So nah

Kapitel 7
Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren

Unruhig schnaubte das Pony, während es mit ungeheurer Geschwindigkeit, durch die Gassen von Thal ritt. Dís hatte sich an Mornas Rücken geklammert und gab bei jeder Erschütterung ein ängstliches Wimmern von sich. Sie traute dem Tier unter ihr keine Sekunde. Doch waren sich die Mädchen beide bewusst, dass es ihre einzige Chance war, heil aus diesem brennendem Verderben zu entkommen. Die Menschenstadt, war bis auf die Todesopfer, welche auf dem Boden lagen, nahezu leer gefegt. Nur das Knistern von brennendem Holz und leise Schreie in der Ferne waren zu vernehmen. Mornas Sicht wurde durch den aufsteigenden Qual immer wieder erschwert und ihre Augen tränten ununterbrochen. Ihre Kehle, war durch den Rauch stark gereizt und sie musste immer wieder husten. Doch bald würden sie den Wald hinter Thal erreichen. Dort war es schattig und kühl. Die Luft frisch und rein. Und es war still. Sehr still. Gewiss würde nach solch einer Katastrophe kein einziger Vogel mehr auf dem Ast sitzen und sein Lied anstimmen. Doch sie wären in Sicherheit. Sie würden eine kurze Rast einlegen können und sich dann Balin und den anderen anschließen. Morna konnte es kaum erwarten, ihre Brüder wieder zusehen.

Hoffentlich, ging es ihnen allen gut. Ein lautes Krachen, ließ die Elfjährige aus ihren Gedanken aufschrecken. Das Pony grub plötzlich die Hufe in den bepflasterten Boden und versuchte zu bremsen. Ein schriller Laut entkam dem Tier und es stieg vor einem brennenden Balken hoch, welcher vom Himmel gefallen war. Dís rutschte ein Stück vom Rücken des Tieres hinab, konnte sich jedoch an der Hand ihrer Freundin festhalten und blieb vor einem Sturz bewahrt. Funken flogen den Mädchen entgegen. Trafen schmerzhaft Mornas Gesicht und sie schloss reflexartig die Augen. Und noch ehe sie etwas tun oder sagen konnte, preschte das Pony plötzlich los. Ein Ruck ging durch die Körper der Kinder und die Prinzessin hatte Mühe, sich festzuhalten.
„Dís, lass nicht los!", forderte die Rothaarige und versuchte mit Leibeskräften ihre Freundin wieder nach oben zu ziehen.
Doch sie war so schwer. Mit einer Hand, versuchte Morna die Zügel des Ponys zu erreichen, welche durch die Bewegungen des Tieres immer wieder ihren Fingern entglitten. Mit der anderen Hand, hielt sie Dís eisern umschlungen. Sie würde ihre Freundin nicht loslassen. Sich mit dem Rücken weiter nach hinten lehnend, entfuhr Morna ein Laut der Verzweiflung und Tränen der Anstrengung schossen in ihre Augen, ehe Dís den Sattel zu fassen bekam und sich unter enormem Kraftaufwand hochziehen konnte.

Ein erleichtertes Seufzen entkam ihrer beiden Münder, ehe sie sich zufrieden anlächelten. Beinahe hätten sie einander verloren. Ihre Freundin am Ellenbogen packend, zog die Rothaarige diese zurück in den Sattel, als Gáliwa mit einem Mal zum Sprung ansetzte. Wie erstarrt, versteiften beide Mädchen ihren Körper, als die Hufe des Ponys den Boden verließen, um ein Hindernis zu überqueren. Morna, welche sich beim Versuch ihre Freundin zu helfen aus dem Sattel gelehnt hatte, wurde beim Aufkommen auf den Boden förmlich vom Rücken des Tieres geschleudert. Der Moment, schien wie in Zeitlupe an ihnen vorüber zu ziehen. Erschrocken, blickten sich die Kinder an und realisierten, was da gerade geschah. Morna rutschte unaufhaltsam vom Rücken des Hengstes in die Tiefe. Noch einmal versuchte sie nach den Zügeln zu greifen. Sich irgendwo festzuhalten. Doch nichts vermochte ihren Sturz zu verhindern. Ein dumpfer Aufschlag war zu vernehmen, dann wurde alles Schwarz vor ihren Augen. Dís schrille Schreie und rufe nach ihrer Freundin, wurden von dieser nicht mehr gehört. Der Körper der Elfjährigen, lag regungslos auf dem Kopfsteinpflaster. Die Jüngere versuchte das Pony zum Stehen zu bringen. Zog mit aller Kraft an den Zügeln, doch das Tier war vollkommen in Panik versetzt und wollte einfach nicht stehen bleiben.

Und so musste Dís unter Tränen mit ansehen, wie ihre Freundin gegen ihren Willen, zurückgelassen wurde.

Rauch, stieg aus ein paar Feuern rund ums das Lager auf. Provisorische Schlafplätze für die Frauen und Kinder waren aufgeschlagen worden und notdürftige Unterkünfte für die Verwundeten. Unruhig, schritt Thorin auf und ab. Balin an seiner Seite, dessen Gesicht ebenfalls tief gefurcht vor Sorge war. Dís und Morna, hatten das Lager immer noch nicht erreicht. Wo waren die Mädchen? Sie hätten bereits vor Stunden eintreffen müssen. Dwalin war mit einigen Männer, darunter Mornas Brüdern, losgezogen, um nach ihnen zu suchen. Doch keiner der Zwerge hatte sie gesehen. Und nun wurde es langsam dunkel.
„Du hättest sie niemals allein losziehen lassen dürfen!", polterte Thorin unbeherrscht und blieb nicht einen Moment stehen.
Sein Bruder Frerin saß neben Balin und Jhorn, Mornas Zwillingsbruder. Und obgleich ihn die gleichen Sorgen, wie sein älterer Bruder quälten, zog Frerin eine trotzige Miene zur Schau. Er hatte nur das Richtige tun wollen. Und die Mädchen aus dem Erebor zu schaffen, hatte ihm als das Richtige erschienen. Es war nicht seine Schuld, dass sie sich offensichtlich verirrt hatten.

Gewiss machte der Thronfolger ein viel zu großes Aufleben um das Verschwinden der Kinder.
„Wahrscheinlich sind sie längst irgendwo unter all diesen Zwergen und wir haben sie bloß noch nicht entdeckt. Es sind Hunderte. Da können die beiden leicht übersehen werden. Sie werden schon noch auftauchen."
Doch Frerins beschwichtigende Worte schürten den Zorn seines Bruder nur noch weiter. Er hatte es nicht fassen können, als ihm zu Ohren gekommen war, was Frerin getan hatte. Morna und Dís einfach losziehen und ihrem Schicksal zu überlassen, war eine Torheit aller höchster Güte gewesen. Sie waren zu jung und unerfahren, um allein durch die Lande zu ziehen. Vollkommen hilflos, irrten sie nun durch die Wildnis und die Männer suchten in allen Himmelsrichtungen nach ihnen. Den beiden konnte sonst etwas zugestoßen sein. Doch Frerin benahm sich, als sei all das, nur halb so schlimm.
„Als ihr älterer Bruder hättest du sie begleiten müssen! Du warst in diesem Moment für sie verantwortlich! Wie konntest du so etwas nur tun?"
Ein rothaariger Zwerg, näherte sich den beiden und verbeugte sich kurz. Thorin kannte ihn nicht näher, obgleich seinem Gesicht etwas vertrautes anhaftete. Doch konnte der Prinz unter dem Berge den Mann nirgendwo zuordnen.

Er gehörte nicht zu den Wachen, dessen war er sich sicher.
„Mein Herr, keine Spur von Eurer Schwester oder der meinen. Meine Brüder und ich wollen nun nach Thal zurück kehren. Vielleicht haben sich die Mädchen dort irgendwo versteckt und warten nun. Doch wir werden nicht mehr viel Zeit haben und bitten Euch um die wenigen Ponys in unserem Gefolge, damit wir den Weg möglichst schnell zurück legen können."
Mornas ältester Bruder. Aber natürlich. Das gleiche Haar, die gleichen Augen. Sogar die dieselbe Nase. Und wenn man Jhorn anblickte, so erkannte man das jüngere Ebenbild dieses Zwergs. Die Ähnlichkeit zwischen den Geschwistern hätte Thorin sofort auffallen müssen. Doch die Sorge um die Kinder trübte seinen Blick. In Körpergröße und Statur waren sich die Männer nicht unähnlich, doch sah man an Adiirs Händen, wenn Thorin sich richtig an den Namen erinnerte, das er hart auf den Feldern arbeiten musste. Die Haut war von Narben und Blessuren übersät, welche nicht aus einen Kampf stammen konnten. Doch noch ehe der Zwergenprinz zu einer Antwort ansetzen konnte, hörte sie laute Rufe und die Menge um sie herum, schien unruhig zu werden. Einige traten beiseite und bildeten eine schmale Gasse für ein herannahendes Pony, welches Thorin mehr als vertraut war.

„Habe ich es nicht gesagt. Sie werden schon kommen.", vernahm man Frerins Stimme, als er neben seinen Bruder trat.
Erleichterung machte sich in den Männern breit. Endlich waren Dís und Morna bei ihnen und in Sicherheit. Doch dann erkannte der junge Zwergenprinz, dass nur ein einziges Mädchen auf dem Rücken des Tieres saß und sein Herz setzte einen Schlag aus. Dís war allein. Bereits aus der Ferne konnte er erkennen, dass seine Schwester weinte und ihre Wangen tränennass waren. Irgendetwas Schreckliches musste geschehen sein. Nie im Leben, hätten sich die Mädchen freiwillig von einander getrennt. Verband sie die gleiche Zuneigung und Treue, welche Schwestern miteinander teilten. Sie waren nahezu unzertrennlich.
Große Sorge, machte sich in dem jungen Krieger breit und seine Füße setzten sich von allein in Bewegung. Ein schriller Pfiff durchdrang das Stimmengewirr. Das Pony reagierte augenblicklich und steuerte direkt auf ihn zu. Seiner Schwester entgegen eilend, verlangsamte das Tier seine Schritte und ließ sich bereitwillig von seinem Besitzer am Halfter festhalten. Thorin konnte die Unruhe in dem Pony spüren und tätschelte ihm den Hals, während er sich Dís zuwandte.
„Wo ist Morna?"
„Sie ist vom Pony gefallen. Ich habe Gáliwa angeschrieen er solle stehen bleiben, aber das dumme Pony hat wieder nicht auf mich gehört.", brachte Dís bitterlich weinend hervor und machte sich unendliche Vorwürfe.

Genau deswegen hatte ihre Mutter ihnen verboten, auf Thorins Pony zu reiten. Der blöde Gaul hörte einfach auf niemanden, außer seinen Besitzer. Balin übernahm das Tier, während der Zwergenprinz seiner Schwester aus dem Sattel half. Diese ließ sich förmlich in seine Armen fallen und schluchzte jämmerlich. Doch ganz gleich, wie sehr der Kummer des Mädchens ihn auch rührte, so musste Thorin in Erfahrung bringen, wo sie ihre Freundin suchen sollten. Obgleich ihn ein ungutes Gefühl erschaudern ließ. Ein Sturz aus dem Sattel, war meist Folgenschwer und nicht selten starben jene Zwerge bei solch einen Unfall.
Dís auf die Füße stellend, vergewisserte sich Thorin zunächst, dass sie nicht verletzt war, eher er vor ihr in die Knie ging und beide Hände auf die Schulter seiner Schwester legte. Eindringlich, blickte er sie an.
„Wo genau ist Morna vom Pony gefallen, Dís? Kannst du dich noch erinnern?"
Das schwarzhaarige Mädchen nickte tapfer und versuchte die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
„In der Gasse, wo der Spielzeugladen ist. Morna ist auf den Rücken gefallen und hat sich dann nicht mehr bewegt."

Thorin nickte stumm. Kein gutes Zeichen. Doch was immer sie vorfinden würden, sie mussten sich unverzüglich auf den Weg machen.
„Frerin. Du wirst mit Dís und Balin hier bleiben. Sorgt dafür, dass sie sich aufwärmt und etwas isst."
„Was wirst du tun?", fragte der Jüngere verständnislos, legte seiner Schwester jedoch einen Arm um die Schulter und schob sie bereits in Richtung eines der Zelte. Die Miene seines älteren Bruder wirkte verschlossen, während er noch einmal den Sattel von Gáliwa festzog und das Zaumzeug überprüfte.
„Ich werde Morna holen. Wir können sie nicht einfach zurück lassen. Das Mädchen könnte noch leben."
Adiir lenkte eines der Ponys neben das des Zwergenprinzen und stieg auf.
„Wenn es Euch recht ist, würde ich Euch gerne begleiten. Vier Augen sehen mehr, als zwei."
Thorin nickte, erwiderte jedoch nichts, ehe Mornas Bruder voran ritt. Sie durften keine Zeit mehr verlieren. Ein zorniger Blick, streifte Frerin, ehe sein Bruder ebenfalls aufsaß.
„Diesmal kümmerst du dich um deine Schwester, wie es sich gehört. Ich will keine Klagen hören, wenn ich zurück komme."
Frerin sagte kein Wort, doch nickte er zustimmend und blickte den beiden Zwergen nach, welche zurück an den Ort ritten, welchen sie einst ihre Heimat nannten.

Fortsetzung folgt…