„Schauen Sie mal was ich hier habe, Mr. Snape! Zwei Tickets nach Usbekistan! Wir haben echt Glück! In zweieinhalb Stunden fährt der Zug hier ab und dann sind wir übermorgen zum Mittag gute tausend Kilometer weiter! Vielleicht kommen wir von dort auch noch weiter mit dem Zug, das habe ich irgendwie nicht so ganz verstanden…Aber ist das nicht klasse?!", erwartungsvoll sah Hermine hoch in Snapes Gesicht, das ihr irgendwie abweisender vorkam als in den letzten Tagen. „Sie haben die Fahrscheine also bereits gekauft, ohne mit mir darüber zu reden?" Hermine lief es bei der unverhofften Kälte in seiner Stimme eisig den Rücken runter. Die Freude über das Gelingen ihres Planes war wie weggewischt. „Aber Sir, ich dachte, Sie wären einverstanden. Sie wussten doch, dass ich zum Schalter gehe…",

„Abgemacht war, dass Sie sich informieren. Von Buchen war keine Rede! Herrje, Granger, wie sicher sind Sie sich überhaupt, dass Sie alles richtig verstanden haben und uns der Zug nicht ganz woanders hinbringt?!", er beugte seinen Oberkörper bedrohlich nach vorn und sein zorniges Zischen versetzte Hermine jäh zurück in seinen Unterricht. Sie schluckte und wich seinem erdrückenden Blick aus, in dem sie die Karten in ihrer Hand betrachtete. Da wurde ihr auf einmal klar, dass sie nicht mehr seine Schülerin war, die sich vor ihm fürchten musste und mit der er so umspringen konnte. Entschlossen hob sie den Kopf, schaute ihm fest in seine finsteren Augen und entgegnete forsch: „Entschuldigen Sie mal! Ich bin nicht so dämlich wie Sie offenbar glauben! Ich bin sehr wohl in der Lage, eine Karte zu lesen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen! Ich weiß, dass diese Tickets zumindest einen von uns schnell und sicher nach Nukus bringen werden, aber wenn Sie lieber so weitermachen wollen wie bisher – fein! Dann treffen wir uns eben dort! Übermorgen, 12:40 Uhr. Und sein Sie bitte pünktlich!" Dann drehte sie auf dem Absatz um und steuerte ein Lokal neben dem Bahnhof an. Snape richtete sich langsam zu seiner vollen Größe auf und sah kurz nach links und rechts, ob jemand ihre Auseinandersetzung mitbekommen hatte. Doch die Russen taten völlig desinteressiert. Auch wenn Snape äußerlich unerschüttert schien, in ihm tobte es vor Überraschung, die er durch Miss Grangers Verweis erfahren hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er je von jemandem so angefahren worden war. Sicher, Potter hatte des Öfteren den Mund etwas voll genommen, Miss Granger aber war doch immer um respektvollen Umgang bemüht gewesen. Severus fühlte sich eigentlich gar nicht despektierlich behandelt. Nein, es hatte ihn getroffen, dass Miss Granger wütend auf ihn war, denn etwas in ihm wusste, dass sie Recht hatte. Er musste sich eingestehen, dass er ihren Zorn nicht gegen sich wollte und noch weniger wollte er sie allein mit dem Zug durch diese Gegend fahren lassen. Und so geschah es zum vielleicht ersten Mal seit seiner Jugend, dass Severus Snape seinen Stolz zugunsten eines anderen überwand und er tatsächlich Miss Granger nacheilte.

„Miss Granger!", er holte sie ein, als sie gerade die Tür zu der Kneipe öffnete, doch sie warf ihm nur einen besonders unterkühlten Blick aus zusammengekniffenen Augen zu und ging hinein. Nun musste auch Snape erkennen, dass Hermine nicht mehr seine Schülerin war, sondern ihm wahrhaftig auf Augenhöhe begegnete. Es war an der Zeit, sie endlich als eine Frau zu behandeln, nicht als seine Schutzbefohlene. „Miss Granger!" - er hatte sie reflexartig am Arm gepackt und lehnte sich nahe zu ihr, um leise und nur für sie hörbar sprechen zu können. „Ich…bitte um Verzeihung!" Hermine hielt inne, sah erst auf seine Hand, die ihren bloßen Unterarm umklammert hielt und dann in sein Gesicht. Snape erkannte seinen Fehler sekundenschnell und doch zu spät. Sofort ließ er sie los und seine Augenbrauen formten ein für ihn äußerst untypisches flaches Dreieck als er erneut um Entschuldigung bat. Sie spürte wie der Zorn gegen ihren Willen viel zu schnell verpuffte, als ihr Snape so nahe kam. Sie konnte ihn riechen und ihr Arm schien sich zurück in seine Hand zu sehnen, die ihn zwar fest, doch nicht unsanft gehalten hatte. Die Zeit schien still zu stehen, während Hermine krampfhaft überlegte, was sie tun sollte. Einerseits war es eine Genugtuung, dass Severus Snape mal nicht die Oberhand hatte, andererseits war sein Blick beinahe flehend. Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass ein ihm möglichst gleichgültig entgegen geworfenes „Meinetwegen." einen guten Kompromiss darstellte. Anschließend ging sie weiter in die eigentlich abstoßende Gaststube hinein und setzte sich, nachdem sie den gigantischen Rucksack von ihrem Kreuz bekommen hatte, an einen Zweiertisch in der hintersten Ecke. Snape kam nach und begann leise zu sprechen. „Sie haben Recht, Miss Granger. Aber bilden Sie sich nichts darauf ein! Mir behagt nur die Vorstellung nicht, hier für Stunden fest zu sitzen.", er erwähnte den Grund für seine Unruhe mit Bedacht nicht, um Miss Granger nicht zu verunsichern und hoffte inständig, sie würde nicht danach fragen. Doch die ging gar nicht weiter auf ihn ein, sondern sah sich jetzt seltsam nervös um. „Was haben Sie?", wollte Snape alarmiert wissen. „Nichts. Ich weiß nur nicht, wie lange die uns hier sitzen lassen, so ohne dass wir was bestellen." flüsterte Hermine. Snape war leicht irritiert. „Warum bestellen Sie dann nichts?",

„Weil ich kein russisches Geld habe und mit meiner Kreditkarte werde ich hier wohl kaum zahlen können."

„Weshalb gehen Sie in eine russische Kneipe, wenn Sie nichts bestellen wollen?". Snape suchte noch immer nach der verborgenen Logik.

„Weil ich von Ihnen weg wollte! Und mir nichts Besseres einfiel!", jetzt sah sie ihn mit einer gehörigen Portion Trotz an. „Ah. Verstehe! Nun…was trinkt man hier denn so, wenn man nicht derart sauffreudig ist, wie die?", seine Augen huschten durch den Raum an die Theke, wo zwei runzelige alte Einheimische über dem wohl nicht ersten Wodka des Tages hockten. „Ähm…ich habe mal von ‚Wostok' gehört. Das ist wohl alkoholfrei…Aber ich verstehe nicht. Haben Sie etwa Rubel dabei?"

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken." antwortete Snape, kräuselte die Lippen und erhob sich von seinem Stuhl. Hermine meinte zu erkennen, wie Snapes Hand unauffällig zu seinem Zauberstab in der Innentasche des Umhangs glitt als er an den Tresen trat. Kurz darauf zahlte er mit englischen Pfund und kam mit zwei russischen Limonaden an den Tisch zurück.

„Imperius?", wollte Hermine flüsternd wissen. „Sie denken wohl: einmal Todesser – immer Todesser, was? Keine Sorge Miss Granger, ein einfacher Gedächtnisveränderungszauber war hier vollkommen ausreichend. Der Wirt wird uns nicht behelligen und die zwei Anderen kriegen ohnehin nichts mehr mit." Als Hermine zu den beiden einzigen anderen Gästen sah, fiel der Kopf des einen gerade dumpf auf den Tresen und der andere, davon völlig unbeeindruckt, lallte ihn auf Russisch zu. „Sieht wohl so aus…", stimmte sie zu und nahm dann einen Schluck von ihrem Getränk. Es schmeckte gewöhnungsbedürftig aber zum Glück nicht völlig widerlich. Snape rührte sein Glas nicht an, sondern sah aufmerksam zu Miss Granger. Sie war etwas verwirrt und fragte daher skeptisch: „Ist irgendwas, Sir?"

„Ich frage mich nur, wie wir die Wartezeit überbrücken wollen…", er rechnete damit, dass sie sie schon unterhalten würde, schließlich ließ sie kaum eine Gelegenheit aus, um für Geselligkeit zu sorgen.

„Wir? Keine Ahnung. Ich werde lesen." und damit kramte sie, so dass der Wirt es nicht sah, ein Buch aus ihrer Perlentasche. Sie hatte beschlossen, Snape ein wenig für seine Arroganz büßen zu lassen, indem sie ihn auf Abstand hielt und sich Hundert hilfreichen Haushaltshexereien widmete. Severus Snape zog überrascht eine Augenbraue hoch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er hatte kein Problem damit, zu schweigen. Im Gegenteil, er hatte genug zum Nachdenken. Und so herrschte an ihrem kleinen Tisch einträchtige Ruhe, nur unterbrochen vom gelegentlichen Seiten umblättern oder Sitzposition verändern Miss Grangers. Gegen halb neun füllte sich plötzlich die Kneipe mit russischen Arbeitern, die Lärm und einen starken Geruch von Schweiß, Metall und Alkohol mitbrachten. Einige sahen verwundert in Snapes und Hermines Ecke, waren aber zu sehr auf ihrem Feierabend fixiert, als dass sie sich an den Fremden gestört hätten. Es herrschte nun ein ständiges Kommen und Gehen und Snapes analytisches Gehirn, war dazu übergegangen, die durchschnittliche Verweildauer der Gäste zu ermitteln. Dann fiel ihm auf einmal ein Mann in der gegenüberliegenden Ecke auf, der zu sauber wirkte für dieses Spelunke und noch dazu kein Getränk vor sich hatte. Er war untersetzt, hatte einen ergrauten Backenbart und trug eine seltsame Mütze bis tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Augen im Schatten lagen. Doch Snape spürte, dass sie in seine Richtung sahen. Plötzlich stand der Typ auf und verließ eilig das Lokal. Snape sah nun häufiger auf die Wanduhr hinter der Bar, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass er den Kerl nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Endlich schlug Miss Granger ihr Buch zu und packte es weg. „Wir sollten zum Bahnsteig gehen. Der Zug müsste in zehn Minuten kommen.", Snape war noch vor ihr auf den Beinen – er war erholt vom Sitzen, schien jedoch unter einer seltsamen Spannung zu stehen. Hermine wollte gerade beginnen, sich ihren Wanderrucksack aufzubürden, als Snape ihn ihr unerwartet abnahm. „Das geht wohl schneller so.", meinte er auf ihren ungläubigen Blick hin. Er dachte sich tatsächlich nichts weiter dabei, doch für Hermine war es ein Zeichen, dass er versuchte seinen Auftritt wieder gut zu machen.

Der Zug war tatsächlich pünktlich und Snape und Hermine suchten sich ein freies Abteil entsprechend der Klasse, die auf den Karten stand. Es verfügte nur über zwei gegenüberliegende Doppelsitze, und beide fragten sich heimlich, wie sie es zwei Tage auf so engem Raum miteinander aushalten sollten. Als der Zug endlich ratternd anfuhr, verdrängte Snape die Gedanken an den seltsamen Beobachter aus seinem Kopf und betrachtete seine Fahrkarte, die ihm Miss Granger gegeben hatte. „Miss Granger? Was bedeutet Tjemnora?"

„Was?", Hermine blinzelte ihn verständnislos an.

Tjemnora. Das steht hier auf der Karte…sehen Sie? Ich wüsste gern, wofür das steht."

Hermine, Snape schräg gegenüber am Fenster sitzend, sah rasch auf das Ticket und erkannte, was er meinte. Sie musste jedoch zugeben, es nicht zu wissen und ihr Floskelwörterbuch brachte auch keine Erkenntnisse. Es war ihr sichtlich unangenehm, die Frage nicht beantworten zu können, was Snape wiederum erheiterte. „Miss Granger machen Sie sich keine Sorgen. Es wird in keiner Prüfung drankommen!"

Wenig später hatten beide das seltsame Wort vergessen und ergingen sich in gegenseitigen Stänkereien. Etwa eine Stunde später wurde der Zug langsamer und hielt schließlich neben einem schwach beleuchteten, rostigen Schild mit einem Russischen Wort. Hermine sah in ihrem Straßenatlas nach und lief plötzlich hellrosa an. Der Zug hatte inzwischen alle Türen geöffnet und dem Geräuschpegel auf dem Gang nach, stiegen die Fahrgäste aus. Die entsprechende Ansage des Schaffners hatten Snape und Hermine überhört. „Was ist los? Warum steigen die alle aus?", Snape so ratlos zu sehen, machte es Hermine nicht gerade einfacher. „Sir…ich fürchte…Also…wissen Sie…das ist Tjemnora. Dieser Zug endet hier offenbar. Es tut mir leid…Scheinbar habe ich da doch was missverstanden." Snape sah sie konsterniert an und wollte seiner Entrüstung schon Luft verschaffen, als er aber erkannte, wie elend sich Miss Granger offenbar durch ihren Fehler fühlte, besann er sich eines Besseren. „Miss Granger, kommen Sie! Wir müssen aussteigen und einen neuen Plan machen!", er nahm sogar wieder Hermines lästiges Riesengepäck und wartete vor der Abteiltür, dass sie käme. Snapes unverhoffte Milde weckte in ihr neuen Kampfgeist. Sie schnappte sich Atlas, Fahrkarten und Bilderbuch und bahnte sich ihren Weg zum Schaffner. Snape hielt sich im Hintergrund, ließ sie aber nicht aus den Augen. Er war von sich selbst überrascht. Sein Puls hatte sich nach der schockierenden Erkenntnis, dass sie Russland noch immer nicht verlassen hatten, überraschend schnell wieder beruhigt, als Miss Granger ihn um Verzeihung bittend angesehen hatte. Wieso fiel ihm in letzter Zeit immer wieder auf, dass sie kein Teenager mehr war und wann hatte er begonnen, sich ernsthaft um ihre Meinung von ihm zu sorgen? Er seufzte tief und sah so optimistisch drein, wie es ihm sein von Pessimismus gezeichnetes Gesicht erlaubte, als Miss Granger zu ihm zurückkam. „Also. Es ist keine ganz große Katastrophe. So wie ich das sehe, ist das hier nur ein Zwischenaufenthalt. Denn auf unseren Fahrscheinen steht eindeutig Nukus als Ziel. Wenn ich es richtig verstanden habe, kommt um kurz vor um 3 der Zug, der uns dahin bringt." Snape sah hoch zur Bahnhofsuhr, die 23 Uhr anzeigte. Er konnte nicht sagen, dass er begeistert war, aber etwas in ihm freute sich für Miss Granger, dass ihr Versehen keine schlimmeren Auswirkungen hatte. Der Bahnsteig war inzwischen leer und der Zug, mit dem sie gekommen waren, machte sich gerade schnaufend auf den Rückweg. Ein kurzer Blick zeigte Snape, dass es in Tjemnora außer dem Bahnhof und einiger winziger Häuser nichts gab. Die Nacht war mild und trocken. Snape deutete auf eine Bank an der kleinen Bahnhofshalle: „Setzen wir uns. Sie sehen müde aus." Hermine folgte dankbar und baute sich mit ihrem Rucksack als Kissen und einer Sweatjacke als Unterlage eine kleine Liegefläche. Snape saß wie immer steif am Ende der Bank und beobachtete, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ, den Bahnhof. „Sie passen doch auf, oder?" fragte Hermine noch, doch da fielen ihre Augen bereits zu und sie schlief trotz der unbequemen Lage augenblicklich ein. Snape betrachtete sie intensiv und murmelte schließlich: „Selbstverständlich."