Am gleichen Abend saß Severus mit einem Glas Rotwein in der Hand in einem alten Sessel in seinem eigenen schäbigen Wohnzimmer und starrte auf Miss Grangers Umschlag, den er, als fürchtete er eine Briefbombe, weit von sich auf den Esstisch gelegt hatte. Warum er ihn überhaupt angenommen hatte, war ihm absolut unerklärlich. Nicht ganz auszuschließen war der bloße Wunsch, Miss Granger damit zum Schweigen zu bringen. Nachdenklich nippte er an seinem Wein als plötzlich der Türklopfer betätigt wurde. Flink wie ein lauerndes Raubtier war Snape auf den Füßen und unterwegs zur Haustür. Dabei warf er einen Blick auf eine alte Standuhr, die Dreiviertel neun anzeigte und schnaubte unlustig. Er mochte Besuch generell nicht, aber zu dieser Zeit empfand er ihn als schiere Zumutung. Er öffnete die Tür zunächst einen spaltbreit, dann – die Augen kurz vor Überraschung geweitet, öffnete er sie vollständig und trat einladend beiseite. „Minerva! Was verschafft mir die Ehre?", Professor McGonagall glitt herein und musterte Snape aufmerksam. „Nun, im St. Mungos sagte man mir, Sie wären bereits entlassen worden. Ich muss mit Ihnen reden, Severus!", Snape führte sie ins Wohnzimmer und stattete auch sie mit einem gefüllten Rotweinglas aus, während er sie Interesse heuchelnd ansah. „Es tut mir so leid, Severus, dass wir Sie im Verdacht hatten! Ich wusste ja Nichts von Ihrem Plan mit Albus..."-
„Was zu Ihrer eigenen Sicherheit war!", warf Snape nun ungeduldig ein. Er hatte sich wieder in seinen Sessel platziert und McGonagall saß ihm gegenüber steif auf dem kleinen Sofa. Sie machte ein bekümmertes Gesicht, aber Severus war sicher, dass sie wegen etwas anderem hier war, als ihrem schlechten Gewissen. „Ja, das hat ER auch gesagt…Albus. Wie haben Sie das nur ausgehalten mit seinem Gemälde im Schulleiterbüro? Ständig gibt er kluge Ratschläge oder bedauert, dass er ohne seine Zitronenbrausebonbons gemalt wurde, auf die er unbändigen Appetit zu haben scheint.",
„Kommen Sie bitte zum Punkt, Minerva. Sie verstehen sicher, dass im Hospital die Besuchszeit aus gutem Grund 19Uhr endet. Die Patienten brauchen ihre Nachtruhe.", er grinste verschlagen und setzte sein Glas an die Lippen. „Das sieht ja wohl kaum nach Nachtruhe aus, Severus. Aber Sie haben Recht! Wie geht es Ihnen überhaupt? Wie unsensibel von mir, Sie so kurz nach Ihrer Entlassung nicht nach Ihrem Befinden zu fragen!", sie sah nun ernsthaft besorgt aus und ihr Blick verweilte auf der Halsbandage Snapes. „Glänzend! Im Krankenhaus sagte man mir, ich solle froh sein, noch am Leben zu sein. Wahrlich ein Genuss, ein zweites Leben geschenkt zu bekommen, wo schon das erste Nichts taugte! Sehr angenehm auch dieser Halsschmuck, der verhindert, dass ich stündlich meine Kleider wechseln muss, weil des Dunklen Lords Abschiedsgeschenk sezerniert wie ein überreifer Bubotubler. Oh! Und zu allem Überfluss verdanke ich Potter den Ruf eines Helden, den ich weder will noch verdiene! Also was ist, Minerva? Warum sind Sie wirklich hier? Hat ER Sie geschickt? Denn ich glaube kaum, dass Sie sich plötzlich etwas aus mir machen!", Snapes Stimme klang tief und kalt zu Minerva, die ihn nun mit deutlicher Bestürzung ansah und sprachlos zu sein schien. Das genügte, um Snape zu zeigen, dass er mit seiner letzten Frage ins Blaue getroffen hatte. Er schnaufte verächtlich und erhob sich aus seinem Sessel. Nur um Minervas Blicken und dem unangenehmen Schweigen zwischen ihnen zu entkommen, ging er an die Bar und schenkte sich wie ein nichtsnutziger Muggel manuell Wein nach. „Severus, gehen Sie mit sich selbst und ihren Mitmenschen doch nicht immer so streng ins Gericht.", begann McGonagall schließlich. „Ich wollte Ihnen nur Ihren alten Posten als Zaubertrankmeister von Hogwarts anbieten, sobald Sie wieder genesen sind.",
„Minerva.", begann er nun wieder ganz beherrscht, „Zwei Dinge haben Sie dabei vergessen: Erstens: es gibt keine Genesung von den verfluchten Bissen einer verhexten Schlangenhybride, die im Dienste des Dunklen Lords stand. Und Zweitens: Sie sollten wissen, wie sehr ich das Unterrichten gehasst habe! Die Schüler mit ihren pubertären Problemen, den unverschämten Lügen und einer Ignoranz, wie sie nur noch von ihrer Faulheit übertroffen wurde!", nun sprühte er doch wieder vor Zorn über die kleingeistigen Blagen und hormonstrotzenden Bälger von Hogwarts, denen er Etwas hatte beibringen sollen. Nein, danach sehnte er sich bestimmt nicht! Um sich zu beruhigen, nahm er einen großen Schluck von seinem Wein. Der herbe Geschmack und der vertraute Schmerz beim Schlucken halfen dabei, einen angewiderten Ausdruck in sein vergrämtes Gesicht zu projizieren. McGonagall stürzte die Lippen. Entgeistert starrte sie auf den mageren, stets in schwarz gehüllten Mann, der einmal ihr Schüler und später lange Jahre ihr Kollege – zum Schluss sogar ihr Vorgesetzter gewesen war. Sie hatte mit angesehen, wie aus dem unscheinbaren aber übermäßig gescheiten Jungen ein stolzer doch finsterer Erwachsener geworden war. Nie hatte irgendwer tiefer in sein Inneres blicken können, als es seine Fassade zuließ. Einzig Dumbledore schien immer etwas mehr über Snape zu wissen. Aber Dumbledore hielt nach wie vor dicht. Und Minerva würde Snape nie verstehen. Oft genug war sie vor seinen Ausbrüchen jenseits der Vernunft einerseits und seiner disziplinierten Konzentration andererseits erschrocken. Er schien so undurchsichtig. Vielleicht war es über die Jahre der Spionage zu seiner Profession geworden, die Leute über sich selbst im Unklaren zu lassen. Sie stellte ihr unberührtes Weinglas auf einen kleinen Beistelltisch und stand auf. „Ähm…gut, Severus. Dann schlage ich vor, Sie senden mir eine Eule, wenn Sie wissen, wann Sie Ihre persönlichen Sachen aus Hogwarts holen möchten, dann kann ich ein Gespräch mit Albus in meinem Büro arrangieren. Er will mit Ihnen reden.", Snape folgte mit seinen kohlengleichen Augen McGonagalls Bewegungen und nickte leicht mit dem Kopf. „Natürlich will er das. Sie finden selbst hinaus, Minerva? Vielen Dank für Ihren Besuch! Es war mir eine Freude.", er stand weder auf noch machte er sich die Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu tarnen. Er wollte einfach nur seine Ruhe –keinen Albus, keine Minerva und schon gar keine nervigen Schüler! Er hatte doch selbst noch keinen Plan, was er aus seinem Weiterleben machen sollte! Doch sicher würde Dumbledore genau das wissen wollen. Er hörte wie seine Haustür hinter McGonagall ins Schloss fiel und während er fast verzweifelt überlegte, was er Dumbledore erzählen konnte, wurde sein rastloser Blick von dem kleinen braunen Etwas auf dem Esstisch angezogen, das Hermine Grangers Umschlag war.
