So nah
Kapitel 11
Schwere Last
Knirschend und knackend, gab der Frost unter ihren Schuhen nach. Schwer bepackt mit einem großen Korb voller Äpfel, einem Kürbis und einem viel zu schweren Sack Kartoffeln, hatten sich die Mädchen vor einer Stunde auf den Heimweg gemacht. Dabei hatten sie fünf Mal anhalten müssen, um ihre Lebensmittel abzustellen und eine Pause zu machen. Dís und Morna mussten einsehen, dass sie sich einfach übernommen hatten. Sie hätten nur den Korb mit Äpfeln nehmen sollen und jeder hätte einen Henkel zum tragen gehabt. So musste die Zwergenprinzessin jene störrische Tragehilfe auf umständliche Weise vor sich her schleppen. Der Kürbis lag noch oben drauf und behinderte immer wieder ihre Sicht. Mehr als einmal, war sie mit den Schuhen schmerzhaft an einem vorstehenden Stein des Feldwegs hängen geblieben und fast gestürzt. Rechnete sie zumindest jede Sekunde damit, ihre Einkäufe fallen zu lassen. Dabei murmelte Dís immer wieder erbost vor sich hin und wünschte, sie beide wären vernünftiger gewesen. Doch wie so oft, hatten sie im Eifer des Gefechts einfach zugeschlagen. Auf den Märkten wurden die herbstlichen Feldfrüchte für einen geringen Preis verkauft. Und der Durinstag war nicht mehr fern. Obgleich es in ihrer Lage gewiss keinen Grund zum feiern gab, so wollte es sich das Volk nicht nehmen lassen, beisammen zu sitzen.
Bei gutem Essen und fröhlichen Liedern ein wenig den Kummer und die Entbehrung der vergangenen Wochen zu vergessen. Und wenn es nur für einen einzigen Abend war. Dís und Morna hatten ihren Teil dazu beitragen wollen. Die Frauen würden mit Sicherheit Hilfe an den Feuerstellen gebrauchen können. Und die Mädchen hatten nicht mit leeren Händen auftauchen wollen. Doch war ihr guter Wille wohl ein klein wenig zu viel gewesen. Schnaufend, mit geröteten Wangen, saßen die Mädchen auf dem gefrorenen Boden und schlotterten vor Kälte. Der Weg war noch weit und es war nicht abzusehen, ob sie ihr Lager noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Es war kalt geworden in den letzten Wochen. Was jedoch nicht ungewöhnlich war, bedachte man doch, dass der Durinstag immer näher rückte. Die Luft war eisig und es roch bereits nach Schnee. Doch bisher, war noch nicht eine Flocke vom Himmel gefallen. Die Sonne war von dicken Wolken verdeckt und ein eisiger Wind peitschte über die trostlosen Felder.
„Wir müssen weiter.", sagte Morna müde.
Doch ihr Rücken schmerzte und ihre Finger waren bereits taub vor Kälte. Und so konnte sie sich trotz ihrer Worte, nicht dazu aufraffen, wieder aufzustehen.
Dís ging es nicht anders. Zweimal hatte die Jüngere angeboten, mit ihrer Freundin zu tauschen. Der Kartoffelsack war unhandlich und mit jedem Schritt liefen sie Gefahr, dass er irgendwo einriss und sich ihre Einkäufe auf dem feuchten Boden verteilten. Doch schon beim ersten Versuch den schweren Kartoffelsack über die Schulter zu hieven, war Dís beinahe zusammen gebrochen. Das Gewicht des Sacks hatte sie einfach mitgerissen und sie war Schmerzhaft auf den Hintern gefallen. In die Ferne blickend, versuchte Dís die länge des Weges abzuschätzen, welchen sie noch vor sich hatten.
„Was meinst du, wie lange wir noch brauchen werden?"
„Wenn wir in diesem Tempo weiter voran kommen, sicher erst nach dem Durinstag."
Müde, rappelten sich die Mädchen wieder auf und hoben ihre Lebensmittel auf die Arme. Klagend und stöhnend, nahmen sie ihren Weg wieder auf und waren insgeheim heil froh, dass kein Schnee viel. Gewiss wären sie eingeschneit und festgefroren, bevor sie die Wälder erreicht hätten.
Schon von weitem, erkannte Thorin die beiden Plagegeister. Mühsam schleppten die Mädchen sich an ihren Einkäufen ab und hatten sich ganz offensichtlich übernommen. Zumindest schwankte Morna bei jedem Schritt äußerst bedrohlich und das Klagen und Jammern seiner kleinen Schwester, war nur schwer zu überhören. Der Zwergenprinz unterdrückt ein Lachen bei dem Anblick und beschleunigte ein wenig seine Schritte. Hatte er die Kinder nicht schon vor einer Stunde von der Schmiede aus, über den Markt spazieren sehen? Waren sie in der ganzen Zeit nicht weiter voran gekommen? Nun, in Anbetracht der Tatsache, dass die beiden Nervensägen Waren mit sich trugen, die ein viertel ihres eigenen Körpergewichts ausmachen mussten, war dies wohl nicht verwunderlich.
„Meint ihr nicht auch, dass es ein bisschen zu viel des Guten ist?"
Erschrocken fuhren die Mädchen herum, als sie die tiefe Stimme hinter sich hörten. Mit erstaunten Mienen blickten sie zu dem Zwerg empor, welcher sie mit einem warmen Lächeln bedacht. Kopfschüttelnd, nahm Thorin der Rothaarigen den Kartoffelsack ab und legte ihn sich einfach auf die Schulter. Den Kürbis klemmte er sich unter den freien Arm, ehe er seinen Weg fortsetzte.
„Den Korb könnt ihr zusammen tragen. Beeilt euch, sonst fressen euch noch die Wölfe."
Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen und schnappten sich jeweils einen Griff der Tragehilfe, ehe sie dem Zwerg nacheilte. Tatsächlich waren die Mädchen mehr als erleichtert, dass sie endlich Hilfe bekamen. Seit sie sich auf den Heimweg gemacht hatten, hatte Dís sich gewünscht, jemand würde ihnen entgegen kommen und vielleicht etwas abnehmen.
Doch ihre Hoffnung war jäh enttäuscht worden. Kein Zwerg war auf den Felder zu sehen gewesen. Diese waren bereits für den Winter bestellt worden und ruhten jetzt unter dem Frost, ehe im Frühjahr die frischen Feldfrüchte geerntet werden konnten. Im Sommer wimmelte es hier nur so von Zwergen und Menschen. Doch im Winter war weit und breit keiner zu sehen. Die meisten Männer verbrachten nun ihre Zeit mit jagen, Holzsammeln und Fischen. Erst wenn sie die Wälder passiert hätten, wären sie vielleicht auf Hilfe getroffen. Oder hätten Bekanntschaft mit Pfeil und Armbrust gemacht, wenn die Männer sie mit Wildschweinen verwechselt hätten. Den Weg zum Lager, hatten sie mit vereinten Kräften schnell zurück gelegt. Vor Mornas Zelt, legte Thorin erst den Kürbis ab, ehe er den Kartoffelsack über die Schulter hievte und mit einem lauten Knall auf dem Boden fallen ließ. Obwohl die Feldfrüchte schwer waren, sah man dem Zwergenprinzen die Anstrengung kaum an. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich ein wenig schneller und auf seiner Stirn glänzte im Schein der aufgestellten Fackel ein wenig Schweiß. Dís und Morna stellten ihren Korb mit Äpfel ab und rieben sich die wunden Hände.
Als der Blick des jungen Kriegers auf das kleine, rothaarige Mädchen viel, runzelte er die Stirn.
„Was ist mit deinen Schuhen geschehen.", fragte Thorin und deutete mit einem Kopfnicken auf die vollkommen abgetragenen Schuhe des Mädchens.
Peinlich berührt, lief die Elfjährige rot an und versuchte das größte Loch zu verstecken, indem sie die Schuhspitze ein wenig hinter der Ferse versteckte.
„Die Feldarbeit. Die Erde ist gefroren und rau und scheinbar haben meine Schuhe das nicht überstanden."
Thorin gab ein verstehendes Brummen von sich, missbilligte jedoch zu tiefst, dass das Kind mit derart kaputtem Schuhwerk durch die Gegend lief. Ihre Zehen mussten doch eiskalt sein.
„Dís, kannst du deiner Freundin nicht ein paar Schuhe leihen?"
Die Kinder blickten kurz einander an, ehe seine Schwester einen Fuß dicht an den ihrer Freundin stellte.
„Das würde ich ja gerne, aber Morna hat viel größere Füße als ich. Schon früher wollten ihr meine Schuhe nicht passen. Und außerdem habe ich doch nur noch dieses eine Paar, was ich gerade trage."
Thorin besah sich die Füße der Kinder genau. Nun, viel größer waren Mornas Füße nicht. Aber Dís Schuhe würden ihr in der Tat nicht mehr passen und sie an den Fußzehen unangenehm drücken.
Und wieder staunte der Zwergenprinz, was nur ein Jahr Altersunterschied doch ausmachen konnten. Die Elfjährige war einen halben Kopf größer als ihre jüngere Freundin, obwohl sie nur wenige Monate älter war.
„Hat Adiir deine Schuhe schon gesehen?"
Morna nickte bloß, doch die Frage schien ihr mehr als unangenehm zu sein. Thorin wusste um die finanzielle Lager der Familie. Bisher hatten sie es immer wieder geschafft, über die Runden zu kommen. Nun jedoch, war ihr Vater tot und Mornas ältester Bruder hatte seine sechs jüngeren Geschwister zu versorgen. Und obgleich jeder von ihnen mit anpackte und hart arbeitete, reichte der Lohn meist nur für das Notwendigste. Und das war allem voran, Nahrung. Für Kleider reichte das Geld nicht aus. Und es verging kaum ein Tag, an dem Adiir sich nicht zu wünschen schien, mehr für seine Familie tun zu können. In dem letzten halben Jahr, hatten sich die beiden jungen Männer sehr viel besser kennen gelernt. War dies jedoch nicht sonderbar verwunderlich. Hingen die Mädchen wie Kletten aneinander. Ihre Familien, liefen sich oft über den Weg, nicht zuletzt, da der rothaarige Zwerg beinahe jeden Abend vor ihrem Zelteingang stand und um die Herausgabe seiner Schwester bat.
Und jedes Mal, wenn er dies tat, schimpfte er im milden Tonfall mit dem Mädchen, weil sie wieder einmal die Zeit vergessen hatten. Und Thorin musste feststellen, dass die Gesellschaft von Mornas ältestem Bruder keineswegs unangenehm war. Adiir hatte großen Sinn für Humor und hinter seiner breiten Stirn, saß ein heller Verstand. Er war handwerklich sehr begabt und sprach stets aus, was er dachte. Selbst wenn er damit Gefahr lief, den Zwergenprinzen zu verärgern. Einige würden sagen, Adiir sei töricht. Doch Thorin schätzte diese Ehrlichkeit. Sie ist ein teures Gut, vor allem wenn man nicht selten von Heuchlern umgeben war. Und so genoss der junge Mann des öfteren das Beisammensein mit dem Zwerg, welcher so gewöhnlich war. Tatsächlich hatten sie erst vor einigen Tagen zu später Stunde noch zusammen gesessen und ihre Bierkrüge geleert, während die Mädchen sich überschwänglich von einander verabschiedet hatten. Nicht, dass sie sich am nächsten Morgen nicht in aller Frühe wieder sehen würden. Aber jede Trennung wurde, wahrscheinlich absichtlich, übermäßig dramatisch und beinahe theatralisch dargestellt. Zum einen, um noch etwas Zeit zu schinden. Zum anderen wohl, um ihre älteren Brüder zu ärgern. Doch Thorin und Adirr rang es für gewöhnlich nur ein mildes Lächeln ab und sie kommentierten meist im sarkastischen Tonfall jenes Schauspiel, welches ihre Schwestern zu Schau stellten.
„Aber du brauchst neue Schuhe, Morna. Schmerzen deine Zehen nicht bei der Kälte?"
Thorin schaute in das Gesicht des Mädchens, doch sie wandte ihren Blick sofort ab. Ein trauriger Zug war in ihrer Miene zu erkennen und sie schien vor dem Zwergenprinzen immer kleiner zu werden.
„Nur ein bisschen. Ich kann es aushalten."
Ob sie es aushalten konnte oder nicht, so war dieser Zustand nicht länger tragbar. Nicht mehr lange und die Sohlen würden abfallen und das Kind würde Barfuss durch die Welt gehen müssen. Mit einem schweren Seufzen, erhob sich Thorin.
„Ich werde mit deinem Bruder noch einmal darüber sprechen. Er kann doch nicht…", doch zugleich wurde der Zwerg unterbrochen.
„Nein, bitte nicht."
Mornas Gesichtsausdruck wirkte erschrocken, beinahe panisch und ihre Augen flehte Thorin an, kein Wort zu sagen.
„Adiir hat schon genug Sorgen. Ich will ihn damit nicht auch noch belasten."
Beschwichtigend, legte Dís ihrer Freundin eine Hand auf die Schulter und sprach auf sie ein.
„Aber Morna, deine Zehen werden noch erfrieren und abfallen."
Doch jedes Wort schien die Rothaarige mehr und mehr zu erzürnen. Ihre Schultern spannten sich an.
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Konnten die beiden denn nicht verstehen, dass es ihrer Familie nicht möglich war, sich solch einen Luxus zu erlauben? Die wenigen Münzen, welche sie zurück legen konnten, würde nicht einmal ansatzweise, für neue Kleider ausreichen. Zumal jene Schuhe, die sie gerade trug und so gekonnt auseinander fielen, bereits zwei ihrer älteren Brüder gehört hatten. Die Jüngeren mussten stets die Kleider der Älteren auftragen. Das war in ihrer Familie gang und gäbe. Und bisher hatte Morna das auch nie gestört. Bis heute. Bis sie auf diesen scheinbaren Missstand aufmerksam gemacht wurde. Innerlich hatte die Rothaarige das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Vor ihren vermeintlichen Freunden und das schürfte ihre Wut.
„Thorin hat recht, du brauchst ein paar Neue. Bestimmt kann der Schuster in der Stadt euch einen guten Preis machen und…"
„Ich sagte nein!", schnitt das Mädchen ihrer Freundin das Wort ab.
Erschrocken, blickte Dís ihr Gegenüber an, doch diese stürmte einfach davon und verschwand in der Unterkunft ihrer Familie. Die Jüngere wollte ihr nacheilen. Sich entschuldigen, doch Thorin hielt seine Schwester an der Schulter zurück.
„Lass sie gehen, Dís."
Dem Mädchen ebenfalls nachsehend, zog er die Jüngere mit sanfter Gewalt hinter sich her.
„Gib ihr etwas Zeit."
Ein wenig niedergeschlagen, blickte die Schwarzhaarige auf den lehmigen Boden, während sie ihrem Bruder folgte.
„Aber ich wollte mich doch gar nicht mit ihr streiten. Schließlich sind wir doch Freunde."
„Und das seit ihr auch jetzt noch. Morna wird ein wenig Zeit für sich selbst brauchen, um ihr hitziges Gemüt abzukühlen. Sie wird sich wieder beruhigen."
„Aber wir haben es doch nur gut gemeint. Ich verstehe nicht, warum sie so wütend auf uns ist."
Mit verzagtem Blick, schaute Dís ihren großen Bruder an. Es traf ihn schwer, seine Schwester so traurig zu sehen. Thorin stoppte seine Schritte, ging vor seiner Schwester in die Hocke und legte ihr tröstend die Hände auf die Schultern.
„Ich fürchte, wir haben Morna mit unseren Worten ein wenig gekränkt. Doch ich bin mir sicher, dass sie in wenigen Tagen vor unserem Zelt stehen wird und die ganze Angelegenheit vergessen hat. So schnell wie ein Streit entstehen kann, verraucht er auch meist wieder. Mach dir keine Sorgen, sie wird nicht nachtragend sein."
Dís nickte, doch ihr Blick war weiterhin traurig und hoffnungslos. In einer liebevollen Geste, hob Thorin ihr Kinn an und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
„Na komm, lass uns nach Hause gehen und eine Runde Tablut spielen. Vielleicht lasse ich dich auch einmal gewinnen."
Diese Worte entlockten dem Mädchen doch ein Lächeln. Kam es nur sehr selten vor, dass ihr Bruder überhaupt die Zeit fand, mit ihr zu spielen. Auch wenn es nur ein simples Brettspiel war, freute sich Dís auf den gemeinsamen Abend mit Thorin. Und vielleicht hatte er recht und morgen, wäre alles wieder in Ordnung.
Fortsetzung folgt…
