So nah
Kapitel 3
... geht in Flammen auf
Nachdem auch das letzte Geschenk ausgepackt war, kniete sich Dís zu ihrem Großvater, welcher ihr mit einer Geste klar gemacht hatte herzukommen.
„Zehn Jahre ist es nun her, dass du hier im Erebor geboren worden bist. Als jüngstes Kind, meines Sohnes Thráin. Und wenn du dich so freust und lachst, dann sehe ich den gleichen Geist in dir, der auch in deinem Vater steckte, als er in deinem Alter war. Der selbe Geist, der auch in Thorin und Frerin ruhte."
Einen Diener heran winkend, der eine große Schatulle brachte, griff der König unter dem Berg an seinen Hals und brachte ein dünnes Goldkettchen zum Vorschein, welches einen ebenso winzigen Schlüssel trug und sich stets unter seinen Gewändern verbarg. Schon oft hatte sich die Zehnjährige gefragt, wofür dieser war und welches Schloss er wohl öffnen würde.
„Doch du hast nun ein Alter erreicht, in welchem du dir den Pflichten einer Prinzessin bewusst werden musst. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, dich geziemt zu benehmen und das Zurückhaltungen, nicht zu deinen größten Stärken zählt. Deswegen haben wir noch ein ganz besonderes Geschenk für dich, welches dich immer daran erinnern soll, wer du wirklich bist."
Spannung machte sich in der Zehnjährigen breit und sie kaute ungeduldig auf der Unterlippe. Mit nur wenigen Handgriffen öffnete sich die große Kiste und brachte ein strahlendes und funkelndes Diadem aus Mithril zum Vorschein, dass in einem weichen Bett aus blauem Samt lag. Dís hielt bei dessen Anblick überwältigt den Atem an und machte große Augen. Dunkel erinnerte sich die kleine Prinzessin an jene Tage, als ihre Mutter das kostbare Stück Dís aufgesetzt hatte und diese voller Stolz durch den Palast gelaufen war. Und wie viel es ihrer Mutter doch bedeutet hatte. Doch zum damaligen Zeitpunkt, war sie noch viel zu jung gewesen, eine solche Kostbarkeit tragen zu dürfen.
„Du hast die Schönheit deiner Mutter und kein anderes Juwel könnte dich besser krönen, als das erste Diadem, dass sowohl sie, als auch deine Großmutter getragen haben."
Mit diesen Worten, setzte Thrór seinem jüngsten Enkelkind das Schmuckstück vorsichtig auf den Kopf und umfasste mit beiden Händen ihr Gesicht. Voller Zuneigung blickte er dem kleinen Mädchen in die Augen und drehte sie anschließend zu dem großen Spiegel um, welchen zwei weitere Dienstboten heran getragen hatten, um sich selbst betrachten zu können. Ungläubig blickte Dís ihr Spiegelbild an und erkannte tatsächlich das erste Mal in ihrem Leben ihre eigene Mutter in sich selbst wieder.
Eine Erkenntnis, die ihr die Tränen in die Augen trieben. Eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter legend, blickte Kycina ihre Tochter an.
„Wir haben beide sehr daran gehangen. Deine Großmutter starb schon lange vor deiner Geburt, doch würde sie sich gewiss wünschen, dass du ihr Diadem mit der gleichen Würde und dem gleichen Stolz trägst, wie einst sie zu ihrer Zeit."
Dís nahm sich fest vor, ihre Ahnen nicht zu enttäuschen. Doch im gleichen Moment, erfüllte Trauer ihr Herz. Alles, würde sich von nun an ändern. Dieses Zeichen ihrer königlichen Abstammung zu tragen, würde auch bedeuten, ihr bisheriges Leben aufzugeben. Das Leben einer richtigen Prinzessin zu führen. Für den Rest ihres Lebens einen Schritt hinter den Männern ihrer Familie her zu gehen, anstatt neben ihnen. Keine eigenen Entscheidungen mehr treffen zu dürfen. Immer hübsch und adrett aufzusehen, sich niemals daneben zu benehmen und eines Tages den Mann zu heiraten, den ihr Vater für sie auswählen würde. Mit einem Diadem auf dem Kopf konnte sie nicht mehr umher rennen, fangen spielen oder anderen Unfug machen. Es war aus Mithril, gewiss, dass bedeutete es würde nicht einfach zerbrechen, wenn es zu Boden fiel.
Und dennoch. Es wäre eine Beleidigung an das Andenken ihrer Ahnen, sich so zu benehmen, wenn sie dessen Erbstück trug. Und in diesem Moment erkannte Dís, dass dieses Geschenk im Grund nichts anderes war, als ein wunderschöner Käfig, in welchen sie den wilden Geist ihres Vaters einzusperren versuchten. In welchen sie das Mädchen selbst einzusperren versuchten. Sie wollten nicht, dass sie die Zwergin war, die sie nun einmal ist. Sie wollten eine würdevolle und gehorsame Prinzessin haben, keinen Wildfang, die ihre Brüder ärgerte und auf einem Pony durch die Wälder ritt. Und zugleich drehte sie sich um und blickte zu Morna. Ihrer besten Freundin, welche sie ehrlich Lächelnd anblickte und ihr niemals etwas Böses gewollt hatte. Was würde dieses Diadem für ihre Freundschaft bedeuten? Wären sie dann überhaupt noch Freundinnen? Oder wäre ihre schlichte Herkunft ebenfalls eine Beleidigung für das Erbe Durins? Nein! Alles in Dís schrie auf, bei diesem Gedanken. Lieber wollte sie keine Prinzessin mehr sein und alles hergeben, was sie besaß, als das sie ihr Leben und alles was ihr lieb und teuer war verlor. Und als sich die Zehnjähriger wiederum im Spiegel anblickte, hoffte und betete sie, dass sie sich nicht an diesen Anblick gewöhnen musste.
Niemandem, schien aufzufallen, welch ein Kampf im Inneren des kleinen Mädchens zu wüten schien. Doch noch ehe die Zehnjährige gegen die Pläne ihrer Familie aufbegehren und etwas sagen konnte, hörte sie ein mächtiges Grollen, welches sich durch den Erebor zog. Ein heftiger Luftstoß, zwang die schweren Türen auf und ließ die Gesellschaft verwundert umherblicken. Wie ein Schatten legte sich Dunkelheit über den großen Saal und sämtliche Lichter erloschen augenblicklich, wie die Kerze, welche vom Wind ausgeblasen wurde. Morna spürte eine Kälte ihren Rücken aufsteigen, die durch ihre Knochen zu kriechen schien. Unheimlich. Gefährlich. Und eine böse Vorahnung, machten sich in ihr breit. Wie eine dunkle Stimme, welche sie zu warnen versuchte. Leises, angsterfülltes Gemurmel setzte ein, während Thorin und sein Bruder, auf das geöffnete Tor zueilten. Mit jedem Schritt, welchen die beiden Thronfolger machten, teilten sie die Menge vor sich, ehe diese knapp hinter ihnen wieder zusammen stieß und den Männer vorsichtig mit Abstand folgte. Die Neugier war anscheinend noch stärker als die Furcht, welche man nichts desto trotz in ihren Gesichtern deutlich lesen konnte. Jeder der beiden Zwerge nahm eine Treppe zum Wehrgang. Der starke Wind trug unzählige, noch grüne Blätter herein und wehte ein unerwartetes Geräusch heran.
Die Sekunden verstrichen und es wurde immer lauter. Immer bedrohlicher. Es klang, wie ein Flügelschlag. Jedoch nicht wie bei einem Vogel, sondern mehr nach einer Fledermaus. Ohne Federn, sondern ledern und die Luft schneidend. Lautes Poltern war zu vernehmen, als würden Bäume aus der Erde gerissen und durch die Luft geschleudert werden. Ein Lärm, wie von einem wilden Sturm, der heran brauste. Angst ergriff Mornas Herz. Dieses Geräusch konnte nur eines bedeuten. Das ein Drache im Anflug war. Sie hatte schon in frühster Kindheit gelernt, was zu tun ist, wenn sie einen Drachen sieht. Möglichst schnell Schutz suchen und verstecken, am besten in tiefen, feuchten Höhlen, wo keine Flamme sie je erreichen könnte. Wenn man sich jedoch auf offenem Gelände befand, war es nahezu chancenlos, zu überleben. Dann konnten sich die Zwerge nur auf den Boden werfen und hoffen, dass sie von dem Untier übersehen wurden. Doch oftmals brannten Drachen ihre Felder nieder, ungeachtet, ob sich Leben darauf befand oder nicht. Als würde es ihnen Freude bereiten. Doch hier im Erebor müssten sie im Grunde sicher sein, dachte Morna. Seine Toren sind schwer und massiv und seine unzähligen Gänge boten viele Flutmöglichkeiten ins Innere des Berges, wo die Flammen ihnen nicht Folgen können würden.
Doch ließen diese Überlegungen ihre Pein nicht schmälern. Ihre Gedanken galten nicht ihr selbst, sondern ihrem Vater, welcher noch immer auf dem Wehrgang war. Zusammen mit Balin. Zusammen mit Thorin und Frerin. Auch wenn es die größte Torheit ihres Lebens war, so raffte Morna ihre Röcke und eilte den Prinzen hinterher. Sie musste ihren Vater warnen. Dort oben, wäre er dem Drachen schutzlos ausgeliefert.
„Morna, nicht!", hörte sie Kycina rufen, doch da hatte die Elfjährige schon die Steinstufen erreicht und stieg sie nach oben.
Sie hörte die Kiefern der Wälder laut krachen und zerbrechen. Und der heiße, trockene Wind strich über ihre Wangen. Am Absatz der Treppe, stoppte Morna plötzlich, als sie Thorins laute Stimme vernahm.
„Drachen!"
Die Rothaarige hörte das entsetzte Schreien und die Panik in der Halle ausbrechen, ohne sie sehen zu müssen, ehe ein markerschütternder Schrei sie zu lähmen schien. Der Schrei eines Drachen. Und er schien nah, so unfassbar nah zu sein. Ein großer Schatten folgte, welcher den Wehrgang verdunkelte. Brennende Bäume, welche durch die Lüfte flogen. Gewaltige Hitze.
„Vater!", rief das Mädchen so laut sie konnte.
Mehrere Zwerge drehte sich zu ihr um und auch ihr Vater blickte sie direkt an.
Sein Gesicht vor Entsetzen verzerrt und seine Augen im Schrecken geweitet. Ein Anblick, welchen das Mädchen nie wieder vergessen würde. Die Angst im Gesicht ihres Vaters. Eines Mannes, der immerzu mutig und furchtlos gewesen war.
„Morna geh zurück.", vernahm sie Thorins barsche Stimme, ehe er sie an der Schulter die Treppe nach unten stieß.
Unsanft polterte das Mädchen einige Steinstufen herunter und landete unsanft auf dem Rücken. Einen Schmerzensschrei unterdrückend, rieb sie sich das Steißbein und verzog gequält das Gesicht. Unter normalen Umständen, hätte die Zwergin protestiert unter dieser groben Behandlung. Doch hatte der kräftige Stoß ihr Leben gerettet, als sie die Flammen erblickte, welche oberhalb der Treppe ins Innere des Erebors drangen. Wenn Thorin sie nicht nach unten gestoßen hätte, wäre Morna in den heißen Flammen verglüht. Doch was war mit ihm geschehen? Hatte er sich noch retten können oder wäre sie am Ende an seinem Tod schuldig gewesen? Weil sie so töricht gewesen war, hier hinauf zu kommen. Niemals könnte sie sich das verzeihen. So schnell die Zwergin konnte, war sie auf die Füße gesprungen und erneut die Treppe nach oben gestiegen. Vorsichtig, spähte sie über die oberste Stufe. Der Boden vor ihr schien zu glühend und trocknete rasch ihre Augen aus, sodass sie immerzu blinzeln musste und zunächst kaum etwas erkennen konnte.
Als sich der Rauch allmählich legte, sah sie die Umrisse zweier Gestalten ganz deutlich. Thorin stand, gemeinsam mit Balin, hinter einen dicken Steinsäule und schien wohlauf zu sein. Doch um sie herum, nichts anderes als Asche und Staub. Hoffnungsvoll spähte sie an beiden Zwergen vorbei und ihre Miene versteinerte.
Fortsetzung folgt...
