Severus Snape wachte am nächsten Morgen auf, als die Vögel des Waldes begannen zu singen. Er erledigte seine Morgentoilette inklusive der peniblen Rasur und dem Einsalben seiner widerlichen Narben, aß und trank jeweils eine Kleinigkeit und ließ dann das Zelt in seine Tasche verschwinden. Als Hermine aus dem ihrigen kam, stand Snape bereits auf sie wartend an einen Baum gelehnt. „Guten Morgen, Sir!", versuchte sie. „Fertig?", bekam sie zur Antwort. Das Lächeln verging ihr und sie packte schnell alles ein. Snape nahm seine Banne von der Lichtung und sie machten sich zu Fuß auf zum Rand des Waldes. Den Reiseumhang hatte Snape heute in der Tasche gelassen, denn er hatte eingesehen, dass er zu warm für den kontinentalen Sommer war. Wie er zielstrebig in seinem üblichen wallenden Umhang und mit der Ledertasche an seiner Seite hängend durch den morgendlichen Wald schritt, erinnerte er Hermine an einen finsteren Druiden.
Es wurde ein langer Tag, denn Snape war entschlossen, voran zu kommen und dabei so schweigsam wie gnadenlos. Er drängte Hermine auch in der größten Mittagshitze vorwärts und schien dabei selbst kaum ins Schwitzen zu geraten. Immerhin sah sie ihn nun ab und zu etwas Trinken, wodurch er zumindest noch menschlich wirkte. Als die Schatten immer länger wurden, signalisierte Snape endlich, dass sie für heute am Ziel wären. Sie schlugen ihr Lager am Brocken, einem fast mystischen Berg im Herzen Deutschlands, auf und Snape verschwand gleich darauf wieder in seinem Zelt. Hermine verbrachte den herrlich kühlen Abend sitzend an einen Baum gelehnt und hing ihren Gedanken nach. Sie vermisste Harry und Ron, die die meiste Zeit über wesentlich geselligere Kameraden gewesen waren und sie vermisste ihre Eltern, die sie selbst so weit weg geschickt hatte. Der einzige Vorteil von Snape als Begleiter, dachte sie, war dass er stets planvoll handelte. Hermine brauchte sich eigentlich um nichts zu kümmern außer sich selbst. Sie sah gerade zum gedämpft beleuchteten Zelt Snapes hinüber und fragte sich, was er wohl den Abend über trieb, als sie plötzlich Stimmen hörte. Mindestens drei Männerstimmen konnte sie unterscheiden und sie kamen näher. Sie war aufgestanden und schlich zu Snapes Zelt hinüber, doch er war bereits durch seine Zauberbanne alarmiert und kam misstrauisch blickend und mit Zauberstab in der Hand heraus. Angespannt lauschten sie beide in die hereinbrechende Dunkelheit. Nebel war aufgezogen und machte es unmöglich etwas außerhalb ihres Lagers zu erkennen. Der Lautstärke nach gingen die Männer gerade mit wenig Abstand zur Campgrenze vorbei. Jetzt erkannte Hermine, dass zwei von ihnen Deutsch sprachen und der dritte es auch versuchte, allerdings mit starkem Akzent. Snape flüsterte: „Converto", und plötzlich konnten sie die fremde Sprache der Anderen verstehen. „Vor ein paar Tagen haben die Muggel hier groß Sommersonnenwende gefeiert, da war ich schon sehr in Versuchung, ein bisschen an die alten Zeiten zu erinnern. Aber das bringt ja nix…wir müssen uns erst mal alle zusammenfinden und neu sammeln. Hoffentlich kommen die anderen bald…", „Viele werden wohl aus Angst gar nicht kommen…Wir werden beobachtet, es wäre vermessen, das zu bestreiten. Die Auroren warten nur darauf, dass wir einen Fehler machen…", „Einige wollen auch gar nicht mehr die alten Werte vertreten…Sie ersinnen Geschichten, wie beim letzten Mal, sie wären unter dem Imperius gewesen. Sie verraten und lügen um ihre eigenen Hintern aus den Gefängnissen zu kriegen…Denkt doch an Snape…der war doch immer Seine rechte Hand…und plötzlich will er die ganze Zeit auf der anderen Seite gestanden haben…Wenn ihr mich fragt…", doch sie hörten die Meinung des Dritten nicht mehr, denn er und seine Begleiter hatten sich zu weit entfernt. Hermine sah zu Snape hoch, der wie versteinert dastand, den Zauberstab noch immer in der Hand und mit einer Miene voller Abscheu. Dann atmete er laut aus und erwiderte dann Hermines Blick. „Die Banne halten…Dennoch werde ich sie noch einmal kontrollieren. Sie verlassen das Lager nicht und morgen früh brechen wir bei Sonnenaufgang auf.", Hermine nickte überrascht und sah Snape hinterher, wie er die Grenzen ablief und die Barrieren überprüfte. Dann ging sie in ihr Zelt, legte sich auf ihr Bett und dachte über das eben Gehörte nach. Offensichtlich waren noch immer Todesseranhänger da draußen und gruppierten sich neu und so wie es klang waren sie nicht gerade erfreut, dass sich nicht mehr alle ihre Kollegen, die noch lebten und in Freiheit waren, mit ihnen zusammentun wollten. An Schlaf war für Hermine bei der Vorstellung, dass die Schwarzmagier noch ganz in der Nähe waren, nicht zu denken. Sie starrte an die Zeltdecke und horchte die ganze Zeit über auf weitere Stimmen. Doch nichts war zu hören und so nickte sie immer wieder für einige Minuten ein.
Auch Snape beunruhigte die Tatsache, dass kaum, dass sie auf Menschen trafen, es sich um dunkle Zauberer handelte. Er sandte seinen Patronus, noch immer die silberne Hirschkuh, die an Lily erinnerte, zum britischen Zaubereriministerium, das ja inzwischen Kingsley Shacklebolt unterstand und berichtete von dem Treffen am Brocken. Er schlief nicht, denn seine Sinne waren viel zu wach. Er sah sogar noch einmal aus seinem Zelt, um zu gucken, ob Granger seinen Anweisungen auch Folge leistete.
Am nächsten Morgen war Snape aschfahl im Gesicht und Hermine hatte graue Schatten um die Augen. Es war offensichtlich, dass beide vor Sorge keinen erholsamen Schlaf gefunden hatten. Gewissenhaft wie immer, ließ Snape alle Anzeichen ihres Aufenthaltes verschwinden ehe sie disapparierten.
Die nächsten Tage waren sie noch stiller als sonst und kamen trotz der Hitze gut vorwärts. Allmählich gewöhnte Hermine sich an die Reiseroutine mit Snape und da es keine weiteren Vorfälle mit anderen Zauberern gab, besserte sich die Stimmung ganz langsam wieder. Snape härtete weiter ab, bis er die Schmerzen völlig ignorierte und sie ihm keinen Einhalt mehr gebieten konnten. Er war stets auf seine Umgebung bedacht und oft genug passierte es inzwischen, dass er sich bückte, um ein bestimmtes Kraut zu pflücken oder Tierlosung nach Mistkäfern abzusuchen. Ab und zu sammelte er hängen gebliebene Tierhaare aus Dornenhecken oder schälte Rinde von ausgewählten Bäumen. Als Hermine mitbekam, was er tat, löcherte sie ihn mit Fragen. Sie war stets sehr kommunikativ gewesen und kam in ihrer Isolation immer schwerer mit Snapes Schweigen zurecht. Tagsüber konzentrierte er sich vollends auf ihr Vorankommen und abends ging er ohne Umschweife in sein Zelt. Severus ging Hermines Neugier gewaltig auf die Nerven, zumal er der Meinung war, dass Miss Granger die Antworten auf die meisten ihrer Fragen selbst kennen müsste. Dass sie verzweifelt versuchte wieder richtig mit ihm ins Gespräch zu kommen, war für ihn nicht zu erkennen und hätte ihn auch nicht interessiert.
Sie waren nun seit reichlichen zwei Wochen unterwegs und nach Hermines Schätzung irgendwo in Osteuropa. Die Batterien ihres MP3-Players waren inzwischen leer und sie hatte das Gefühl, dass ihre Stimme bald vom permanenten Nichtgebrauch völlig versagen würde. Zudem war es drückend heiß und trocken. Kamen sie in Gewässernähe, konnten sie sich nur mittels Schutzzauber die blutgierigen Mücken vom Leib halten. Während Snape durch die viele Bewegung an der Luft langsam aber sicher eine gesündere Hautfarbe bekam, war Hermine dieser Tage häufiger unwohl. Sie hatte, obwohl sie es nicht nötig hatte, schätzungsweise fünf Kilo abgenommen, weil sie nur noch morgens und abends etwas aß. Und heute früh hatte sie zu allem Übel auch noch ihre Tage bekommen. Seit Mittag hatte sie so üble Unterleibskrämpfe wie noch nie zuvor. Offenbar war ihr ganzer Körper von den Veränderungen betroffen, die das Akkordreisen mit sich brachte. Sie trank unheimlich viel und musste, als Folge dessen, ständig Snape um eine Pause bitten, in der sie sich hinter Büsche kauerte und die Zähne vor Schmerz zusammenbiss. Gerade hatte sie sich wieder gezwungen, aufzustehen und während sie sich zu dem ungeduldig wartenden Mann im schwarzen Umhang schleppte, sah sie ein, dass sie so nicht weiter konnte. Als Snape sie bemerkte, drehte er sich zu ihr um und schien sie das erste Mal seit langem richtig zu sehen. „Granger! Was haben Sie gemacht?! Sie sehen, Verzeihung, dass ich das so sage, grauenhaft aus!", seine Augen waren aufgerissen und sein Körper leicht in Hermines Richtung gebeugt. „Sir, ich…es tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann heute nicht weiter…", brachte sie mit dünner Stimme hervor. In Snapes Kopf begann es zu arbeiten: Miss Granger war im nie so dürr vorgekommen, wie jetzt. Sie stand gekrümmt vor ihm mit Haaren stumpfer und störrischer denn je und einer Blässe, die sogar ihm selbst Konkurrenz machte. „Das sehe ich auch! Aber sagen Sie mir, was sie gemacht haben? Haben Sie irgendetwas Giftiges zu sich genommen?", mit wenigen, langen Schritten war er an ihrer Seite, beugte sich zu ihr und sah ihr durchdringend in die Augen. Hermine ließ alle Schamgefühle fahren und antwortete kleinlaut: „Sir…es ist…ich habe meine Tage. Aber so wie ich sie noch nie hatte…es tut mir leid, Sir." Snape richtete sich auf und schien einen winzigen Augenblick lang überfordert. Etwas ratlos sah er auf seine junge Begleiterin und überlegte was zu tun sei. „Ich verstehe…", sagte er schließlich mit einer für ihn ungewöhnlichen Menge Taktgefühl. „Nun, am besten Sie legen sich hin und ruhen sich aus…ich werde mir etwas einfallen lassen…geben Sie mir ihre Tasche…ich baue ihr Zelt auf…". Und so rief Snape das Zelt aus Hermines Tasche, ließ es sich aufstellen, geleitete sie nach drinnen bis zu ihrem Bett und ging dann kurz raus, um die üblichen Schutzzauber zu errichten. Als er wieder hereinkam, lag Hermine wie ein Embryo gekrümmt in ihrem Bett und atmete unruhig. Severus ging zur Kochstelle und setzte einen Kessel Wasser auf. Dann zog er ein schweres, in dunkelgrünes Leder gebundenes Buch aus seiner Umhängetasche und begann etwas darin nachzuschlagen. Während er die vergilbten Seiten bis zu dem gesuchten Rezept durchblätterte, hörte er Miss Granger leise stöhnen und in ihrem Bett herum wühlen. Er konnte kaum glauben, dass es ein derart schweres Los war, als Frau geboren zu sein. Möglicherweise hatte er Hermine auch einfach zu viel zugemutet. Ihr Körper war so ausgezehrt von der Hitze und den Strapazen der Reise, da war er ganz sicher. Das Hereinbrechen des weiblichen Übels war da wohl nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er goss nun einen Weidenrindentee auf und ließ ihn ziehen, während er die Anweisungen für den Frauentrost-Trank durchlas, den er noch nie hatte herstellen müssen, weil ihn Frauen und Mädchen für gewöhnlich nicht mit ihren Leiden behelligten. Zufälliger Weise war die Hauptzutat Gewittergras auch ein adäquates Mittel bei äußerlichen Wunden und deshalb als Bestandteil für seine eigene Narbensalbe vorrätig. Beflissen braute er den Trank, der glücklicherweise nicht sehr kompliziert war und füllte ihn dann bis auf ein Schnapsglas voll in eine Phiole und beschriftete sie ordentlich mit Name und Haltbarkeitsdatum des Gebräus. Dann brachte er das noch dampfende Schnapsglas zu Hermine. „Miss Granger, trinken Sie das hier.", sie schlug die Augen auf und setzte das Glas ohne nachzufragen an ihre Lippen und leerte es in einem Zug. Snape ging zurück um den Tee zu holen und setzte sich dann in einen Stuhl gegenüber Hermines Bett, von wo aus er die Wirkung seines Tranks beobachtete. Die junge Frau hatte an dem bitteren Weidenrindentee nur genippt und sich dann wieder auf der Seite liegend eingerollt. Einige Minuten lang atmete sie noch unruhig und krümmte sich rhythmisch mal mehr, mal weniger, doch dann war ihre zunehmende Entspannung zu erkennen und schließlich schlief sie ein. Snape betrachtete sie noch eine Weile mit auf die Hand gestütztem Kopf. Er stellte fest, dass es etwas sehr beruhigendes hatte, ihrer gleichmäßigen Atmung zu lauschen. Währenddessen fragte er sich, warum ihm nicht eher aufgefallen war, dass sie so litt. Er war in gewisser Art für sie verantwortlich und hatte kläglich versagt. Ihm wurde bewusst, wie er sie die letzten Tage immer und immer wieder zurückgewiesen hatte, dabei hatte sie sich vielleicht wirklich nur für seine Arbeit interessiert. Sie war klug und dabei so jung. Wie hatte er von ihr verlangen können, sich an sein Eremitenleben anzupassen? Wäre es denn tatsächlich so furchtbar, wenn er ihr etwas entgegen käme? Immerhin hatte sie das auch getan. Und er erinnerte sich, wie locker sie in der Nacht vor Reiseantritt mit einander umgegangen waren. Seine schwarzen Augen lagen auf Hermine, die so viel Hoffnung in ihn steckte und ihn nicht enttäuschen wollte. Und Scham stieg in ihm hoch. Verbittert verzog er den Mund und kehrte dann entschlossen an den Kessel zurück, wo er eine kräftigende Consommé für Miss Granger zubereitete.
Als Hermine schließlich aufwachte, fröstelte sie leicht und musste dringend zur Toilette. Sie fühlte sich immer noch matt und elend, aber die Krämpfe hatten deutlich nachgelassen. Auf dem Rückweg vom Bad bemerkte sie, dass Snape in der kleinen Küche stand und gerade etwas verdammt gut Duftendes in eine Schale füllte. Plötzlich hob er den Kopf und erkannte, dass sie vor ihm stand. „Ah…Miss Granger! Sie sehen immer noch übel aus. Gehen Sie ins Bett, ich komme gleich nach…ich meine…ich bringe Ihnen sofort etwas zu Essen.", Hermine war zum Glück viel zu verwirrt über die Tatsache, dass Severus Snape sie bekochte, als dass ihr die unbeabsichtigte Mehrdeutigkeit seiner Worte aufgefallen wäre. Und so kuschelte sie sich in ihr Bett und schlürfte den kalt gewordenen Tee. Wenig später kam Snape herein und reichte ihr etwas Brot und die Schale Brühe. Dann stellte er die Flasche mit dem Frauentrost neben ihr Bett. „Essen Sie. Sie können es vertragen!", Hermine musste blinzeln, um es zu glauben: Snapes schmaler Mund formte ein Grinsen, dass ganz und gar nicht hämisch war! „Wann immer Ihnen Ihre Menses zu schaffen macht, sollten Sie einen Schluck davon nehmen!", er wies nun wieder ernst mit seiner feingliedrigen, blassen Hand zu der eben abgestellten Phiole. Hermine sah mit errötenden Wangen zu der Flasche und dann zu der Suppe in ihrer Hand. „Danke Sir. Das ist sehr…", sie wusste nicht, was sie sagen sollte und sah Hilfe suchend zu Snape auf. „Ich weiß. Überraschend, nicht wahr? Nehmen Sie es einfach als Gegeben hin. Und danken Sie mir nicht für etwas, das hätte selbstverständlich sein sollen! Wir werden morgen nicht weiterziehen. Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen. Ich erwarte, dass Sie bis morgen nach dem Frühstück den Kessel Bouillon geleert haben! Und nun…gute Nacht.", und damit drehte er sich um und ging. Hermine bedauerte es fast ein bisschen. Dieser für seine Verhältnisse übermäßig freundliche Snape hätte ihr ruhig noch etwas Gesellschaft leisten können. Aber während sie die köstliche Brühe schlürfte, merkte sie, wie müde sie noch war und kaum dass die Schüssel leer war, ließ sie sich zur Seite kippen und schlief augenblicklich ein.
