So nah

Kapitel 15

Nichts als Träume

Neun Zwerge, sah man in der Ferne durchs Lager gehen. Gemeinsam. Seite an Seite. Ihre Körper warfen große Schatten auf die unzähligen Planen der Zelte, wann immer sie die wenigen Feuerstellen passierten, welche die Nacht erhellten. Es war kühl und der warme Atem der Zwerge war deutlich zu erkennen. Die Jüngeren unterhielten sich noch immer angeregt. Waren ihre Stimme das Einzige, was die Stille der Nacht zu stören schien. Denn nur wenn man in die Ferne lauschte, konnte man leise Musik und das Stimmengewirr der vielen Zwerge hören, welche immer noch dem Fest beiwohnten. Ansonsten war es beinahe ungewöhnlich still im Lager. Frerin und Darbil scherzten und lachten lautstark. Übermütig stießen sie sich gegenseitig an und rauften ein wenig. Adiir und Thorin gingen voraus. Morna an der Seite ihres Bruders. Nur Dís war bereits auf halber Strecke stehen geblieben und hatte über Müdigkeit geklagt. Kaum hatte ihr ältester Bruder sie auf die Arme gehoben, was das kleine Mädchen tief eingeschlummert. Den Kopf auf seiner Schulter ruhend, war sie Mund leicht geöffnet und ihre Atemzüge leise und tief.

Kurz vor ihrem Ziel, trennte sich die kleine Gruppe und wünschte einander eine gute Nacht. Fünf von Mornas Brüdern liefen bereits voraus und konnten es scheinbar kaum erwarten, ihre Schlafstätten zu erreichen. Nun, der Tag war lang gewesen und steckte jedem in den Knochen und so waren sie schon bald außer hörweite. Nur Adiir und seine kleine Schwester, ließen sich noch ein wenig Zeit. Der rothaarige Zwerg blickte seine Schwester von der Seite an. Morna schaute der kleinen Gruppe kurz nach, jedoch konnte Adiir nicht mit Bestimmtheit sagen, wem genau seine Schwester hinterher blickte. Jedoch hatte der Zwerg bereits eine Vermutung. Und diese lag weder auf der kleinen Prinzessin welche so selig schlief, noch auf den stets fröhlichen Frerin, welcher pausenlos auf seinen älteren Bruder einzureden schien. Dabei lief er rückwärts vor dem Thronfolger her und stolperte beinahe über einen der Zeltpfosten. Morna unterdrückte ein Kichern, ehe sie ihren Blick abwandte und wieder nach vorne richtete. Ihr Bruder tat es ihr gleich. Das Kinn übermütig erhoben, funkelten Mornas Augen vor lauter Glück und er konnte den Tatendrang in ihrem Innern förmlich spüren. Die neuen Stiefel standen dem kleinen Wirbelwind ausgesprochen gut und er konnte noch immer den Stolz im Gesicht der Jüngeren sehen. Oh ja, sie war mehr als glücklich.

Ein wissendes und verschmitztes Lächeln, zierte Adiirs Gesicht, als er das Wort an seine Schwester richtete:

„Soso, du und der Prinz."

Für einen kurzem Augenblick schienen die Worte des Zwergen beinahe greifbar in der Luft zu schweben. Wie vom Blitz getroffen, war Morna plötzlich alles aus dem Gesicht zu fallen. Erschrocken, beinahe schockiert sah sie zu ihrem ältesten Bruder empor. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass er sie darauf ansprechen würde. Geschweige denn solche Schlüsse ziehen würde. Was meinte er nur damit? Was bedeutete sie und der Prinz? Es klang beinahe verboten, wie es Adiir ausdrückte. Als hätte sie etwas unschickliches getan, wofür sie sich nun schämen sollte.

„Ich verstehe nicht."

Peinlich berührt, blickte Morna zu Boden und ihr Gesicht schien förmlich zu glühen. Sie fühlte sie ertappt bei etwas, was sie nicht hätte tun sollen. Doch sie konnte solch ein wundervolles Geschenk doch nicht zurückweisen.

„Ich glaube, dass tust du sehr wohl. Immerhin, habe ich jene Erzählungen deines vermeintlichen Traums und deiner Wünsche nach dem Verlust des Erebors ebenfalls mit anhören können."

Mornas Herz begann zu rasen. Sie erinnerte sich an jene Worte. Worte, welche niemals für die Ohren ihres Bruders bestimmt gewesen waren. Närrische Träume eines Mädchens eben.

Und niemals sollte ein Zwerg erfahren, wie ernst diese in Wahrheit gemeint waren. Wie groß ihre Sehnsucht nach dem jungen Zwergenprinzen war. Wie sehr sie seine Nähe genossen hatte. Wie sehr seine Großzügigkeit ihr Herz mit Freude und Glückseligkeit erfüllte. Und wie groß ihr Wunsch war, dass gleiche für ihn tun zu können. Morna verstand jene Gefühle, die sie im Innern so sehr beschäftigten im Grunde selbst noch nicht genau. Was bedeutete das Rasen ihres Herzens, wenn sie ihn erblickte? Was bedeutete das Glühen ihrer Wangen, wenn er sie anlächelte? Was bedeuteten ihre Träume, welche sie Nacht für Nacht zu Narren halten wollten? Zu gerne hätte sie ihre Mutter danach gefragt. Zu gerne hätte sie mit jemandem darüber gesprochen, der sie verstehen konnte und nicht verurteilen würde. Jemanden, der damit Erfahrung hatte und ihr sagen konnte, was sie tun sollte. Doch ihre geliebte Mutter war viel zu früh von ihr gegangen. Hatte ihr nie erklären können, was all das zu bedeuten hatte. Was sie denken oder wie sie handeln sollte. Nun stand sie da. Peinlich berührt und ertappt von ihrem eigenen Bruder. Doch im Grunde musste sie sich darüber ganz und gar nicht wundern. War es alles andere als schicklich gewesen, dass solche Worte ihren Mund überhaupt verlassen hatten.

„Es ist schon in Ordnung, kleine Schwester.", beteuerte Adiir und legte der Jüngeren beschwichtigend eine Hand auf die Schulter.

Konnte er die Unruhe in ihrem Innern deutlich im Gesicht der Zwergin erkennen. Adiir konnte ihre Gefühle durchaus nachvollziehen und fand rein gar nichts ungewöhnliches daran. Morna war noch jung. Und junge Mädchen verliebten sich schnell. Und meist in die falschen Zwerge. Zumal nahezu jede ledige Frau versuchte, den Prinzen für sich zu gewinnen. Warum sollte seine eigene Schwester dabei eine Ausnahme sein? Thorin war er ehrenwerter Mann. Er hatte ein gutes Herz und Sinn für Humor. Tatsächlich mochte Adiir den Thronerben sehr gern. Und seine Schwester kannte den Zwergenprinzen zumindest besser, als es die meisten anderen Frauen von sich behaupten konnte. Sie hatte einen kleinen Einblick in sein wahres Ich erhalten. Und auch, wenn Adiir nicht wusste, was Morna derart an Thorin begeisterte, so musste es in ihren Augen etwas besonderes sein. Einerseits freute er sich für seine Schwester. Die Liebe war etwas wundervolles. Es konnte die Seele heilen und alle Traurigkeit verbannen. Konnte dem Leben einen Sinn geben und jedermann zu großen Taten bewegen. Und das Gefühl der Verliebtheit konnte berauschend sein. Doch gleichzeitig fürchtete der Zwerg um das Herz seiner Schwester. Konnte der Prinz dieses wohlmöglich, wenn auch unwissentlich brechen. Nicht zuletzt, da eben jenes großzügige Geschenk ihr falsche Hoffnungen machen könnte.

Denn bei aller Liebe und Schwärmerei, so musste das Mädchen irgendwann den Kopf aus dem Wolken holen und der Wahrheit ins Auge sehen. Mornas Träume hatte keine Zukunft. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie das. Was auch immer seine Schwester empfand, so würde dies niemals die Kluft zwischen ihnen beiden überwinden können. Sie war eines Zwergenprinzen einfach nicht würdig. Auch wenn dies bitter und grausam war. So konnte doch niemand seine Wurzeln verleugnen. Niemand konnte ändern, wer er wirklich war. Thorin war von nobler Herkunft. Ein Erbe Durins. Und Morna, nicht mehr als ein einfaches Mädchen aus dem Volk. Ihre Welten hätten nicht verschiedener sein können. Wehmut erfüllte das Herz des Zwergen, wenn er an jenes Leid dachte, welches seine Schwester empfinden musste, wenn sie eines Tages zu der Erkenntnis kommen würde, dass es für sie und Thorin niemals eine gemeinsame Zukunft geben würde.

„Träume ruhig von deinem Prinzen, kleine Schwester. Aber sei nicht enttäuscht, wenn dieser nicht zur Wirklichkeit wird."

Der Ausdruck auf dem Gesicht der Rothaarigen wirkte ernst. Beinahe verbittert. Ihr Blick stur auf den Boden gerichtet. Das kleine Mädchen nickte verstehend. Ihr Bruder hatte letztendlich recht. Sie konnte von Thorin träumen und ihn anhimmeln, so viel sie wollte.

Aber letztendlich würde all das niemals Realität werden. Jedoch würde sie sich selbst belügen, wenn sie behaupten würde, dass sie nicht davon träumte eines Tages die Frau an der Seite des Zwergenprinzen zu sein. Ja, sie schwärmte für Thorin. Ja, er war der Mann, der Nachts durch ihre Träume wanderte und am Tag ihre Gedanken beherrschte. Ihr Herz schlug schneller, wann immer sie ihn erblickte und wenn es nur in der Ferne war. Sie liebte sein Lächeln, seine Stimme, seine Augen. Er war ein geschickter Jäger und bewundernswerter Kämpfer. Er war stark und gleichzeitig gutmütig. Niemals zuvor war sie einem Zwerg begegnen, dessen Seele in den Augen zu sehen war. So lebendig und echt. So wild und ungezähmt. Es wärmte ihr Herz, wann immer er sie neckte oder ihr zur Hilfe kam. Sie wollte ein Teil seines Lebens sein. Und nicht nur als Dís` Freundin. Sie wollte die Zwergin werden, die es schaffen konnte, sein Herz für sich zu gewinnen. So wie er ihres gestohlen hatten. Dafür würde sie alles tun. Welches Mädchen würde wohl nicht von ihm Träumen? Doch tief in ihrem Innern wusste Morna, dass es ihr niemals gelingen würde. Thorin war unerreichbar für sie. Weit entfernt, konnte sie nur eine Zeugin seines Lebens sein. Eine unbedeutende Nebenrolle dabei spielen.

Sie selbst war zu einem anderen Leben bestimmt. Und Adiir hatte das Recht, ihr solche Schwärmerein zu verbieten. Es war seine Pflicht, seiner kleinen Schwester solche Torheiten auszureden. Doch hatte er all die Wochen darüber geschwiegen, was sie in jener Nacht gesagt hatte. Hatte ihr Geheimnis für sich behalten und kein einziges Wort darüber verloren. Und wieder wusste das kleine Mädchen nicht, was sie darüber denken sollte. Was wollte ihr Bruder damit sagen? Hatte sein Verhalten überhaupt etwas zu bedeuten? Und wenn ja, was war es?

„Es gibt viele ehrenwerte Zwerge in unserem Volk, Morna. Eines Tages, wirst du dem Richtigen begegnen. Er wird vielleicht nicht Thorin heißen, aber dir ein guter Mann sein."

Seine Worte berührten ihr Herz. Morna fühlte, dass ihr Bruder sie nur schützen wollte. Doch war sich die Zwergin sicher, dass Adiir auch Angst hatte, sie zu verletzen. Aber war nicht das ganze Leben ein einziger Schmerz? Das Schicksal ein grausamer Schurke, welcher ihr hämisch ins Gesicht grinsten und von hinten einen Dolch ins Herz trieb? Nein, sie war keine Närrin. Sie war noch jung und unerfahren. Doch sie würde immer versuchen, sich nicht in ihren Träumen zu verlieren und den Tatsachen ins Auge zu blicken. Morna wusste, dass ihr Bruder im Grunde recht hatte.

„Ich denke wir sind nun Freunde. Und das reicht mir. Es ist mehr, als ich jemals zu hoffen gewagt hatte."

Und dies war die Wahrheit. Ein Lächeln umspielte die Lippen der Rothaarigen, als sie zu ihrem Bruder hinauf sah. Ihre Augen funkelten zufrieden im Schein der Fackeln und keine dunklen Gedanken verfinsterten ihre Miene. Tatsächlich breitete sich neue Hoffnung in ihrem Innern aus. Sie war seiner nicht würdig, dass wusste Morna. Doch sie würde alles dafür tun, die Zwergin zu werden, die einen Platz an seiner Seite hatte. Wie auch immer dieser aussehen würde. Und niemand würde sie von diesem Plan abhalten können.

„Das war in Wahrheit mein größtes Geschenk. Niemand kann mir das nehmen. Und ich werde es sorgsam bewahren."

Fortsetzung folgt...