So nah

Kapitel 2

Ein Freudentag...

„Du, Mama? Warum ist Vater vor einigen Tagen mit seinen Männern fort geritten? Beinahe hätte er meinen Geburtstag verpasst."

Die Worte des Mädchens klangen ein wenig anklagend, während sie ihre Mutter und ihren Bruder abwechselnd anblickte. Die Zehnjährige, dessen blaue Augen so durchdringend waren, wie die ihres Vaters und ihrer Brüder, bemerkte sofort die Beklemmung ihres Gegenübers.

„Nun, es gibt Dinge in dieser Welt, Dís, die etwas zeitintensiver sind als andere. Verhandlungen, die geführt werden müssen und Schlachten, die sich nicht vermeiden lassen. Früher oder später, wirst auch du diese Erfahrung machen müssen. Aber nun ist er wieder bei uns und du solltest keinen Gedanken mehr daran verschwenden, was ihn fortgetragen hatte."

Damit, gab sich ihr jüngstes Kind scheinbar zufrieden. Der Weg dauerte nicht mehr lange, als die Mädchen bereits die leise Musik vernahmen, welche ihnen in sanften Klängen entgegen hallte. Vorfreudig beschleunigten sie ihre Schritte, bis sie die goldenen Lichter des Festsaales erkannten.

„Sieh nur Morna, da vorne, das große Tor. Wir sind gleich da!", verkündete die Prinzessin.

Aufgeregt, schien sie es kaum noch erwarten zu können. Morna hingegen lächelte zaghaft. Seit ein paar Jahren ging sie nun schon in den Gemächern der königlichen Familie ein und aus. Man hatte sich an sie und ihre Anwesenheit gewöhnt.

Im Grunde kannte sie aber nur Dís Zimmer und den Thronsaal von weitem. Doch heute war alles anders. Heute hatte die Prinzessin Geburtstag. Heute würde ein Fest gefeiert werden. Eigentlich ein Grund zur Freude und Ausgelassenheit. Doch... einen erneuten Blick auf ihr schlichtes Kleid werfend, wurde Morna bang ums Herz. Ihre einfache Herkunft, konnte man sowohl an ihrer Kleidung, als auch an ihrem Gesicht ablesen. Was würden die Erwachsenen von ihr denken, wenn sie in solchen Lumpe auf dem Fest erschien? Im besten Falle, würde man sie für ein einfaches Küchenmädchen halten und sie aus dem Saal werfen. Wieder wurde Morna bewusst, wie wenig sie doch zu diesem Ort passte. Das sie eigentlich fehl am Platz war und niemals zu dieser feinen Gesellschaft dazu gehören würde. Dies war ihr bestes Kleid und das Einzige, dass ausnahmsweise keine Löcher hier und da aufwies. Doch im Vergleich zu dem wunderschönen blauen Kleid ihrer Freundin, welches mit funkelnden Steinen und Ornamenten verziert worden war, wirkte ihres wie ein Putzlappen. Von Mornas Schuhen ganz zu schweigen. Sie waren einfach nur braun. Braun und bereits etwas abgetragen. Jedoch das einzige Paar, dass sie besaß. Dís hingegen, hatte mindestens ein Dutzend feine Schuhe.

Mit aufwendigen Stickereien versehen und in nahezu jeder Farbe, die man sich vorstellen konnte. Einige waren sogar mit Lammfell gefüttert, für die kalten Wintermonate. Wie sehr die Elfjährige ihre beste Freundin dafür beneidete, wenn im Dezember ihre Fußzehen vor Kälte schmerzten. Doch das war ihr Los. Sie war nun mal keine geborene Prinzessin. Ihr Vater gehörte zwar zu den Wachen des Königs, doch war er nur einer von vielen und hatte sieben Kinder zu ernähren. Das Geld war seit jeher knapp gewesen und es hatte Tage gegeben, an denen sie weniger zu essen gehabt hatten, als eine arme Bauernfamilie. Doch sie hatten es bis zum heutigen Tag immer wieder geschafft, auf den Füßen zu landen. Nicht einmal der Tod ihrer Mutter, hat sie vollends verzagen lassen und dies erfüllte Morna mit Stolz. Tief durchatmend, schwor sich die Rothaarige nicht länger derart finsteren Gedanken nachzuhängen. Heute war ein Festtag und sie würde ihn gemeinsam mit dem Mädchen an ihrer Seite genießen. Morna war nicht hochwohlgeboren, sondern ein einfaches Mädchen. Doch Dís war ihre Freundin, sie legte Wert auf ihre Gesellschaft und sie würden zusammen diesen Tag verbringen. Gleichgültig, was sie anderen dachten. Als die Mädchen bereits die unzähligen Leute in feierlicher Abendgarderobe erblickten, die sich angeregt unterhielten und begrüßten, fasste die Prinzessin ihre Freundin bei der Hand und huschte durch die Menge in den Saal hinein.

„Dís!", rief ihr Bruder das zweite Mal an diesem Abend mahnend, doch die Kleinere hörte bereits nicht mehr zu.

Dieser Tag gehörte nur ihr und er war fast schon vorüber. Nur noch wenige Stunden und die Sonne würde untergehen. Die Zehnjährige wollte jede Sekunde auskosten, die ihr noch blieb.

„Hab Geduld.", sprach Kycina, während sie eine Hand auf die Schulter ihres Sohnes legte.

„Du warst auch einmal in ihrem Alter. Sie wird ihren Platz schon noch finden."

„Fragt sich nur wann.", murmelte Frerin leise und folgte der Jüngeren ins Herz des heutigen Abends.

Vollkommen außer Atem blickten die Mädchen auf den Festsaal, während sie an der große Treppe stehe blieb, welche auf die Tanzfläche führte. Unzählige Paare bewegten sich zur fröhlichen Musik und es wurde gescherzt und gelacht. Alles war festlich geschmückt und hell erleuchtet, so wie es Dís all die Jahre in Erinnerung hatte. Rund herum an den Wänden standen lange Tische mit erlesenen Speisen und Getränken. Und als sich die kleine Prinzessin auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie sogar ihren Stuhl am anderen Ende der Halle sehen, welcher umgeben war von großen und kleinen Geschenken.

Den eleganten Saal mit den Augen absuchend, spürte sie die Hände ihrer Mutter auf ihren Schultern ruhen. Wo war er nur? In der Menge konnte Dís nur schwer ihre Angehörigen ausmachen. Doch hatte sie ihren Großvater Thrór und ihren ältesten Bruder bereits erblicken können.

„Sieh nur, da steht dein Vater.", flüsterte die künftige Königin ihrer Tochter ins Ohr und winkte ihrem Gemahl voller Zuneigung entgegen.

Die Miene der Zehnjährigen erhellte sich augenblicklich. Er war wirklich da. Von der Widersehensfreude wie gelähmt, wagte die kleine Prinzessin für einen Moment nicht, ihrem geliebten Vater entgegen zu laufen, als er ihren Gruß erwiderte und sich auf den Weg zu ihnen machte. Er war tatsächlich gekommen. So, wie er es versprochen hatte. Am Morgen ihres Geburtstages, hatte Dís noch Zweifel gehabt, ob er es wirklich schaffen würde. Thráin hatte den Saal zur Hälfte durchschritten, als seine Tochter losstürmte und flink wie ein junges Reh durch die tanzende Menge hüpfte. Ihrem Vater in die Arme springend, schenkte sie ihm eine feste Umarmung, welche mit der gleichen Hingabe erwidert wurde.

„Ich freue mich so, dich wieder zu sehen, Vater."

Ein sanfter Zug, legte sich auf das sonst so ernste und unerbittliche Gesicht Thráins.

„Ich hatte es dir versprochen."

Hinter ihrem Vater erschien nun auch Thorin, welcher vor Dís in die Knie ging und seiner Schwester eine Hand auf die Schulter legte. Was er zu ihr sagte, konnte Morna nicht verstehen. Hatte sie das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter nicht stören wollen und schloss sich der Zusammenkunft erst jetzt wieder an. Doch schienen es herzliche Worte gewesen zu sein, welche die Prinzessin mit einer weiteren Umarmung erwidert hatte. Das Eintreffen des Geburtstagskindes blieb nicht lange unentdeckt und so fand sich Dís bald umzingelt von allerlei Zwergen vor, die sie beglückwünschen wollten. Morna lächelte darüber und beobachtete die Szenerie von einiger Entfernung. Tauschen wollte sie mit ihrer besten Freundin in dieser Situation nicht. Es sah fast so aus, als würde Dís jede Sekunde ersticken, so sehr drängten sich die Leute um sie. Nach wenigen Minuten, war von der Prinzessin schon nicht mehr zu sehen, als Morna einen sanften Ruck an ihrem Zopf spürte. Verwundert griff sie nach ihrem Haar und drehte sich zugleich nach recht um. Irritiert musste die Rothaarige feststellen, dass dort niemand zu sehen war. Der Platz hinter ihr war leer. Hatte sie es sich etwa nur eingebildet, dass sie jemand am Haar gezogen hatte?

Doch war sich die Elfjährige sicher gewesen, die Berührung sei aus dieser Richtung gekommen. Sie meinte auch gespürt zu haben, dass jemand hinter ihr gestanden hatte. Nur kurz, aber nah genug um ihr Haar zu berühren. Suchend, blickte sie sich weiter um. Im Augenwinkel zu ihrer Linken erkannte sie vertraute Farben, die sich langsam von ihr entfernten. Und als Morna sich in diese Richtung wandte, erkannte sie Frerin und Thorin. Aber das konnte nicht sein. Gewiss irrte sie sich, dass einer der Prinzen sie... doch dann warf der Ältere kurz einen Blick über seine rechte Schulter und ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Der Mund der Elfjährigen klappte für einen Moment überrascht auf, ehe sie verlegen lächelte. Hatte er sie tatsächlich necken wollen? Das wäre das erste Mal in all den Jahren gewesen, dass er ihr überhaupt gezielt Aufmerksamkeit schenkte. Geschmeichelt, zog Morna ihren Zopf über die Schulter und spielte mit den losen Haaren, welche zu kurz waren, um sie einzuflechten. Sie konnte nicht leugnen, dass es ihr gefallen hatte. Sie kannte Thorin nur sehr wenig. Wann immer sie früher auf ihn getroffen war, war er stets ernst und distanziert gewesen. Ein Krieger durch und durch, standen seine Pflichten immer an erster Stelle.

In den seltenen Moment, wenn Morna und Dís ihm einmal außerhalb des Thronsaals begegnet waren, nahm er sich aber jedes Mal einen kurzen Augenblick Zeit und wechselte ein paar Worte mit den Mädchen, ehe er seiner Schwester im Vorbeigehen sanft an den Haaren zog. Er schien sie sehr zu lieben, obgleich es ihm offenkundig Freude bereitet, sie in Rage zu bringen und ein wenig zu ärgern. Morna kannte diese Art der Geschwisterliebe. Ihre sechs Brüder waren aber weniger rücksichtsvoll und spielten ihr an manchen Tagen sogar üble Streiche. Die Musik begann wieder zu spielen, als Dís neben sie trat und ihre Hand ergriff. Gemeinsam betraten sie die Tanzfläche. Gespielt vornehm, verbeugten sich die Prinzessin und forderte somit zum Tanz auf, welchen ihre Freundin nur zu gern annahm. Klatschend, stampfend und pfeifend, schwebten die Mädchen förmlich durch den Raum, bis sie keine Luft mehr bekamen und ihre Wangen beinahe die selbe Farbe annahmen, wie Mornas Haare. Doch waren sie unermüdlich und ganz gleich welches Stück auch gespielt wurde, so gönnte sie weder sich, noch den Personen in ihrer Umgebung eine kurze Pause.

„Bitte Thorin, nur einmal.", flehte Dís und zog ihren ältesten Bruder so kräftig sie nur konnte an der Hand. Es war ihr Geburtstag und sie wollte mit ihm tanzen! Doch wie ein störrischer Esel, bewegte er sich keinen Millimeter von der Stelle und weigerte sich, seiner Pflicht als großer Bruder nachzukommen. Bisher hatte sie ihn noch nie dazu bewegen können, dass Tanzbein zu schwingen. Weder mit ihr, noch mit sonst einer Frau. Ganz gleich, wie viel Charme sie einsetzte. Selbst ihr Vater und sogar ihr Großvater war diesem einmal erlegen gewesen. Doch ihr Bruder schien vollkommen immun gegen ihre Bemühungen. Sachte die Hände seiner Schwester abschüttelnd, schob Thorin das Mädchen zu Frerin.

„Ich würde dir nur auf die Zehen steigen, Dís. Versuch dein Glück doch bei jemanden, der wirklich etwas von dieser Kunst versteht."

Eingeschnappt, gab die Prinzessin einen Laut der Empörung von sich, kam allerdings kein weiteres Mal, um ihn aufzufordern. Vielleicht hatte er sie doch ein wenig gekränkt. Frerin murrte zwar und warf dem Älteren einen mörderischen Blick zu, doch ließ er sich zu zwei Tänzen mit den Mädchen erbarmen. Eher schlecht als recht, führte er sie über die Fläche und stieß einige Male mit anderen Paaren zusammen. Dís schien dies belustigend zu finden, doch ihrem Bruder war die ganze Angelegenheit mehr als unangenehm.

An diesem Abend strahlte niemand so sehr, wie ihre Schwester. Selbst die Sterne wären vor Neid erblasst, denn ihr Glück konnte man in den Augen der Prinzessin nur zu deutlich erkennen. Viele Stunden und unzählige Tänze später, stieg Dís die zahlreichen Stufen zum Thron hinauf, um endlich ihre Geschenke öffnen zu können. Auf dem blanken, edlen Boden sitzend, riss sie neugierig ein Paket nach dem anderen auf und jubelte stets freudig über dessen Inhalt, was sämtliche Gäste immer wieder zum Lachen reizte.

Fortsetzung folgt...