So nah
Kapitel 13
Die Welt um uns versinkt
Seine Hände waren groß. Schienen die des kleinen Mädchens beinahe zu verschlingen, wenn er sie hielt. Seine Haut war warm und ein wenig rau, doch es machte Morna nichts aus. Viel zu sehr war die junge Zwergin damit beschäftigt auf ihre Schritte zu achten. Keinen Fehler zu machen und dem Zwergenprinzen auf gar keinen Fall auf die Füße zu treten. Er würde sie wohl für einen ungeschickten Trampel halten. Und dies war das Letzte, was die Rothaarige wollte. Viel mehr war sie unendlich dankbar dafür, Thorin noch einmal so nah sein zu dürfen. Ihn wieder berühren zu dürfen. Aber dieses Mal unter erfreulicheren Umständen, als zu jener Zeit im Erebor. Dies war ihr Tanz, auf welchen die junge Zwergin niemals zu hoffen gewagt hatte. Doch Thorin war hier. Es war nicht nur ein Traum oder eine wilde Phantasie, welche der Verstand ihr vorgaukeln wollte. Es war die Wirklichkeit. Konnte sie ihn doch fühlen. Und dennoch konnte Morna jene negativen Gedanken nicht verdrängen, welche sich so unaufhaltsam in ihr Bewusstsein zu stehlen versuchten. Gedanken darüber, dass der Zwergenprinz nicht aus reiner Freundlichkeit mit ihr tanzte. Gedanken darüber, dass Morna nur ein Lückenbüßer sein könnte.
Zweifelte sie etwa an seiner Aufrichtigkeit? Unauffällig blickte die Elfjährige zurück zu jener Tafel, an welcher nun Frerin Platz genommen hatte. Die Frauen schienen sich auch mit der Anwesenheit des jüngeren Prinzen zufrieden zu geben. Und Thorin schien froh darüber, jenen Damen entkommen zu sein. Für einen Moment versetzte es Morna einen Stich ins Herz. War sie nur eine willkommene Ablenkung gewesen? Eine gute Ausrede, welche zur rechten Zeit gekommen war? Und gleichzeitig verbot sich das junge Mädchen weiter darüber nachzudenken. An Thorins Charakter zu zweifeln. Selbst wenn er die Chance zur Flucht genutzt hatte, warum sollte es sie nun traurig machen? Konnte das Zwergenmädchen doch glücklich sein, dass er ihr überhaupt so viel Aufmerksamkeit schenkte. Mehr noch, dass er ihre Hand hielt. Das er ihr so nah war, wie kein anderer Mann jemals zuvor. Abgesehen von ihren Brüdern und ihrem Vater. Die Beweggründe hatten sie nicht zu interessieren. Und doch. Wünschte sich die Rothaarige, etwas mehr für den Zwergenprinzen sein zu können. Selbstverständlich war sie keine Närrin. War Morna viel Jünger als ihr Gegenüber. Und im Vergleich zu jenen Frauen, die Thorin bis vor wenigen Moment noch schöne Augen gemacht hatten, hatte die Rothaarige nichts womit sie gegen jene Zwerginnen konkurrieren könnte.
Ihre Haare, ihre Augen, ihre Gesichter waren wunderschön. Ihr Lächeln bezaubernd. Morna hatte nichts der gleichen zu bieten. Ihr rotes Haar war struppig und widerspenstig. Stets schien es seinen eigenen Willen zu haben und selbst die aufwendigsten Zöpfe und geflochtenen Frisuren waren nach wenigen Stunden dahin. Ihre haselnussbraunen Augen unscheinbar und das Gesicht übersät mit Sommersprossen. Nein, es gab nichts besonderes oder gar bezauberndes an ihr. Warum also sollte sie dem Mann, welcher gerade ihre Hände hielt, jemals auffallen?
Thorin schien die Kunst des Tanzens besser zu beherrschen, als er seine Schwester damals glauben lassen wollte. Zumindest musste er nicht die ganze Zeit auf seine Füße starren, sondern blickte das Mädchen vor ihm direkt an. Ein zaghaftes Lächeln hatte sich auf seine Lippen gelegt als er erkannte, wie sehr sich Morna bemühte keinen Fehler zu machen. Dabei war dies überhaupt nicht notwendig. Hatte Thorin das Mädchen schon unzählige Male dabei beobachtet, wie sie mit ihrem Bruder tanzte. Wie leichtfüßig sich die Rothaarige bewegen konnte und welche Lebensfreude dabei ihr kindlich rundes Gesicht zierte. Wie ihre Augen strahlten. Doch nichts der gleichen konnte Thorin im Augenblick spüren oder sehen. Viel mehr fühlten sich ihre Finger verkrampft in seinen Händen an. Ihr Körper zum zerreißen angespannt. Der Zwergenprinz hatte dem Mädchen eine Freude machen wollen. Er hatte geglaubt, sie würde auch einmal mit ihm tanzen wollen, nachdem Dís ihn so sehr in beschlag genommen und sie nur dabei zugesehen hatte. Und nun wurde Thorin den Eindruck nicht los, dass Morna unter dieser Aufgabe beinahe zerbrach. Selbst ihr Gesicht wirkte verkniffen und sogar ein wenig traurig. Doch als sie seine Hand genommen hatte, war da keinerlei Unwillen oder Scheu gewesen. Zaghafte Zurückhaltung.
Doch keinesfalls Ablehnung. Oder hatte sich der Zwerg etwa getäuscht? Sachte löste er eine Hand aus ihrem Klammergriff und hob ihr Kinn zu ihm empor.
„Du darfst mich auch ansehen, Morna. Deine Füße wissen von allein, was sie zu tun haben."
Ihre Augen schienen überrascht. So groß und schreckhaft, wie die eines Kaninchen wenn es den Fuchs zu spät gesehen hat und schnellstmöglich einen Fluchtweg finden musste. Doch dann legte sich ein schüchternes Lächeln auf ihre Lippen.
„Verzeiht mir, mein Herr. Es ist das erste Mal, dass ich von jemand anderem aufgefordert wurde als meinem Bruder Adiir. Ich wollte nichts falsch machen."
Thorin nickte nur verstehend. Doch schien mit einem Mal das Eis gebrochen zu sein. Zumindest wand die Zwergin ihren Blick nicht mehr von ihm ab. Vielmehr verlor sie sich in dem unergründlichen blau seiner Augen. Die Welt schien um Morna herum zu versinken. Als gebe es nur noch sie beide und niemanden sonst.
„Wieso dürfen Dís und ich nicht bei den anderen im Festzelt schlafen? Wir hatten uns schon so darauf gefreut.", klagte Morna und zog ein trotziges Gesicht zur Schau.
Die Arme hatten die Mädchen stur vor der Brust verschränkt und wütend mit dem Fuß aufgestampft. Ihre Wangen waren noch immer von der Anstrengung des Tanzens gerötet und die Atmung der Mädchen deutlich hörbar. Adiir ließ sich jedoch nicht davon beeindrucken und half weiter beim abtrocknen der Bierkrüge.
„Weil Thorin und ich es so entschieden haben."
„Aber das ist nicht fair.", protestierte Dís und warf ihr Küchenhandtuch auf den Tresen.
„Alle anderen dürfen hier übernachten. Warum wir nicht?"
„Alle anderen sind auch wesentlich älter als ihr beiden. Mir ist einfach nicht wohl bei dem Gedanken, dass zwei so junge Mädchen irgendwo zwischen all diesen Trunkenbolden schlaft. Und das ganz allein. Außerdem seid ihr bereits so müde, dass ihr im stehen einschlaft."
„Gar nicht wahr!", kam es von den beiden wie aus einem Mund.
Doch Adiir schüttelte nur den Kopf und die Mädchen wussten, dass sie nachgeben müssten. Weitere Diskussion würden nur dazu führen, dass sie Gefahr liefen, sofort nach Hause geschickt zu werden. Und das große Feuer um Mitternacht, wollten sie auf gar keinen Fall verpassen.
Als die Uhr zur zwölften Stunde schlug, entzündeten die Männer jenes mächtige Feuer, welches das Ende des Durinstags und den Beginn des neuen Zwergenjahres verkündete. Kein Zwerg ließ es sich nehmen, jenes Feuer zu bestaunen und oftmals warfen sie kleine Holzstücke in die Flammen, auf welche sie zuvor Hoffnungen, Träume und Wünsche eingraviert hatten. In der Erwartung, sie würden sich im nächsten Jahr erfüllen. Auch Dís und Morna hatten jeweils ein kleines Stück getrockneter Rinde in den Händen, welche sie den züngelten Flammen überließen. Keine von beiden würde jemals verraten, was ihre Herzen begehrten. Sonst erfüllte es sich schließlich nicht. Doch glaubte jede der beiden zu wissen, was sich die jeweils andere am meisten wünschte. In der Nähe der Flammen war es angenehm warm, doch Morna zog die Decke um ihre Schultern ein wenig fester um ihren Körper. Ihre Beine zitterten ununterbrochen, wann immer sie in den kalten Wintertagen nach draußen ging. Das Kleid, welches sie trug, war mehr für milde Sommertage gemacht, als für eiskalte Winternächte. Und der Zustand ihrer Schuhe hatte sich in den letzten Tagen auch nicht gebessert. Eher das Gegenteil war der Fall gewesen. Und so war die Rothaarige mehr als glücklich gewesen, als ihre Brüder mit eben jenem Plaid vor ihr standen, welches sie nun ein wenig warm hielt.
Hatte die Elfjährige nicht mit einem Geschenk am heutigen Tag gerechnet. Für derlei Dinge fehlten ihnen einfach die Mittel. Doch Adiir und ihre anderen fünf Brüder hatten scheinbar eisern gesparrt, um ihrer kleinen Schwester eine Freude zu machen. Und das rührte ihr Herz. Mehr als einmal musste sie die aufkommenden Tränen weg blinzeln und auch in diesem Moment, wenn sie nur daran dachte, wie viel Mühe und Umstände ihre Brüder sich gemacht haben mussten.
„Morna.", hörte das Mädchen mit einem Mal ihren Namen rufen.
Die Stimme war ihr wohl vertraut und ließ ihr Herz schneller schlagen, wann immer sie erklang. Und wie schön sich ihr Name aus seinem Mund doch anhörte. Die Elfjährige blickte sich suchend um und erst jetzt fiel ihr auf, dass Dís nicht mehr an ihrer Seite war. Stattdessen stand sie direkt vor ihrem Bruder und hielt scheinbar ihr Geschenk in Händen. Vor Überraschung stand ihr Mund ein gutes Stück weit offen und in ihren Augen spiegelte sich Unglauben. Doch Morna konnte sie gut verstehen. Ein wundervoll weiches Paar Winterstiefel aus braunem Leder hielt ihre Freundin in Händen. Das Innenfutter schien aus wärmendem Lammfell. Weiß und kuschlig. Ein überaus teures Geschenk, besonders in ihrer jetzigen Situation, mit welchem die Zehnjährige wohl niemals gerechnet hätte.
Überglücklich fiel Dís ihrem ältesten Bruder um den Hals und hätte ihn beinahe umgeworfen. Doch Thorin gelang es sich zu abzufangen und er hielt seine Schwester fest an sich gedrückt. Diese küsste ihren Bruder mehrmals auf die Wange und drückte ihr Gesicht fest an das seine. Dem Zwergenprinzen entfuhr bei solch einer überschwänglichen Liebesbekundung ein zufriedenes Lachen, ehe sich ihre Blicke trafen und er Morna mit einer Geste heran winkte. Mornas Herz klopfte schneller. Nach dem Tanz hatten sich ihre Wege für den Rest des Abends getrennt. Hatte die Rothaarige in der Küchen helfen müssen und der Zwergenprinz scheinbar die Gesellschaft seines Großvaters vorgezogen. Welches Anliegen könnte er nun an sie haben? Schnellen Schrittes, schlängelte sich das junge Mädchen durch die Menge rund um das große Feuer. Kaum hatte sie Dís Seite erreicht, war diese wieder auf die Füße gesprungen. Völlig überwältigt vor ihrer Freundin auf und abgesprungen, redete vollkommen wirres Zeug und hielt Morna ihre Stiefel vor die Nase. Mit einem breiten Grinsen, brachte sie ihre Freundin zum stehen.
„Durchatmen Dís. Dein Kopf ist bereits ganz rot. Du fällst uns jede Sekunde in Ohnmacht."
Die Jüngere versuchte ihre Begeisterung ein wenig zu zügeln, was ihr jedoch kläglich misslang. Sie stürmte an der kleinen Gruppe vorbei und rannte geschwind zu jedem Zwerg, welchen sie auch nur halbwegs kannte, um ihr Geschenk zu präsentieren.
Morna blickte ihr lächelnd nach, bis ein sachter Ruck an ihrem Zopf ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch dieses Mal, wusste die Elfjährige genau, wer sie da so frech am Haar zog. Mit einem gespielt empörten Gesichtsausdruck, drehte sich Morna zu dem Zwergenprinzen herum, welcher anscheinend ihre Aufmerksamkeit forderte. Doch insgeheim musste sie zugeben, dass es ihr weiterhin sehr gut gefiel, auf diese Weise von ihm geneckt zu werden. Vielleicht war dies seine Art dem Mädchen zu zeigen, dass er sie vielleicht ein wenig mochte. Zumindest hoffte es die junge Zwergin.
„Für dich.", waren seine knappen Worten, ehe Thorin seinem Gegenüber den mitgebrachten Beutel in die Hand drückte.
Fortsetzung folgt…
