Der ruhige Schlaf währte nicht lange. Hermine träumte von männlichen Geschlechtsorganen in allen erdenklichen Positionen und ein besonders großes wurde ihr vor die Knie geschlagen. In dem Moment war es plötzlich eine Metallstange und ihre Knie schmerzten höllisch. Davon wurde sie wach – nur um festzustellen, dass ihr die Knie tatsächlich wehtaten. Die hingen nämlich völlig durch, weil sie ihre Füße ja auf den leeren Sitz gegenüber legen musste. Vorsichtig nahm sie die Beine runter und ließ ihren Knien Zeit, sich zu erholen. Dabei sah sie erleichtert, dass Snape letztendlich doch zur Entspannung fähig gewesen war: sein Oberkörper war in die Ecke aus Rückenlehne und Abteilwand gerutscht, sein Unterkiefer hing ein wenig und seine langen, sehr schlanken Beine waren nicht mehr parallel und eng gewinkelt gestellt, sondern leicht nach außen gedreht und sein rechtes Bein lag weggestreckt quer im Gang zwischen den beiden Doppelsitzen. Hermine musste grinsen, beim Gedanken, dass ihm sein rechtes Knie beim Aufwachen genauso wehtun würde, wie ihre. Nun da er schlief, traute sie sich, ihn näher zu betrachten. Sie sah, dass Hunderte winziger, dunkler Bartstoppeln seiner unteren Gesichtshälfte einen gräulichen Schatten verliehen und er für einen Mann ziemlich dichte Wimpern hatte, die wahrscheinlich den Eindruck seiner tief liegenden und dunklen Augen noch verstärkten. Sie ertappte sich dabei, wie sie an seinem schmallippigen, leicht geöffneten Mund verharrte und an ihm etwas Sinnliches erkannte. Schnell senkte sie den Blick und bemerkte, dass Snapes Halsbandagen übel, wie von irgendetwas getränkt, aussahen. Jetzt sah sie erst, dass beinahe sein ganzes Hemd vom Kragen her durchnässt war und sie begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Sie war überhaupt nicht mehr müde, sondern umgetrieben von der Frage, ob sie ihn wecken, damit er sich um seinen Hals kümmern konnte oder ihn schlafen lassen sollte, denn er schien den Schlaf zu brauchen. Doch während sie noch überlegte, weckten ihre intensiven Blicke Severus Snape schon auf. Er straffte alle Muskeln seines sehnigen Körpers und setzte sich wieder gerade hin. Dann fiel ihm Hermines Starren auf. „Miss Granger-…", weiter kam er nicht, denn er spürte einen mächtigen Schmerz in seinem Hals und die Stimme drohte ihm zu versagen. Ein Räuspern. Ein Griff an seine klatschnasse Kehle. Und Snape fiel ein, dass er die Wunden am Abend zuvor nicht versorgt hatte. Er kam sich wie ein Greis vor – abhängig von einem Medikament, das zwar Linderung, nicht aber Heilung, versprach. Genervt von der Unzulänglichkeit seines Leibes, stand er auf und verließ ohne weiteres das Abteil in Richtung der Zugtoilette.
Nachdem er die nässenden Narben gereinigt und gesalbt, sich rasiert und umgezogen, sowie einen frischen Verband angelegt und mit einem Salbeiaufguss gegurgelt hatte, fühlte er sich etwas besser. Auf dem Rückweg zu seinem und Miss Grangers Abteil traf er auf eine Russin, die Frühstückszutaten von einem Speisewagen verkaufte. Er nahm zwei Tassen Tee, einige Scheiben Brot und etwas Belag mit, zahlte stoisch und pauschal fünf Pfund (die Alte würde sich bei der Kassenabrechnung später fragen, wie sie zu der fremden Währung gekommen war, sich aber nicht an Snape erinnern können) und kehrte zu Miss Granger zurück. Sie saß angespannt und mit deutlich besorgtem Blick auf ihrem Platz, als er hereinkam, wagte jedoch nicht, ihn anzusprechen, da sie nicht wusste, welcher Laune er war. Er schloss die Tür und brachte ein einiger Maßen zuversichtliches Grinsen zustande. „Keine Sorge, Miss Granger, wenn es tödlich wäre, wäre ich wohl nicht mehr hier…Da! Frühstücken Sie etwas!", Snape ließ die mitgebrachten Speisen auf den Sitz neben sie fallen, stellte ihr eine Tasse hin und setzte sich selbst wieder. „Sir, ist das…ich meine, kommt das von der Schlange?", Hermine konnte einfach nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen. Snape nippte am Tee und beschloss, sie nicht mit Lügenmärchen zu strafen, da sie nichts für seinen Zustand konnte. „Jaah…ich fürchte, dem ist so. Sie müssen wissen, dass Nagini keine gewöhnliche Schlange war, sondern wohl eine Hybride mit schwarzmagischen Eigenschaften. Der Dunkle Lord hält sich keine Boa constrictor… Jedenfalls kann nachvollziehbarer Weise kein adäquates Gegenmittel gefunden werden, ohne die einzelnen Komponenten des Giftes zu kennen. Der wahre Grund, warum ich mich auf dieses Unterfangen eingelassen habe, ist also Australiens Ruf als giftigster Kontinent. Ich bin der wahrscheinlich trügerischen Hoffnung aufgesessen, dort kompetentere Fachleute zu finden als in Großbritannien. Nein. Das ist streng genommen auch nur ein Vorwand. Denn an und für sich habe ich keinen Plan, was ich sonst tun sollte und wie Sie vielleicht erahnen, bin ich nicht der Typ für Müßiggang.", er nahm sich Brot und Käse sowie einen Becher, auf dem Smetana stand und begann ungerührt, zu essen, wobei er leicht das Gesicht verzog - offenbar war Sauerrahm nicht sein Geschmack.
„Sie könnten doch wieder unterrichten!", Hermine fühlte sich ob der ungewöhnlich wortreichen Erklärung zu einem Gespräch ermutigt.
„Glauben Sie das im Ernst? Granger, meinen Sie, ich wüsste nicht, wie sehr alle meinen Unterricht gehasst haben? Und das ist noch gar nichts, verglichen mit meiner Abscheu den Schülern gegenüber. Sie sollten hinreichend am eigenen Leib erfahren haben, dass ich wahrlich nicht zum Lehrer geboren bin. Tatsächlich fehlt mir die Geduld, mit Dummheit, Faulheit und Pubertät umzugehen…"
„Sie waren aber nicht der schlechteste Lehrer, vor allem in Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Aber auch in Zaubertränke hatte ich immer das Gefühl, dass Sie wirklich etwas von dem verstehen, was Sie uns versuchten, zu vermitteln. Man konnte Ihre Leidenschaft für diese Fächer schon deutlich spüren, auch wenn es Ihnen wohl nur bei den Wenigsten gelang, ein ähnliches Feuer zu entfachen…Jedenfalls…irgendwie schade…ich hatte gehofft, meinen Abschluss bei Ihnen zu machen, denn ein UTZ in Zaubertränke bei Professor Snape hätte schon Einruck gemacht. Jeder weiß, dass Sie keine Punkte verschenken.", Hermine feixte und griff nun auch zu Brot und Käse (Smetana auslassend). Snape schnaubte verächtlich und sah dann einigermaßen interessiert zu ihr. „Dann gehen Sie nach Hogwarts zurück?", wollte er wissen, obwohl es ihn nicht wirklich überraschte.
„Jaah…ich habe schon mit Professor McGonagall gesprochen…je nachdem, wann ich wieder zuhause bin, kann ich vielleicht noch in das bald beginnende Schuljahr einsteigen. Ich denke, das wäre meinen Eltern auch wichtig…sie haben viel in meine Ausbildung investiert.", etwas Wehmut schwang in ihrer Stimme mit, als sie von ihren Eltern sprach.
„Bei Ihrem Verstand war das keine schlechte Anlage…", Hermine sah Snape verblüfft an. Ein Kompliment aus seinem Mund - sie wusste vor Überraschung gleich gar nichts zu erwidern, doch Snape fuhr ohnehin schon fort. „Ich meine…Auch mir ist nicht entgangen, dass Sie neben Fleiß und Disziplin, ein beachtliches Talent für nahezu alle Zweige der Zauberei besitzen, auch wenn Sie bisweilen dazu neigen, mit Ihrem Wissen über die Stränge zu schlagen. Es gab wohl keinen Aufsatz von Ihnen, der nicht mindestens zwanzig Zentimeter länger war, als gefordert." Er kräuselte hämisch die Mundwinkel und bemerkte, nicht ohne eine gewisse Befriedigung, dass Miss Granger leicht errötete und betreten nach unten sah. „Nichts, wofür Sie sich schämen sollten, Miss Granger.", sagte er dann jedoch, denn er konnte sich nur zu gut in sie hineinversetzen. Auch er war schon als Schüler über die Maßen begabt gewesen und wusste wie schwer es war, damit echte Freunde zu finden. In seiner Überheblichkeit hatte er sich jenen angeschlossen, die ihn für seinen Intellekt zu bewundern schienen. Miss Granger aber war nie einer solchen Verlockung erlegen. Sie war sie selbst geblieben und trotzdem stets von Freunden umgeben. „Sie haben hart gearbeitet und soweit ich das beurteilen kann, haben Sie darüber hinaus auch Ihre Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich deutlich verbessert. Wenn es jemand schafft, herausragend klug und dabei einnehmend freundlich zu sein, dann Sie." Snape meinte das völlig ernst, auch wenn er kaum glauben konnte, dass er es tatsächlich gesagt hatte. Doch er kam einfach nicht umhin sich einzugestehen, dass er sich im vergangenen Monat - denn solange waren sie inzwischen gemeinsam unterwegs - an Miss Grangers feinfühlige Art mehr als gewöhnt hatte. Er konnte den positiven Einfluss, den sie auf ihn hatte, nicht verleugnen. Hermine spürte bei seinen Worten Hitze in sich aufsteigen und in ihrem Gesicht sammeln. Verbittert dachte sie daran, dass Ron ihr etwas derart Nettes eigentlich nie gesagt hatte, ohne einen Aufsatz von ihr abschreiben oder in anderer Art von ihrem Wissen profitieren zu wollen. Eigentlich schien sie äußerst selten jemandem überhaupt als Frau aufzufallen, sondern immer nur, als die, die immer alles wusste und alles konnte. „Ich danke Ihnen, aber so toll bin ich wirklich nicht, Sir!", sie schaffte es aufzusehen, bemerkte aber, dass Snape sein Frühstück offenbar bereits beendet hatte, denn er war entschlossen dabei, Brotkrümel von seinen schwarzen Gewändern zu wischen und aufgeworfene Kleiderfalten glatt zu ziehen. (Das alles sollte einen möglichst beiläufigen Eindruck machen, damit Miss Granger nicht erkannte, wie tiefgründig seine Gedanken zu diesem Thema waren.) Hermine wandte den Blick ab und betrachtete nun nachdenklich das belegte Brot in ihrer Hand. Schließlich ergänzte sie: „Ich werde in zwei Monaten neunzehn und kann weder einen Freund, noch überhaupt irgendeine ernstzunehmende Romanze in meiner Teenagerzeit vorweisen!"
Erstaunt sah Snape jetzt zu Miss Granger, deren Stirn kraus gezogen und ihre Unterlippe vorgeschoben war. Es war offensichtlich, wie sehr sie mit sich haderte und Severus fragte sich, wie sie auf seine eigentlich gut gemeinten Worte so betrübt hatte reagieren können. „Wissen Sie, manchmal denke ich, wenn ich weniger Grips und dafür mehr Brust hätte, wäre ich bei den Jungs begehrter!", sie hob den Kopf und realisierte entsetzt, mit wem sie da gerade sprach. Severus Snape war mit Sicherheit der letzte, mit dem man als junge Frau über Jungsprobleme oder postpubertäre Minderwertigkeitskomplexe reden sollte. Wie verzweifelt musste sie sein, dass sie ihn auf diese nahezu nie versiegende Quelle für Spott und Häme stieß. „Oh Gott!", stieß sie bestürzt aus und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Snape zog ungläubig seine Brauen nach oben und sah mit einer Mischung aus Erstaunen und Skepsis auf das Häufchen Elend, das Miss Granger vor Scham geworden war. „Ich glaube zwar nicht, dass mich das etwas angeht, Miss Granger, aber als Ihr ehemaliger Lehrer kann ich nur sagen, dass ich enttäuscht von Ihnen bin. Das war das mit Abstand Unklügste, was je aus Ihrem Mund kam! Nie waren Sie der Wahrheit ferner. Gut. Vielleicht an jenem Tage, als Sie glaubten, ich würde Potters Besen verhexen, damit er stürzen und sich das Genick brechen würde, was mich zweifellos amüsiert hätte, Sie jedoch dazu veranlasste, mich in Brand zu stecken.", fassungslos sah Hermine kurz in sein höhnisch grinsendes Gesicht. „Ja…ich weiß davon. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wenn wirklich jemand so oberflächlich und einfältig ist, eine Frau nach der Größe ihres Milchdrüsengewebes zu erwählen, hat dieser jemand tatsächlich nichts anderes verdient, als ein nicht minder dummes vollbusiges Liebchen dann auch zu ehelichen und fortan in Mittelmaß und Körperlichkeit zu leben. In Ihrem Falle halte ich es jedoch für offensichtlich, dass Sie schlicht eine höhere geistige Reife besitzen, als die – nennen wir sie ‚Männer' Ihres Alters. Es ist doch keine neue Erkenntnis, dass das männliche Geschlecht sowohl physisch als auch psychisch der weiblichen Entwicklung nachhinkt. Die Einsicht, dass man mit einem großen Busen weder ein vernünftiges Gespräch führen kann, noch auch dann noch von ihm begeistert ist, wenn alle Beteiligten in die Jahre gekommen sind, braucht ihre Zeit, bis sie im Verstand der meisten Männer heranreift. Ich schlage daher vor, dass Sie sich für die nächsten Jahre entweder damit abfinden, in Ihrer Altersklasse vorerst keinen geeigneten Partner zu finden oder sich eben auf Ihrem geistigen Niveau umzusehen. Haben Sie Nachsicht und vor allem: grämen Sie sich nie wegen Ihres Geistes, der Ihnen und Ihren Gefährten unzählige Male das Leben gerettet hat. Sie sind - wenn Sie mir das gestatten wollen, zu sagen - eine in vielerlei Hinsicht attraktivere junge Frau, als die meisten Herren sie überhaupt je verdienen werden. Trotzdem habe ich keinen Zweifel daran, dass eines Tages ein großer, geheimnisvoller und gut aussehender Junggeselle Ihren Weg kreuzt, der überdies klug genug ist, sich von einer gescheiten Dame nicht eingeschüchtert und in seiner Männlichkeit untergraben zu fühlen. Er wird Sie, so wie Sie sind, lieben und ehren und was auch immer junge Frauen sich sonst noch erträumen und es wird ihn nicht im Geringsten interessieren, ob und mit wem Sie als Siebzehnjährige angebandelt haben!" Snape hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und saß wie üblich kerzengerade in seinem Sitz, sein Kopf war nur wenig in Hermines Richtung gedreht, doch seine Augen sahen eindringlich zu ihr hin. Sie hob schließlich ungläubig ihren Kopf und erwiderte gebannt seinen Blick. „Wow…", brachte sie fast flüsternd hervor. „Mr. Snape, das hätte Professor McGonagall persönlich nicht besser hinbekommen! Sehen Sie sich vor, man bietet Ihnen sonst vielleicht noch einen Vertrauenslehrerposten an!" und dann begann sie zu lachen. Erst ganz verhalten, doch bald darauf stiegen ihr Tränen in die Augen und sie lachte, wie seit Monaten nicht mehr. Über das Kriegsende. Über Rons plumpe Annäherungsversuche. Ihre Eltern, die nichts von ihr wussten. Darüber, dass sie sich einmal vor Snape gefürchtet hatte. Über die dämlichen Russen, die Snape mit einem einzigen Zauber Eins zu Zehn geschlagen hatte. Über ihr kindisches Verhalten eben. Und ein bisschen sogar über Snape selbst, der vielleicht ohne es zu wissen, mit dieser Ansage gerade mehr Feingefühl bewiesen hatte, als Ron in den vergangen sieben Jahren manchmal erkennen ließ! Und wer hätte das von dem alten Trauerkloß erwartet?! Und schließlich jauchzte sie über ihr Lachen und konnte einfach nicht mehr aufhören. All die Anspannungen des letzten Jahres lachte sie sich vom Herzen.
Snape sah sie zunächst verständnislos an, doch binnen kurzer Zeit wurde er angesteckt: zogen sich erst seine Mundwinkel nach hinten und drifteten seine Lippen auseinander, sodass seine gelblichen Vorderzähne zu sehen waren und dann gluckste es heiser aus ihm heraus. Ohne, dass er es hätte verhindern können, schien ein Knoten in ihm zu platzen, der alle Spannung von seinem Körper nahm. Die Verschränkung seiner Arme löste sich und sein Oberkörper krümmte sich unter dem kehligen Lachen, das aus den Tiefen seiner Seele drang. Severus Snape gab jede Kontrolle auf und ließ sich mitreißen. Irgendwann schmerzten sowohl Gesichts- als auch Bauchmuskeln von der ungewohnten Beanspruchung, doch Snape war von einer Glückseligkeit ergriffen, die er sich selbst nicht erklären konnte. Es war als bröckelten Schuld, Selbsthass und Verbitterung im Rhythmus seines Zwerchfells von seinem Gemüt.
Minuten später ließ das Lachen der Beiden allmählich nach. Hermine saß vollkommen erschöpft mit in den Nacken gelegtem Kopf auf ihrem Platz und ihr Brustkorb hob und senkte sich stark, während ihre Atmung langsam wieder gleichmäßig wurde. Snape stützte sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab, den Kopf zwischen seinen Händen haltend und sog tief und lang die Luft in seine Lungen. Die Muskeln seines Gesichts fühlten sich seltsam an und ihm war ziemlich warm geworden. „Sir? Ich danke Ihnen! Das hat wirklich mal gut getan! Ihre Worte…und das Lachen…", Hermine war schließlich auf ihrem Sitz nach hinten gerutscht und sah vorsichtig zu Snape. Er ließ die Hände sinken und sah nun seinerseits zu Hermine. Ihre Wangen hatten einen rosigen Ton angenommen und ihr Haar war vom Lachkrampf ganz wirr. Aber am meisten fielen Snape ihre leuchtenden Augen auf, von denen er seine gar nicht mehr abwenden konnte. Hermine wiederum konnte kaum glauben, dass es Snape war, der dort saß und sie so intensiv ansah. Auch ihm waren Strähnen seines fettigen Haares ins Gesicht gerutscht, was ihn irgendwie verwegen aussehen ließ und er sah insgesamt viel frischer und jünger aus. „Ich habe Ihnen zu danken, Miss Granger! Dank Ihrem Anfall habe ich nicht nur einen schmerzenden Hals und alten Körper, sondern jetzt auch noch Muskelkater in Gesicht und Unterleib! Verraten Sie mir wenigstens, was derart lustig war?" Er setzte sich auf und die schwarzen Strähnen glitten an ihren Platz zurück, was blieb war der entspannte Gesichtsausdruck. „Ich weiß auch nicht so wirklich…Sir.", begann Hermine. „Irgendwie hat mich die Tatsache, dass Sie mir in Männersachen einen derart netten Rat erteilen, wohl umgehauen... Sie überraschen mich in letzter Zeit häufiger! Und ich frage mich bisweilen, was wir einander sind…was uns verbindet…" Ihre Stimme war belegt vom Lachen und sie sah ihn jetzt fragend an. Sein mit Glückshormonen getränktes Hirn tat sich schwer, einen logischen Schluss zu ziehen – zu verstehen, was die junge Frau meinte. Sein Herz aber schien eine ziemlich klare Vorstellung zu haben, an die er jedoch nicht einmal zu denken wagte. „Was uns verbindet, Miss Granger, ist eine gegenseitige Vertrauenserklärung und ein gemeinsames Ziel. Der Rest ist Zufall und wurzelt wohl in der zugegebener Maßen wachsenden Sympathie meinerseits…", er hatte seine Beherrschung zurückerlangt und sein Blick war nunmehr reserviert. Hermine aber gab nicht so leicht auf: „Mr. Snape, wie definieren Sie Freundschaft?". Überrascht zog er die Augenbrauen hoch und überlegte krampfhaft, worauf sie hinauswollte. „Miss Granger…", doch Hermine sprach für ihn weiter: „Würden Sie nicht auch sagen, dass Vertrauen und Sympathie sehr solide Säulen für eine Freundschaft wären? Was wenn dann vielleicht noch ein ähnlicher Sinn für Humor und gegenseitige geistige Anregung hinzukommen? Mr. Severus Snape, wären diese Menschen dann Ihrer Meinung nach Freunde?" Es hatte sie allen Mut gekostet, seinen Vornamen vor ihm auszusprechen, aber sie sah, dass es seine Wirkung nicht verfehlte. Innerlich fuhr er erschrocken zusammen. Sein Gesicht spiegelte unfreiwillig seine Verblüffung, doch schließlich musste er erkennen, dass sie wohl Recht hatte. Ein Zustand, der sich zu häufen schien, wie er feststellte. Etwas ihn in bäumte sich auf: sein Verstand, der sich langsam wieder klärte, wollte eine Freundschaft mit diesem nur halb so alten Mädchen auf keinen Fall zulassen. Doch sein neugeborenes Herz tat einen Hüpfer und übernahm die Führung. Zu unbeschwert hatte es sich angefühlt, so mit ihr zu lachen. Zu angenehm war ihm ihre Anwesenheit geworden. Vorsichtig zog er seine Mundwinkel nach oben und es entstand das wohl sanfteste Lächeln, das Hermine je in Snapes Gesicht gesehen hatte. Keine Maske von Sarkasmus. Kein Grinsen voll Häme. Und kein bedrohliches Blecken der Zähne. Nur Verwunderung und Dankbarkeit. „Ich denke schon…Ja.", bekannte er schließlich. Miss Granger streckte ihm ihre rechte Hand hin. „Freunde?", fragte sie mit einem gewinnenden Lächeln. Snape zögerte kurz, doch dann ergriff er ihre Hand, nickte und meinte nur: „Freunde."
