Es fühlte sich seltsam an, zum voraussichtlich letzten Mal hier in seinem so vertrauten Büro in den Kerkern von Hogwarts zu sein. Snape ließ seinen Blick noch einmal über die mit Präparaten in Gläsern gefüllten Regale entlang der Wände gleiten. Eigentlich schade drum, er hatte 15 Jahre für diese Sammlung benötigt, doch sein Entschluss, sie dazulassen, stand fest. Ihr Arrangement war hier in den feuchtkalten Kellern mit ihrem mäßigen Licht einfach perfekt. Außerdem hatte er beschlossen, seine Zeit als Lehrer endgültig hinter sich zu lassen. Er würde sein Leben neu definieren müssen, endlich als sein eigener Herr. Er würde überhaupt nur wenig aus seinen Kellerräumen in Hogwarts mitnehmen, einfach weil er sich nicht viel aus materiellen Dingen machte oder verweichlicht an einer bestimmten Schreibfeder hing. Einige seiner Bücher waren noch hier gewesen, seine Sachen – hauptsächlich schwarze Bekleidung nebst einigen wenigen Stücken in Slytheringrün – waren schon für ihn zusammengepackt worden und warteten im Schulleiterbüro. Noch einmal sog Snape den modrigen Geruch des Kerkerbüros durch seine schmalen Nasenlöcher ehe er sich schließlich aufmachte in Dumbledores altes Reich.
McGonagall verließ hastig das Schulleiterbüro, das inzwischen ihr Arbeitsplatz war, um Snape mit all den verschiedenen Rektoren Hogwarts' und befremdlicher Weise seinem eigenen Porträt allein zu lassen. Der gerahmte Snape an der Wand würde glücklicherweise bis zum Tode seines Vorbildes stumm und bewegungslos bleiben und der Severus Snape aus Fleisch und Blut vermied sorgfältig den Blick zu ihm. Dumbledores Portrait strahlte in schon penetranter Weise glücklich auf seinen langjährigen Spion hinab. „Severus! Schön, dass du gekommen bist! Mir fehlen unsere Dispute!", Snape murmelte den Muffliato - er hatte keine Lust, vor den ganzen alten Herrschaften über sein Dasein zu schwatzen – ehe er antworte. „Schulleiter. Sie haben mich wie so oft herbestellt. Warum diesmal?",
„Ah, Severus. Wie immer keine Zeit für Smalltalk, was? Nun. Ich möchte sehen, was aus dir geworden ist. Deine große Aufgabe, den jungen Potter vor dem Dunklen Lord zu schützen, hast du erfolgreich beendet. Sicher suchst du nun nach einer neuen Herausforderung und ich wollte sichergehen, dass du auf dem rechten Weg bleibst.", Severus' Augen wurden zu kalkulierenden Schlitzen. „Denken Sie immer noch, Sie müssten ein Auge auf mich haben und mich von allen Verlockungen fernhalten, damit ich nicht den Dunklen Künsten erliege?",
„Aber nein, mein Lieber! Du hast deine Lektion vor vielen Jahren schmerzhaft gelernt. Ich möchte dich im Gegenteil zu einigen Verzückungen des Lebens ermutigen, die du bisher so vehement an dir abprallen ließt. Sie dich um, Severus. Dein Gemälde ist umgeben von alten Männern und Frauen. Einige der Damen haben schon geäußert, dass dein düsteres Auftreten Schuld an deinem Singledasein ist. Zu ihrem Glück wirkt der vernichtende Blick in Ölfarbe nicht annähernd so einschüchternd wie im Original.", Dumbledores gluckste vergnügt, doch Snapes Gesicht war blanke Geringschätzung. Er hatte keine Lust, hier zum Gesprächsthema zu werden. Gerade überlegte, er ob sein Einfluss reichen würde, dass sein Portrait wieder abgehangen werden würde, wenn er es verlangte, da begann Dumbledore wieder: „Ach Severus. Immer so ernst! Was ist nun? Wirst du eine neue Gelegenheit ergreifen, zu tun, worin du am besten bist?",
„Ich werde Ihre Neugier und die Indiskretion der Anderen jederzeit mit Verachtung und Ressentiment bedenken, falls Sie das meinen!", meinte Snape kurz entschlossen in der vergeblichen Hoffnung, dem Schulleiter damit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch der lächelte nur milde und fuhr unbeirrt fort: „Nein, ganz im Ernst. Wenn dich jemand aufrichtig um Hilfe bittet, wirst du sie ihr dann geben?",
„Ihr? Sie wissen davon? Passiert eigentlich irgendetwas in meinem Leben ohne ihr Zutun?! Bin ich noch immer ihr Handlanger?", Snapes schwarze Augen glitzerten gefährlich auf. So reagierte er immer, wenn er sich hintergangen und angreifbar fühlte. Er konnte nichts dagegen tun. Er ging stets automatisch in die Verteidigung notfalls auch auf Kosten anderer. „Beruhige dich, Severus. Miss Granger suchte vor einer Woche meinen Rat. Sie hat auch mit Professor McGonagall gesprochen, aber es ist nun mal so, dass sie jetzt eine Schule zu leiten hat und sich nicht mal eben auf einen Trip ans andere Ende der Welt begeben kann. Für dich aber, wäre es sinnvoll genutzte Zeit, in der du dir Gedanken über dein Leben, wie es war und wie es jetzt werden könnte, machen kannst. Für dich wäre es eine großartige Chance für einen Imagewandel. Und wer weiß was du unterwegs alles findest…", Dumbledores Gesicht war jetzt unleserlich, was Snape fast zur Weißglut trieb. „Was denn, was haben Sie für mich arrangiert? Welche Art von Kurzweil haben Sie vorbereitet?", bellte Snape ungehalten. „Nicht doch, Severus. Ich meinte doch nur, dass auch du möglicherweise einen guten Grund hast, den Kontinent mit den giftigsten Schlangen und Spinnen zu besuchen.", da traf Severus die Erkenntnis. Natürlich. Der Schlangengiftexperte. Vielleicht fiele dem ja noch etwas ein, wenn er den Fall nur selbst untersuchen könnte. Erneut verengten sich seine glücklosen Augen. Es gefiel im nicht, dass Dumbledore diesen Gedanken vor ihm gehabt hatte. „Und das fänden Sie nicht verwerflich? Ich helfe der kleinen Alleswisserin praktisch aus Eigeninteresse?", fragte er, um Zeit zu gewinnen. „Oh, Eigeninteresse ist bei dir schon immer der stärkste Motor gewesen, nicht wahr? Und solange du damit Gutes bewirkst, ist er wohl nicht verwerflich.", wieder lächelte der silberbärtige alte Mann weise. „Ich möchte, dass auch du endlich glücklich wirst, lieber Severus. Denn du hast genug für deine Fehler gebüßt und des Glückes Wege sind oft unergründlich.", Snape fiel der seltsame Komatraum mit Lily wieder ein, in dem sie ihm etwas ganz Ähnliches gesagt hatte und er bemerkte, dass der Stich in sein Herz beim Gedanken an sie kaum mehr zu spüren war. „Ich werde darüber nachdenken.", meinte er schließlich, um wenigstens den Schein zu wahren, er säße am längeren Hebel. Die beiden Männer verabschiedeten sich, der Muffliato wurde aufgehoben und Snape kehrte Dumbledore, dem Schulleiterbüro und schließlich Hogwarts endgültig den Rücken zu.
