebte förmlich an ihrem Gesicht.
Madison
schüttelte den Kopf. "Das wird nichts bringen, aber ich
werde ein Auge auf Max haben. Mum und Dad bringen mich um, wenn er in
irgendwelche Schwierigkeiten gerät."
Claire lachte. "Du
bist diejenige, die Schwierigkeiten magisch anzieht."
"Ja,
aber auch nur, weil ich mir nicht ständig sagen lasse, dass ich
Abschaum bin, weil mein Stiefvater ein Muggel ist", sagte
Madison ungehalten. "Du bist reinblütig, Claire, du
verstehst das nicht."
Claire schnaubte verächtlich: "Du
tust gerade so, als würde ich gutheißen, was die
Slytherins tun und ihrer Meinung sein. Das ist nicht fair, Madison."
Claires blaue Augen funkelten ärgerlich und erst Lily
brachte sie dazu, sich etwas zu beruhigen.
"Was ist nur mit
euch beiden los?", grummelte Lily. "Erst die Sache mit
Black und dann ... das hier."
Wütend stand sie auf und
ließ ihre Freundinnen allein zurück. Madison blickte ihr
nach und meinte: "Sie hatte heute eindeutig zuviel Potter am
Hals."
Claire lachte und war Madison eigentlich auch gar
nicht böse. Sie beide hatten hin und wieder ihre Streitigkeiten
und doch hatte das ihrer Freundschaft nicht geschadet. Im Gegenteil,
sie waren zusammen mit Lily in den letzten Jahren ein eingeschworenes
Team geworden.
Mit wehendem Umhang verließ Lily die
Große Halle und war mehr als schlecht gelaunt. Der Tag hatte
für sie schlecht angefangen und schien auch so zu enden.
Sie
steuerte gleich das Schulsprecherbüro im zweiten Stock an,
obwohl das Treffen mit den Vertrauensschülern erst in gut einer
halben Stunde stattfinden sollte. Noch immer hatte sie mit James kein
Passwort festgelegt und öffnete die unverschlossene Tür.
Ein lustiges Feuer prasselte im Kamin, aber sonst war alles wie
am Abend zuvor, als sie mit James die kleine Auseinandersetzung
hatte. Nur auf einem der beiden Schreibtische lag eine geöffnete
Mappe.
Neugierig ging Lily näher und besah sich die
Pergamente. Eine Liste mit den Namen der Vertrauensschüler und
eine Liste mit diversen Anweisungen der Schulleitung legte sie zur
Seite und zum Vorschein kam ein voll gekritzeltes Pergament.
Verzeichnet darauf waren Daten für die Hogsmeade-Ausflüge,
Zeiten für die abendlichen Rundgänge durch das Schloss, das
die Vertrauensschüler zusammen mit den Schulsprechern absichern
mussten, und vieles mehr.
James Potter hatte für all das
scheinbar schon Zeit gefunden, während Lily sich um ihre
Hausaufgaben gekümmert hatte. Zum ersten Mal hatte sie ein
schlechtes Gewissen, dass sie an ihn überhaupt so eine absurde
Forderung gestellt hatte, und irgendwie war sie Sirius dankbar, dass
er sie mit seiner kleinen Erpressung dazu genötigt hatte, ihre
Forderung zurückzunehmen. Allerdings war ihr nicht wohl bei dem
Gedanken, James Potter im Gegenzug versprochen zu haben, mit ihm
auszugehen.
Lily wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich die
Tür hinter ihr mit einem leisen Knarren öffnete. Sie fuhr
herum und ihr Blick verdüsterte sich. "Was willst du hier,
Severus? Das ist nur... "
"Schickes Büro",
unterbrach sie der junge Slytherin und kam langsam näher. Seine
dunklen Augen wirkten leer und traurig und seine Haare hingen ihm wie
immer strähnig im Gesicht.
Lily wandte ihm den Rücken
zu und fragte erneut: "Was willst du, Severus?"
Eine
Hand legte sich auf ihre Schulter, versuchte sie herum zu drehen,
doch Lily riss sich los. "Geh zu deinen Slytherinfreunden, die
vor nichts und niemandem Halt machen, nicht einmal vor einem
Erstklässler", sagte sie traurig.
Severus Snape packte
sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum. Er schüttelte
verständnislos den Kopf und fragte: "Was genau meinst du
damit? Ich wollte mit dir reden, denn in den Ferien warst du ja
scheinbar nicht oft zu Hause."
Lily blickte in die dunklen
Augen des jungen Mannes, der ihr in all den Jahren so vertraut
geworden war, und doch hatten sie sich entfremdet. Schuld war nicht
nur der Umstand, dass der Sprechende Hut sie in getrennte Häuser
gesteckt hatte, sondern auch ihre Einstellung. Das Haus Slytherin
wurde immer mehr zum Verfechter des reinen Blutes und je älter
Lily wurde, desto besser verstand sie, dass diese Ansichten falsch
waren. Als sie mit elf Jahren hier eingeschult wurde, war Severus
Snape ihr einziger Freund gewesen, dann lernte sie Madison und Claire
kennen und sie lernte andere Slytherins kennen, die sie beschimpften,
weil ihre Eltern keine Zauberer waren.
Die Freundschaft zu
Severus Snape wurde auf eine harte Probe gestellt, als er, ebenso wie
seine Hauskameraden, sie Schlammblut nannte, in aller Öffentlichkeit.
Das war jetzt mehr als ein Jahr her und doch tat es Lily immer noch
weh. Er hatte seinen Weg gewählt und sie den ihren.
"Ich
bin dir keine Rechenschaft schuldig, was ich in den Ferien tue, und
jetzt geh und lass mich in Ruhe", sagte Lily und sah Severus
abwartend an.
Er senkte seinen Blick, doch sein Kopf ruckte
augenblicklich herum, als eine donnernde Stimme von der Tür her
ertönte: "Das ist nur für Schulsprecher und da du
keiner bist, Schniefelus, verschwinde hier!"
James Potter
betrat den Raum und hielt die Tür weit geöffnet. Seine Hand
deutete nach draußen und doch ließ er den verhassten
Slytherin nicht aus den Augen. Wäre er allein gewesen, hätte
er schon längst seinen Zauberstab in der Hand, aber die
Gegenwart der rothaarigen Hexe hielt ihn zurück.
Lily wandte
sich ab und verkniff sich einen bissigen Kommentar für die
Betitelung, die James dem jungen Slytherin hatte zukommen lassen.
Erst als die Tür lautstark hinter dem Slytherin ins Schloss
fiel, atmete sie geräuschvoll aus und versuchte gleich, das
Thema geschickt auf etwas anderes zu lenken.
"Du hast ja
schon gute Vorarbeit geleistet, Potter", sagte Lily mit einem
bitteren Unterton in ihrer Stimme und nahm das Pergament zur Hand,
das James beschrieben hatte.
James ging langsam näher,
setzte sich auf den Schreibtisch und sah Lily an, als er sagte: "Was
hältst du davon, wenn wir uns ab heute beim Vornamen anreden.
Ich finde, das wäre ein guter Start in unser Schulsprecherjahr,
oder, Lily?"
Ihren Namen betonte er unnatürlich und zog
ihn in die Länge. Über Lilys Gesicht huschte ein Lächeln
und sie streckte ihm ihre Hand entgegen. "Ok, James, auf unser
Jahr als Schulsprecher!"
James nahm ihre Hand in seine und
versuchte, nicht wieder in sein übliches Grinsen zu verfallen,
sondern schenkte der rothaarigen Hexe ein ehrliches Lächeln, das
sich auch in seinen Augen wiederspiegelte, doch sein Blick
verdüsterte sich, als Lily kurz darauf ihre Hand wegzog, als
hätte sie sich verbrannt.
Sie räusperte sich und beugte
sich weiter über den Tisch, darauf bedacht, dass ein Großteil
ihrer Haare ihr leicht gerötetes Gesicht verbarg.
"Vielleicht
sollten wir ein Passwort für diesen Raum festlegen",
versuchte James die kurzzeitige Stille zwischen ihnen zu überbrücken.
"Ich hab nämlich keine Lust auf unliebsame Besuche von
irgendwelchen hirnlosen Slytherins."
Der letzte Satz war ein
Fehler, das sah er sofort, als Lily ihren Kopf hob und ihre Augen ihn
ärgerlich anfunkelten. ‚Und schon wieder alles vergeigt',
schoss es James durch den Kopf, während er kurz die Augen
schloss, aber Merlin hatte wohl an diesem Tag ein besonders
schützendes Händchen über ihn gelegt, denn soeben
stürmten die Vertrauensschüler in das Büro.
Der
Gemeinschaftsraum der Gryffindors war nach dem Abendessen gut
gefüllt. Die meisten erledigten ihre Hausaufgaben, einige
zauberten ein bisschen herum und andere brüteten über einer
Partie Zauberschach.
Madison saß auf der Fensterbank und
ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Claire hockte
zusammen mit Remus an einem Tisch, beide vertieft in ihre
Hausaufgaben für Muggelkunde. Lily war immer noch auf dem
Treffen mit den Vertrauensschülern und Madison langweilte sich
etwas. Sie spielte gedankenverloren an dem kleinen Schlüssel
ihres Kettchens herum und öffnete das Fenster einen kleinen
Spalt, in der Hoffnung, dass Abby sie vielleicht finden würde.
"So allein?", raunte plötzlich eine warme samtige
Stimme in ihr Ohr.
Madison drehte den Kopf und schloss das
Fenster. "So allein bin ich doch gar nicht", meinte sie und
zwinkerte Sirius zu, der sich zu ihr auf die Fensterbank gesetzt
hatte und sie scheinbar in ein Gespräch verwickeln wollte.
Dieses Flirtspiel, das er trieb, konnte sie auch, und Madison war
sich sicher, dass sie darin sogar noch besser war.
"Hm ...
scheinbar hast du nichts weiter vor. Lust auf einen Spaziergang? Zeit
wäre noch", sagte Sirius so lässig wie möglich
und sah dabei auf die Uhr.
Madison presste ihre Lippen fest
zusammen, um nicht laut loszulachen. Eines musste sie Sirius Black
lassen - er machte seine Sache verdammt gut.
Madison warf einen
kurzen Blick zu ihrer Freundin Claire. Einen Moment hätte sie
gern mit ihr getauscht, denn sie mochte Remus Lupin, der aber nie
einem Mädchen seine Aufmerksamkeit schenkte und damit für
sie unerreichbar blieb.
"Darf ich dein Schweigen als ja
verstehen?", riss Sirius Madison aus ihren Gedanken und schenkte
ihr sein schönstes Lächeln.
"Warum nicht",
murmelte Madison, griff nach ihrem Umhang und steuerte das
Portraitloch an. Sie ignorierte die schmachtenden Blicke einiger
Mädchen, die wohl in ihr Sirius' neuste Eroberung sahen, aber
ihr entging nicht Claires enttäuschter Blick, der ihnen folgte.
Madison ließ Sirius erst gar nicht die Richtung
bestimmen. Sie steuerte sofort den kleinen Westturm an, wo sie sich
manchmal mit Abby traf.
Sirius folgte ihr die enge Wendeltreppe
hinauf, obwohl er wusste, dass an diesem Abend keine neue Kerbe
seinen Bettpfosten zieren würde.
Die Luft war noch lau und
mild und die Sterne leuchteten vom Nachthimmel. Madisons Augen
huschten durch die Dunkelheit auf der Suche nach ihrer Fledermaus.
Sie beugte sich weit über die Brüstung, während Sirius
dicht hinter ihr stand, seine Hände rechts und links neben ihr
platziert, und meinte: "Das ist also dein Lieblingsplatz. Mir
fällt auf, dass ich ziemlich wenig über dich weiß,
Madison Gray."
Madison drehte sich lachend um, lehnte sich
etwas zurück und sagte amüsiert: "Das liegt sicher
daran, dass du in den letzten Jahren mit anderen Dingen beschäftigt
warst."
Sirius grinste. Sie wollte also spielen, nun, das
konnte sie haben, obwohl er sich eingestehen musste, dass noch keine
seiner Verabredungen so schlagfertig war. Meistens kicherten die
Mädchen oder erröteten, wenn er irgendetwas sagte, aber
Madison war anders. Sie taxierte ihn regelrecht, wusste, dass sie ihn
damit nervös machte und wartete gespannt auf eine Antwort von
ihm.
Sirius beugte sich leicht vor, den Blick auf ihre Augen
gerichtet und murmelte: "Na, dann wäre doch heute Abend die
Gelegenheit, das zu ändern."
Madison spürte schon
seinen warmen Atem auf ihrer Wange und wusste, was gleich kommen
würde. Ein kleiner Schauer durchfuhr sie, doch sie drehte den
Kopf zur Seite, bevor sich ihre Lippen trafen.
Sirius stöhnte
innerlich auf. Dieses kleine Biest - er war so nah dran gewesen,
seiner Kerbe im Bettpfosten etwas näher zu kommen.
Madison
blickte ihn mit einem unschuldigen Augenaufschlag an und sagte
herausfordernd: "Erzähl du mir doch was über dich,
aber etwas, das ich noch nicht weiß. Vielleicht ... etwas über
deinen Bruder."
Für einen Augeblick hatte Sirius den
Verdacht, dass Madison über den Hund Bescheid wusste, doch
scheinbar hatte sie sich doch nur über seinen Bruder geärgert
und wollte mehr über ihn wissen.
Sirius brachte etwas Raum
zwischen sich und Madison und stellte sich vor die Brüstung des
kleinen Turmes. Sein Blick glitt in die Nacht, als er sagte: "Regulus
war nicht immer so. Er war ein ganz normaler Junge, wie ich auch, bis
ich nach Hogwarts kam. Eigentlich war mein Leben vorherbestimmt, doch
der Sprechende Hut machte all die schönen Pläne, die meine
Eltern hatten, kaputt."
"Weil du nach Gryffindor
kamst?", fragte Madison neugierig, aber keineswegs verwundert.
Die alterwürdige Familie Black war ausnahmslos in Slytherin
gewesen und Sirius schien wohl so etwas wie ein weißes Schaf zu
sein.
"Was glaubst du, wie sich meine Erzeuger über die
Wahl des Hutes gefreut haben?", fragte Sirius sarkastisch und
mit einer Bitterkeit in der Stimme, bei der Madison sofort Mitleid
mit ihm bekam.
Sirius lehnte sich weit über die Brüstung
und sagte leise: "Seit diesem Tag hat sich aber nicht nur mein
Leben verändert, sondern auch das meines Bruders. Alle
Hoffnungen wurden auf Regulus gesetzt, auf einen kleinen neunjährigen
Jungen, dem eingetrichtert wurde, welches der richtige Weg und das
richtige Haus ist. Er hatte keine Wahl... "
Madison
schluckte und war in diesem Moment so dankbar für ihr
Elternhaus, für ihren Stiefvater, der sie liebte wie sein
eigenes Kind, und für ihren Bruder.
Sirius sah Madison nicht
an, die auch viel zu verblüfft über seine Worte und
Emotionen war, denn ihr war nicht entgangen, dass ihn die ganze Sache
nicht kalt ließ. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, wirkte
Sirius in Madisons Augen menschlich und nahbar. Er versteckte sich
nicht hinter einem arroganten Grinsen und zeigte ihr sein wahres
Gesicht.
Madison legte aus einem Impuls heraus ihre Hand auf
seinen Arm und sagte: "Du bist nicht Schuld daran, dass dein
Bruder so geworden ist."
Sirius atmete tief durch und
versuchte seine Gelassenheit wiederzufinden, denn er war selbst über
sich erschrocken, ausgerechnet mit Madison über seine Familie
gesprochen zu haben.
"Etwas Gutes hat die ganze Sache",
meinte er grinsend. "Es gibt ein Loch mehr in dem schönen
alten Stammbaum der ehrwürdigen Familie Black."
Madison
zog eine Augenbraue hoch und war verwundert darüber, dass Sirius
sich offenbar schon wieder gefangen hatte."
"Ihr habt
einen Familienstammbaum?", fragte sie neugierig.
"Ja,
klar, so einen alten Lappen, der im Salon hängt", meinte er
lachend und legte seine Hand auf Madisons. Er hatte erwartet, dass
sie ihre zurückziehen würde, doch sie hielt ganz still und
ließ ihren Blick in die Dunkelheit wandern. In ihren Augen
hatte Sirius etwas, das er nicht zu schätzen wusste - er wusste,
woher er stammte, wer seine Ahnen waren.
"Ich weiß
nicht, wer mein richtiger Vater ist", sagte sie leise, darauf
bedacht, ihre Stimme nicht all zu traurig klingen zu lassen. Sie
wollte nicht, dass Sirius hinter ihre Fassade blickte, aber sie
wollte ihm auch etwas von sich erzählen.
"Also ist
Maxwell dein Halbbruder?", fragte Sirius erstaunt und verstand
plötzlich, warum die beiden Geschwister so unterschiedlich
waren.
Madison zog ihre Hand unter seiner hervor und nickte
langsam. "Ja, meine Mutter ist eine Hexe und mein Stiefvater ein
ganz normaler Muggel und doch der beste Vater der Welt, aber ... ich
... ich..."
Sie schluckte den Rest des Satzes hinunter und
verschränkte die Arme vor der Brust, als ob sie damit ihre
trüben Gedanken von sich fern halten könnte.
"Hat
dir deine Mutter denn nie etwas über deinen richtigen Vater
erzählt?", fragte Sirius und beobachtete ihren
Gesichtsausdruck im dämmrigen Licht der Sterne. Die Kerbe an
seinem Bettpfosten war schon lange vergessen, jetzt wollte er nur
mehr über die Eisprinzessin von Hogwarts erfahren.
Madison
seufzte schwer. "Meine Mum schweigt sich darüber aus und
sagt nur, dass mein Vater sich mit mir in Verbindung setzen wird,
sobald ich achtzehn werde."
Sirius schloss die Augen und
kramte in seinem Gedächtnis nach Madisons Geburtsdatum. Seine
Miene erhellte sich und er meinte: "Na, das ist doch bald, Ende
November. Die paar Wochen überstehst du auch noch."
Madison seufzte schwer, denn etwas anderes nagte noch an ihr,
etwas, das sie nun laut aussprach. "Aber was, wenn mein Vater
ein Verbrecher ist, oder einer von diesen Todessern, oder..."
Sirius packte sie an den Schultern und blickte in ihre Augen. Er
sah darin etwas Angst und er sah wohl zum ersten Mal hinter Madisons
Fassade, sah ihr wahres Ich, das nur wenige Menschen kannten.
"Glaubst du, deine Mutter hätte sich mit so jemandem
eingelassen?", fragte er eindringlich.
Madison blickte zu
ihm auf und schüttelte den Kopf. "Nein, aber sie
verschweigt mir etwas."
Sie machte sich mit einer unwirschen
Handbewegung von ihm los und grummelte: "Wir sollten gehen."
Und da war sie wieder, die Eisprinzessin, in deren Augen sich
keine Regung zeigte. Erst als Abby herangeschwebt kam, stahl sich
wieder ein kleines Lächeln auf ihre Lippen. In den tiefen
Taschen ihres Umhangs suchte sie sofort nach einer Leckerei für
die kleine Fledermaus, die sich doch tatsächlich auf Sirius'
Schulter niedergelassen hatte.
Er stand stocksteif da,
unterdrückte jede Bewegung, seine Augen weit aufgerissen. Diese
Erscheinung brachte Madison augenblicklich zum Lachen. "Sie
scheint dich zu mögen, sonst hätte sie dich längst
gebissen. Chester Montgomery hatte nicht soviel Glück. Dem Armen
hat sie dermaßen zugesetzt, dass er in den Krankenflügel
musste."
"Soll ich jetzt beruhigt sein?", krächzte
Sirius heißer und drehte den Kopf leicht, um das Geschöpf
auf seiner Schulter genauer zu betrachten.
Abby knabberte an
einem Keks, den Madison ihr entgegenhielt und ließ sich gar
nicht stören. "Wow, die hat aber ganz schönen
Appetit", murmelte Sirius und betrachtete sich das kleine Wesen
interessiert. Er wusste nicht viel über Fledermäuse, aber
ihre Augen kamen ihm merkwürdig vor und für einen Moment
hatte er das Gefühl, sie würde ihm zuzwinkern, doch in dem
fahlen Licht schob er es auf eine Sinnestäuschung.
Zwei
Kekse später erhob sich Abby mit einem schrillen Schrei wieder
in die Lüfte und verschwand in der Dunkelheit.
Madison
steuerte augenblicklich die Treppe an, die sie wieder ins Innere des
Schlosses bringen würde. Sirius eilte ihr nach und hielt sie an
der Schulter fest. Seine Augen suchten ihre, als er meinte: "Alles,
über das wir uns unterhalten haben, bleibt hier oben, auf diesem
Turm."
"Du wirst nichts deinen verrückten Freunden
erzählen?", fragte Madison mit hochgezogener Augenbraue.
Sirius rollte mit den Augen. Was, bei Merlin, dachte sie
überhaupt von ihm. "Das selbe könnte ich dich fragen",
konterte er mit einem dieser Lächeln, das die Mädchen
reihenweise in Ohnmacht fallen ließ.
Doch Madison blieb
davon ungerührt. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und meinte:
"Nun gut, Sirius Black, dann ist es wohl Zeit, dass wir uns beim
Vornamen nennen, wenn wir schon ein Geheimnis teilen."
Das
Lächeln, das sie ihm bei diesen Worten schenkte, zeigte sich
auch in ihren Augen, denn da waren sie wieder, die kleinen silbernen
Pünktchen.
Sirius nahm ihre Hand und sagte lachend: "Schön
dich kennen zu lernen, Madison."
Madison boxte ihm lachend
gegen den Arm und murmelte: "Spinner!"
Als sie in
den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, waren nur noch eine Hand
voll Schüler anwesend, darunter drei Marauder, die ihren Freund
aufmerksam beobachten.
Ganz der Gentleman, begleitete Sirius
Madison bis an die Treppen zu den Mädchenschlafsälen. Sie
hatte schon den Fuß auf der ersten Stufe, drehte sich aber noch
einmal zu ihm um und streckte ihre Hand aus. "Gute Nacht,
Sirius, es war schön mit dir zu plaudern."
Madison
lächelte ihn an und sofort tanzten wieder die kleinen silbernen
Pünktchen in ihren Augen und ließen Sirius kühner
werden. Er ignorierte ihre Hand, beugte sich vor und hauchte ihr
einen Kuss auf die Wange. "Jederzeit wieder!", murmelte er
in ihr Ohr und verschwand zu seinen Freunden, noch bevor Madison
irgendeine Reaktion zeigen konnte.
Gedankenverloren stieg sie die
Treppe hinauf und hörte nicht einmal James' grellen Pfiff.
"Und, bekommt dein Bettpfosten nun eine neue Kerbe, Pad?",
fragte James seinen Freund unverschämt grinsend, als er sich zu
ihnen gesellte.
Sirius ließ sich in einen Sessel fallen,
verschränkte die Arme hinter dem Kopf und meinte: "Noch
nicht, aber wir nennen uns schon mal beim Vornamen."
"Oh,
wow, das bringt dich deinem Ziel ja schon viel näher",
sagte Peter lachend, aber Remus beobachtete seinen Freund sehr genau.
Sirius starrte in den Raum und ließ den Abend noch einmal Revue
passieren, als James meinte: "Hey, Pad, so weit bin ich mit Lily
auch schon."
Ein kleines stolzes Lächeln huschte über
das Gesicht des jungen Marauder, aber Remus meinte amüsiert:
"Na, da kann man euch beiden ja gratulieren. Ihr habt schon am
ersten Schultag ganz große Fortschritte gemacht. Wenn es weiter
so geht, dann seid ihr zu Weihnachten verheiratet."
Peter
lachte lautstark und Remus verschwand lieber schnell aus James und
Sirius' Nähe. Man konnte ja nie wissen.
Madison betrat
nachdenklich ihren Schlafsaal und war wenig erstaunt, dass Lily und
Claire schon in ihren Betten lagen. Lily hatte die Nase in ein Buch
gesteckt und Claire träumte einfach vor sich hin.
"Willst
du uns erzählen, wo du warst?", fragte Lily, blickte aber
nicht auf.
Claire setzte sich in ihrem Bett auf und knurrte:
"Oder mit wem?"
Madison zog sich in aller Ruhe ihre
Stiefel aus und stöhnte. Manchmal war es lästig, eine
neugierige und eine verliebte Freundin zu haben.
"Wir haben
nicht das getan, was du glaubst, Claire. Wir waren auf dem Westturm
und haben uns unterhalten", sagte Madison ungehalten, setzte
sich auf ihr Bett und warf die Stiefel achtlos in eine Ecke.
"Sirius
Black geht mit niemandem irgendwo hin, nur um zu reden",
versuchte Claire erneut ihren Unmut loszuwerden.
Madison stand
auf, stemmte die Hände in die Hüften und rief aufgebracht:
"Hör auf damit, Claire! Wenn du nicht bald etwas gegen
deine Schwärmerei unternimmst und mich ständig nieder
machst, nur weil ich mal mit Sirius ein paar Worte gewechselt habe,
dann ... dann..."
Madison brach mitten im Satz ab und
stürmte wütend ins Badezimmer. Die Tür knallte
lautstark hinter ihr zu. Die Magie dieses Abends war mit Claires
Worten wieder dahin.
"Sie nennt ihn schon beim Vornamen",
sagte Claire entsetzt und starrte auf die Tür, hinter der ihre
Freundin verschwunden war.
Lily legte ihr Buch zur Seite und
sagte gelassen: "Was ist denn schon dabei? Ich nenne Potter
jetzt auch beim Vornamen, und noch was, Claire - es ist nicht fair,
dass du Madison wegen Black immerzu angiftest."
Claire ließ
sich stöhnend auf ihr Bett zurück sinken und fragte sich
gerade, ob ihre Freundinnen jetzt total übergeschnappt waren.
"Ich weiß", sagte sie kleinlaut, denn sie fühlte
sich gerade nicht sehr wohl in ihrer Haut. "Aber warum, Lily,
nennst du Black jetzt nicht auch beim Vornamen? Er ist doch Potters
Freund!"
Lily warf den Kopf in den Nacken und lachte laut
auf. So laut, dass Claire sich sicher war, dass es noch bis in den
Gemeinschaftsraum zu hören war.
"Einen dieser
Verrückten mit dem Vornamen anzureden reicht aus, Claire - zwei
würden meine Nerven nicht aushalten ", meinte Lily.
Claire
schüttelte verständnislos den Kopf, aber Madison rief
lachend von der Badezimmertür: "Klingt für mich
logisch, aber wisst ihr was? Lasst uns tanzen!"
Und so kamen
auch an diesem ersten Schultag ihre Heavy Shoes zum Einsatz und wenn
man seine Ohren spitzte, konnte man auch im Gemeinschaftsraum die
alten irischen Melodien hören.
