So nah

Kapitel 10

Kleine Strauchdiebe

Die Sonne, näherte sich immer weiter dem Horizont. In spätestens einer Stunde, würde sie wohl vollkommen verschwunden sein. Thorin hatte das Haupttor der Menschenstadt passiert und war auf dem Weg zurück zu ihrem Lager, welches nicht weit entfernt, hinter den umliegenden Feldern lag. Auf einem guten Stück grün, hatten sie sich nieder gelassen, in der Nähe von Wäldern und kleinen Flüssen, welche sie notdürftig versorgten. Die Menschen tolerierten es, solange sie für alle Waren und Dienstleistungen bezahlten. Thorins Glieder waren müde und seine Arme schmerzten vom Tagewerk in der Schmiede. Doch sobald der Zwergenprinz sein Lager erreicht hätte, würde er seinen Bogen zur Hand nehmen und das schwindende Sonnenlicht für einen Streifzug durch die Wälder nutzen. Rehe waren meist in der Dämmerung anzutreffen und bei so vielen hungrigen Zwergen, wäre ein großes Beutetier von enormen nutzen. Er hatte eine Familie zu versorgen. Und mehr noch. Ein ganzes Volk. Nicht selten verteilte er seine Beute an jene Zwerge, die niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmern konnte. Viele Frauen hatten ihre Männer verloren. Viele Kinder ihre Väter und älteren Brüder, welche sie an seiner statt hätten versorgen müssen. Ganz zu schweigen von den Alten und Kranken. Es war eine Schande, was mit ihnen geschehen war.

Und viel mehr noch, dass ausgerechnet die Elben, ihnen ihre Hilfe versagt hatten. Zorn und unbändige Wut stiegen in dem jungen Krieger empor und er ballte die Hände zu Fäusten. Thorin würde es niemals vergessen. Und niemals vergeben, dass die Elben sie einfach ihrem Schicksal überlassen hatten. Unschuldige Kinder dem Hungertod überließen. In Zeiten der Not ein ganzes Volk im Stich ließen. Nein, er würde es niemals vergessen. Vorbei an Feldern und Obstbaumplantagen, sah der Zwergenprinz irgendetwas im Augenwinkel, was sie rasch bewegte und durch die Felder zu huschen schien. Für ein Kaninchen, war es jedoch viel zu groß. Ein dunkler Haarschopf, welcher kläglich versuchte, sich hinter den niedrig wachsenden Erdbeerpflanzen zu verstecken, war zu erkennen. Dann tauchte plötzlich eine Hand auf und drückte den Kopf weiter nach unten. Unterdrücktes, übermütiges Gelächter war zu vernehmen und zischende Laute, welche wohl zur Ruhe ermahnen sollten. Geräusche, welche dem Zwergenprinzen wohl vertraut waren. Mit leisen Schritten, näherte sich Thorin den vermeintlichen Strauchdieben, und entdeckte Frerin, Dís und Morna. Da lagen sie nun, alle drei, in Mitten eines Erdbeerfeldes, im Dreck. Die Münder und Finger rot gefärbt vom Fruchtsaft jener Beeren, welche sie so fleißig hinunter geschlungen hatten. Kichernd, trugen sie eine dreist freche Unschuldsmiene zur schau.

Wenn sie in einer anderen Lage gewesen wären, hätte es Thorin glatt zum Lachen gebracht. Noch nie, hatte er seine Schwester oder seinen Bruder in solch einer Situation gesehen. Das die beiden durch den Dreck krabbelten, auf allen vieren, um nicht entdeckt zu werden und wie wildes Getier von den Pflanzen naschten. Doch in Anbetracht ihrer Lage, was es alles andere als amüsant.

„Ihr wisst schon, dass das Diebstahl ist."

„Das nennt man Mundraub.", brachte Frerin mit vollem Mund mühsam hervor.

Die beiden Mädchen neben ihm, kicherten vergnügt. Am lautesten jedoch Dís, welche sich den Bauch hielt und vor Lachen kringelte. Tränen der Erheiterung, liefen über ihre Wangen und Übermut glänzte in ihren Augen.

„Die Menschen in dieser Stadt leben von den Erträgen dieser Felder. Ihr könnt euch hier nicht einfach durchfressen, wie wilde Tiere."

„Aber Thorin, wir haben die meisten in die Körbe getan.", brachte Dís besänftigend hervor und zeigte auf jene geflochtene Tragehilfen, welche bis zum Rand mit Erdbeeren gefüllt waren.

„Ihr solltet dem Bauern beim ernten helfen? War das eure heutige Aufgabe?"

Alle drei nickten zustimmend. Thorin verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Sein Blick, war missbilligend und unnachgiebig und Frerin kam nicht umhin zu bemerken, dass sein Bruder dabei Haar genau so aussah, wie ihr Großvater.

Nur wesentlich jünger und weniger grau.

„Aber ich denke nicht, dass er euch seine Einwilligung erteilt hat, die Beeren währenddessen zu essen, oder etwa doch?"

„Er hat es uns zumindest nicht verboten.", brachte Dís kleinlaut hervor, wünschte sich aber im selben Moment, sie hätte den Mund gehalten.

Der Zwergenprinz war offensichtlich sehr verärgert. Ungehalten, griff Thorin die Mädchen am Arm und zog sie nacheinander auf die Füße.

„Ihr werdet die Körbe sofort zum Bauern bringen und anschließend ohne Umwege nach Hause kommen, habt ihr verstanden?"

Morna und Dís nickten gehorsam. Reue erfüllte zugleich ihren Blick, während sie sich den Staub von den Kleider klopften und ihre Körbe zur Hand nahmen. Mit gesenktem Blick, eilten sie den Feldweg hinunter. Als sie außer Hörweite waren, wandte Thorin sich an seinen jüngeren Bruder.

„Frerin, ich hoffe du bist dir der Ernsthaftigkeit deiner Lage bewusst. Dís und Morna sind noch jung. Du sollst ihnen ein Vorbild sein und sie nicht zum stehlen anstiften."

„Wir haben nicht gestohlen!", beharrte der Jüngere auf die Richtigkeit seiner Meinung.

„Es waren nur ganz wenige…", versuchte Frerin zu erklären, doch sein Bruder schnitt ihm zugleich das Wort ab.

„Ich will nichts mehr davon hören. Du kannst von Glück sprechen, wenn ich unserem Großvater nicht davon berichte. Sieh zu, dass du deine Pflichten erledigst und komm mir für den Rest des Tages nicht mehr unter die Augen."

Unwillig und mit trotziger Miene, erhob sich Frerin und kehrte seinem Bruder den Rücken. Unnötig langsam, schritt er den Feldweg hinunter in Richtung ihres Lagers, warf Thorin jedoch noch zweimal einen wütenden Blick zu, ehe er auf den angrenzenden Waldweg einbog und hinter den Bäumen verschwand. Vermutlich würde er seine Fallen kontrollieren, ehe er den Heimweg antrat. Gewiss brauchte er Zeit für sich, um über seine Tat nachzudenken. Frerin war noch jung und sehr temperamentvoll, doch dies war keine Entschuldigung für seine Tat. Er hatte nicht nur die Verantwortung für sein Handeln, sondern auch das für die Mädchen übernehmen müssen. Und spätestens bei dieser Überlegung, hätte die Vernunft siegen müssen. Doch sein Bruder, war ein Kindskopf.

Fröhlich, betraten die Mädchen das Zelt, welches vorläufig Dís Zuhause darstellte. Dabei schwänzten und schnatterten sie unentwegt und der Tadel des Zwergenprinzen war schon so gut wie vergessen. In der Mitte des provisorischen Wohnraums stand ein kleiner Kessel, in welchem zu dieser Jahreszeit immer ein Feuer brannte, um sich zu wärmen. Zwei Kaninchen lagen auf dem breiten Holztisch. Offensichtlich eine gute Beute, die Frerin am heutigen Tag gemacht hatte. Eine kleine, mit einem Vorhang abgegrenzte Nische, stand der Prinzessin als Ersatz für ein Zimmer zur Verfügung. Dort gab es nicht mehr, als eine notdürftige Pritsche, doch die Mädchen verbrachten in den Abendstunden gerne die Zeit zusammen. Plauderten noch ein wenig und flochten sich die Haare. Nicht selten, musste Mornas ältester Bruder das Beisammensein zu später Stunde auflösen.

Die Mädchen vergassen vollkommen die Zeit, wenn sie zusammen waren. Einmal hatte Frerin die Rothaarige sogar nach Hause begleitet. Tatsächlich, verbrachte die Elfjährige gerne ihre Zeit bei der Familie ihrer Freundin. Sie waren stets freundlich und behandelten sie mit der selben Sanftmut, wie Dís selbst. Doch heute, war etwas anders. Spannung lag in der Luft, kaum dass die Kinder das Zelt betreten hatten. Thorins und Frerins Stimmen erklangen. Mal lauter, dann wieder ein wenig leiser, doch stets mit einem bedrohlichen Unterton. Sie schienen sich zu streiten oder zumindest eine Meinungsverschiedenheit zu haben..

„Nun tu doch nicht so, Thorin. Als hättest du noch nie eine Erdbeere oder einen Apfel gepflückt und einfach so gegessen.", warf der Zwergenprinz seinem Bruder vor.

Neugierig, schlichen sich die Mädchen näher zum Zelteingang und warfen einen kurzen Blick hinein. Die beiden Zwerge, standen einander gegenüber. Frerin war nur wenige Zoll kleiner als sein älterer Bruder. Ihre Mienen waren ernst, dass des Jüngeren wirkte sogar ein wenig verärgert.

„Ich erinnere mich noch genau, als wir Kinder waren und der Bauer mit seiner Mistgabel unter dem Baum auf uns gewartet hatte, während wir beide auf den Ästen saßen und uns der Bauch schon geschmerzt hat, von den vielen Pflaumen, welche wir verschlungen hatten."

Ungewollt, erschienen eben jene Bilder vor den Augen des Zwergenprinzen. Sie waren noch jung gewesen. Unbedacht, hatten sie sich die Bäuche vollgeschlagen und dafür eine lange Strafpredigt von ihrem Großvater zu hören bekommen. Thorin würde niemals das wütende und zugleich enttäuschte Gesicht seines Großvaters vergessen. Der Thronfolger, nicht mehr als ein gewöhnlicher Felddieb. So hatte er ihn betitelt. Und Thorin hatte sich für sein Verhalten im Nachhinein geschämt. Er war nicht irgendjemand. Solch ein dummer Jungenstreich, stand einem Mitglied der königlichen Familie einfach nicht zu. Er war der künftige König und hätte mit gutem Beispiel voran gehen müssen. Dís und Morna unterdrückten währenddessen ein Kichern, bei dieser Vorstellung. Zu gerne, wären sie dabei gewesen und hätten diesen Anblick wohl niemals vergessen. Sachte, zupfte die kleine Zwergenprinzessin am Ärmel ihrer Freundin und bedeutete mit einem Kopfnicken ihr zu folgen. Die Rothaarige nickte zustimmend. Es stand ihnen nicht zu, die Brüder zu belauschen. Thorin, würde solch ein Verhalten gewiss nicht gutheißen.

Besonders jetzt nicht, da sie ihn bereits einmal heute verärgert hatten. Doch die Wände waren selbstverständlich sehr dünn und so hörten die Kinder jedes Wort, das die beiden sprachen.

„Das waren damals andere Zeiten. Der Bauer ist für unser ungebührliches Verhalten großzügig entschädigt worden."

Hatte die beiden Prinzen aber bis zu seinem Tod vor zwei Jahren immer gut im Auge behalten, wenn sie an seinen Feldern vorbei liefen. Was wiederum ebenfalls eine Schmach war. War es nicht schlimm genug, dass Zwerge unentwegt Geiz und Habsucht nachgesagt wurde, so musste Thorin mit dem Gedanken leben, dass ein einfacher Mensch, ein Bauer, ihn für einen unehrenhaften Dieb hielt. Ihn. Den künftigen König unter dem Berge. Oder dem einstigen künftigen. Doch er hatte seine Lektion gelernt. Seine damalige Strafe wie ein Mann akzeptiert, obgleich er in jenem Alter noch weit davon entfernt war, ein Mann zu sein. Und der Schaden war schnell beglichen worden. Doch damals hatten sie ein sorglose Leben geführt. Gold hatten keine Rolle in so weit gespielt, dass es nahezu nichts gab, was ihr Großvater nicht hätte bezahlen können. Doch diese Zeiten waren nun vorüber.

„Ich bin sicher, die Menschen werden nachsichtig mit uns sein. Wir haben den ganzen Tag geschuftet und spätestens wenn sie einen Blick auf Dís und Morna geworfen hätten, hätten sie die Sache auf sich bewenden lassen."

Kurz herrschte Stille, ehe Frerin erneut das Wort ergriff.

„Aber wenn es dir ein Trost ist, großer Bruder, können wir die Menschen auch dafür entschädigen, dass wir die paar Erdbeeren gegessen haben."

„Und womit?", fragte Thorin erbost und zog seien jüngeren Bruder unsanft am Kragen seiner Tunika näher an sich heran.

Das Gesicht des Zwergenprinzen zeigte blanke Wut, während seine Finger sich in den groben Stoff gruben.

„Womit sollen wir sie entschädigen, Frerin? Wir haben nichts, was wir ihnen geben könnten. Ein jeder arbeitet hart für Nahrung und Unterkunft und wir können es uns nicht mehr leisten, derart gewissenlos durch die Lande zu streifen. Also behalte deine losen und unbedachten Worte für dich."

Frerin schluckte schwer und Reue erfüllte sein Innerstes. Er hatte wahrlich nicht zu ende gedacht, als er die Mädchen heute Mittag mit aufs Feld genommen hatte. Dabei hatte er nur helfen wollen. Sie hatten zunächst gearbeitet und die Feldfrüchte eingesammelt und beim Bauern abgegeben, um ihren Lohn abzuholen. Auf dem Heimweg, hatte sie drei dann der Hunger geplagt und immer wieder, war eine kleine Beere vom Feldrand in ihren Münder gelandet.

Das sie schließlich mitten drin liegen würden, war von keinem beabsichtigt gewesen. Es war im Eifer des Gefechts einfach so passiert.

„Es tut mir leid Thorin. Ich werde morgen zum Stadtrat gehen und um zusätzliche Arbeit bitten, um die Schuld auszugleichen. Es wird nicht noch einmal geschehen."

Und obgleich Frerins Worte so ernst geklungen hatten, wie sie gemeint waren, schienen sie den Zorn in seinem Bruder nicht zu mildern. Doch er ließ von dem Jüngeren ab und schritt wie ein wütender Eber durch ihren Wohnraum.

„Dís?", rief Thorin in wesentlich milderen Ton.

Jedoch konnte das Mädchen die Verärgerung in der Stimme ihres Bruders nur zu deutlich erkennen und zugleich schob sich der Kopf seiner kleinen Schwester hinter der Zeltplane hervor.

„Es ist schon spät. Verabschiede dich von deiner Freundin."

Das kleine Mädchen nickte ein wenig enttäuscht, verschwand kurz wieder, ehe Morna aus dem kleinen Lager hervortrat. Um Thorin nicht noch mehr zu verärgern, beeilte sich sich, ihre Schuhe anzuziehen.

„Ich werde Morna zur Sicherheit begleiten. In ein paar Minuten, bin ich wieder zurück. Versucht einmal für kurze Zeit miteinander auszukommen, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen."

Warnend, blickte er seine Geschwister an, während jeder im Eingang seiner Koje stand. Sein Blick, blieb jedoch an seinem Bruder hängen.

„Adiir wird gewiss Hilfe auf den Felder gebrauchen können. Harte Arbeit, wird dich lehren dankbarer für das zu sein, was du hast. Und Respekt vor dem lehren, was anderen gehört."

Mit diesen Worten, wandte Thorin seinen Geschwistern den Rücken zu und schob Morna mit sanfter Gewalt aus dem Zelt hinaus.

Fortsetzung folgt…