So nah

Kapitel 8

Traum und Wirklichkeit, liegen nah beieinander

Ein stechender Kopfschmerz weckte die Elfjährige aus ihrem unruhigen Schlaf. Hinter ihrer Stirn hämmerte es und dröhnte, wie noch nie zuvor in ihrem Leben und Morna hatte das Gefühl, ihr Kopf würde jede Sekunde platzen. Die Augen sachte öffnend, erkannte sie zunächst nichts, außer dem Schein eines Feuers, welches sie wohlig wärmte und leise knisterte. Die Sicht des Mädchens war zunächst verschwommen und unklar, doch erkannte sie die Umrisse ihrer Freundin Dís sofort. Eine Hand, hatte sie um die ihre geschlungen und mit der anderen, strich die Prinzessin sachte über ihre Wange und ihr Haar. Morna fühlte, wie ihre Fingerspitzen zitterten und erkannte die Tränen in den Augen ihrer Freundin, welche sie tapfer zurückzuhalten versuchte.

„Ich bin ja so froh, dass du wieder bei uns bist, Morna. Wir hatten alle schon befürchtet, du würdest die Nacht nicht überstehen."

„Wo bin ich?", fragte die Rothaarige mit heiserer Stimme.

Ihre Kehle fühlte sich rau an und reizte sie sofort zum husten, was wiederum den Schmerz in ihrem Kopf nur noch verstärkte.

„Du bist vom Gáliwa gefallen. In Thal. Erinnerst du dich nicht?"

Die Angesprochene schüttelte nur stumm den Kopf. Sie konnte sich weder daran erinnern, wie sie von einem Pony gefallen, noch wie sie hier her gekommen war.

Dieser Ort, war der jungen Zwergin unbekannt. Ein provisorisches Zelt. Das Einzige, woran sich Morna noch erinnern konnte, war die Menschenstadt Thal. Eine Gasse, die lichterloh in Flammen gestanden hatte und ein ihr unbekanntes Pony, welches sie getragen hatte. Es konnte aber auch nur ein Teil ihres Traums gewesen sein. Doch nichts anderes kam ihr mehr in den Sinn. Weder, wie sie hier her gekommen war, noch was mit ihnen geschehen war.

„Wieso bin ich vom Pony gefallen, Dís? Waren wir ausreiten? Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir einen Ausflug geplant hätten."

Für einen Moment spiegelte sich Fassungslosigkeit in der Miene der Prinzessin wieder und sie brauchte einen Moment, ehe sie antworten konnte. Hatte ihre Freundin etwa vergessen, was wirklich geschehen war? War das Schlag auf ihren Kopf derart verheerend gewesen, dass sie ihre Erinnerung ausgelöscht hatte?

„Nein, wir waren nicht freiwillig unterwegs. Du musst wissen, wir…"

Doch der plötzliche Husten ihrer Freundin, unterbrach die Erzählungen der Prinzessin. Dís reichte ihrer Freundin einen Krug mit Wasser und half ihr, sich ein wenig aufzurichten. Liebevoll stütze die Jüngere sie, während Morna gierig trank. Sie hatte das Gefühl, seit Wochen keine Flüssigkeit zu sich genommen zu haben.

Gleichzeitig wurde ihr aber auch ein wenig schlecht. Ihr Magen rebellierte und der Rothaarigen wurde schwindelig. Erschöpft lehnte sie sich zurück in die Kissen. Kurz schloss das Mädchen die Augen und atmete hörbar tief ein und aus.

„Ich hatte einen merkwürdigen Traum."

Dís stellte den Krug neben ihrem Bett ab, vermied es aber, ihre Freundin direkt anzublicken.

„Erzähl mir davon."

„Ein Drache hatte den Erebor angegriffen. So viele Zwerge, hatten ihr Leben verloren und wir unsere Heimat. Es war so schrecklich gewesen."

Mornas Augen, huschten wie wild hin und her und die Bilder schienen sich erneut mit Schrecken vor ihr abzuspielen. Dann, blickte sie ihrer Freundin direkt in die Augen und ein müdes Lächeln schlich sich auf Mornas Lippen.

„Du kamst auch darin vor. Warst immer an meiner Seite und gemeinsam war uns die Flucht gelungen. Und auch deine Brüder Thorin und Frerin, waren für kurze Zeit bei uns gewesen."

„Tatsächlich?", fragt Dís gespielt überrascht und gegen ihren Willen, stahl sich ebenfalls ein kleines Lächeln auf ihre Lippen.

„Ferin hatte uns auf ein Pony gesetzt, damit wir fliehen konnten. Wir waren durch Thal geritten und dann bin ich aufgewacht."

Dís nickte nur nachdenklich und strich einige Falten ihres Kleides glatt.

„Dann war er also unser Retter in der Not? Welch eine ungewöhnliche Rolle für meinen Bruder. Wo er mich doch sonst immer zu ärgert und versucht, mir die Haare anzuzünden."

Beide Mädchen lachten bei der Erinnerung. Es war im vergangenen Winter gewesen. Morna und Dís hatten bis spät in den Abend vor dem Kamin gesessen, gespielt und sich Geschichten erzählt, während die künftige Königin in einem Lehnstuhl gesessen hatte und ihrer all abendlichen Handarbeit nachgegangen war. Thorin und sein Bruder, waren mit ihrem Vater auf der Jagd gewesen. Ein Zeitvertreib, welchem die Männer des Hauses Durins gerne nachzugehen schienen. Thrór hatte anderweitige Verpflichtungen gehabt. Durchgefroren und mit feuchten Kleidern, hatte Frerin die Kammer betreten. Er wollte sich kurz am Kamin aufwärmen und seiner Mutter von der erfolgreiche Jagd berichten, als er mit Saum seines Umhangs eine Kerze umstieß, welche zu Boden gefallen und Dís Haare angesenkt hatte. Panisch, war das kleine Mädchen auf die Füße gesprungen und hatte geschrieen wie am Spieß, während ihr Bruder die Flamme mit den Händen versucht hatte zu ersticken. Noch heute, trägt Frerin auf der Handinnenfläche eine Brandnarbe davon.. Dís war zu jener Zeit untröstlich über den kleinen Verlust ihrer geliebten Haare gewesen.

Einen Monat lang, hatte sie mit Frerin kein Wort gesprochen, obgleich es nur ein unabsichtliches Versehen gewesen war. Doch irgendwann, war der Vorfall in Vergessenheit geraten.

„Und wo war Thorin in deinem Traum?"

„Er hat natürlich gegen den Drachen gekämpft. Und…"

Die Elfjährige unterbrach sich selbst und blickte verträumt auf ihre Hände. Eine zarte Röte färbte ihre Wangen und ein verlegenes Lächeln zierte ihre Lippen.

„Und?", ermutigte Dís ihre Freundin, weiter zu sprechen.

„Er hatte mich aus den Flammen getragen und zu dir gebracht, Dís. Es war so wundervoll. Er war so stark und tapfer. Und stell dir vor, ich habe sein Gesicht berührt."

Aufgeregt und glücklich, aber auch ein wenig beschämt aufgrund ihrer Zügellosigkeit, legte die Elfjährige die Hände auf die erhitzten Wangen.

„Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren war. Aber im Traum tut man schon mal Dinge, die man sich im wirklichen Leben niemals zutrauen würde."

Doch anders als erwartet, teilte ihre Freundin ihre Freude und Begeisterung, über das Erträumte nicht. Tatsächlich wirkte Dís plötzlich ernster den je. Kein Lächeln zierte mehr ihr kindlich rundes Gesicht und sie blickte auf ihre Hände, als würde sie etwas verschweigen.

Morna überkam ein ungutes Gefühl. Hätte sie nicht so offen darüber sprechen sollen? War es der Jüngeren auf einmal unangenehm, wenn sie über ihren ältesten Bruder sprachen? Doch das konnte sich die Rothaarige nicht vorstellen. Nicht selten, hatte Dís sie dazu animiert und gleichzeitig damit aufgezogen.

„Dís? Stimmt etwas nicht? Habe ich etwas Falsches gesagt?"

Und mit einem Mal, wirkte der Blick der Prinzessin so endlos verzagt und erneut stiegen ihr die Tränen in die Augen, welche sie dieses Mal nicht zurück halten wollte.

„Morna. Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Aber…"

„Es war kein Traum gewesen.", unterbrach eine tiefe Stimme mit einem Mal ihre Unterhaltung.

Erschrocken fuhren beide Mädchen herum und bemerkte erst jetzt den Zuhörer am Zelteingang, welcher ungefragt eingetreten war. Hatte er sie etwa belauscht? Wie lange hatte der hochgewachsene Zwerg schon da gestanden? Zielstrebig, schritt er auf die Kinder zu und ging neben ihnen in die Knie. Sachte, legte Adiir seiner Schwester eine Hand auf die Schulter.

„Morna, der Angriff auf den Erebor, war kein Traum gewesen."

Für einem Moment, war das Mädchen sprachlos und suchte nach einem Zeichen der Lüge oder des Schalks in den Zügen ihres Bruders. Dies war ein mehr als übler Scherz, welchen Adiir auf ihre Kosten machte.

Immerhin hatte sie geträumt, wie Dís` Mutter den Tod gefunden hatte. Wie ihr Vater in den Flammen eines Drachen starb. Doch das erwartete Schmunzeln darüber, dass sie ihm mal wieder auf den Leim gegangen war, blieb aus. Adiirs Gesicht war voller Trauer und so ernst, wie sie es zuletzt beim Tod ihrer Mutter gesehen hatte.

„Aber das ist nicht möglich. Niemals könnte ein Drache den einsamen Berg einnehmen. Das würde König Thrór nicht zulassen. Das würde Prinz Thorin nicht zulassen. Er würde ihn mit seinem Leben verteidigen."

Doch mit jedem Wort, dass ihren Mund verließ, lief Morna ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ein Gefühl, als müsste sie es besser wissen, nahm überhand und Fragmente von Erinnerungen schossen an ihrem inneren Auge vorbei. So schnell, dass Morna kaum die Zeit hatte, sie richtig zu erkennen. Ein rauschendes Fest. Musik. Tanz. Gesang. Dann plötzlich Finsternis. Der Wehrgang. Ihr Vater, in den Flammen des Drachen. Ein heftiger Schmerz in ihrem Rücken, als Thorin sie die Treppe hinunter gestoßen hatte. Und der Tod. Überall war sie vom Tod umgeben gewesen. Die Zwergin sich an Balin, welcher kurz in ihrer Nähe gewesen war. An ihre Flucht mit der künftigen König und so vielen anderen Zwergen.

Die vielen Gänge. Mit einem Mal, schien der Himmel über ihnen einzustürzen und hatte Dís Mutter unter sich begraben. Ihre Verzweiflung. Ihre Angst. Ihre Panik. Dann war da Frerin und dieses Pony aus ihrem Traum. Und da wurde der Elfjährigen klar, dass sie es nicht geträumt, sondern tatsächlich erlebt hatte. Das all dies Realität war und nicht ihrer Fantasie entsprungen Sie hatten ihre Heimat verloren. Ihr Zuhause. Ihr Leben. Ihr Vater war tot. Qualvoll verbrannt. Und sie hatte keine Zeit gehabt, sich von ihm zu verabschieden. Ihm auch nur noch ein einziges, liebes Wort sagen zu können. Panik überkam die Elfjährige und sie hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Beinahe hysterisch, japste sie nach Luft und glaubte ersticken zu müssen. Sofort waren ihr Bruder und Dís an ihrer Seite. Redeten auf sie ein, sie möge sich beruhigen und tief einatmen, doch ihre Stimmen drangen kaum zu der Rothaarigen durch.

„Morna, sieh mich an.", befahl ihr Bruder und fing ihren Blick mit seinen Augen ein, während seine Hände ihre Schultern eisern festhielten.

„Atme langsam ein und wieder aus. Denk an nichts. Konzentrier dich nur aufs atmen."

Die Zwergin versuchte es, doch das heftige Zittern ihres Leibes, ließ sie immer unregelmäßiger nach Luft schnappen.

„Sie kriegt keine Luft mehr."

Dís war von ihrem Platz aufgesprungen und nach draußen geeilt. Morna versuchte ihr nachzusehen, doch ihr Körper versagte ihr den Dienst. In eiskalter Starre verfallen, glaubte sie ihr Herz würde jede Sekunde zerspringen, so heftig hämmerte es gegen ihre Rippen. Ihre Lunge fühlte sich leer an. Vollkommen der Luft beraubt und ihr Körper vermochte nur noch vor Furcht zu zittern. Dann fühlte sie einen Körper hinter sich. Wie ihr Rücken kraftvoll gegen eine Brust gedrückt wurde. Morna wollte den Kopf herum drehen und sehen, wer da hinter ihr saß. Doch sie schaffte es nicht. Eine große Hand, legte sich auf ihr Brustbein und drückte sie noch stärker gegen den Zwerg, dessen Brustkorb sich in regelmäßigen, tiefen Atemzügen hob und senkte. Immer wieder und wieder. Und von Zeit zu Zeit, schien auch der Körper des Mädchens sich allmählich zu beruhigen und ganz von allein, dem sanften Rhythmus zu folgen, welcher sie wieder Luft holen ließ. Das Zittern ihres Leibes, ließ nach, bis sich ihre Glieder nur noch schlapp und schmerzhaft, aufgrund der Anstrengung, anfühlten. Kraftlos, lehnte sich Morna gegen den Mann in ihrem Rücken und gegen ihren Willen, schlossen sich immer wieder ihre Augenlider.

Gewiss, sie war müde. Doch sie wollte dem nicht nachgeben. Sie hatte doch wahrlich genug geschlafen. Sie musste wissen, was mit ihren Brüdern geschehen war. Ob nur Adiir überlebt hatte, welcher immer noch sorgenvoll ihre Hand hielt und sie keine Sekunde aus den Augen ließ oder ob es den anderen auch gut ging. Ob sie verletzt waren und wohlmöglich ihre Hilfe bräuchten. Doch die Wärme in ihrem Rücken, welche sie so wohlig umfing und der beruhigende Rhythmus seines Atems, ließen Morna an Ort und Stelle verweilen.

„Schließ einfach die Augen. Niemand wird dir etwas zu leide tun. Du bist hier sicher. Ich halte dich fest, bis du eingeschlafen bist."

Morna wusste nicht, ob sie sich die geflüsterten Worte und die Stimme, welche so nah an ihrem Ohr war, nur eingebildet hatte. Doch sie sorgten dafür, dass ihr Herz führ einen Schlag aussetzte, ehe es doppelt so schnell weiter schlug. Und das Letzte, woran sich Morna erinnern konnte, war der Geruch von Leder, Wald und etwas anderem. Etwas undefinierbarem, was sie jedoch nur einem Zwerg bisher zuordnen konnte. Es war kein vertrauter Duft, doch angenehm und ließ sie für den Moment ihre Sorgen vergessen. Es roch nach ihm. Es fühlte sich nach ihm an. Sie war hier sicher. So sicher wie nirgendwo anders auf der Welt.

Fortsetzung folgt…