So nah
Kapitel 6
Freiheit ist ein teures Gut
Die Mädchen wussten nicht, wie lange sie schon durch die unzählige Gänge des Erebors irrten. Ganz allein. Ohne das geringste Wissen, wie es weiter gehen sollte. Doch niemand blieb auch nur für einen kurzen Moment stehen, um ihnen zu helfen oder ihnen einen Weg nach draußen zu zeigen. Jeder schien nur noch an sich selbst und sein eigenes Leben zu denken. So schnell ihre Füße die Mädchen tragen konnten, liefen sie durch die spärlich beleuchteten Flure. Jede Wegzweigung brachte die Kinder der Verzweiflung näher. Jeder Gang und jedes Tor, sah beinahe wie das andere aus. In Wahrheit vermochten die Zwerginen nicht einmal genau sagen zu können, ob sie möglicherweise im Kreis liefen.
„Was sollen wir nur tun?", fragte Dís, völlig außer Atem und stützte ihre Hände auf den Knien ab vor lauter Erschöpfung, nachdem sie kurz angehalten hatten.
Ihre Füße schmerzten, ihr Mund war trocken, ihre Lunge brannte aufgrund der enormen Anstrengung und ihr Herz hämmerte kräftig in ihrer Brust.
„Ich weiß es nicht.", gab Morna ehrlich zu und warf einen kurzen Blick auf jeden der drei Wege, welche sich vor ihnen befanden.
Wieder hatten sie die Wahl. Und wieder wussten sie nicht, welcher der Gänge sie möglicherweise nach draußen führen könnte.
Welcher der Wege, der Richtige war. Sie waren beide im Erebor geboren und aufgewachsen, doch die Panik, ließ die Mädchen keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nicht einmal ihren Heimweg hätte sie genau bestimmen können. Gequält schloss die Rothaarige die Augen und setzte sich für einen kurzen Moment auf den Boden. Sie war ebenso erschöpft, wie ihre Freundin und sie fühlte sich ein wenig übel, vom pausenlosen Rennen. Ihr Magen rebellierte gegen die Anstrengung. Tief einatmend, hätte Morna am liebsten sofort die Luft angehalten. Selbst so tief im Erebor, meinte die Zwergin die Fäule des Atems dieses Drachen riechen zu können. Des Drachen, der ihr aller Leben für immer zerstört hatte. Denn selbst wenn sie ihre Heimat zurück erobern und dieses Ungetüm töten würden, würde nichts mehr so sein, wie es einmal war. Ihr Vater und Dís Mutter waren tot. Ihr Verlust unwiederbringlich. Die Mauern und Tore konnte man wieder aufbauen. Doch das Leben ihrer Lieben, konnte ihnen niemand jemals wieder zurück geben. Und während sie so da saßen und in die vermeintliche Stille hinein horchten, glaubte Dís so etwas wie Stimme zu hören. Auf allen Vieren krabbelte sie auf den rechten, schmalen Gang zu und lauschte angestrengt.
Hoffentlich, hatte sie sich dieses Geräusch nicht nur eingebildet.
„Was machst du da?", fragte Morna müde, doch ihre Freundin forderte sie mit einem leisen Zischen auf, still zu sein.
Da war es! Schon wieder! Stimmen anderer Zwerge. Sie konnte die anderen Bewohner des Erebors immer lauter und deutlicher vernehmen. Sie mussten ganz in der Nähe sein und wenn sie sich zusammen schlossen, dann würden sie gewiss einen Weg in die Freiheit finden. Vielleicht waren sie ihrem Fluchtweg bereits ganz nahe? Dem Geräusch genaustes folgend, wusste die Prinzessin, welchen Gang sie einzuschlagen hatten. Das war ihr Wegweiser! So schnell wie möglich, sprang die Zehnjährige auf die Füße und zerrte ihre Freundin nach oben. Diese erhob sich schwerfällig und mit einem trägen Seufzen.
„Ich weiß jetzt wo es lang geht! Komm Morna, wir müssen uns eilen!"
Hastig stolperten die Kinder den Gang hinunter. Doch ihr Pfad führte sie nicht in die ersehnte Freiheit. Viel mehr kamen sie der Zerstörungen und dem Tod nur wieder näher. Der Untröstlichkeit ihrer zerstörten Heimat, als die Mädchen nahe dem Haupttor ihren Weg verließen. Sie waren tatsächlich im Kreis gelaufen. Müde ließ Dís die Schultern hängen und verwünschte ihren Misserfolg. Sie war eine Närrin.
Zu glauben, dass sie es ganz allein schaffen würden, war töricht gewesen. Und als sie ihre Umgebung in Augenschein nahm, erkannte sie nichts wieder. Alles war verbrannt und zertrümmert. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Nichts als Schutt und Asche. Finsternis, welche sie einzuhüllen schien. Und noch mehr Tote. Tränen stiegen Morna in die Augen, wenn sie daran dachte, wie viele Zwerge ihr Leben am heutigen Tage gelassen hatten. Schritte näherten sich den beiden, doch nahmen die Kinder diese in ihrer Ohnmacht nicht einmal war. Sie konnten nichts tun. Ein Frösteln durchzog ihren Körper und kräftig rieb Morna mit den Händen über ihre Oberarme, um es zu vertreiben. Doch das Schaudern wollte einfach nicht verschwinden.
„Was tut ihr beiden hier?", ertönte eine bekannte, jedoch zornige Stimme neben der Rothaarigen, ehe sie jemand grob an der Schulter griff und herum drehte.
Verängstigt und beinahe zu Tode erschrocken starrte die Elfjährige ihr Gegenüber an. Frerins Gesicht war ausdruckslos, hart und unnachgiebig. Einige blutige Kratzer zierten sein Gesicht. Und man konnte deutlich die Missbilligung in seinen Augen lesen, dass sie beide hier waren und sich nicht in Sicherheit gebracht hatten.
„Dis! Ungehöriges Kind, du solltest bei Mutter bleiben! Seid ihr beiden des Wahnsinns, hier herumzurennen! Begreift ihr nicht, wie gefährlich es ist!", polterte der Bruder der Prinzessin erzürnt und schüttelte sie kurz am Arm.
Doch als er in die schockgeweiteten Augen seiner Schwester blickte, welche ihn derart weinerlich und verstört anschauten und dass Zittern ihres Körpers unter seinen Fingern spürte, wusste Frerin das etwas Schreckliches passiert sein musste. Das die Mädchen unfreiwillig von der ehemaligen Königin getrennt worden waren. Und niemals würde jemand erfahren, was wirklich an diesem Tag mit ihrer Mutter geschehen war. Weder Dís, noch Morna, hatten jemals darüber gesprochen oder auch nur ein Wort verloren. Zu schmerzhaft war jene Erinnerung. Nur waren sich alle einig, dass Kycina es nicht überlebt hatte. Das niemand sie jemals wiedersehen würde. Für einen kurzen Moment, blickte Frerin sich hilflos und suchend um. Was sollte er mit den Kindern nun tun? Niemand war da, um die beiden mitzunehmen. Er hatte hier auf seinen Bruder warten wollen, welcher ihrem Großvater in die Schatzkammer gefolgt war. Er konnte nicht einfach gehen.
„Kommt, die Stallungen sind nicht fern. Von dort aus, könnt ihr unbemerkt aus dem Erebor flüchten und euch den anderen anschließen."
Kaum, da er die Worte ausgesprochen hatte, drängte er die Mädchen schon zum weitergehen.
Sie durften keine Zeit verlieren.
„Wirst du uns begleiten?", fragte Dís aufgeregt und versuchte mit den ausholenden Schritten ihres großen Bruder mitzuhalten.
„Nein. Ich werde auf Thorin und unseren Großvater am Haupttor warten. Thrór wollten den Arkenstein unbedingt an sich nehmen, ehe der Drache ihn entdeckt. "
„Dann warte ich mit dir!", bestimmte Dís und versuchte stehen zu bleiben.
„Das hier ist kein Spiel!", fuhr Frerin sie unbeherrscht an und ein strenger Blick traf sie, ehe er seine Schwester mit einem kräftigen Stoß vor sich hertrieb.
Was dachte sich das Mädchen nur dabei? Verstand sie denn nicht, in welcher Gefahr sie alle schwebten? Was war bloß in ihrem kindlichen Kopf los? Doch Morna tätschelte ihrer Freundin versöhnlich den Arm. Sie wusste, was Dís bewegte. Ständig im Ungewissen, wo ihre Familie war. Wie es ihnen ging und was wohl möglich mit ihnen geschehen war, veranlasste das Mädchen zu diesen Gedanken. Von ihren Liebsten unentwegt getrennt zu sein, rief die fürchterlichsten Gedanken in der Zehnjährigen hervor. Und sie hatte Angst. Schreckliche Angst vor dem, was sie alles gesehen und erlebt hatten in so kurzer Zeit. Angst um ihre Familie und die Vorstellung, ohne sie weiterleben zu müssen. Angst vor dem, was alles noch kommen würde.
Angst vor einer ungewissen Zukunft. Morna konnte als das sehr gut nachvollziehen. Ging es ihr um Grunde auch nicht anders. Auch sie wusste nicht, ob es ihren sechs Brüdern gut ging. Ob sie möglicherweise verletzt oder gar getötet worden waren. Obgleich sie sich zum Zeitpunkt des Angriffes nicht im Erebor, sondern der Menschenstadt vor den Toren ihres Königreiches aufgehalten hatten. Jeder von ihnen war am frühen Morgen aufgebrochen, um ihrem Tagewerk nachzugehen. Doch der Angriff des Drachen, hatte sich sicherlich nicht allein auf den einsamen Berg bezogen. Gewiss war auch Thal in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie konnte nur beten und hoffen, dass ihre Brüder weitestgehend verschont geblieben sind. Sie waren die einzige Familie, welche die Zwergin noch hatte. Die Stallungen waren größtenteils unbeschädigt geblieben. Hinter einem breiten Gatter stand ein bereits gesatteltes Pony, welches aufgewühlt und unermüdlich im Kreis lief. Unsicher und ein wenig ängstlich, blieb Dís stehen, während ihr Bruder Morna bereits auf den Rücken des Tieres half, nachdem er es ein wenig beruhigt hatte. Doch sie selbst sträubte sich innerlich davor, dem Pony auch nur zu nahe zu kommen. Die Prinzessin kannte das Tier nur zu gut. Die pechschwarze Mähne. Das seidig glänzende Fell, welches regelmäßig gepflegt wurde. Dieses Pony gehörte Thorin. Er hatte mit ihr heute Abend ausreiten wollen, doch durfte sie sich dem Tier niemals ohne seine Gegenwart nähern.
Der Hengst war unberechenbar. Dies war auch der Grund, weswegen Frerin ihn einst an seinen älteren Bruder abgeben hatte. Nachdem der jüngere Prinz vier Mal aus dem Sattel gefallen war, hätte er das Tier am liebsten zum Schlachter gebracht. Doch Thorin hatte sich seinerzeit erbarmt und viel Arbeit und Zeit in das Pony investiert. Dieses scharrte nun aufgeregt mit den Hufen auf dem weichen Boden und warf den Kopf mehrere Male in die Höhe. Auffordernd streckte Frerin seiner Schwester die Hand entgegen, während er das Pony am Halfter festhielt. Doch Dís bewegte sich nicht von der Stelle.
„Worauf wartest du denn?", fragte ihr Bruder ein wenig ungeduldig und griff kurzerhand ihren Oberarm und zog das Mädchen zu sich.
Wie so oft übertrug sich das unruhige Gemüt des Tieres bereits auf Frerins Temperament. Die beiden waren noch nie ein harmonisches Gespann gewesen
„Aber Thorin hat uns verboten auf Gáliwa zu reiten. Er ist zu stürmisch und hört nicht auf uns. Er hat schon drei Mal versucht mich zu beißen, als Thorin nicht dabei war! Ich will nicht allein auf ihm reiten.", protestierte die Zehnjährige und versuchte sich von dem eisernen Griff ihres Bruders zu lösen.
„Ich weiß was Thorin gesagt hat. Hört auf das, was ich euch jetzt sage!", unterbrach Frerin seine Schwester streng und hob sie gegen ihren Willen auf den Rücken des Ponys.
Unsicher, klammerte sich die Zehnjährige an den Rücken ihrer Freundin, welche die Führung des Reittieres übernehmen sollte. Morna konnte reiten, dass wusste die Jüngere. Einer ihrer ältesten Brüder half jährlich beim bestellen der Felder und nicht selten, setzten sie kräftige Pferde zum durchpflügen der harten Erde ein, welche geführt werden mussten. Doch würde ihre Freundin auch mit diesem störrischen Tier zurecht kommen? Bisher hatte der Gaul jeden abgeworfen, außer Torin. Doch nicht selten hatte Gáliwa es versucht und würde dieses unterfangen wohl auch niemals aufgeben. Er war einfach zu wild und kein verlässliches Tier.
„Morna, reitet die Straße entlang, bis ihr den Wald bei Thal erreicht habt. Dann folgt dem Fluss in Richtung Westen. AEr führt euch auf direktem Wege nach Dunland. Wenn ihr auf andere Zwerge trefft, dann bleibt bei ihnen, sie kennen den Weg. Gewiss wirst du Balin begegnen. Schließt euch zu so vielen zusammen, wie ihr nur könnt und bleibt auf keinen Fall stehen oder reitet zurück. Was auch immer geschieht."
Die Elfjährige nickte. Ihr Blick wirkte ein wenig ängstlich. Sie hoffte, dass sie dem richtigen Pfad folgen würde. Dem Wald hinter Thal schloss sich der Düsterwald an. Dieser war groß und zwei breite Flüsse führten durch ihn hindurch. Doch gewiss würden Dís Angehörige nicht lange auf sich warten lassen und ihnen bald folgen. Und schließlich würden sie sicher auf Balin treffen. Er würde wissen, was zu tun ist. Das Gatter war kaum geöffnet, da stürmte das Pony hinaus in die Freiheit. Lautstark hallten die Schläge seiner Hufen auf dem Pflaster wieder. Morna versucht sich mit aller Kraft sowohl an den Zügeln, als auch an der Mähne des Tieres festzuhalten. Jetzt verstand sie, warum der Kronprinz ihnen verboten hatte, allein auf seinem Pony zu reiten. Dís blickte noch einmal über ihre Schulter und warf einen letzten Blick auf ihre Heimat, welche sie so bald nicht wieder sehen würde.
Fortsetzung folgt...
