So nah
Kapitel 14
Wie angegossen
„Was ist das?", fragte die Elfjährige und runzelte die Stirn.
Mornas Gesicht zeigte deutliche Verwunderung und zugleich spürte sie beim abtasten des groben Stoffes, dass der Sack keinesfalls leer war.
„Sieh hinein, dann weißt du es."
Für einen Moment trafen sich ihre Augen. Doch Thorins Gesicht blieb ausdruckslos.
„Nein, ich meine…", die Rothaarige brach ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
Dís ältester Bruder würde ihr wohl kaum ein Geschenk machen wollen, oder? Immerhin gehörte sie nicht zu deren Familie. Nicht, dass es unüblich wäre Freunde am Durinstag zu beschenken. Wenn man es sich denn leisten konnte. Doch die Zeiten waren schlecht und der Zwergenprinz hatte gewiss hart arbeiten müssen, um allein seine Schwester beschenken zu können. Und nun stand Morna hier, mit diesem Stoffbeutel in den Händen und wagte nicht hinein zu sehen. Und sie wusste noch nicht einmal warum. War es Angst? War es Verlegenheit oder Scham? Oder einfach nur Unglauben, dass ausgerechnet Thorin an sie gedacht hatte. Daran gedacht hatte, sie zu beschenken. Dabei fühlte sich Morna sowohl beglückt, als auch schlecht. Zumal Frerin scheinbar leer ausgegangen war.
„…ich meine, was bedeutet das?"
So sollte es wahrlich nicht sein. Frerin war Thorins Bruder.
Er hatte ein Geschenk verdient. Nicht sie. Und auch Dwalin oder Balin, welche des Zwergenprinzen engste Vertraute waren, hatten nichts bekommen. Und sie beide waren doch keine Freunde, oder etwa doch? Thorin redete nie mit ihr. Er redete immer nur mit Dís, Frerin oder Adiir. Es hatte sogar Tage gegeben, an denen Morna ernsthaft geglaubt hatte, der Zwergenprinz würde sie nicht mögen und sie deswegen ignorieren. Das sie nur ein notwendiges Übel sei, welches immerzu an Dís Fersen klebte und er in Gegenwart seiner Schwester ertragen müsste. Könnte sie sich so sehr in Thorin geirrt haben? Nun, die Elfjährige musste zugeben, dass er so etwas niemals gesagt hatte. Doch sein Verhalten und seine Körpersprache waren Morna gegenüber niemals so herzlich und offen gewesen, wie es beispielsweise bei Frerin der Fall gewesen war. Mit einem sachten Kopfschütteln reichte sie Thorin den Beutel zurück.
„Ich kann das nicht annehmen. Das wäre nicht richtig. Euer Bruder…", wollte die Elfjährige ansetzen, doch ließ Thorin ihren Protest zugleich verstummen, indem er ihr mit einer Handbewegung das Wort abschnitt.
„Mein Bruder ist meine Angelegenheit. Sorge dich nicht darum."
Mit einem kurzen Blick auf den Stoffsack fuhr der Zwergenprinz fort:
„Es ist ein Geschenk und ich hatte erwartet, dass du es annehmen würdest. Ich würde mich zutiefst beleidigt fühlen, wenn du es ablehnst. Ist dies in deinem Sinne?"
Morna schüttelte zugleich beschwichtigend den Kopf.
„Nein, keinesfalls."
Mit geröteten Wangen und einem zaghaften Lächeln auf den Lippen, versuchte das Mädchen seinem Blick auszuweichen und heftete ihn stattdessen erneut auf den Beutel in ihren Händen. Die Neugier in ihrem Innern war kaum auszuhalten und doch kostete es Morna Überwindung, die Verschnürung weiter zu öffnen und hinein zu sehen. Durch das wenige Licht, welches das Feuer spendete, konnte die junge Zwergin zunächst nichts erkennen. Vorsichtig griff sie hinein und ertastete weiches Fell. Zugleich blickte sie den Zwergenprinzen unsicher an. Unverkennbar Tierfell. Thorin würde ihr doch hoffentlich kein totes Kaninchen in den Sack gestopft haben, um sie auf den Arm zu nehmen. Ihren Brüdern würde so etwas jederzeit zutrauen. Nicht selten spielten die Jungen dem Mädchen üble Streiche. Erst letzte Woche hatte Jhorn Regenwürmer auf ihr Brot gelegt. Glücklicherweise war es Morna aufgefallen, ehe sie hineingebissen hatte. Doch Thorin würde so etwas nicht mit ihr machen, oder? Zumindest hoffte die Rothaarige, dass er inzwischen aus diesem Alter heraus war. Mit geschlossenen Augen packte das Mädchen beherzt nach dem Fell und zog es mit einem Ruck aus dem Beutel.
Langsam öffnete sie zunächst ein Augen und rechnete mit dem Schlimmsten. Der Anblick ließ ihr den Atem stocken. Nicht aber vor Entsetzen, sondern vor Unglauben. Ihr Mund klappte unwillkürlich auf, als Morna erkannte, dass sie das gleiche Paar Winterstiefel in Händen hielt, welches auch Dís bekommen hatte. Doch das war nicht möglich. War dies alles nur ein schöner Traum, aus dem sie jede Sekunde erwachen würde? Oder wurden ihre Augen gar durch einen Zauber getäuscht? Am liebsten hätte die Elfjährige sich selbst gezwickt um sich zu überzeugen, dass dies die Wirklichkeit war. Und erst jetzt bemerkte Morna, wie sehr ihre Finger zitterten, als sie das weiche Wildleder befühlte. Die Stiefel näher an ihr Gesicht ziehend, sog sie den Duft der gegerbten Haut tief ein. Noch nie hatte sie ein so feines Schuhwerk ihr eigenen nennen dürfen. Tatsächlich waren alle Schuhe, welche das Mädchen jemals besessen hatte, von ihr aufgetragen worden. Schuhe, aus denen ihre älteren Brüder herausgewachsen waren. Niemals hatte sie wirklich ein eigenes Paar besessen. Gegen ihren Willen sammelten sich Tränen in Mornas Augen, doch versuchte das Mädchen diese tapfer zurück zu halten. Welch ein wundervolles Geschenk. Beinahe zu kostbar, um es überhaupt zu tragen. Tiefe dankbar erfüllte das Innere der Zwergin.
Gewiss hatte der Zwergenprinz hart arbeiten müssen, um sie derart reich zu beschenken. Ein Opfer, welches er niemals hätte erbringen müssen. Sie war nicht seine Schwester. Es gab rein gar nichts, was sie verband. Außer die Zuneigung zu Dís. Doch würde es ihre Freundin nicht geben, hätten sie einander niemals kennen gelernt. Dann wäre der Zwergenprinz ebenso unnahbar für Morna, wie für jedes andere Mädchen. Und die Rothaarige wäre ebenso unscheinbar für Thorin, wie es ihrer Geburt entsprach. Doch nun zu wissen, dass er scheinbar an sie dachte, wärmte ihr Herz. Mehr noch. Es begann zu rasen vor Glück. Sie war nicht unsichtbar für ihn. Nicht so unscheinbar, wie sie sich jeden Tag fühlte in seiner Gegenwart. Sie war nicht nur ein Schatten. Und im selben Moment fühlte sich die Elfjährige ein wenig schlecht. Hatte sie schließlich kein Geschenk, welches sie Thorin nun machen könnte. Nicht die kleinste Aufmerksamkeit. Doch nahm sich Morna fest vor, ihm jederzeit ihre tiefe Dankbarkeit zu beweisen. Alles würde sie versuchen, um seine Großzügigkeit wieder auszugleichen. Auch wenn dem Mädchen bewusst war, dass dies alles andere als einfach werden würde. Doch nichts würde sie unversucht lassen. Und als Morna aufblickte, um ihm zu danken, musste sie feststellen, dass Thorin verschwunden war.
Der Platz vor ihr, war mit einem Mal leer. Verwundert blickte sich die Elfjährige um, aber nirgendwo konnte sie den Zwerg erblicken. Er hatte sie einfach stehen gelassen. Stehen gelassen mit ihrem wundervollen Geschenk in den Händen. Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Züge, als Morna wieder auf die Stiefel blickte. Vielleicht mochte er sie doch ein wenig. Vielleicht.
Mit einem zufriedenen Lächeln, blickte Thorin in die Flammen, während er den Gesprächen seiner Vertrauten nur mit halbem Ohr folgte. Drehten diese sich doch nur um Bier, Waffen, Krieg und die Frauen. Wenn sie nicht gerade über den Verlust des Erobern sprachen. All das interessierte Thorin nur am Rande. Die Freude der Mädchen über ihre Geschenke hatte den Zwergenprinzen wahrlich für die Stunden harter Arbeit in der Schmiede entlohnt. Vor allem, wenn er dabei an Mornas ungläubiges Gesicht dachte und an Dís übermütigen Ausruf der Freude. Und er hätte niemals gedacht, dass es ihn selbst mit derart viel Glückseligkeit erfüllen konnte, den beiden eine Freude zu machen. Doch er mochte die Mädchen. Und seiner Schwester galt die größte Zuneigung, die Thorin empfinden konnte. Seit der Stunde ihrer Geburt. Nichts und Niemand hätte den Zwergenprinzen davon abhalten können, Dís eine Freude zu machen. Liebte er doch das strahlen im Gesicht seiner Schwester. Das funkeln ihrer Augen, wenn sie sich so freute. Nicht selten beobachtete der Zwergenprinz die Mädchen, wie sie trotz all der Entbehrungen Lebensfreude ausstrahlten. Auf ganz natürlich weise. Ohne sich zu verstellen oder ihm etwas vorzugaukeln. Nicht wie all jene Frauen, die versuchten ihn umwerben. Sowohl Thorin, als auch sich selbst belogen, in dem sie sich anders verhielten, als es ihrem Naturell entsprach.
Um ihm zu gefallen. Doch keiner war es bisher gelungen, seine Aufmerksamkeit länger als nötig auf sich zu ziehen. Außer zwei kleinen Mädchen, welche nur wenige Schritte von ihm entfernt auf einem Baumstamm saßen und ihre neuen Stiefel anzogen. Dabei lachte sie einander zufrieden an und schnatterten ununterbrochen. Thorin würde wohl niemals verstehen, wie Frauen einander verstehen konnten, wenn sie doch zeitgleich aufeinander einredeten, ohne auch nur einmal den Mund zu halten. Doch scheinbar konnte das weibliche Geschlecht zur gleich Zeit reden als auch zuhören. An seinem Krug nippend, blickte der Zwergenprinz zu seinem Bruder herüber. Frerin saß noch immer mit jenem Damen zusammen, doch hatten sich inzwischen zwei von Morna's Brüdern dazugesellt. Die jungen Burschen scherzten und prahlten mit allerlei Fähigkeiten, welche sie angeblich auf der Jagd oder auf dem Schlachtfeld erworben hatten. Doch wer genau hinsah wusste, dass diese jungen Männer zu wenige Winter gesehen hatte, um jemals mehr als Erzählungen von glorreichen Kämpfen gehört zu haben. Sie waren selbst fast noch Kinder. Tatsächlich hatte sowohl Thorin, als auch seine jüngeren Geschwister ein behütetes Leben geführt. Fernab von Kriegen, Gewalt oder Verlusten. Gewiss gab es in der Vergangenheit Unstimmigkeiten mit alten Freunde ihres Großvaters. Doch niemals war es deswegen zu boshaften Grenzüberschreitungen gekommen.
Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem Smaug sie ihrer Heimat beraubt hatte. An welchem die Elben mit ihnen gebrochen und ihre Hilfe versagt hatten. Sie nahmen keinerlei Anteil am Leid der Zwerge des Erebor. Ließen ihre Freunde einfach im Stich. Unwillkürlich schlossen sich die Finger des Zwergenprinzen fester um sein Trinkgefäß und sein Blick verfinsterte sich. Thorin fühlte sich verraten von den Elben. Niemals mehr würde er ihnen vertrauen oder ihren Worten glauben schenken. Ihnen fehlte jegliche Ehre. In düstere Gedanken versunken, bemerkte der junge Zwerg zunächst nicht, das jemand neben ihm stand. Ihn direkt anblickte und scheinbar seine Aufmerksamkeit forderte. Erst ein sachtes Zupfen an seinem Mantel, ließ Thorin zu dem rothaarigen Mädchen hinab sehen.
„Und? Passen sie wenigstens?", fragte der Zwergenprinz mit einem Blick auf ihre neuen Stiefel und einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht.
Morna's Lächeln vertiefte sich für einen Augenblick und da konnte Thorin es sehen. Etwas in ihren Augen. Ein Strahlen, welches nicht der Schein der zügelnden Flammen hervorrief, sondern der Wärme ihres Herzens entsprungen war. Kaum hörbar und nur für seine Ohren bestimmt, flüsterte sie ihm zu:
„Wie angegossen."
Und zuckte dabei verlegen mit den Schultern.
Fortsetzung folgt…
