Die zweite Septemberwoche hatte begonnen, doch statt in Hogwarts für ihr Abschlussjahr zu lernen, war Hermine auf irgendeiner der tausend indonesischen Inseln und versuchte mit Snape mitzuhalten, der sich ungeachtet der Schwüle wie ein Besessener einen Weg durch das üppige Grün bahnte. Auf andere Menschen waren sie schon ewig nicht mehr gestoßen und wenn doch, blieben Snape und sie getarnt und sahen zu, dass sie weiterkamen. Auch wenn Hermine auf solche Begegnungen, wie mit den Russen nur zu gut verzichten konnte, fehlte ihr doch manchmal etwas Abwechslung.
Sie hatte mal wieder ihre Tage, dank Snapes Gebräu spürte sie zwar keine Schmerzen, aber ihre Laune war dennoch im Keller. Sie war deprimiert, weil ihr ihre Eltern und Freunde fehlten und frustriert, weil Snape jeden ihrer Versuche, hinter seine Fassade zu schauen, mit Sarkasmus und Reserviertheit abschmetterte.
Zudem fühlte sie sich allmählich total ausgelaugt und wenn sie in ihren Spiegel sah, überkam sie das Grauen: ihre Haut hatte zwar einen milden Braunton angenommen, aber ihr Körper war gestählt von den Strapazen, sodass sie sich vorkam, wie eine Ringerin. Ohne weibliche Attribute. Von der permanent hohen Luftfeuchtigkeit war ihr ohnehin schon widerspenstiges Haar grässlich gekräuselt und stumpf, während ihre Fingernägel spröde und teilweise eingerissen waren. Der Umstand, dass Snape so wenig herzlich war, potenzierte Hermines mieses Körpergefühl noch. Einziger Lichtblick wurden mehr und mehr die Abende vorm Zelt, wenn Snape sich zumindest ein Bisschen gelöster gab und Hermine sich einreden konnte, dass der Feuerschein ihrem Äußeren schmeicheln würde.
Im Moment kam ihr aber die Tatsache, dass sie nichts Schokoladenhaltiges mehr hatte, wie das zwangsläufige Ende der Welt vor. „Haben Sie wirklich nicht noch irgendwo in Ihren Vorräten eine einzige, winzigkleine Kakaobohne versteckt?", jammerte Hermine nicht zum ersten Mal an diesem Tag. „Sie kennen die Antwort, Miss Granger…", Snape hatte sie zunächst noch aufgezogen, doch recht bald hatte er eine wichtige Lektion im Leben eines Mannes gelernt: Leg dich nie mit einer menstruierenden Frau an! Und so versuchte er es diesmal mit einem Themenwechsel: „Sehen Sie doch! Dort ist schon die nächste Insel! Auf der übernächsten werden wir unser Nachtlager aufbauen…".
„Ich will eine Heiße Schokolade!", -vergeblich. „Und einen großen Schokoladenkuchen…oder besser zwei…und ein Blech voller Brownies…Gott! Was würde ich jetzt für so einen dämlichen Schokofrosch geben!" Snape verdrehte nur die Augen. „…Und Cookies mit dreierlei Schokoarten…Oder kennen Sie diese Muggelbiscuits, die mit Orangengelee gefüllt und von Zartbitterschokolade überzogen sind? Die wären jetzt genau das Ri-…" –„Halten Sie den Mund, Miss Granger!", Snapes Stimme war schneidend und ungeduldig. „Genau das Richtige! Erfrischend…und s-…" – „Sein Sie still!", zischte er jetzt in eindringlichem Flüsterton. Und endlich wusste Hermine auch, wieso. Es waren Geräusche zu hören. Stimmen. Gelächter.
Snape legte seinen langen, dünnen Zeigefinger an die Lippen. Dann lief er, den Lauten folgend einen kleinen Hang hinauf und Hermine musste dem Rucken des Seils, das sie mit ihm verband, folgen. Dort lugten sie, für die Urheber des Lärms unsichtbar, durch einige riesige Farnwedel. Vor ihnen lag eine malerische Lichtung inklusive eines natürlichen kleinen Regenwasserstaubeckens zwischen einigen Felsen. Neben diesem tummelten sich zwei Einheimische. Hermine vergaß ihre emotionale Unterzuckerung vorübergehend und sah wie gebannt zu dem jungen Mann, der nichts weiter anhatte, als einen bemerkenswerten Penisköcher und dem Mädchen im Lendenschurz.
Ihrer beiden rotbraunen Leiber glänzten im Sonnenlicht und so wie das Mädchen giggelte, waren die Absichten des Jungen recht offensichtlich. Snape ließ ein missbilligendes leises Schnauben verlauten (Hermine wusste, dass er die beiden nur zu gern mittels Zauberstab getrennt, ihnen Hauspunkte abgezogen und für die bloße Tatsache, verliebt zu sein, nachsitzen gelassen hätte), dann wandte er sich um und begann, den Hang wieder hinunter zu steigen. Hermine aber konnte die Augen nicht abwenden. Das Mädchen war in der Blüte ihrer Frauwerdung und auf eine ursprüngliche Art sehr attraktiv. Der junge Mann war athletisch und das Spiel seiner Muskeln wirkte beinahe hypnotisch auf sie. Gerade wollte sie sich die Konstruktion um seine Lenden genauer ansehen, als ein Ziehen an ihrem Handgelenk unmissverständlich klarmachte, dass Snape weiter wollte. Während sie denn Hang mehr hinabschlitterte als koordiniert lief, hoffte sie insgeheim, der Lärm würde noch mehr Leute anlocken. Missmutig fiel ihr dann ein, dass sie für diese ohnehin nicht zu sehen gewesen wäre.
Gerade flogen sie übers Meer zur nächsten Insel, da hatte Miss Granger einen neuen Einfall, Snape auf die Nerven zu gehen. „Würden Sie so einen Köcher für Ihr …Sie wissen schon…tragen?", wollte sie aufdringlich wissen. Severus Snapes Augenbrauen stellten sich eigentümlich schräg über die Frage, wie lange er noch für Miss Grangers penetrante Phase Geduld aufbringen musste. Er seufzte tief und entschied sich, möglichst diplomatisch zu antworten: „Wäre ich diesem indigenen Volk geboren, würde sich diese Frage kaum stellen. Da ich jedoch in diesen Belangen eher konservativ westlich geprägt bin, wohl eher: nein." Als Reaktion darauf kicherte Miss Granger in fürchterlich unreifer Weise und Snape überlegte, was schlimmer war: eine wehleidig nach Schokolade jammernde oder eine vor alberner Ideen feixende Miss Granger. Er versuchte so gut es ging, zu ignorieren, wie sie nun lauthals über die möglichen Trageeigenschaften eines Genitalfutterals sinnierte.
Irgendwann, sie waren inzwischen längst gelandet und hatten das kleine Eiland schon fast überquert, stellte Miss Granger ihren Monolog endlich ein. Doch Snape wartete nur darauf, wann ihre Launenhaftigkeit mit einem weiteren Stimmungstief um die Ecke käme. Überraschender Weise – und Snape war sich noch nicht sicher, ob das gut oder schlecht war – blieb sie für die restliche Tagesreise jedoch ruhig. Erst abends, als sie am Feuer vor ihren Zelten saßen, schien sie eine Unterhaltung fortsetzen zu wollen, an der Snape nicht teilgenommen hatte – jedenfalls nicht, dass er wüsste. „Fanden Sie sie attraktiv?"
„Pardon?", eine seiner Augenbrauen rutschte misstrauisch in Richtung Haaransatz. „Na das Indiomädchen! Fanden Sie es hübsch?". In Snape schrillten, trotz seiner Unerfahrenheit mit Frauen, alle Alarmglocken. Er hatte das untrügliche Gefühl, diese Frage nicht richtig zu beantworten war. „Miss Granger, was wollen Sie mit dieser Frage bezwecken?", wich er deshalb aus. „Ich will einfach nur wissen, ob Sie sie hübscher fanden als mich."
Daher wehte also der Wind. Sie litt offenbar mal wieder unter einem ihrer periodisch wiederkehrenden Selbstzweifelsanfälle. Snape war ratlos. Er war für so etwas nicht geschult. Er durchforstete sein Hirn nach einem befriedigenden Lösungsansatz, versuchte sogar sich vorzustellen, welche Antwort sie wohl hören wollte. Doch er musste sich schließlich eingestehen, dass er das nicht konnte. Er verrannte sich in dem Paradoxon, dass sie ihm einerseits ja doch nicht glauben würde, wenn er ihr versicherte, dass sie die Attraktivere der beiden war, und es ihm andererseits übel nehmen würde, wenn er das Gegenteil behaupten würde. Sie war nicht dumm, Ausflüchte und Ablenkungsversuche würde sie in ihrem derzeitigen Zustand mit Sicherheit nicht akzeptieren. Erschwerend kam hinzu, dass er Miss Granger inzwischen wirklich sehr mochte und schon allein deshalb keinen Streit mit ihr wollte. „Bitte…", begann er vorsichtig. „Zweifeln Sie nicht an sich, Miss Granger. Ich kenne keine anziehendere junge Frau-…"
„Ach wirklich? Warum sind Sie dann ständig so abweisend zu mir?", wollte sie missfällig wissen und Snape merkte sofort, dass er offenbar wieder einmal das Verkehrte gesagt hatte. Ehe er auch nur eine Idee für eine angemessene Reaktion hatte, geiferte Miss Granger schon weiter: „Ständig suche ich Ihre Bestätigung…ein Zeichen dafür, dass ich mir nicht alles nur einbilde! Wieso habe ich bei jedem freundlichen Wort von Ihnen das Gefühl, Sie meinen es ironisch oder spielen irgendein krankes Spiel mit mir? Ich habe Ihre Blicke bemerkt, Snape…Sie machen Andeutungen, Sie grinsen vielsagend…aber Sie kommen einfach nicht aus der Hüfte. Sie wollen mein Freund sein, aber wieso können Sie mich dann nicht einmal in den Arm nehmen, wenn Sie doch sehen können, dass es mir beschissen geht? Wieso schrecken Sie vor jeder noch so kleinen Berührung zurück?" Snape war unter ihrem vorwurfsvollen Blick aufgestanden und warf zu seiner Verteidigung kraftlos ein: „Das war nicht Bestandteil unserer Abmachung!"
Nun war auch Hermine aufgestanden und sprang auf ihn zu. „Es war auch nicht Bestandteil unsrer Abmachung, dass ich Sie irgendwann so mögen würde!", noch immer zornig, funkelte sie ihn an, doch ihre Stimme war nun fast flehentlich. Langsam machte sie einen weiteren Schritt auf Snape zu, der jetzt wenige Zentimeter vor ihr stand. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und seine Atmung ging heftig und unstet. „Ich weiß, Sie haben so viel mehr zu geben…", hauchte sie und damit schloss sie die letzte Lücke zwischen ihnen.
Sie spürte die betörende Wärme, die sein Körper abstrahlte und sah in die tiefschwarzen Tunnel seiner Augen. Dann legte sie den Kopf leicht in den Nacken und reckte sich sacht zu seinen schmalen, aufeinander gepressten Lippen. Gerade fühlte sie seinen unruhigen Atem auf ihrer Haut. Sein Duft war überwältigend. Und genau als ihre Lippen die seinen zart berührten, schnellten wie aus dem Nichts seine Hände nach oben und packten sie unsanft an den Oberarmen. Sogleich brachte er sie auf armlangen Abstand und sagte warnend: „Genug, Miss Granger! Sie irren sich…Da ist Nichts, das ich Ihnen geben kann." In seiner Stimme schwang ein Hauch Resignation mit und beinahe traurig ließ er den Blick sinken. Schließlich wandte er sich zu seinem Zelt um und mit einem Schnippen seines Zauberstabs, folgte ihm sein, in einen Sessel verwandelter Stuhl. Hermine blieb aufgewühlt und verwirrt allein zurück.
