So nah
Kapitel 12
Durinstag
„Dís! Nun halt endlich still.", mahnte Morna und hielt krampfhaft die Haarsträhnen fest, welche sie gerade geflochten hatte.
Sie waren noch nicht zusammensteckt und würden jeden Moment wieder auseinander fallen, wenn die Jüngere nicht endlich ruhig sitzen bleiben würde. Dabei sollte doch alles perfekt sitzen. Insgeheim waren sie beide ein klein wenig nervös. Der große Tag war endlich da. Der Durinstag. Den gesamten Vormittag hatten die Mädchen damit zugebracht, beim kochen zu helfen. Hatten Kartoffeln und Möhren geschält, Brote und Kuchen gebacken und kräftig mit den Löffeln in den Kesseln gerührt, damit bloß nichts anbrannte. Am späten Nachmittag war das Festzelt geschmückt worden, welches notdürftig aus mehreren Zeltplanen zusammengenäht worden war. Sie hatten nicht die Mittel für eine große Feier, doch kein Zwerg sollte sich ausgeschlossen fühlen. Keiner sollte vor dem Eingang stehen bleiben müssen, weil nicht ausreichend Platz vorhanden war. Nach der Feier würde wohl eine Vielzahl der Zwerge auch ihr Nachtlager hier aufschlagen und Dís und Morna freuten sich schon ein wenig darauf. Bisher hatten sie die Nacht niemals gemeinsam verbracht und sie wussten bereits jetzt, dass sie noch bis tief in die Nacht flüstern und kichern würden, während um sie herum das Geschnarche ausbrechen würde.
„Tut mir leid, aber ich bin so aufgeregt. Frerin hat mir verraten, dass sie mir eine Kleinigkeit schenken wollen und ich bin schon so gespannt, was es wohl sein wird."
Morna lächelte mild und konzentrierte sich vollkommen auf ihre Arbeit. Das Geschenke am Durinstag ausgetauscht wurden, war keine Seltenheit. Es war beinahe eine Tradition. Doch es herrschten schwierige Zeiten. Nur wenige Familien konnten es sich erlauben, überhaupt eine Kleinigkeit zu besorgen. Für Mornas Brüder war es unmöglich gewesen. Doch die Rothaarige war nicht sonderlich traurig oder enttäuscht darüber. Sie war froh ihre Brüder noch zu haben, auch wenn sie diesen manchmal die Krätze an den Hals wünschte. Und es war ihr lieber, sie zufrieden und mit vollen Bäuchen zu sehen, als hungernd und klagend, nur damit ihre Schwester ein neues Kleid oder ein paar Schuhe bekam. Nein, so war es das Beste.
„Holt uns Frerin später ab oder gehen wir allein zum Fest?", fragte die Ältere, nachdem sie zwei kleine Haarspangen von den Lippen entfernt hatte, welche sie mit dem Mund festgehalten hatte.
Manchmal brauchte man zwei Hände mehr, um solch komplizierte Frisuren hochzustecken. Doch konnte Morna den Wunsch ihrer Freundin verstehen, heute besonders schön aussehen zu wollen. Und mit etwas Glück würde Dís die gleiche Geduld und Hingabe in ihre Haare investieren.
Zufrieden mit ihrer Arbeit, betrachtete die Zwergin das kleine Kunstwerk noch einmal von allen Seite, ehe sie den Platz mit ihrer Freundin tauschte. Tatsächlich war das Volk der Zwerge besonders stolz auf ihre ausgefallene Flechtkunst und ein jeder gab sich besonders viel Mühe mit seiner Haarpracht. Und diesem wollten die Mädchen in nichts nachstehen.
„Nein, wir gehen später mit Frerin. Er wollte nur noch einmal seine Fallen kontrollieren. Thorin kommt erst später nach. Er hatte heute morgen gesagt, er würde länger in der Schmiede brauchen, bevor er gegangen ist."
Im Festzelt hatten bereits unzählige Zwerge ihre Plätze eingenommen und unterhielt sich angeregt und lautstark. Ohrenbetäubender Lärm, ließ Dís kaum ihr eigenes Wort verstehen. In allen Ecken spielte Musik. Es wurde getanzt und Lieder gesungen. Die ersten Trinkspiele fanden unter den Männer statt, bevor überhaupt das Essen auf den Tischen stand. Dazwischen tobten kleine Kinder. Spielten Fangen und Verstecken. Von weitem erkannte Morna Dwalin, welcher sich mit einem anderen Zwerg im Armdrücken maß und von einer Schar schaulustiger Männer umringt worden war. Heißer Dampf stieg aus einer Nische des Zelts auf, wo die Kessel auf prasselndem Feuer standen. Draußen wurde das erlegte Wild geröstet. Es roch herrlich und die Mägen der Mädchen knurrten schon vorfreudig. Eine stämmige Zwergin entdeckte die Kinder und winkte sie herbei, während sie sich die Hände an der Schürze abwischte. Es gab noch viel zu tun und Dís und Morna sollten mit anpacken. Frerin konnte gar nicht so schnell reagieren, als er plötzlich allein da stand und die beiden ihm lediglich ihre Mäntel zurück gelassen hatten. Doch es entlockte dem Zwergenprinzen ein zufriedenes Lächeln. War seine kleine Schwester vor einigen Tagen noch untröstlich gewesen, als sie Abends mit Thorin nach Hause gekommen war. Offensichtlich hatten sich die Mädchen gestritten gehabt.
Obgleich es angeblich nur Belanglosigkeiten gewesen sind, so hatten ihre älteren Brüder alle Mühe gehabt, Dís Tränen zu trocknen. Doch der Zwist war schnell vergessen und am nächsten Tag waren die Mädchen wieder gemeinsam durchs Lager gestreift. Jetzt liefen sie nebeneinander her, trugen Schüsseln und Teller von einem Tisch zu nächsten. Arbeitete Hand in Hand und redeten ununterbrochen.
„Es scheint wieder traute Zweisamkeit zwischen ihnen zu herrschen.", erklang plötzlich eine vertraute Stimme neben Frerin.
Thorin war an seine Seite getreten. Der Mantel feucht vom frisch gefallenen Schnee und die Wangen ein wenig von der Kälte gerötet, wirkte der Zwergenprinz ein wenig müde. Vermutlich von der harten Arbeit in der Schmieden. In den letzten zwei Wochen hatte Thorin jeden Abend länger gearbeitet und war erst spät in der Nacht heim gekehrt. Oftmals hatten Dís und Frerin bereits geschlafen und ihren Bruder den gesamten Tag nicht einmal zu Gesicht bekommen. Denn er verließ das Zelt jeden Morgen bereits vor Sonnenaufgang. Wofür sich der junge Zwerg nur so abrackerte, konnte niemand verstehen. Doch vielleicht lag die Antwort in dem Beutel, welchen Thorin bei sich trug.
„Wie immer unzertrennlich.", stimmte Frerin zu und er konnte seinen Blick nicht von der Tasche abwenden.
„Zum Glück. Die beiden schätzen einander sehr und Dís war unendlich traurig gewesen. Das möchte ich kein zweites Mal erleben."
Der Jüngere nickte, doch schienen ihn die Worte seines Bruders nicht einmal erreicht zu haben.
„Was hast du da?", fragte Frerin neugierig und regte den Hals ein wenig, um in den Beutel zu schauen.
Dabei versuchte er die Öffnung der Tragehilfe ein wenig zu erweitern, doch Thorin schob seine Hand beiseite.
„Nimm deine neugierigen Pfoten weg. Das ist nicht für dich."
Frerin verzog den Mund ein wenig beleidigt, ließ jedoch nicht von seinem Bruder ab.
„Na dann kannst du es mir doch auch zeigen. Ich verspreche, ich verrate es niemandem."
Der Ältere schien kurz abzuwägen, wie viel er auf die Worte Frerins geben konnte. Schließlich blickte er sich einmal kurz um und öffnete den Beutel gerade weit genug, damit der Jüngere einen Blick hinein werfen konnte. Dieser hob leicht überrascht eine Augenbraue.
„Da wird sich aber jemand freuen. Doch vielleicht solltest du bis nach dem Essen warten. Du weißt ja, wie euphorisch Dís werden kann."
Ein Lächeln stahl sich auf Thorins Gesicht. Oh ja, dass wusste er nur zu gut.
Das Essen war köstlich. An allen Tischen wurde lauthals geschlürft, geschmatzt und gegessen, was der Magen vertragen konnte. In manchen Fällen, sogar darüber hinaus. Einige Zwerge hatten sich derart überfressen, dass sie erst einmal hinaus an die frische Luft gehen mussten. In der schwül warmen Luft des Festzelts, rebellierten einige überfüllte Mägen. Frerin und Thorin saßen nebeneinander. Beide hatten ihre Teller bereits geleert und sich zufrieden in ihren Stühlen zurück gelehnt. Ihre Blicke schweiften durch die Menge und der Zwergenprinz musste mit Genugtuung feststellen, dass sein Volk endlich wieder glücklich zu sein schien. Wenn auch nur für einen einzigen Abend. Doch es wärmte sein Herz, dass die dunklen Tage zumindest für heute vertrieben werden konnten. Ab und an, erblickte Thorin von weitem seine Schwester, welche mit anderen Kinder zusammen saß und sie scheinbar irgendwelchen Spielen nachgingen. Morna war natürlich immer im Schlepptau und keine von den Mädchen schien auch nur einen Schritt, ohne die andere zu tun. Dem jungen Mann war sofort aufgefallen, dass die beiden die gleiche Frisur trugen, kaum dass er das Festzelt betreten hatte. Wüsste es der Zwergenprinz nicht besser, könnte man denken, sie seien Schwestern. Doch Thorin freute sich für die Kinder. Eine derartig innige Freundschaft war etwas kostbares.
Etwas wundervolles und er wünschte den Mädchen, dass sie noch lange anhalten würde.
Nach dem Essen, wurde fröhlich weiter gefeiert. Die Zwerginnen nötigten die Männer förmlich dazu, mit ihnen zu tanzen. Und wie immer hatte Dís ihren zweit ältesten Bruder auf die Beine gezerrt und gegen seinen Willen in Beschlag genommen. Morna nahm vorlieb mit ihrem Bruder Adiir, welcher diese Kunst eindeutig besser beherrschte und es ihm offensichtlich Freude bereitet, mit seiner Schwester zu tanzen. Anders als Frerin. Und Thorin musste innerlich ein wenig darüber grinsen, dass er von seiner Schwester nicht aufgefordert wurde. Sie schien immer noch eingeschnappt zu sein, dass er Dís an ihrem Geburtstag nicht den Wunsch nach einem gemeinsamen Tanz erfüllt hatte. Und innerlich fragte sich der Ältere, ob sie ihn vielleicht nie wieder fragen würde. Sollte er darüber glücklich sein? Nun, es störte ihn nicht all zu sehr. Gab es doch genug junge, tanzwillige Zwerge, welche ihr diesen Wunsch nur all zu gerne erfüllten. Dís war in bester Gesellschaft. Thorin wünschte, er könnte das gleiche von sich selbst behaupten und hätte ausnahmsweise zu gerne mit Frerin getauscht. Obgleich wohl jeder ledige Zwerg liebend gerne den Platz des Zwergenprinzen eingenommen hätte, so verfluchte Thorin seine kleine Schwester innerlich, dass sie ihn nicht aus dem Klammergriff der Frauen an seiner Seite gerissen hatte.
Stattdessen hatte sie Frerin mitgenommen und ihn bei diesen Damen zurück gelassen. Im Moment war er von drei Frauen umgeben, die um seine Aufmerksamkeit buhlten. Und die Absichten der Schwestern, waren offensichtlich keineswegs ehrenhaft. Vor allem wenn man bedachte, dass die Älteste im vergangenen Winter mit Dennin vermählt worden war. Und obwohl Thorin den alten Krieger und einstiegen Goldschmied gerne mochte, war es wahrlich eine Schande, dass eine so lebhafte junge Frau an einen Mann gebunden war, der dreimal so alt war wie sie selbst. Besonders da besagter Zwerg mehr Zeit mit der Jagd und der Schmiedekunst verbrachte, als mit seiner wunderschönen Braut. Thorin wusste nicht, ob es pure Verzweiflung war, welche Merul dazu trieb, ihm schöne Augen zu machen. Oder vielleicht die Aussicht, auf eine bessere Partie. Doch er war kein Lückenbüßer. Für niemanden. Seit drei Monaten nutzte die junge Frau jede sich bietende Gelegenheit, um sich dem Zwergenprinzen anzunähern. Mit niederschmetterndem Erfolg ihrer Seits. Thorin war nicht an diesen Frauen interessiert. Und anders, als viele Männer behaupteten, lag es nicht daran, dass sie vielleicht nicht schön, reich oder gebildet genug waren, um sich in seinen Kreisen zu bewegen. Nein. Thorin wollte sein Herz nicht an eine Frau verlieren, welche lediglich seine Krone liebte und für sein Innerstes keine Verwendung hatte.
Eine Frau, die nicht den Mann liebte, der er war. Sie hatten kein Interesse an ihm, sondern nur an seinem Titel und dem daraus resultierenden Wohlstand. Und obgleich es ihrem Volk wahrlich nicht gut erging in jenen Tagen, so schienen viele Frauen der festen Überzeugung, es sei immer noch besser mit einem zukünftigen König vermählt zu sein, statt mit irgendeinem anderen Zwerg. Da Thorin schon immer bemüht war, Unannehmlichkeiten jeglicher Art so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen, hatte er darauf verzichtet, auf die verführerischen Vorschläge und Annäherungsversuche der jungen Frau einzugehen. Doch sie war überaus hartnäckig und ließ fast nichts unversucht.
„Bitte erzählt uns von der Jagd, als Ihr den wilden Keiler erlegt habt, der fast das gesamte Lager verwüstet hatte. Diese Bestie hätte Euch in Stücke reißen können, mein Herr. Aber ihr habt euch diesem Untier mutig in den weg gestellt."
Meruls Stimme klang beinahe wie das Schnurren einer Katze, als sie mit ihrem Stuhl näher an ihn rückte.
„Ich finde die Geschichte viel schöner, wie Ihr eine Horde Orks überwältigt habt, die Euch auf Eurem Weg zum Erebor überfallen wollten.", säuselte Nandae und legte ihm sachte eine Hand auf den Unterarm.
Thorin quittierte ihre Handlung mit einem missbilligenden Blick.
Er war vielleicht jung, doch er war kein Narr. Diese Frauen wollten sich nur bei ihm einschmeicheln und ihn umgarnen. Ihm das Gefühl geben, er wäre ein unverzichtbarer, stattlicher Zwerg, ohne dessen Anwesenheit ihr Leben keinen Sinn ergeben würde. Vermutlich noch im Heldengewandt. Doch Thorin kannte die Wahrheit ganz genau und schämte sich dieser auch nicht. All die Geschichte, über den erlegten Keiler und die vernichtete Orkmeute, gingen nicht allein auf den Zwergenprinzen zurück. Tatsächlich hatte er sich bei jenen vermeintlichen Heldentaten nie allein dem Gegner stellen müssen. Er war immer in der Begleitung anderer Zwerge gewesen. Nicht selten waren Balin und Dwalin seine Weggefährten. Thorin hatte niemals den Ruhm jener Taten für sich allein gewollt. Tatsächlich, bedeuteten sie ihm nichts. Er hatte lediglich sein Leben und das anderer verteidigt. Es gab nicht einen Zwerg, der anders gehandelt hätte. Doch bauschten diese Frauen jene Geschichten derart dramatisch auf, als hätte er Mittelerde von Sauron befreit und sei gerade so mit dem Leben davon gekommen. Und das nur, um ihn zu betören und seine Gunst zu erringen. Doch nichts davon, würde ihnen jemals gelingen. Mit einem dumpfen Geräusch wurde mit einem Mal ein voller Bierkrug vor dem Zwergenprinzen abgestellt. Ein wenig unsicher, schob das rothaarige Mädchen den Humpen dichter zu seinem Besitzer.
„Verzeiht die Unterbrechung, mein Herr. Aber Euer Bruder hat mich gebeten Euch zu fragen, ob Ihr ihn nicht für eine Weile ablösen könntet."
Thorin blickte auf die andere Seite des Festzelts und erblickte das unverschämte Grinsen seines kleinen Bruders. Doch innerlich dankte er den drei Quälgeistern für die Möglichkeit, den Damen an seiner Seite galant zu entkommen und diese eventuell mit der Gesellschaft Frerins zufrieden stellen zu können.
„Und was ist dann das?", fragte der junge Mann und deutete auf den Krug.
Morna blickte auf ihre Schuhe und scharrte mit deren Spitze über den harten Boden. War sie etwa verlegen?
„Adiir meinte, Ihr seid vielleicht gewillter auf Frerins Vorschlag einzugehen, wenn wir Euch unseren guten Willen vorher zeigen."
Der Zwerg nickte verstehend. Mit anderen Worten, sie wollten ihn schlichtweg bestechen. Doch hatten die vier keine Ahnung, dass dies überhaupt nicht notwendig gewesen wäre. Einen kräftigen Schluck von dem Gebräu herunter spülend, erhob sich Thorin und deutete dem kleinen Mädchen an, sie solle vorgehen. Mornas schüchternes Lächeln verwandelte sich in ein glückliches Strahlen und sie schien kein Halten mehr zu kennen. Mit schockierten Mienen, blickte die Frauen zu dem jungen Mann empor. Sie konnte es nicht fassen, dass der Zwerg sie einfach sitzen ließ, um mit zwei kleinen Mädchen das Tanzbein zu schwingen.
„Entschuldigt mich. Meine Schwester verlangt nach mir."
Waren die letzten Worte, welche Merul und ihre beiden Schwester zu hören bekamen, als der Zwergenprinz sich bereits von ihnen entfernte und irgendwo in der Menge verschwand.
Fortsetzung folgt…
