So nah

Kapitel 5

Goldenes Grab

Und je eher sie ihn nicht dabei behinderten, desto schneller wären sie wieder vereint.

„Du erinnerst dich an den Weg, den Vater dir gezeigt hat für den Fall, dass ein Drache den Erebor angreift?"

Kycina nickte, auch wenn ihr Herz schmerzte. Sie wusste nicht, ob es ihrem jüngsten Sohn gut ging, ob er noch am Leben war. Doch sie musste einen kühlen Kopf behalten und war für die Mädchen verantwortlich, wie für alle anderen Frauen und Kinder im Erebor. Es war ihre Pflicht sie an einen sicheren Ort zu führen und dort auf die Männer zu warten. Im Geiste, versuchte die künftige Königin noch einmal den Weg nach Dunland durch zu gehen, doch der spitze und angsterfüllte Aufschrei ihrer Tochter, ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Krampfhaft versuchte Dís ihren Bruder an der Hand zu ihnen zurück zu ziehen, welcher sich bereits einige Schritte von ihnen entfernt hatte. Und erst jetzt bemerkte Kycina, dass er sie losgelassen hatte. Unsanft, schob Thorin die Finger seiner Schwester von seiner Hand, auch wenn es dem Thronfolger schwer fiel. Kycina griff ihre Tochter am Arm und versuchte sie hinter sich her zu ziehen. Doch das Kind wehrte sich mit Leibeskräften.

„Nein! Nein!"

Dís schrie und kreischte wie am Spieß, wollte sie ihren Bruder nicht in diese Hölle zurück gehen lassen. Doch er drehte sich nicht einmal mehr zu ihnen um.

„Er kommt zu uns zurück, Dís. Vertrau mir. Wir müssen fort von hier."

„Nein, nicht ohne Thorin!", bestand die Prinzessin darauf und versuchte sich von ihrer Mutter loszureißen.

Doch spürte sie den unnachgiebig Griff um ihr Handgelenk nur fester werden, während ihre Mutter die beiden Mädchen durch das Meer von Toten zog. Sie mussten Thrór finden. Bloß die geheime Tür hinaus und ins Freie. Mit ein wenig Glück, könnten sie sich im Wald verstecken, ehe die Dunkelheit hereinbrach. Doch das Kind an der Hand der künftigen Königin bewegte sich derart schleppend voran, dass sie es auf diese Weise niemals schaffen würden zu fliehen. Unzählige Gänge und Türen passierte die kleine Gruppe. Flure, in denen Dís ihr ganzes Leben noch nicht einmal gewesen war. Nach kurzer Zeit, hatte das Mädchen bereits vollkommen die Orientierung verloren, während sich immer mehr Frauen und Kinder ihnen anschlossen. Auch waren einige, sehr alte Männer bei ihnen, doch folgten diese nur sehr langsam und immer wieder blieb Dís Mutter stehen und schickte die Gruppe voran, um die Alten nicht vollkommen aus den Augen zu verlieren.

Auf ihrem Weg, kamen sie immer wieder an schwer Verwundeten oder bereits verstorbenen Zwergen vorbei. Von manchen konnte Dís nur noch ein Wimmern oder Röcheln vernehmen. Und wieder andere weinten bitterlich. Würden diese bald an ihren Wunden sterben? Oder konnte man ihnen noch helfen? Immer wieder wollte das Mädchen stehen bleiben und ihre Mutter fragen, doch diese ermahnte sie nur, nicht hinzusehen und zog ihre Tochter mit mehr Kraft hinter sich her, wenn Kycina nicht helfen konnte. Es schmerzte ihr Herz, ihr Volk so leiden zu sehen. Zwerge, die sie bereits ihr ganzes Leben kannten, beim sterben zuzusehen. Nichts für sie tun zu können, als ihre Hand in den letzten Minuten ihres Lebens zu halten. Die künftige Königin wünschte, sie könnte mehr tun. Doch es fehlte ihnen, an allem. Ein lauter Knall durchzog den Erebor und alle Umstehenden zuckten augenblicklich zusammen. Blieben wie angewurzelt stehen und bewegten keinen Millimeter ihres Körpers mehr. Vollkommen verstummt lauschten sie dem Lärm, welchen die Mädchen noch nie in diesen Hallen vernommen hatten. Mit schreckensgeweiteten Augen, blickte Kycina den langen Weg zum Haupttor zurück, ehe sie die Mädchen anschob weiter zu gehen.

„Eilt euch, der Drache hat das Haupttor durchdrungen."

Morna versuchte stehen zu bleiben und das Wort an die künftige Königin zu richten, während Panik und Hysterie erneut auszubrechen drohte.

„Aber was ist mit Thorin? Er wollte mit den Wachen den Drachen eben dort aufhalten. Wir müssen ihm helfen."

Doch Kycina antwortete nicht. Was sollte sie dem Mädchen auch sagen? Sie konnte nur beten, dass ihrem Sohn kein Leid widerfahren war. Obgleich sie es besser wusste und ihr Herz schmerzte bei dieser Erkenntnis. Doch sie musste einen klaren Kopf behalten und in erster Linie an ihre Pflicht denken. Zu viele Leben standen auf dem Spiel. Die Schritte der Gruppe hatten sich beschleunigt, einige rannten sogar Voraus und hofften, der Weg mögen nicht mehr all zu lange sein.

„Passt auf!", hörten sie einen Zwerg mit einem mal aufschreien, als ein gewaltiges Beben den Boden unter ihren Füßen erzittern ließ.

Ein lautes Krachen war zu vernehmen, ehe sich die Decke aufzutun schien, auf sie hinab stürzte und die Gruppe voneinander trennte. Abgebrochenes Gold und Edelsteine, welche zuvor noch als Verzierungen gedient hatten, flogen durch die Luft und erst als Dís die Wärme der Hand ihrer Mutter fehlte, bemerkte sie, dass sie nicht mehr von ihr festgehalten wurde.

Nur das erstickte Husten ihrer besten Freundin war zu hören. Als sich der goldene Staub ein wenig legte, erblickte die kleine Prinzessin nicht mehr, als die Hand ihrer Mutter unter der einstigen, pompösen Decke aus Stein. Wie viele andere Zwerge, war der Rest ihres Körpers unter den enormen Massen begraben worden. Vorsichtig ergriff das Mädchen die schmalen, zarten Finger, doch sie umschlossen die ihren nicht mehr. Sie waren leblos und hingen einfach nur da. Sofort war Morna an ihrer Seite und rollte einige Steine zur Seite, welche nicht zu schwer waren und versuchte mit einigen anderen Zwergen die Verschütteten zu befreien. Obgleich man von einigen noch ein leises Wimmern vernahm, so erstarb auch dieses nach wenigen Augenblicken und beängstigende Stille kehrte ein. Sie konnte nichts mehr für sie tun. Die Augen Dís' füllten sich mit großen Tränen. Doch die Prinzessin wagte nicht einmal mehr zu blinzeln. Was wenn sich die Finger ihrer Mutter doch bewegten? Und sie würde es nicht sehen? Ihre Augen huschten wild hin und her und suchte nach einem winzig kleinen Zeichen dafür, dass ihre geliebte Mama noch lebte. Doch nichts passierte. Rein gar nichts. Und als der erste Schluchzer ihre Kehle verließ, brachen auch die Tränen heraus, welche das kleine Mädchen so mühsam und tapfer zurück gehalten hatte.

Die Zwerge um sie herum, hatten sich derweilen erhoben und ihr unterfangen aufgegeben, den verschütteten zu helfen. Fragten einander, welchen Weg sie nun einschlagen sollten und rannten doch alle in verschiedene Richtungen. Keiner wusste, was wirklich zu tun war. So mancher lief sogar zurück zum Haupttor und damit gewiss in seinen Tod. Die Hand ihrer Mutter mit ihrer eigenen umschließend, presste Dís ihr Gesicht daran, in der Hoffnung, es könnte den Schmerz in ihrem Herzen lindern. Doch auch dass, wollte nicht geschehen. Erst als sich ein dunkler Schatten über sie legte, öffnete die kleine Prinzessin ihre Augen wieder. Die Mädchen blickten einander an. Ihre Augen, spiegelten weder Angst noch Schrecken wieder, als sie sich direkt ansahen. Nur unendliche Trauer. Trauer über den Verlust ihrer Angehörigen. Und Hoffnungslosigkeit. Waren sie sich nun vollkommen selbst überlassen. Ein Gefühl, welches der Elfjährigen wohl bekannt war. Doch dies war der falsche Moment ihre Lieben zu betrauern. Sie schwebten immer noch in größter Gefahr und musste so schnell wie nur irgend möglich einen Weg ins Freie finden. Auch wenn es schwer fiel, Dís musste nun loslassen. Sonst wäre früher oder später auch ihr eigenes Leben verwirkt.

Sachte legte Morna die Hände auf die Schultern ihrer Freundin und versuchte diese zum aufstehen zu bewegen.

„Es tut mir so unendlich leid.", flüsterte das rothaarige Mädchen und versuchte selbst die aufkommenden Tränen hinunter zu schlucken.

„Aber wir müssen weiter Dís. Wir können nicht hier bleiben."

Doch die Prinzessin schüttelte nur stumm den Kopf und weigerte sich, von ihrer Mutter abzulassen. Wozu sollten sie schon versuchen zu fliehen? Sie kannten den Weg nicht. Niemand kannte ihn. Sie konnten niemanden Fragen, wo sie hinlaufen sollten. Ihres Wissens nach gab es nur einen einzigen Weg aus dem Erebor, das Haupttor. Doch dieses konnten sie nicht nutzen. Sie saßen in der Falle und dieser schreckliche Drache war ihr aller Untergang. Dís wusste, dass sie ihm nicht entkommen konnte. Niemals würden die Mädchen schnell genug sein, um davon zu laufen. Niemals klein genug, um sich für immer zu verstecken. Sie waren ihm ausgeliefert. Und niemand konnte etwas dagegen unternehmen.

Fortsetzung folgt...