So nah
Kapitel 9
Von Löwenzahn und Disteln
Ihre Händen schmerzten. An einigen Stellen, waren sie sogar blutig aufgerissen. Das Wühlen in der trockenen Erde war alles andere, als angenehm und Dís wünschte sich, sie könnten etwas anderes tun. Doch wenn sie keinen knurrenden Magen riskieren wollte, so hatte Thorin ihr gesagt und zugleich einen Korb in die Hand gedrückt, dann würde sie ihre Freundin begleiten und ihr beim Suchen nach Kräutern und etwas essbarem helfen. Jeder musste seinen Beitrag an der Gemeinschaft leisten. Murrend und ein wenig klagend, war die Jüngere schließlich auch mitgegangen, doch so wirklich einleuchten, weswegen sie hier am Feldrand im Dreck knieten, wollte ihr dennoch nicht.
„Erklär es mir noch einmal, Morna. Was genau machen wir hier?"
Ein erboster Laut entwichet der Rothaarigen, als sie sich an den spitzen Dornen einer Pflanzen stach. Blut, tropfte aus der winzigen Wunde und die Elfjährige steckte zugleich den Finger in den Mund, was die Schmerzen ein wenig linderte und die Blutung stoppte.
„Du pflügst Löwenzahn und ich Disteln."
„Das habe ich schon verstanden. Aber warum machen wir das? Das ist doch nur Unkraut. Was wollen wir denn damit?"
Morna warf ihrer Freundin einen Blick zu, als wäre diese nicht ganz richtig im Kopf.
Doch einen Vorwürfe, würde sie ihr nicht aus diesen Worten machen. Dís war ein besseres Leben, als eben dieses gewöhnt. Feldarbeit, hatte sie noch nie verrichten müssen. Ihre Hände waren gewiss noch nie so wund und zerschlissen gewesen und bereits jetzt versuchte ihre Freund vergeblich, den grobe Dreck unter ihren Fingernägeln hervor zu holen. Doch für Morna war es keine ungewohnte Arbeit. Bei der Ernte hatte sie helfen müssen, seit sie laufen konnte. Dabei erinnerte sich die Elfjährige an einen Herbst, als sie noch zu klein und ungeschickt gewesen war, um auf einen Baum zu steigen. Ihre fünf älteren Brüder saßen auf den Ästen und hatten die Äpfel herunter fallen lassen, welche Morna und Jhorn aufsammeln sollten. Tatsächlich hatten ihre Brüder sie eher beworfen und sich einen Spaß daraus gemacht, sie zu treffen. Wetten darüber abgeschlossen, welcher wohl als erstes ihren Kopf traf. Doch Adiir, hatte sich dieses gemeine Spiel nicht lange angesehen und ihre Brüder zur Vernunft ermahnt. Noch am selben Tag, hatte Morna angefangen, an ihren Kletterkünsten zu arbeiten, damit sie nie wieder als lebende Zielscheibe missbraucht werden konnte. Und heute saß sie ganz oben im Baum und konnte ihren frechen Brüdern alles heimzahlen.
„Aus den Löwenzahnblättern können wir Salat machen. Und aus den Disteln Suppe."
Dís blickte auf die vertrauten Pflanzen in ihrem Korb, welche sie jedoch eher als Tierfutter ansah, statt ihrem eigenen Abendessen.
„So etwas, habe ich noch nie gegessen. Ich wusste gar nicht, dass man damit überhaupt etwas kochen kann."
„Sei froh. Distelsuppe ist auch nicht meine Leibspeise, doch werden wir damit überleben und einigermaßen satt werden. Und vielleicht haben die Männer ja Glück bei der Jagd und es gibt ein gutes Stück Fleisch heute Abend."
Einige Zeit, herrschte Stille zwischen den Mädchen. Beide hingen ihren Gedanken nach, während sie Kräuter pflügten. Die Mittagssonne brannte erbarmungslos vom Himmel und Dís fühlte, wie sich allmählich ein Sonnenbrand in ihrem Nacken bildete. Gerne hätte sie sich ein Tuch über die Schultern gelegt, um ihre blasse Haut vor der Sonne zu schützen. Doch sie hatte keins. Nichts als die Kleider an ihrem eigenen Leib, hatte sie aus dem Erebor retten können. Sie waren bettelarm und vollkommen mittellos. Es war nun schon einige Tage her, dass sie ihre Heimat verlassen mussten. Die Männer waren noch einmal nach Thal zurück geritten. Hatten aus den verlassen Häusern der Menschen geplündert, was sie finden konnten. Doch keinen der Zwerge, hatte diese Arbeit mit Stolz oder Zufriedenheit erfüllt.
Die wenigen Kleider und Nahrungsmittel, waren unter dem Volk verteilt worden, sodass sie die ersten Tage überstehen konnten. Doch große Furcht, erfüllte das Herz der Prinzessin. Was, wenn dies von nun an ihr Schicksal war? In der Wildnis zu leben. Zu stehlen. Abfall zu essen und Lumpen zu tragen. Das wollte sich die Zehnjährige nicht vorstellen.
„Meinst du, dass unser Leben von nun an immer so sein wird? Das wir heimatlos und arm sind? Und Unkraut essen müssen."
Morna hielt für einen Moment in ihrer Arbeit inne, ehe sie mit geübtem Griff eine Distel entwurzelte. Die Worte ihrer Freundin, stachen der Rothaarigen ins Herz und taten mehr weh, als die Dornen jener Pflanzen, welche so zahlreich ihre Hände verwundeten. Ihr ganzes Leben war sie arm gewesen. Ihr halbes Leben, hatte sie Unkraut wie dieses essen müssen, um nicht zu verhungern. Und auch, wenn die Elfjährige nie zuvor heimatlos gewesen war, so empfand sie es als großes Glück, noch am Leben zu sein und wollte nicht klagen. Andere Zwerge hatten nicht so viel Glück gehabt. Darunter ihr eigener Vater und Dís Mutter. Nicht einmal begraben, konnte sie ihre Angehörigen. Mussten still Abschied nehmen.
Allein und jeder für sich. Das Haupttor des Erebors konnten sie nicht mehr gefahrlos passieren, um ihre Toten zu bergen. Sie wurden zurück gelassen. Genauso wie eine würdevolle Bestattung all jener, die ihr Leben gelassen hatten. Unbändige Wut hatte sich unter den Zwerge breit gemacht. Doch König Thrór hatte ihnen versichert, dass sie ihrer Gedenken würden, sobald sie einen Ort gefunden hatten, an welchem sie sich vorerst niederlassen konnten. Doch dieser Tag schien noch fern zu sein und so trug jeder Zwerg seine Trauer weiterhin im Herzen. Furcht vor der Zukunft, gab es immer. Ausweglos, scheint jede unglückselige Situation. Doch sie waren nicht allein. Sie hatten ihre Familien und einander. Und solange sie zusammen hielten, würde irgendwo eine bessere Zukunft auf sie warten. Da war sich Morna sicher.
„Nein, dein Großvater wird gewiss einen Weg finden, sein Volk wieder glücklich zu machen und uns eine neue Heimat schenken."
Dís nickte nur nachdenklich und klopfte sich den Staub von den Händen. Sie wirkte verschlossener als sonst und jeden Tag trauriger, seitdem sie dem Erebor so fern waren. Doch dies war nichts ungewöhnliches. Ein jeder von ihnen, hatte Heimweh und vermisste sein Zuhause.
„Weißt du Morna, mein Großvater hat sich verändert."
Die Angesprochene runzelte die Stirn über jene Worte.
„Wie meinst du das, er hat sich verändert? Wir alle haben uns in den letzten Tagen sehr verändert. Das ist ganz natürlich."
„Ich meine aber nicht so. Kurz bevor wir den Erebor verloren hatten, wurde er so anders. Er verbrachte viele Stunden in der Schatzkammer. Erfreute sich am Gold und am Reichtum. Meine Mutter meinte damals, es sei normal. Zwerge liebten ihre Schätze und fühlten sich zu ihnen hingezogen. Aber Tag für Tag, verweilte er mehr Stunden in diesem Goldrausch. Er zog seinen Schatz, seiner eigene Familie vor und auch seinem Volk."
Ein schweres Seufzen, verließ den Mund der Jüngeren. Traurig strich sie über die goldgelbe Blüte eines Löwenzahn, ehe sie diese in den Korb legte.
„Thorin hatte sich Sorgen gemacht. Eines Abends, habe ich ihn am Eingang zur Schatzkammer stehen sehen. Er hatte Großvater beobachtet und dabei so traurig ausgesehen. Später hörte ich ihn mit unserem Vater streiten. Thorin sagte, der Arkenstein und das Gold, würden Thrórs Verstand vergiften. Doch Vater stritt alles ab. Ich habe die beiden noch nie so zornig gesehen. Sie niemals so laut brüllen hören. Ich hatte richtige Angst."
Tröstend, legte Morna ihrer Freundin eine Hand auf die Schulter.
Doch wusste sie nicht, was sie dazu sagen sollte. Einerseits hatte Dís Mutter recht. Zwerge liebten Gold, Schätze, Juwelen und Reichtümer. Es lag ihnen im Blut. Und so manch einer, verfiel geradezu in eine Sucht, aus welcher sie sich nicht mehr befreien konnten. Nach einer Legende, hatte ein Zwergenkönig sein Leben verloren, weil er so besessen von seinem Schatz wurde, dass er diesen nicht mehr verließ. Aus Angst, man könnte ihn stehlen. Und schließlich starb jener König an Mangel von Nahrung und Flüssigkeit. Diese Geschichte kannte jeder Zwerg. Ob sie der Wahrheit entsprach oder nicht, so sollte sie dennoch stets eine Warnung sein, für jeden, der sich seinem Reichtum zu sehr hingibt.
„Und nun, ist er nur noch wütend. Ständig läuft er auf und ab, isst nicht, schläft nicht und grübelt. Murmelt Worte, die kaum jemand versteht und immer wieder erwähnt er sein Gold und den Arkenstein. Doch keinen Gedanken verschwendet er an uns oder sein Volk. Gestern Abend, hat er Frerin erbost aus dem Zelt geworfen, als dieser Vorschlug, wir könnten doch nach Süden ziehen und vorerst versuchen, in einer der Menschenstädte Fuß zu fassen."
Eine Träne, rann der Prinzessin über die Wange, doch sie wischte sie zugleich fort.
Sie wollte stark sein, obgleich es ihr unsagbar schwer fiel.
„Er hatte es nur gut gemeint, doch niemand kann es Großvater recht machen. Die Zwerge finden nur bei Thorin Gehör für ihre Sorgen und Nöte. Er versucht ihnen beizustehen und arbeitet unermüdlich, damit das Volk nicht vollkommen verzagt. Doch ich spüre, wie die Kräfte meines Bruders schwinden. Thorin ist stark. Aber diese Not ist zu groß, als das ein einzelner Zwerg sie allein tragen kann. Doch mein Großvater denkt nur an sich und will Thorin nicht einmal helfen. Und mein Bruder ist zu stolz, um ihn darum zu bitten."
Der Kummer, über die Veränderung Thrórs und die Bürde, welche ihr großer Bruder allein zu tragen schien, ließen Dís in Tränen ausbrechen. Sachte, zog Morna ihre Freundin in die Arme.
„Der Drache hat nicht nur meine Heimat zerstört, sondern auch meine Familie. Ich erkenne keinen von ihnen wieder. Mein Großvater ist zornig und denkt nur noch an seinen Schatz. Mein Vater ist abweisend und kalt geworden. Und mit jedem Tag, der verstreicht, sehe ich, wie meine Brüder ebenfalls verbitterter und erschöpfter werden. Ich habe Angst Morna. Furchtbare Angst."
„Es wird alles gut werden Dís. Dein Großvater ist bestimmt nur unendlich traurig und zornig, wie jeder Zwerg seines Volks. Auch er hat seine Heimat verloren, Familienmitglieder und eben auch seinen Schatz. Als König trifft ihn diese Schmach gewiss am härtesten und er muss nun Stärke zeigen, um nicht auch noch sein Volk zu verlieren."
„Aber warum tut er dann nichts?", fragte die Jüngere anklagend und Zorn spiegelte sich in ihren Augen wieder.
„Warum hilft er Thorin nicht? Oder findet Gehör für Frerins Worte? Warum denkt er nur an seinen Verlust und nicht an seine Familie?"
Darauf wusste die Rothaarige keine Antwort. Niemals hatte sie erlebt, dass eine Familie sich in Zeiten der Not derart entzweit. Anstatt zusammen zu halten, schienen sie nur noch ihre eigenen Belange zu beschäftigen. Doch vielleicht wusste auch keiner von ihnen, mit der neuen Situation umzugehen. Nun gab es keinen Unterschied mehr, zwischen einem armen Zwerg und einem König. Sie alle, waren im Grunde gleich. Ihnen allen, ging es schlecht. Und wenn man noch nie in solch einer Situation war, konnte dies gewiss überaus verstörend sein. Thrórs Herrschaft, war bis zu jenem Angriff auf den Erebor, unangefochten gewesen. Nie hatte er am Fortbestand seines Hauses gezweifelt. Seine Herrscherlinie und sein Wohlstand waren durch ihre Heimat und durch seine Erben gesichert.
Sein Lebensabend, war gesichert gewesen. Doch nun, war all das in Flammen aufgegangen und wie Rauch davon geweht.
„Vielleicht weil er ebenso ratlos ist, wie du und ich."
Fortsetzung folgt…
