Beinahe gleichzeitig tauchten die Zwei mit demselben Geräusch auf einer Felsenklippe im äußersten Osten Englands auf und blickten auf einen leuchtend roten Horizont. Ohne ein Wort zu sagen und einander noch immer an den Händen haltend sahen sie der Sonne zu wie sie dem Meer zu entsteigen schien. Ihre Gesichter wurden rötlich angestrahlt und in Hermines Augen glitzerten Tränen. Ihr war die Schönheit dieses Sonnenaufgangs und dem damit verbunden Abschied von der großen wilden Insel, die ihre Heimat war, bewusst. Snape spürte die starke Rührung Hermines und wurde sich plötzlich darüber klar, dass er ihre Hand noch immer hielt. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, über die Frage, wie er damit umgehen sollte. Zunächst hatte er einfach loslassen wollen, doch wollte er nicht den Eindruck erwecken, von der Muggelstämmigen angewidert zu werden. Etwas in ihm zwang ihn dazu, wenigstens für einen kurzen Moment über seinen eigenen eiskalten Schatten zu springen und er drückte leicht Hermines Hand ehe er den Griff lockerte und die Verbindung löste. Severus atmete erleichtert auf, Hermine schniefte etwas. „Ich dachte mir, dass das ein guter Ort zum Lebewohlsagen wäre, Miss Granger. Ich hätte jedoch nicht mit so viel Sentimentalität gerechnet." Snape sprach nun wieder mit seiner gewohnt festen, leicht arroganten Stimme und Hermine kam sich albern vor. Schnell wischte sie sich über die Augen und zog die Nase hoch. „Verzeihung, Sir. Es kommt nicht wieder vor…Wie geht's jetzt weiter?",
„Wir nehmen den Tunnel nach Frankreich. Haben Sie einen Besen dabei?",
Hermine bejahte und dann hielt Snape ihr seinen in schwarz gehüllten Arm hin, um diesmal nicht wieder in die Verlegenheit eines Hautkontaktes zu kommen. Sowie Hermine ihn ergriff wurde sie von der nun sonnenbestrahlten Küste weggezogen und fand sich dann vor einem gigantischen Eisenbahntunnel wieder. Sie ließ Snape los und wühlte in ihrer Tasche bis sie den Sauberwisch Sieben herausangelte, den sie sich gebraucht gekauft hatte. Snape deutete auf den Versorgungstunnel und flog voran. Er benötigte keinen Besen und Hermine, die nie eine begnadete Fliegerin gewesen war, hatte zu tun, mitzuhalten. Snape starrte stur geradeaus. In dem nur spärlich beleuchteten Tunnel war es schwer, die bereits zurückgelegte Strecke richtig abzuwägen, aber er schätzte, dass sie in diesem Tempo etwa eine Stunde brauchen würden, bis sie wieder Tageslicht sehen würden. In seinem Kopf ging er wieder und wieder den möglichen Verlauf der Reise durch. Er war jemand, der keine Zerstreuung benötigte, sein wacher Geist arbeitete unaufhörlich unter der stets gleichen Fassade seines emotionslosen Gesichts. Essen war für ihn mehr ein notwendiges Übel, denn ein Genuss und sein Schlafbedürfnis hatte er über die Jahre auf ein Minimum reduziert. Er ahnte jedoch, dass er auf Miss Granger würde Rücksicht nehmen müssen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es klug gewesen war, sich auf diesen gemeinsamen Trip zu begeben. Er konnte nicht mit Menschen umgehen, schon gar nicht so jungen. Als Lehrer war seine Rolle stets klar gewesen: er gab den Ton an, korrigierte und tadelte. Aber nun musste er sich als Person mit Miss Granger abgeben und wusste nicht so recht wie. Es war eine spontane Idee gewesen, vor dem Tunnel noch den Sonnenaufgang anzusehen und inzwischen kam es ihm gar nicht mehr wie die seine vor. In welch seltsame Situation hatte er sich damit manövriert! Er wusste einfach nicht, wie er sich Miss Granger gegenüber verhalten sollte und fürchtete sich insgeheim vor weiteren Momenten der Zweisamkeit. Er wusste, dass sie unvermeidlich waren und dass er ihr zwangsläufig wie ein Soziopath vorkommen musste. Der Wind rauschte in Snapes Ohren und er wunderte sich über sich selbst. Er hatte sich nie Gedanken gemacht, was andere über ihn dachten, wieso fing er nun damit an? Die einzige Person deren Achtung er jemals hatte haben wollen, war Lily gewesen. Doch heute wusste er, dass er es falsch angegangen war. Die dunklen Künste hatten sie nicht beeindruckt sondern abgestoßen und der Mann der Snape zu werden drohte, hatte es nicht gemerkt, sondern war dem Versprechen von Ansehen und Macht gefolgt. Ein Weg, der ihn immer weiter weg von Lily und näher an den Dunklen Lord geführt hatte. Irgendwann hatte er nicht mehr umkehren können und seine Zukunft war entschieden. Inzwischen war diese Zukunft zu seiner Vergangenheit geworden, doch vieles in seinem Verhalten war so festgefahren, dass er mit der neuen Chance, die er erhalten hatte, gar nicht umzugehen wusste. Mit vom Nachdenken gerunzelter Stirn wandte er sich halb zu Hermine um. Seltsame schwarze Fäden hingen ihr aus den Ohren und ihre Lippen bewegten sich stumm. Snape ließ sich auf ihre Höhe zurückfallen und musterte sie skeptisch. Hermine aber lächelte und zog die Strippen aus ihren Ohren. „Das ist ein MP3-Player! Das ist ein ganz neues Gerät, um Musik zu hören. Ich habe es einem Amerikaner im Hostel abgequatscht.", sie drückte den Lautstärkeregler so lange, bis ein Rhythmus durch den Flugwind an Snapes Gehör drang. Er hob eine Augenbraue und flog dann wieder voraus. Eine halbe Ewigkeit später, wie es Hermine vorkam, war endlich ein stetig größer werdender heller Fleck zu erkennen, der das Ende des Tunnels markierte. Snape setzte sanft auf dem Grün des französischen Bodens auf und Hermine landete erleichtert neben ihm. Sie stopfte den Besen in ihre Tasche und lief entschlossen auf ein kleines Waldstück zu. „Was haben Sie vor?", fragte Snape und es gelang ihm nur schwerlich, nicht überrascht zu klingen. „Ich muss mal!", rief das Mädchen ohne sich umzudrehen und Snape zog eine Augenbraue hoch. Dann drehte er sich von dem Waldstück weg und überblickte das Wirrwarr aus Straßen und Gleisen, das den Eurotunnel umgab. Einige Minuten später trat Miss Granger wieder neben ihren düsteren Begleiter und trank aus einer Wasserflasche. „Trinken Sie eigentlich nie etwas?", wollte sie unverfroren wissen. Snapes Lippen wurden ganz schmal, als er sich besann, dass er ihr erlaubt hatte, offen zu sprechen. Tatsächlich ging ihm diese Neugier auf Angelegenheiten, die sie nichts angingen ziemlich auf den Zeiger. „Es gibt Dinge, auf die kann ich unglücklicherweise nicht völlig verzichten. Es ist nur eine Frage dessen, was und wie man trinkt, Miss Granger", antwortete er unwirsch und hoffte, sie damit zufrieden zu stellen. „Was meinen Sie, Sir? Könnten wir meinetwegen eine kleine Frühstückspause einlegen? Ich habe seit gestern Abend nichts mehr gegessen…", Snape holte tief Luft, er würde seinen kompletten Zeitplan überdenken müssen, um ihn auf Miss Granger anzupassen. „Von mir aus. Zehn Minuten." Sofort ließ Hermine sich in das weiche Gras nieder und wühlte in ihrer Tasche nach dem Proviantpäckchen, dass sie sich gepackt hatte. Sie wollte möglichst nicht wieder von Pilzen leben müssen, wie bei der Suche nach den Horkruxen und hatte daher besser vorgesorgt. Während sie eine Banane aß, dachte sie an die Jungs und erneut überkam sie Wehmut. Schnell lenkte Sie ihre Aufmerksamkeit auf Snape, der unbeweglich dastand und nichts tat, als seine Umgebung zu beobachten. „Ich habe mal Urlaub mit meinen Eltern in Frankreich gemacht…", Snape sah zu Hermine, als wartete er auf weitere Informationen, doch Hermine hing ihren Gedanken nun stumm nach und so sah er wieder weg. Das Schweigen zwischen ihnen war belastend. Snape spürte, dass Miss Granger sich nach Anteilnahme sehnte, die er nicht geben konnte. Um irgendetwas zu tun, begann er schließlich zu sprechen: „Wir sollten einige Kilometer zu Fuß zurücklegen. Ich kann von hier nicht sehen, wo wir hinapperieren. Und Sie sollten sich auch desillusionieren.", Hermine sah zu ihm auf und seufzte. „In Ordnung.", sie rappelte sich hoch und blickte erwartungsvoll. „Sir, ich habe mich noch nie desillusioniert. Ich kenne die Theorie, aber gemacht habe ich das noch nie." Severus fiel ein, dass sich Miss Granger ihr eigentlich letztes Schuljahr in Hogwarts mit Potter und Weasley auf Dumbledores Mission befunden hatte. „Probieren Sie es!", forderte er sie auf und als Hermine tat wie ihr geheißen, war er nicht überrascht, dass sie den Zauber auf Anhieb zufrieden stellend ausführen konnte. „Das wird genügen.", meinte er nur und richtete seinen Zauberstab dorthin, wo Hermines jetzt grasgrüne Hand war. „Hier, dann müssen wir nicht ständig nachsehen, wo der andere ist.", ein dünnes Seil züngelte aus seinem Zauberstab hervor und das eine Ende legte sich sanft um Hermines Handgelenk, das andere um Snapes, der im Augenblick darauf mit seiner Umgebung perfekt verschmolz und mit ihm das Seil. Dann marschierten sie los. Snapes Schritte waren wie immer zügig und ausgreifend. Sein Tempo variierte nur wenig, wenn es bergauf oder –ab ging und Hermine tat alles, um ihn nicht zu bremsen. Gelegentlich bat sie um Pausen, um ihre dringendsten Bedürfnisse zu stillen, denn Snape schien keine zu haben. Gelegentlich apparierten sie Seite-an-Seite einige Kilometer, manchmal flogen sie, aber Hermine, die das nicht gewöhnt war, bekam rasch Muskelkater vom Hocken auf dem Besen. Sie hatten Frankreich gegen Mittag hinter sich gelassen, inzwischen bereisten sie Holland und Hermine begann sich nach etwas Geselligkeit zu sehnen. Die meiste Zeit über hatte Snape geschwiegen oder sich sehr kurz gefasst, mit seinen Aufforderungen zur Weiterreise. Hermine war vom häufigen Apparieren und wenig Essen ganz schwummrig, traute sich aber nicht, etwas zu sagen, weil sie nicht für eine Memme gehalten werden wollte. Snape dagegen war Entbehrungen gewöhnt, doch am späten Nachmittag musste er sich eingestehen, dass ihn Naginis Biss mehr mitgenommen hatte, als er zugeben wollte. Der Schmerz in seinem Hals war kontinuierlich schlimmer geworden und es war wohl an der Zeit, die Salbe aufzutragen. Ein letztes Mal bot er Hermine den Arm und apparierte sie beide in ein Waldgebiet in der Nähe eines großen Flusses, das er entdeckt hatte. „Hier werden wir heute unser Lager aufschlagen. Wenn man bedenkt, seit wann Sie heute auf den Beinen sind, haben Sie recht gut mitgehalten, Miss Granger. Ich errichte einige Barrieren…", und schon ging er eine kleine Lichtung sichtbar Beschwörungen murmelnd ab, während Hermine glücklich auf die Knie sank. Severus grinste in sich hinein. Er hatte es absichtlich so aussehen lassen, als würden sie wegen Miss Granger schon ihr Lager errichten, denn sie brauchte nicht zu wissen, dass ihr Begleiter seinerseits nicht ganz fit war. Er schlug seinen Reiseumhang zurück und zog das magische Zelt aus der Ledertasche. Mit einem Schlenker seines Zauberstabes war es bezugsfertig und Hermine sah zu, wie ihr ehemaliger Lehrer sich anschickte, darin zu verschwinden. Plötzlich hielt er inne und blickte zurück zu Hermine, die immer noch im Gras saß. „Ich nehme an, Sie besitzen auch ein Zelt?",
„Ah, ja!", wie aus Gedanken gerissen, durchwühlte Hermine ihre Tasche und zog den Lumpenhaufen heraus, der das Zelt von Bill Weasley war. „Gut, dann wünsche ich einen angenehmen Abend. Falls Sie unser Lager verlassen, bitte ich Sie, mich vorher zu informieren, damit ich die Schutzzauber für sie lockern kann. Ansonsten sehen wir uns morgen früh fünf Uhr abreisebereit.", und damit wandte er sich um und ging in sein Zelt. Hermine blieb halb verdattert zurück, seufzte und machte sich dann an den Zeltaufbau.
