Der Portier in dem kleinen Jugendhostel YOU-Inn in Wolverhampton sah der schwarzen Kapuzengestalt, die soeben zielstrebig die Eingangshalle Richtung Treppe durchschritt, interessiert hinterher. Sicher wieder einer der Anhänger irgendeines aufwendig und mehrteilig verfilmten Fantasyepos', den der Kollege der Frühschicht wohl eingecheckt hatte, dachte er denn er selbst konnte sich nicht an ihn erinnern. Dieses preiswerte Etablissement war beliebt bei Gästen aus Nah und Fern, häufig Backpacker oder Schulklassen auf Klassenfahrt aber auch jene, die auf dem Weg zu Festivals oder Conventions waren, kehrten gern hier ein. Der Portier stellte keine Fragen, egal wie seltsam die Kundschaft anmutete und man dankte es mit stets gut gefülltem Hause. Der Mann hinter dem Empfangsschalter wandte sich wieder seinem Kreuzworträtsel zu und vergaß den Vermummten.
Der war inzwischen im vierten Stock angekommen und sah den Gang rauf und runter. Aus einem der Zimmer drang schwerer Metal aus einem anderen das Gequengel kleiner Kinder aber der Korridor war leer. Also nahm Snape seine Kapuze ab, schritt zur Tür mit der 55 und klopfte. Von der anderen Seite war nichts zu hören und gerade als er erneut und energischer anklopfen wollte, ging schräg hinter ihm ein Tür auf. Erschrocken fuhr er herum, die Hand schon an der Kapuze, bereit für seine Deckung zu sorgen, doch dann hielt er inne, seine Haltung straffte sich und seine farblosen Lippen formten ein süffisantes Grinsen. „Miss Granger! Komme ich ungelegen?", fragte er und ließ seinen amüsierten Blick von Hermines Handtuchturban andeutungsweise nach unten zu ihren nass glänzenden Schultern und dem Badetuch, dass sie sich umgeschlungen hatte, gleiten. In ihrer Hand erkannte Snape noch ihre Kulturtasche und schnell war ihm klar, dass es in dieser Herberge offenbar nur ein Etagenbad gab, das Miss Granger bis eben in Anspruch genommen hatte. Hermines Wangen waren von der Hitze im Bad ohnehin gerötet, sodass ihr Schamgefühl sich nur im Festumklammern des sie schützenden Badetuches äußerte, doch Snapes Augen bohrten sich längst wieder in die ihren. „ Ja…Prof-! Verzeihung! Nein, MISTER Snape! Ich hatte jetzt nur nicht mit Ihnen gerechnet.", fahrig wandte sie sich ihrer Zimmertür zu und es gelang ihr schließlich, diese mittels Zauber zu öffnen ohne ihren Griff am Frottee zu lockern. „Kommen Sie schon immer rein, ich ähm…zieh mich sofort an.", Severus zögerte einen Moment. Das ganze war abgesehen vom Unterhaltungswert doch insgesamt recht unangemessen. Aber da er keinerlei Interesse an Miss Granger hatte, glitt er schließlich in das kleine Zimmer. Er sah erleichtert ein Fenster, an das er sich sogleich mit dem Rücken zum Raum stellte und vorgab, den grauen Hinterhof des Jugendhotels besonders spannend zu finden. Er konnte die junge Frau hinter sich in ihre Sachen schlüpfen hören und war sich der Peinlichkeit dieses Momentes sehr bewusst. „Eine seltsame Bleibe haben Sich da ausgesucht. Der Portier hat mich nicht einmal aufgehalten, als ich hereinkam und Sie spazieren unbekleidet über den Gang…", sagte er, um die unangenehme Stille zu durchbrechen. „Na ja…es ist billig und man wird nicht schief angeguckt. Und als ich hier eingezogen bin, bin ich immer in kompletter Montur ins Bad und zurück, aber nie war jemand im Gang. Seit ein paar Tagen bin ich faul geworden…ich habe aber meinen Zauberstab immer dabei, Sir. Sie können sich übrigens wieder umdrehen…ich bin soweit fertig.", antwortete Hermine und Severus wandte sich zu ihr um. Sie hatte jetzt eine dunkelblaue Jeans und ein himmelblaues Shirt an und rubbelte gerade ihre Haare trocken. Er ließ seinen Blick durch die winzige Bude schweifen. Sie war aufgeräumt und machte insgesamt gar keinen so üblen Eindruck. Auf dem schmalen Bett lag eine kleine Perlentasche, deren Ausbeulungen auf reichlich Inhalt schließen ließen. „Ihr Gepäck?", fragte Snape und seine Augen huschten von der Tasche zu Hermine, die jetzt das Handtuch trocken zauberte und zusammenlegte. „Jaah…das hat sich so bewährt.", antwortete sie mit einem nur noch leicht verlegenen Lächeln. „Sir, dass Sie hier sind, heißt das, Sie helfen mir?", Miss Granger versuchte vergeblich, nicht allzu hoffnungsvoll zu klingen. Severus blickte wieder zum Fenster hinaus als er antwortete: „Es ergab sich zufällig, dass auch ich möglicherweise etwas in Australien zu erledigen habe. Zudem haben Sie einen sehr überzeugenden toten Freund in Hogwarts, dem etwas abzuschlagen mir selten gelingt. Aber seien Sie gewarnt! Ich bin es gewohnt, allein zu agieren. Erwarten Sie also nicht mehr von mir als bloße Begleitung.", nun sah er Hermine wieder in ihre haselnussbraunen Augen und in seinen eigenen glitzerte nicht wie üblich eine Drohung, sondern beinahe ein Flehen um Verständnis. Miss Granger nickte. „Nein Sir. Ich danke Ihnen.", sie löste den Blickkontakt und stopfte ihre Handtücher in die Tasche. „Also?", sie sah wieder auf, nachdem sie eine dünne Sweatjacke hervorgeholt und sich angezogen hatte. „Wann geht's los?", Snape zog eine Augenbraue nach oben und meinte: „Sobald Sie fertig sind. Wir sollten jedoch noch einige Regeln klarstellen, Miss Granger.",
„Oh. Ja. Selbstverständlich!",
„Lassen Sie als erstes Ihr Schulmädchengehabe! Ich will nicht ständig an die Kuriosität unserer Abmachung erinnert werden, die sich aus der Tatsache ergibt, dass ich Ihr Lehrer war. Versuchen wir es mit einer Ansprache auf Augenhöhe, Miss Granger.",
„Ähm. Okay…?",
Severus schnaubte kurz, halb verächtlich, halb belustigt, ehe er fortfuhr. „Ich setze Ehrlichkeit voraus. Ich möchte nicht gezwungen werden, die Wahrheit selbst herausfinden zu müssen. Sie werden mir alle Informationen geben, die in irgendeiner Weise relevant sein könnten.",
„Selbstverständlich…!",
„Jeder sorgt für sich selbst.",
„Natürlich.",
„Wir werden die Privatsphäre des anderen respektieren.",
„Sehr gut!", jetzt traute sich Hermine sogar zu grinsen. Sie versuchte, zu vergessen, wie fies Snape immer im Unterricht gewesen war. Sie war bereit, den privaten und sichtbar entspannteren Severus Snape kennen zu lernen, der er nun vor ihr stand und sie vorhin nicht unangemessen angeglotzt hatte, als sie mit nichts als dem Handtuch vor ihm stand. Dennoch wollte sie eine derartige Situation genauso wenig wie er erneut erleben. Snape schien ob des ehrlichen Lächelns kurz verwirrt, er war es nicht mehr gewöhnt, so offen angelacht zu werden. Seine Augen suchten wieder Hermines, doch fanden sie darin nichts Unaufrichtiges und so sprach er weiter: „Sind Sie bereit, mir vollkommen zu vertrauen?", Hermine betrachtete die blassen Züge von Snapes Gesicht, dessen Augen sie fragend ansahen. Wie eh und je war es gerahmt von fettigen schwarzen Strähnen, seine Haut wirkte fahl und die schmalen in Anspannung aufeinander gepressten Lippen verbargen, wie Hermine nur zu gut wusste, ungleichmäßige, gelbliche Zähne. Die Flügel seiner Hakennase bebten schwach während er auf ihre Antwort wartete und als sie schließlich an seinen tiefschwarzen Augen hängen blieb, wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht kalt blickten. Ihnen fehlte natürlich die Wärme eines wirklich sich sorgenden Menschen, doch es waren nicht mehr die finsteren Tunnel die in einen Abgrund von Hass, Abscheu und Verachtung führten. Hermine erinnerten sie nun mehr an den Himmel einer sternenlosen Nacht: man wusste, dass da noch Irgendetwas war, doch es wurde von Schwärze zu gut verhüllt. Und da erkannte sie, dass sie keine Angst mehr vor Severus Snape hatte. Er war ein Mensch wie jeder andere auch und Hermine hatte von Harry erfahren zu welch großen Gefühlen er einmal fähig gewesen war, ehe seine unverzeihliche Schuld ihn in die Verbitterung getrieben hatte. „Ja, Sir, ich vertraue Ihnen!", sagte sie schließlich, wobei sie entschlossen klang. Snape löste seine Augen von Hermine und blickte wieder im Zimmer umher. „Ich behalte mir vor, Regeln zu ergänzen und bei Missachtung, meine Partizipation an diesem Unterfangen abzubrechen. Haben Sie etwas hinzuzufügen?",
„Ja. Erlauben Sie mir, offen mit Ihnen zu sprechen, als wären Sie…ähm…der Vater eines Freundes?",
Interessiert huschten Snapes Augen kurz wieder zu Hermine, die sich jetzt auf das Bett gesetzt hatte und ihn erwartungsvoll musterte. „Ich denke, das wäre angemessen.", meinte er dann. „Und nun erzählen Sie mir von Ihren Eltern und der geplanten Vorgehensweise bei der Suche nach Ihnen." Severus hatte seinen Reiseumhang und die Tasche mit seinen Habseligkeiten ab abgelegt und schritt aufmerksam zuhörend auf und ab, während Hermine ihm alles erzählte, was sie bereits in Erfahrung gebracht hatte: Ihre Eltern, deren Namen inzwischen Wendell und Monica Wilkins waren, hatten ihre Zahnarztpraxis geschlossen, das Haus verkauft und wie Hermine durch mühseliges Aushorchen unzähliger Reisebüroangestellten herausfand, im Oktober des letzten Jahres einen Einstreckenflug nach Melbourne, Australien gebucht. Dort wollte sie mit ihrer Suche beginnen. Gerade machten sie sich Gedanken, wie sie am besten da hin kämen, als Snape des Herumlaufens müde wurde und fragend auf das Bett, die einzige Sitzgelegenheit im Raum, deutete und sagte: „Erlauben Sie?", Hermine rückte hoch an das Kopfende und machte eine einladende Geste. Snape ließ sich auf der Kante am Fußende nieder und sah Hermine nun mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. „Es ist definitiv zu weit für einen Flug auf Besen und ich werde mich nicht einem dieser Muggelflugzeuge anvertrauen. Deshalb schlage ich vor, wir apparieren uns jeden Tag näher heran und laufen oder fliegen Teile der Strecke. Das wird seine Zeit dauern, ist aber meines Erachtens am sichersten.", auch Hermine hatte ihre Schwierigkeiten mit Flugzeugen, sie war zwar schon geflogen, doch nur bis Frankreich. Kein Vergleich zu einem Flug einmal um die halbe Welt. Im Moment war sie ohnehin bereit, allem zuzustimmen, was Snape vorschlug, denn es war doch etwas verstörend, ihn so nah und beinahe vertraut auf ihrem Bett sitzen zu sehen. Seine Präsenz war mit allen Sinnen zu spüren und zum ersten Mal nahm Hermine seinen Geruch bewusst wahr: er roch nach Mann und verschiedenen ätherischen Ölen, als hätte er bis eben an einem Zaubertrank gearbeitet. Schnell lenkte sie ihre Gedanken wieder dem eigentlichen Thema zu und gemeinsam überlegten sie, wie viele Kilometer sie so am Tag schaffen könnten. Severus Snape am anderen Bettende kümmerte sich weder um seine Wirkung, noch kam ihm etwas seltsam vor. Sicher, er hatte zur Kenntnis genommen, dass Miss Granger der Schule nicht nur geistig entwachsen war, und ein Teil von ihm genoss den Austausch mit ihr, die so erfrischend und munter war sogar, aber darüber hinaus empfand er nur die übliche Anspannung, die die Konzentration auf die Aufgabe vor ihm bedingte. Es würde einige Monate dauern, bis sie am Ziel wären, denn auch jemand wie Snape konnte und wollte keine allzu großen Strecken apparieren vor allem nicht in ihm unbekanntes Terrain. Sie einigten sich darauf, dass sie versuchen würden, während ihres Abenteuers möglichst unbemerkt zu bleiben. Denn wenn man bedachte, dass sie doch ein einigermaßen seltsames Paar abgaben, würden sie andernfalls nur für Aufsehen sorgen. Snape hatte weder Lust, irgendwelchen internationalen Zaubererzeitungen Rede und Antwort stehen zu müssen noch sich vor Voldemorts noch freien Sympathisanten zu rechtfertigen. Hermine wiederum wollte verhindern, dass Harry ihr über das Aurorenbüro nachspionieren konnte. Nach 4 Uhr morgens hatten sie schließlich alles soweit geklärt und waren zum Aufbruch bereit. Hermine wollte natürlich ordentlich auschecken und für ihren Aufenthalt bezahlen, was Snape ohne Kommentar aber unter viel sagendem Schnaufen hinnahm. Er hängte sich seine Tasche um, warf den Reiseumhang über und desillusionierte sich, um ungesehen mit Hermine aus dem Hostel marschieren zu können. Als sie dann draußen auf dem Bürgersteig standen, war Wolverhampton noch nicht erwacht und die Sonne nicht aufgegangen. Snape hob seine Tarnung auf und sah entlang seiner gebogenen Nase auf Hermine hinab, die etwas unsicher einen Meter neben ihm stand und auf der Innenseite ihrer Wange herumkaute. „Soll ich vielleicht anfangen?", fragte er und Hermine war dankbar, die Verantwortung abgeben zu können. „Sie sind der Erfahrenere von uns, Sir." Snapes Lippen kräuselten sich und seine Augenbrauen glitten nach oben. „Ich denke, Sie sind in Sachen waghalsige Unternehmungen mit ungewissem Ende durchaus versiert. Aber schön, dann kommen Sie." Er reichte Hermine ein seine schlanken und bleichen Hände, die sie zögerlich ergriff. Noch ehe sie oder Snape die Berührung des Anderen richtig spürte, zog etwas kräftig hinter ihren Bauchnabeln und sie verschwanden mit einem lauten „Plopp" aus Wolverhampton.
