Als Hermine am nächsten Morgen erwachte, saß Snape bereits wieder in seiner üblichen Montur und mit sauber bandagiertem Hals auf seinem Platz und las in einem Buch. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, ihn anzusprechen, denn seine steife Körperhaltung zeigte ihr, dass er sich wieder gegen sie abgekapselt hatte. Und so verging die restliche Zugfahrt in grüblerischer Stille. In Usbekistan angekommen, ging Snape sofort wieder zu seiner Reiseroutine über. Hermine hatte eilig die Rucksäcke rückverwandelt und wieder in Koffergestalt in ihre Perlentasche gestopft. Dann hatten sich beide desillusioniert und wieder per Seil gegen Verlieren gesichert. Es war nicht so, dass Snape nicht mit ihr gesprochen hätte, er tat es allerdings mit ausgesuchter Förmlichkeit und verstärkte damit nur den Eindruck der meterhohen Mauer um sich. Hermine konnte kaum glauben, dass sie erst am Tag zuvor miteinander gelacht hatten.
Snape schritt zügig durch die Gluthitze und war dabei stets auf der Hut. Sie kamen mehr und mehr in Gebiete mit Menschen, die Fremden gegenüber äußerst misstrauisch, wenn nicht gar feindselig gestimmt waren. Sie waren zwar getarnt, trotzdem war es besser, immer einen Schritt voraus zu sein. Erst am Abend, als sie ihr Lager aufgeschlagen und rundherum geschützt hatten und Snape allein in seinem Zelt an einem kleinen Küchentisch saß, begann er zu sinnieren. Er fühlte sich seltsam allein ohne Miss Grangers Anwesenheit, obwohl er mehr oder weniger sein ganzes Leben über einsam gewesen war. Er schnaufte geringschätzig über sich selbst, weil er das Gefühl hatte, von ihr um den Finger gewickelt worden zu sein. Ihre Gefühlsduselei und sein Verantwortungsgefühl ihr gegenüber hatten ihr dabei in die Hände gespielt. Trotzdem musste er sich eingestehen, dass es ihm Leid tat, sie am Abend zuvor mit dem Anblick seiner Wunden geschockt zu haben und ihr dann noch die Schuld dafür gegeben zu haben, dass er sich schlecht fühlte. Er hatte ihren mitleidigen Blick einfach nicht ertragen. Aber er konnte doch nicht schon wieder nachgeben. So langsam entwickelte er eine Art Schwäche für Miss Granger, die ihm nicht behagte. Er blieb lieber undurchsichtig und kalt, wenn es ihn davor bewahrte, sich mit den Gefühlen anderer auseinander setzen zu müssen. Zumal er aktuell mehr als genug mit sich selbst zu tun hatte.
Sie verlegten ihre Bewegungen zunehmend auf die Nacht, um der schier unerträglichen Hitze wenigstens etwas zuvorzukommen und schafften auf es auf diese Weise bis Anfang August auch durch Afghanistan. Eine Woche später gab es keinen Zweifel, dass sie Indien erreicht hatten. Nach der Trockenheit der Wüstenstaaten, war es Hermine zunächst wie ein Segen vorgekommen, als die Luftfeuchtigkeit stetig zunahm, je weiter sie reisten. Den ersten heftigen Regenguss hatte sie sogar genossen. Doch inzwischen war sie auch dieses Wetter leid. Jeden Tag kamen sie mindestens zweimal in sintflutartige Niederschläge und rötlicher Matsch stieg ihnen bis über die Knöchel. Snape hatte Hermine einen Imprägnierungszauber gezeigt, mit dem er bereits seinen eigenen Reiseumhang wasserabweisend gemacht hatte und so blieben sie bei aufgesetzter Kapuze überwiegend trocken. Hermine spürte trotzdem wie der Regen und nicht zuletzt das wieder recht angespannte Verhältnis zu Snape auf ihre Stimmung drückten. Hinzu kam die niederschmetternde Erkenntnis, noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft zu haben und die Sehnsucht nach ihren Freunden. Auch Snapes Stimmung näherte sich einem neuen Tief. Zu seinem Leidwesen schien das Klima seinem Hals überhaupt nicht zu bekommen. Die Wunden nässten wieder stärker und vor allem abends, wenn er allein in seinem Zelt saß, wünschte er sich beinahe Miss Grangers Gesellschaft mit ihrem Frohsinn herbei, was nicht gerade bewirkte, dass er sich besser fühlte. Sein Stolz machte es ihm unmöglich nach so vielen vergangenen Tagen noch zurückzunehmen, was er gesagt hatte und so wuchs mit dem physischen Schmerz sein Groll über sich selbst und die ganze Ungerechtigkeit des Seins.
Es hatte seit der Zugfahrt keine Unterhaltungsstunden mehr gegeben, die Snape und Hermine gemeinsam vor den Zelten verbracht hätten und Hermine wusste, dass das nicht am Regen lag. Eines trockenen Abends hielt sie es nicht mehr länger aus – sie stellte sich Snape entschieden in den Weg, als er gerade wieder in sein Zelt verschwinden wollte. „Sir! Ich muss Sie etwas fragen!"
„Tatsächlich?", Snape war so kühl, dass Hermine kurz Zweifel überkamen, doch sie war fest entschlossen, es wenigstens zu versuchen, denn von ihm war nichts in der Richtung zu erwarten. „Ja, Sir! Schlicht deshalb, weil es keinen anderen hier gibt!", sie senkte etwas die Stimme. „Und weil Sie mein Freund sind…",
Snape sah entlang seiner großen, gebogenen Nase auf sie hinab und schien mit sich zu ringen. Endlich atmete er hörbar aus und gab, wenn auch genervt, nach: „Meinetwegen…Was gibt es denn?", er rief zwei Stühle aus seinem Zelt, denn er hatte keine Lust, nach dem langen Tag auf den Beinen weiter zu stehen. „Sir, ich brauche Ihren Rat.", begann Hermine, während sie sich auf den zweiten Stuhl setzte. Severus hob misstrauisch eine Augenbraue und verschränkte die Arme. „Also, stellen Sie sich Folgendes vor: ein Freund von mir – eine unheimlich kluge und starke Person – hatte einen Unfall. Nichts was ihn komplett ruiniert hätte, aber er hat seither ziemlich zu tun, wenn Sie verstehen, was ich meine...Jedenfalls bin ich ihm wohl neulich zu nahe getreten, als ich ihn fragte, ob ich etwas für ihn tun könne…natürlich nichts um seinen Zustand zu ändern – dazu fehlen mir die Fähigkeiten – aber vielleicht, um es ihm erträglicher zu machen…Na ja…seither ist er wütend auf mich und ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, damit er erkennt, dass ich ihn nicht für hilfsbedürftig sondern liebenswert halte und deshalb seine Freundschaft nicht wegen eines blöden Missverständnisses verlieren will!". Snape sah nun sehr aufmerksam zu ihr, erkannte das aufrichtige Flehen in ihren Augen und senkte dann betroffen den Blick. Seine Kiefer mahlten deutlich, während er nach einer Antwort suchte. Er hatte natürlich erkannt, worauf sie hinauswollte und etwas in ihm war sogar etwas erheitert über die Art, wie sie es angestellt hatte. Es fiel ihm trotzdem nicht leicht, diesmal empfindsamer vorzugehen – es fehlte ihm schlicht an Erfahrung in solchen Dingen und je mehr er darüber nachdachte, umso mehr hatte er das Gefühl, es nur wieder falsch machen zu können. Schließlich antwortete er: „Miss Granger, vielleicht sollten Sie Ihre Freunde sorgfältiger auswählen…Manche Menschen können einfach schlecht mit Anderen umgehen…ich denke nicht, dass Sie sich irgendeinen Vorwurf zu machen haben." Er sah in Hermines junges Gesicht, bemerkte, wie sie sanft lächelte und fasste sich ein Herz. „Bitte entschuldigen Sie, Miss Granger! Ich komme mir vor, wie ein verdammter Narr!"
„Kann ich das schriftlich haben?!", jetzt grinste sie breit und Snape spürte, wie ihm eine Last vom Herzen fiel. „Natürlich nicht!", bellte er, erwiderte aber dabei ihr Grinsen. Sie waren beide froh, wieder unbeschwert miteinander umgehen zu können und redeten noch, bis die Dunkelheit und ein kräftiger Wolkenbruch über sie hereinbrachen. Als Snape dann abends in seinen Bett lag, ließ er zu, dass sich eine Wärme in seiner Brust breit machte, die in einem einzigen Worten begründet lag, das Miss Granger für ihn verwendet hatte: liebenswert.
