Obwohl es weiterhin ständig regnete und die Schwüle kaum zu ertragen war, kamen Snape und Hermine die kommenden Tage gut voran. Severus' Hals hatte sich entweder an das Wetter gewöhnt, oder er – Snape - achtete vor guter Laune nicht mehr auf die Schmerzen an der Bissstelle. Jedenfalls fühlte er sich seit der Versöhnung mit Miss Granger wesentlich besser. Sie hatten ihre kleinen Sticheleien wieder aufgenommen und trafen sich beinahe jeden Abend, wenn es nicht grad wieder wie aus Kübeln goss, um den Tag ausklingen zu lassen.

„Wenn Sie es sich aussuchen könnten, welche Gestalt hätten Sie dann als Animagus?", wollte Hermine heute wissen (nachdem sie in den Nächten zuvor unter anderem abgehandelt hatten, was ihre Lieblingsfarben waren – Hellblau für Hermine, Transparent für Snape, wobei Hermine das nicht als Farbe anerkennen wollte und er sich daraufhin völlig unüberraschend zu Schwarz bekannte; welches ihr Lieblingsbuch war – Geschichte Hogwarts' bei Hermine, Noch 1000 weitere Zauberkräuter und –Pilze bei Snape, obwohl sich Hermine nicht sicher war, ob es das tatsächlich gab; und schließlich wo sie jetzt gern wären – ‚mit den Eltern zuhause in England' hatte Hermine gemeint, ‚mit Hagrid Flubberwürmer hätscheln' war Snapes Antwort gewesen, Ort wäre ihm egal, weil ihn diese Tätigkeit immer und überall unermesslichen Spaß bereiten würde, dabei hatte er so breit und ironisch wie selten gegrinst und seine gelben Zähne gebleckt).

„Miss Granger, was soll das werden? Wollen Sie ein Buch über mich schreiben? Dann müssen Sie sich ranhalten…Miss Kimmkorn ist wahrscheinlich schon dabei, meine ehemaligen Schüler über mich auszufragen…", er fläzte entspannt in einem Stuhl aus seinem Zelt, den er in eine Art Chefsessel verwandelt hatte, und drehte sich unablässig mit aufgestellten Füßen leicht hin und her. Dabei grinste er süffisant zu Hermine, die längst wusste, wie sehr er diese kleinen Spielchen genoss. Sie hatte ihren Stuhl in einen geräumigen Zweisitzer verwandelt und saß quer mit angezogenen Beinen darauf. „Ich will nur mehr über meinen Freund erfahren! Aber eigentlich kenne ich die Antwort ja schon! Sie wären mit Sicherheit eine überdimensionierte Fledermaus…Nein, halt! Dazu müssten Sie sich ja gar nicht verwandeln!", sie lächelte Snape neckisch an, der, die Ellbogen auf den Armlehnen seines Sessels, nun seine schlanken Hände ineinander verschränkte. „Wenn das so ist, dann wären Sie ja wohl eine Katze…Wie ich hörte, sollen Ihnen Katzenohren und Schnurrhaare ganz gut stehen…", sein rechter Mundwinkel zog sich zu einem überaus fiesen Grinsen nach oben und Hermine riss erstaunt die Augen auf. Offenbar wusste er auch von ihrem Malheur mit dem Vielsaft - Trank im zweiten Schuljahr. Sie fing sich jedoch schnell wieder und konterte: „Ah…dann sind Sie gar keine Fledermaus, sondern der alte fünfbeinige Kanker, den man in jedem Raum von Hogwarts in irgendeiner Ecke sitzen hat und der kontinuierlich Informationen über alle Schüler sammelt, stimmt's?!" Sie verengte abschätzend die Augen und Snape hielt mit seinem Hin- und Hergedrehe inne. Er kostete die entstandene Pause vollends aus, ehe er selbstgefällig antwortete: „Nicht über alle Schüler, Miss…Nur über jene, die von Interesse sind…" Hermine konnte die Augen nicht von seinen nehmen, die einen Moment seltsam zu glitzern schienen. Dann begann er wieder, seinen Unterkörper mit dem Stuhl zu drehen, sein Kopf blieb dabei von der Bewegung nahezu unberührt. „Und wieso überhaupt nur fünf Beine?", wollte er schließlich wissen.

„Weil die Viecher, wenn man sie sieht, nie alle Glieder beisammen haben! Eine Schätzung ergab, dass die Zahl der verbliebenen Beine bei Weberknechten durchschnittlich fünf beträgt!", Hermine sprach in dem Ton, den sie sonst anschlug, wenn sie Harry und Ron etwas, das sie in einem Buch gelesen hatte, näher brachte und tarnte damit ihre aus der Luft gegriffene Behauptung. „So so…und wobei büßen sie wohl ihre Beine ein?", fragte Snape und klang höflich interessiert. „Na das ist doch offensichtlich: da Sie der Kanker sind, haben Sie Ihre eigenen Beine für irgendeinen Zaubertrank geopfert!", sie war sehr zufrieden mit ihrer Antwort. „Ah ja…ich verstehe. Das klingt schlüssig. Mich interessiert jetzt aber vor allem eines: Glauben Sie selbst an Ihre Theorie? Denn wenn dem so ist, werden Sie wohl künftig jedes Bade- oder Schlafzimmer, das Sie aufsuchen, zunächst sehr gründlich nach Spinnen absuchen müssen…", sein Grinsen hatte jetzt etwas Anzügliches, was Hermine so von ihm nicht kannte. Dass er sie sich offenbar gerade bei sehr intimen Handlungen vorstellte, trieb ihr leichte Röte ins Gesicht, aber auch einen wohligen Schauer über den Rücken. Wie sie damit umgehen sollte, wusste sie jedoch nicht und so suchte sie noch nach einer passenden Antwort.

Snape hatte natürlich auch bemerkt, dass ihr Gespräch in eine Richtung zu rutschen drohte, die er eigentlich für völlig unangemessen hielt. Warum er sich dennoch immer häufiger dazu hinreißen ließ, ordinär zu werden, verstand er daher nicht. Er begab sich damit auf gefährliches Terrain, denn würde Miss Granger seine Absichten, denen er im Übrigen momentan selbst nicht traute, missverstehen, würde das ihre weitere Reise äußerst unangenehm machen. Trotzdem kostete er den Moment auf eine Weise aus, die mehr einem vorsichtigen Ausreizen als bloßer Machtdarstellung gleichkam.

„Snape! Sie alter Schwerenöter! Flirten Sie etwa mit mir?!", Hermine hatte sich schließlich entschieden, es möglichst sportlich zu sehen. Immerhin waren sie seit knapp acht Wochen allein miteinander unterwegs und inzwischen wirklich so etwas wie Freunde. Außerdem war Snape nun einmal ein Mann – kein Teenager und sein Verhalten zeugte von einer gewissen Vertrautheit, die sie nicht mehr missen wollte. „Beantworten Sie lieber meine Frage, oder dem nächsten Kanker, den ich sehe, wird es schlecht ergehen!", sie machte ein scheinbar ermahnendes Gesicht und brachte ihrer eigenen Verlegenheit zum Trotz ein glaubhaft kumpelhaftes Lachen zustande.

Erleichtert über Miss Grangers elegantes Einlenken, antwortete Snape: „Nicht doch! Ich wollte Sie lediglich auf mögliche Auswirkungen solcher Gedankenexperimente hinweisen, Miss Granger…Im Übrigen hatte ich nie den Wunsch, mich in ein Tier zu verwandeln, von daher fällt mir die Beantwortung nicht leicht…Ich hege keine besonderen Affinitäten zu irgendwelchen Tieren und kann für mich keinen Gewinn darin sehen, selbst eines zu werden. Was soll ich Ihnen also sagen?" Seine Körperhaltung war nun völlig verändert: er hatte Beine und Arme überschlagen, sich leicht weggedreht und saß nun starr und seitlich zu Hermine. Dabei sah er aufmerksam zu Hermine, die ihn nun wiederum nachdenklich anschaute. „Hmmm! So was in der Art musste ja von einem Rationalisten wie Ihnen kommen! Ich denke aber, sie wären ein Tier, das fliegen kann, denn es wäre ja blöd, wenn Sie auf eine Fähigkeit verzichten müssten, die Sie schon haben…aber ganz klar kein Schwarmvogel…Vielleicht ein Adler? Nein! Besser! Ein Rabe! Das passt doch perfekt! Der ist klug, schwarz und ein Einzelgänger! Mit anderen Worten: Sie!", jetzt grinste sie triumphierend und so gab Snape auf: „Hätte schlimmer kommen können…", meinte er bei hochgezogenen Brauen nur.

„Jetzt Sie! Was denken Sie? Welches Tier würde ich gern werden?", sie blickte hoffnungsvoll und obwohl er keinen Sinn darin sah, ließ Severus sich zu einer Vermutung herab, wobei er Hermine von der Seite her musterte: „Lassen Sie mich überlegen…Ein wacher Geist…braune, gutmütige Augen…eine wallende Mähne und zarte Fesseln…Sie wären wohl ein ansehnliches Vollblut, Miss Granger.", jetzt lächelte er milde und bemerkte, wie Hermine auf ihre nackten Füße sah. „Interessant, dass Sie meine Fesseln erwähnen…jemand nannte sie mal mager…Jedenfalls, ob Sies glauben oder nicht: Wenn ich mir aussuchen könnte, welche Gestalt ich als Animagus hätte, wäre es tatsächlich ein Pferd! Wunderschöne Tiere, oder? Und wie mühelos und anmutig sie sich bewegen…Aber ich würde dann wohl eher als Shetlandpony enden…", sie schmunzelte über die Vorstellung, kam aber nicht umhin zu bemerken, dass Snape gleich wieder ins Schwarze getroffen hatte. Hatte er wirklich nur das Augenscheinliche kombiniert, oder vermochte er doch, ohne ihr Wissen ihre Gedanken zu lesen?

Das Gespräch war schließlich eingeschlafen und so hingen beide noch eine Weile ihren Gedanken nach, die sich größtenteils um den jeweils anderen drehten. Hermine lag inzwischen zusammengerollt auf ihrem kleinen Sofa und Snapes Augen ruhten auf ihr. Es verwirrte ihn, dass er begonnen hatte, Einzelheiten an Miss Granger bewusster wahrzunehmen: der süße Duft, wenn sie morgens aus dem Zelt trat, ihr inzwischen goldbrauner Teint und der Blick ihrer warmen Augen. War sie schon immer diese bemerkenswerte junge Frau gewesen? Und wer war er selbst, dass er es wagte, sie mit seinem Geplänkel in Verlegenheit zu bringen? Offenbar durch ihre andauernde Freundlichkeit ermutigt, öffnete sich Snape ihr immer mehr. Doch geschah dies zusehends auf eine Art, die sich absolut nicht ziemte. Er hatte sich nie wirklich für andere Frauen, als Lily erwärmen können und auch wenn er wusste, wie man spielte, war er nie in Versuchung gekommen, es weiter als bis zu verbalen Zweideutigkeiten zu treiben. Jetzt und hier aber spürte er etwas in sich erwachen, dem er zu Miss Grangers Schutz auf keinen Fall nachgehen durfte, auch wenn sie ihn selbst, ob bewusst oder unbewusst, ohne Unterlass dazu herausforderte.

Snape suchte nach seiner alten Beherrschung und stand endlich auf. „Miss Granger, Sie sollten in Ihr Zelt gehen. Andernfalls werden Sie sich morgen früh darüber ärgern, Ihren Stuhl nicht in ein Bett verwandelt zu haben…Ein Bett mit Schirm…", denn just in diesem Moment wurde das wohl bekannte Rauschen laut, das die nächste Regenwand verhieß. Und so sprang Hermine auf, verwandelte ihren Stuhl zurück und trug ihn zu ihrem Zelt. Dann drehte sie sich zu Snape um, dessen Chefsessel im Schwebeflug vor ihm her seine ursprüngliche Gestalt wieder annahm. „Gute Nacht, Sir!", rief sie gegen den aufkommenden Lärm an. Und Snapes kehlige Stimme drang an ihr Ohr: „Schlafen Sie gut, Miss Granger…".