So nah

Kapitel 16

Geschwisterliebe

„Siehst du irgendetwas?", erklang Dís hoffnungsvolle Stimme, während sie ein paar Zweige zur Seite schob, um ihren Bruder besser sehen zu können.

„Nein, rein gar nichts.", hörte man die gedämpfte Stimme des jungen Zwergen irgendwo inmitten des dichten Gestrüpps.

Wildes und lautstarkes Rascheln, gefolgt von dem knacken einiger Äste folgten, ehe Frerin den Kopf aus dem Haselnussstrauch steckte und seine Schwester anblickte.

„Nicht eine einzige Nuss ist übrig."

Mühsam kämpfte sich der junge Mann aus dem Blattwerk und hätte beinahe seinen Stiefel verloren, als er an einer Astgabel hängen blieb.

„Es ist schon zu spät im Jahr, Dís. Die Frauen haben die Nüsse bereits eingesammelt und es werden keine neuen mehr kommen. Es ist einfach schon zu kalt."

Auf dem Gesicht des Mädchens machte sich unübersehbare Enttäuschung breit.

„Aber ich brauche die Haselnüsse noch heute. Und nicht erst im nächsten Jahr. Andernfalls wird unser Plan nicht aufgehen!"

Frerin kratzte sich ratlos am Hinterkopf. Wie konnte er seiner Schwester nur helfen? Warum waren die Mädchen nicht schon vor ein paar Wochen auf die Idee gekommen, als die Sträucher noch voller Früchte waren. Da wäre es ein leichtes gewesen, einen ganzen Korb zu füllen. Doch nun neigte sich das Jahr allmählich dem Ende zu.

Der Durinstag war vorüber. Die Luft bereits klirrend kalt, obgleich in den weiten Landen Dunlands noch nicht eine Schneeflocke gefallen war. Doch in der Nähe der Gebirgshänge, welche nicht weit entfernt waren, lag bereits der erste Schnee. Knöchelhoch und unberührt, lockte er die Kinder geradezu magisch an. Doch war der Weg dorthin nicht gefahrlos und ihr Großvater hatte ihnen verbot allein aufzubrechen. Thorin hatte keine Zeit für derartige Belange, ebenso wie Frerin. Doch Dís hatte jemand ganz anderen im Sinn, welchen sie für diese Unternehmung gewinnen wollte. Jemanden der stark und erfahren genug war, sie zu beschützen. Jemanden, der mit Sicherheit die Zustimmung ihres Großvaters erhalten würde. Doch diesen Zwerg für dieses Abenteuer zu begeistert, stellte sich als große Herausforderung da.

„Es gäbe noch eine Möglichkeit.", ergriff Morna das Wort und pflügte einige lose Blätter von Freriks Tunika.

„Erinnert ihr euch an den alten Haselnussbaum? Am Fuße der Nebelberge? Er ist hoch genug, dass die Frauen noch nicht alle Nüsse pflücken konnten und mein Bruder hat mir letzte Woche erst erzählt was für eine Schande es doch ist, dass niemand bis in die Baumkronen klettert, um alle Früchte zu ernten. Wenn diese zu Boden fallen, sind sie oftmals schon faul. Dort könnten wir noch welche finden."

Frerin zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. Der Baum, von dem der Rotschopf sprach, war beinahe so alt wie sein Großvater. An die zwanzig Meter hoch und der Stamm so breit, dass kein Mann ihn jemals umgreifen konnte, um hinauf zu klettern. Gewiss würden noch einige reife Früchte in den Baumkronen hängen. Doch niemand war so waghalsig oder verzweifelt, sein Leben für ein paar Nüsse zu riskieren. Zumindest niemand außer den beiden Mädchen, welche geradezu Feuer und Flamme für diese Idee zu sein schienen. Erwartungsvoll blickte sie den Zwerg an. Auffordernd. Frerin wusste genau, was die Zwerginnen von ihm verlangten. Doch dieser schüttelte nur energisch den Kopf.

„Oh nein, das könnt ihr euch gleich wieder aus dem Kopf schlagen. Da mache ich nicht mit!"

Doch schienen seine Worte die Kinder wenig zu überzeugen. Diese Grinsten einander verschwörerisch an und Frerin beschlich das ungute Gefühl, dass er als Verlierer aus dieser Diskussion hervor gehen könnten.

„Ich meine es ernst. Wenn Thrór davon erfährt, darf ich für den Rest meines Lebens schmutzige Bettpfannen schrubben. Ganz zu schweigen, was Vater mit mir anstellen würde. Nein, das mache ich nicht. Ganz sicher nicht!"

Ein halber Tag Fußmarsch. Ein halber Tag. Wegen ein paar Haselnüssen. Eisig peitschte der Wind über die freie Wildnis Dunlands. Frerin zog seinen Umhang dichter um die Schultern. Was tat man nicht alles als großer Bruder. Ihm war der Weg wie eine Ewigkeit vorgekommen. Immerzu begleitet von dem pausenlose Geplapper der Kinder war es beinahe ein Wunder, dass nicht jeder Ork in ganz Mittelerde auf sie aufmerksam geworden war. Ihm jedenfalls schwirrte schon der Kopf von all diesem sinnlosen Gerede. Nun standen sie endlich vor diesem verfluchten Baum, der wie ein Berg in den Himmel thronte und irgendwie ein kleines Stückchen Heimat war. Wuchsen am Fuße des Erebors ebenfalls einige Haselnussbäume zwischen all den Kiefern, welche Smaugs Flammen zum Opfer gefallen waren. Voller Tatendrang hatten die Mädchen ihre großen Körbe am Fuße des Baumes abgestellt und versuchten vergeblich aus eigener Kraft die untersten Äste zu erklimmen. Doch beide waren nicht groß genug um sie zu erreichen. Müde seufzend schritt der junge Zwerg auf sie zu und lehnte mit dem Rücken an den dicken Stamm.

„Kommt her. Räuberleiter."

Kaum das Frerin seine Hände ausstreckte, hatte seine Schwester auch schon ihren Fuß in seine verschränkten Handflächen platziert und sich an seinen Schultern nach oben gezogen.

Ein kurzes Ächzen entkam dem Zwerg, als er mit aller Kraft seine Schwester zum nächstbesten Ast nach oben schob.

„Du bist ganz schön schwer.", klagte Frerin, als Dís ihr rechtes Knie auf dem Holz abstützte und sich anschließend nach oben zog.

„Hab dich nicht so. Immerhin kannst du noch ganz gut maulen, du alter Esel."

Schnell war die Elfjährige höher in den Baum geklettert, bevor ihr Bruder sie zu fassen bekam. Ein übermütiges Kichern war zu vernehmen und die erste Haselnuss fiel bereits zu Boden. Der junge Zwergenprinz warf seiner Schwester nur einen bösen Blick zu, ehe er Morna ebenso ins Geäst half. Diese nutzte Frerins Schulter als zweiten Tritt, um es dem Zwerg leichter zu machen.

„Passt auf wo ihr hintretet. Die Äste sind feucht, ihr könntet ausrutschen."

Mit diesen Worten setzte sich Frerin einige Meter entfernt ins Gras, kaute auf seiner Pfeife herum und beobachtete das Treiben aus vermeintlich sicherer Entfernung. Wenn eines der Mädchen vom Baum fiel, wollte er auf keinen Fall darunter stehen. Bei seinem Glück, würden sie ihm direkt auf den Kopf fallen und das Genick brechen. Es dauerte nicht lange und die ersten Früchte landete in den Körben.

Der Baum war ständig in Bewegung. Unentwegt wurde an den Ästen gerüttelt und immer wieder segelten sogar vereinzelte Blätter herunter. Die Nüsse waren kleiner und härter als die anderer Arten. Von harzigen Stacheln umgeben, vernahm Frerin hin und wieder einen unterdrückten Fluch, wenn eines der Mädchen sich an der Fruchthülle stach.

„Sag mal, willst du uns nicht helfen?", fragte Dís erbost über die Faulheit ihres Bruders.

Dieser Schüttelte nur stumm den Kopf, lehnte sich genüsslich ins Gras zurück und kaute weiter auf seiner Pfeife rum. Er hatte die Mädchen bis hier her gebracht. Das war Teil ihrer Vereinbarung gewesen. Er sollte aufpassen, dass ihnen nichts geschah und sie sicher wieder nach Hause bringen. Dafür würde Dís den Mund halten. Dass hatte sie versprochen. Nun sollten sie sich auf diesem Baum austoben und ihm seine Ruhe lassen. Immerhin war ihm immer noch ganz schwindelig wegen dem unentwegten Geschnatter, welchem er den halben Tag ausgesetzt gewesen war. Die Augen dabei zu schließen erwies sich jedoch als großer Fehler, traf Frerin nur wenige Moment später etwas hartes am Kopf. Mit einem Satz war der junge Zwerg aufgesprungen und unterdrückte einen Fluch. Fest presste er seine freie Hand auf die vermeintliche Wunde und hätte schwören können, dass es blutet.

Doch glücklicherweise war ihm dies erspart geblieben. Suchend blickte der Zwerg zu Boden. Drehte sich mehrmals um sich selbst, bis er schließlich fand, was er suchte. Das Geschoss war eine Nuss gewesen. Doch wer von den beiden diese geworfen hatte, konnte der Zwergenprinz nicht mit Gewissheit sagen.

„Seid ihr noch ganz bei Trost? Habt ihr eine Ahnung wie hart so eine Nuss ist?"

„Selbst schuld. Komm und hilf uns gefälligst."

Verärgert blickte er die Mädchen an.

„Ich denke ja gar nicht dran."

„Entweder du hilfst uns jetzt oder ich verrate unserem Großvater, dass du dir eine Pfeife gekauft hast.", verkündete die Jüngere mit triumphierender Miene.

Frerins Gesichtsausdruck dagegen verfinsterte sich.

„Mit dieser Drohung hast du mich bereits hierher getrieben. Übertreibe es nicht Schwester. Ich bin nicht dein Leibeigener."

„Stimmt, du bist mein Bruder. Doch bin nicht ich es, die solche Geheimnisse mit sich herum schleppt. Das tust nur du allein."

Widerstrebend erhob sich der Zwergenprinz aus dem Gras und stapfte mit ausholenden Schritten auf den Baum zu. Dabei murmelte er immer wieder wenig schmeichelnde Worte um seine Schwester zu umschreiben. Morna glaubte mindestens einmal kleine Hexe gehört zu haben.

„Ich wüsste zu gerne ob du Thorin ebenso erpressen würdest wie mich. Der würde dir die Ohren so lang ziehen, dass du der Esel von uns beiden wärst."

Dís schnaubte nur verächtlich und nahm ihre Arbeit wieder auf.

„Erstens ist Thorin nur halb so gemein wie du und zweitens wird auch er nicht wollen, dass unser Großvater erfährt, dass er sich Nachts aus dem Lager schleicht und zum Fluss reitet. Wer weiß mit wem er sich in der Dunkelheit trifft."

Gegen ihren Willen hatte Morna beim Pflücken inne gehalten und angestrengt den Worten ihrer Freundin gelauscht. Und so sehr sie es sich auch wünschte, so konnte sie nicht verhindern, das ihr Herz sich schmerzlich zusammen zog. Welch ein eigenartiges Gefühl. So übermächtig und verzehrend.

„Pah. Das nennst du eine Drohung. Das weiß Thrór doch längst. Wir alle wissen es. Doch keiner redet mir dir darüber, weil du nur ein kleines Mädchen bist. Und ein Petze noch dazu!"

„Bin ich nicht!", verteidigte sich Dís erbost und warf eine weitere Nuss nach ihrem Bruder, welche aber ihr Ziel weit verfehlte.

„Bist du wohl."

Schnell war ein Schlagabtausch zwischen den Geschwister ausgebrochen, doch Morna schien all das gar nicht wahrzunehmen. Wie in Trance arbeiteten ihre Hände weiter, während ihr Geist weit entfernt zu sein schien. Vollkommen Gedankenversunken versuchte die Rothaarige zu ergründen, was mit ihr los war. In ihrem Innern tobte eine Sturm. Eine Mischung aus Neid, Eifersucht und dem Gefühl des Verlusts.

Als würde ihr etwas unwiederbringlich genommen werden. Doch das war Irrsinn. Immerhin hatte sie keinerlei Besitzansprüche an Thorin. Allein der Gedanke trieb der Zwölfjährigen die Röte in die Wangen. Nicht, dass sie es sich nicht wünschen würde. Gab es doch nichts, was ihr junges Herz mehr Begehren würde. Doch wer konnte schon genau wissen, was Thorin jede Nacht tat. Und mit wem. Es waren nur Mutmaßungen, welche sich wie eine kalte Hand um ihr Herz legten und mit eisernem Griff gefangen hielt. Den Blick in die Ferne schweifen lassend, hatte Morna das Gefühl, hier oben in der Krone des Baumes ganz Mittelerde sehen zu können. So kam es ihr zumindest vor. Tatsächlich konnte man sogar die kleine Menschenstadt in der Ferne erkennen, von welcher sie gekommen waren. Ungeachtet Dís' Erzählungen, würde sich die Rothaarige einfach noch viel mehr anstrengen, um dem Zwergenprinzen zu gefallen. Eifersucht brachte sie dabei kein Stück weiter. Es würde nur ihr Herz vergiften und ihren Verstand mit Nebensächlichkeiten umnebeln.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Frerin blickte bereits nervös zum Horizont, wo die Sonne langsam unterging. Sie hätte schon vor Stunden zurück sein müssen und die Mädchen hingen immer noch im Baum. Wenn der Zwerg an den langen Weg nach Hause dachte, so würden sie ihr Lager gewiss nicht vor Einbruch der Nacht erreichen. Und dann würde ihr gesamtes Unterfangen auffliegen.

„Was dauert das denn so lange? Kommt endlich runter.", forderte Frerin, welcher direkt unter dem Baum stand und versuchte die Kinder im dichten Blattwerk zu erspähen.

Wenn er daran dachte, wie schwer die prall gefüllten Körbe waren, dann würde es ein langer und beschwerlicher Heimweg werden. Doch seit mindestens einer Stunde hörte er nur immer wieder die Worte „Gleich" oder „Einen Moment noch." Doch keine der beiden schien geneigt zu sein, jemals wieder von den Ästen herunter zu kommen. Und langsam wurde es dem Zwergenprinzen zu bunt. Sie hatten doch bereits genug Nüsse, an denen sie sich tot schleppen konnten.

„Es reicht jetzt, Dís. Morna. Wir müssen aufbrechen."

„Einen Augenblick noch.", kam es zugleich wie aus einem Mund.

Frerin sah förmlich rot. Wie ein wütender Stier sprang er auf den untersten Ast und rüttelte mit aller Kraft an dem dicken Ast. Dieser bog sich gefährlich in Richtung Boden, ehe er wieder nach oben schoss und den mächtigen Baum erzittern ließ.

Wenn die Mädchen nicht freiwillig herunter kamen, dann würde er eben nachhelfen müssen. Er würde sie so lange durchschütteln, bis sie herunter klettern würden. Morna klammerte sich zugleich am Stamm fest, als sie die Bewegungen des Baumes spürte. Kannte sie derartige Gemeinheiten bereits von ihren Brüdern. Doch Dís bekam nur einen dünnen Zweig zu packen und strauchelte gefährlich. Mit den Armen durch die Luft rudernd, ihr Blick voll Panik, suchte das Mädchen mit den Händen irgendwo nach Halt, kippte jedoch nach hinten und rutschte vom Ast. Lautes Krachen und mehrere leise dumpfe Schläge waren zu vernehmen, ehe es einen lauten Schlag gab. Dann war es kurz totenstill. Ein Wimmer erklang und schließlich Frerins erschrockener Ausruf, ehe er vom Ast sprang und zu seiner Schwester eilte.

„Dís! Hast du dir etwas getan? Hast du dich verletzt? Rede mit mir.", forderte der Ältere und strich sanft mit der Hand über die Schulter seiner Schwester.

Seine Miene von Schuldgefühlen verzehrt, zog er die Zwergin sachte in eine Umarmung. Er hatte Dís niemals schaden oder ihr weh tun wollen. Frerin tat es leid, dass er so ungeduldig mit ihr gewesen war. An die Brust ihres Bruders gedrückte, vernahm man leise ihr schmerzerfülltes Weinen, während der Zwerg sie vorsichtig hin und her wiegte.

Ihr beruhigende Worte zuflüsterte und seine Schwester nicht eher freigab, bis ihre Tränen versiegt waren. Morna war währenddessen vom Baum geklettert und hatte sich neben die Geschwister gesetzt. Still Anteil an ihrem Unglück genommen. So verstrich eine weitere Stunde, während Dís sich allmählich beruhigte. Dem gleichmäßigen Herzschlag Frerins lauschte und den roten Schein der untergehenden Sonne beobachtete, ehe sie sich aus dem Gras erhoben. Gebrochen hatte sich die Zwergenprinzessin nichts, doch würde sie wohl eine Woche nicht mehr auf ihrem Hintern sitzen können. Wie ein altes Weib mit gekrümmten Rücken, wagte es Dís einige Schritte zu gehen. Doch ihre Miene blieb Schmerzverzehrt und so trug Frerin seine Schwester auf dem Rücken heim, während er beide Weidenkörbe in den Händen hielt. Dieses Mal sprach keiner von ihnen ein Wort. Den ganzen Weg nicht. Ein jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Und bald war Dís auf seinem Rücken eingeschlafen. Vielleicht hatte seine kleine Schwester doch recht gehabt. War er vielleicht nicht mehr als ein ungeduldiger und sturer Esel, welcher die Rute ihres Vaters nun wohl verdient hatte.

Ein unbedachter und hitzköpfiger Dreikäsehoch, wie Thorin ihn nannte. Nicht mehr als ein Kind. Doch hatte Frerin der Jüngeren niemals schaden wollen. Es war ein Unfall gewesen. Wie damals, als er die Mädchen nur in Sicherheit bringen wollte und sie mit dem verfluchten Pony allein in die Wildnis entlassen hatte. Er konnte doch nicht wissen, dass Morna aus dem Sattel fallen würde. Er hatte es nur gut gemeint. Doch hatte sein Bruder ihm allein die Schuld gegeben. Den Blick fest nach vorne gerichtete, schwor sich Frerin, dass so etwas nie wieder passieren würde. Nein, er würde von nun Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Selbst wenn er damit in Ungnade bei seiner Familie fallen würde. Doch auch wenn er seine Schwester eine Petze geschimpft hatte, so wusste er in seinem Herzen, dass sie ihn nicht verraten würde. Das sie diesen Vorfall für sich behalten und das ihm kein Leid durch ihre Worte widerfahren würde. Selbst wenn sie dafür lügen müsste. Ein zaghaftes Lächeln schlich sich auf das Gesicht des Zwergen. Dís hatte Thorin immer lieber gemocht. Zumindest war es Frerin stets so vorgekommen. Erinnerte er sich noch genau an den Tag ihrer Geburt. Aufgeregt hatten die Brüder in ihrem Zimmer auf Kunde von ihrem Vater gewartet.

Sich die Zeit mit Brettspielen verkürzt. Jedes Geräusch und jedes Knarren der Türen hatte sie aufschrecken und hoffnungsvoll zur Tür blicken lassen. Doch erst nach acht Stunden, hatten sie zum ersten Mal einen Blick auf ihre Schwester werfen dürfen. Thorin war zu diesem Zeitpunkt vierzehn, Frerin neun Jahre alt gewesen. Und schon damals, hatte Dís immerzu Thorins Finger ergriffen, wenn er über ihre Wange gestrichen hatte. Hatte ruhig und zufrieden in seinen Armen geschlummert, während sie in seiner Nähe meist geschrieen hatte. Ihre Mutter hatte ihn getröstet und versichert, dass es nur Bauchschmerzen waren, welche ihre Schwester quälten. Oder das sie seine Unsicherheit spürte und dies mit der Zeit vergehen würde. Doch geglaubt hatte Frerin seiner Mutter damals nicht und die Enttäuschung über die Ablehnung des lang ersehnten Geschwisterkindes war dem Jungen deutlich anzusehen gewesen. Vielleicht waren Dís und Thorin ein harmonischeres Geschwisterpaar, weil sie weniger Konflikte als Kinder hatten. Weil ihr Altersabstand größer war. Mit Frerin war die Zwergin oft um Spielsachen in Streit geraten. Nicht selten, war einer von beiden missgünstig gewesen. Doch seit sie den Erobern verloren hatten, hatte sich auch ihre Beziehung zueinander verändert. Sie hatten einander besser kennen gelernt und viel Zeit miteinander verbracht. Inmitten von Erdbeerfeldern gelegen, auf Bäumen gesessen. Im Fluss Fische gefangen oder am Abend gemeinsam ein Buch gelesen.

Frerin genoss die Zweisamkeit mit seiner Schwester. Und auch heute hatte der Zwergenprinz trotz ihres Unglücks das Gefühl, dass alles zwischen ihnen in Ordnung war. Und mehr noch. Das sie wieder einen Schritt aufeinander zugegangen waren. Und es tröstet sein Herz, dass er nun auch Geheimnisse mit seiner kleinen Schwester teilte, welche sie sorgsam hüten würden. Und das wissen, Dís ihn vielleicht genauso liebte, wie er sie.

Fortsetzung folgt...