Der Morgen kam viel zu schnell. Als Hermine einfiel, warum sie so schlecht geschlafen hatte, wurde ihr beinahe übel. Hatte sie tatsächlich versucht, Severus Snape zu küssen? Wie sollte sie ihm je wieder unter die Augen treten? Harry und Ron würden sie für verrückt erklären. Und das war sie vielleicht sogar. Wie sonst war es zu erklären, dass sie begonnen hatte, sich auf so verstörende Art zu Snape hingezogen zu fühlen? Sie hatte keinen Appetit auf ihr ewig trockenes Zwieback und nachdem sie sich etwas frisch gemacht hatte, verließ sie ihr Zelt, um es sogleich zusammenfallen zu lassen und in ihre Tasche zu packen. Den Blick auf den wie jeden Morgen bereits wartenden Snape ersparte sie sich.

„Guten Morgen, Miss Granger!", seine Stimme klang wie immer, wenn nicht gar etwas wärmer als sonst. Ungläubig hob Hermine den Kopf. „Ich möchte mich in aller Form dafür entschuldigen, dass ich Ihnen kein besserer Freund war.", er kam mit den Händen hinterm Rücken langsam näher. Einen Meter vor ihr blieb er stehen und sprach weiter: „Ich bin in derlei Angelegenheiten…aus der Übung gekommen, wenn Sie so wollen. Ihre Freundschaft ist mehr, als ich verdiene, doch sie bedeutet mir wirklich…viel. Zu meinem Bedauern ist alles, was ich Ihnen geben kann, mein Vertrauen, meine zweifelhafte Gesellschaft und dieser klägliche Ersatz für eine Heiße Schokolade." Hinter seinem Rücken holte er einen mit einer herrlich duftenden, dampfenden Flüssigkeit gefüllten Becher hervor und hielt ihn ihr mit beiden Händen hin. Hermine machte große Runde Augen und sah erstaunt von dem Becher zu Snapes Gesicht. Seine Augen waren von bisher unerreichter Güte, doch presste er fest die Kiefer aufeinander. Hermine fiel ein, dass der Becher wahrscheinlich heiß war und schnell streckte sie die Hand aus, um ihn beim Henkel aus Snapes Händen zu nehmen. Sofort entspannte sich seine Gesichtsmuskulatur merklich und ein mildes Lächeln kräuselte seine Lippen.

„Was ist das?", wollte Hermine nahe liegender Weise wissen. „Probieren Sie erst.", meinte er und ein Hauch seiner alten Selbstgefälligkeit schwang mit. Behutsam hob sie den Becher und sog den verführerischen Duft des Getränks ein. Sie hatte nie etwas Vergleichbares gerochen. Einige Nuancen schienen ihr zwar vertraut, doch in seiner Gesamtheit war es etwas vollkommen Neues für ihre Nase. Dann schlürfte sie vorsichtig einen Schluck und ließ die Flüssigkeit über ihre Zunge rinnen. Sie war süß und tatsächlich etwas schokoladig, doch auf unaufdringliche Weise und so aromatisch, dass sich ihre Geschmacksknospen augenblicklich nach mehr verzehrten, als sie sie hinunterschluckte. Ein wohliges Lächeln legte sich über ihr Gesicht, als sie wieder zu Snape aufsah. Erleichtert über ihre Reaktion, wurde Snapes Lachen sogar noch breiter.

Hermine hatte den Becher wieder angesetzt und weitere Schlücke ihre Sinne verzücken lassen. „Was ist das?", fragte sie erneut, diesmal aber ganz ohne Skepsis. „Sie sind doch belesen, Miss Granger. Schon mal vom Aqua ambrosia gehört?", er war wieder ganz der alte Zaubertrankmeister und Hermine war ganz die eifrige Schülerin: „Dem Göttlichen Wasser? Aber niemand weiß, wie es hergestellt wird?! Seit Jahrtausenden rätseln die größten Braumeister über die korrekte Rezeptur! Historiker zweifeln gar an der Existenz!" Skeptisch betrachtete sie denn halbleeren Becher in ihrer Hand.

„Können Sie sich vorstellen, welchen Reiz ein angeblich nicht braubarer Trank auf einen jungen, einigermaßen talentierten, wenn auch überheblichen Schüler der Zaubertränke ausübt? Natürlich ist es auch mir nie gelungen, das Göttliche Wasser herzustellen. Aber in Ihrer Hand halten Sie eine durch meine beschränkte Reiseapotheke adaptierte Version dessen, was damals mein bester Versuch war. Es ist selbstredend von Göttlichkeit meilenweit entfernt, doch Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass es zumindest ein erhabenes Gefühl vermitteln konnte."

„Absolut! Wenn Sie mich fragen, dann sollten die Götter auf das hier umschwenken!", sie nahm noch einen Schluck. „Erzählen Sie, was haben Sie da rein getan? Sie sagten doch, sie hätten keine Schokolade!"

„Hab ich auch nicht. Was die Ihnen vertraute Note ausmacht, sind pulverisierte Früchte des Johannisbrotbaums, etwas Zimt, Vanille und Karamell. Der Rest ist Schweigen, Miss Granger. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages ein serienreifes Aqua ambrosia herzustellen und Potter in Glanz und Gloria zu übertreffen!", ein ketzerisches Grinsen huschte nun über sein Gesicht und auch Hermine musste lachen. „Aber wieso schleppen Sie das alles mit sich herum? Ich denke, Ihre Reiseapotheke ist beschränkt? Für mich klingt das besser sortiert als so manche Apotheke in der Winkelgasse! Das sind ja nicht gerade klassische Zaubertrankzutaten!"

„Es sind nicht alles Zaubertränke, was ich herstelle. Außerdem kann man mit diesen Ingredienzien den ein oder anderen Ungeruch von so manchem Gebräu gut übertünchen. – Können wir dann?"

Sie leerte ihren Becher, ließ ihn verschwinden und dann desillusionierten sich beide, um ihren Weg fortzusetzen. „Wie heißt das Getränk, dass Sie mir gemacht haben, Sir?", begann sie nach einigen Minuten. „Warum sollte es einen Namen haben?"

„Wie soll ich mir denn ein weiteres bestellen, wenn ich keinen Namen dafür kenne?"

„Ich bin nicht Ihr Barkeeper, Miss Granger. Getränkebestellungen nehme ich keine entgegen.", stellte Snape knurrend klar, doch Hermine fiel auf seine Grummeligkeit längst nicht mehr herein: „Aber ich könnte Sie, als meinen Freund bitten, mir eines zu machen, so wie man einen Freund bittet, während der eigenen Abwesenheit, die Zimmerpflanzen zu gießen und den Briefkasten zu leeren."

„Ach, Sie meinen als kleine, Freundschaft erhaltende Gefälligkeit?", allmählich kam er ihr auf die Schliche und Hermine bestätigte: „Sozusagen."

„Und welchen Gefallen würden Sie mir tun?", man konnte hören, dass er bei dieser Frage grinsen musste und sie erwiderte lachend: „Ich halte es mit Ihnen aus, das ist schon mehr als die meisten tun würden!"

„Da haben Sie auch wieder recht…", gab Snape zu. „Dann denken Sie sich eben einen Namen aus." Und so dachte Hermine den halben Tag laut über mögliche Namen für ihr neues Lieblingsgetränk nach, auch wenn sie keiner überzeugen konnte. Dabei war sie so erleichtert, dass Snape offenbar beschlossen hatte, den Vorfall vom Abend zuvor tot zu schweigen und ihnen so einen unbeschwerten Umgang zu ermöglichen. Sie war sich inzwischen sicher, dass sie das Richtige getan und ihn nur einfach auf dem falschen Fuß erwischt hatte – wer hätte auch gedacht, dass Severus Snape so unsicher sein konnte – und ihm deshalb noch etwas Zeit eingeräumt. Dass er sie trotz des Beinahe-Kusses so freundlich behandelte, zeigte doch schließlich, dass sie ihm nicht gleichgültig war.

So bereisten sie in den kommenden Tagen die letzten Inseln vor Papua und die Stimmung zwischen ihnen war gelöst und beinahe herzlich.

Papua selbst bot wunderbares Reisewetter, bei kaum noch Regen und angenehmen fünfundzwanzig Grad. Snape aber fühlte sich zunehmend matt und wusste sich das nicht erklären. An seinem Hals konnte es nicht liegen, denn der schien tatsächlich Anstalten zu machen, zu verheilen. Die Haut wurde allmählich wieder glatter und er meinte, dass die Verfärbungen blasser geworden waren. Trotzdem loderte eine Unzufriedenheit in ihm, die ihn wieder viel ungeduldiger werden ließ. Wenn es ihm auffiel, ärgerte er sich massiv über sich selbst. Immerhin hatte er in den letzten Monaten dank Miss Granger enorme Fortschritte gemacht, was seine Umgänglichkeit anbelangte. Doch die drohten sich nun plötzlich in Luft aufzulösen. Es war, als rang der „alte" Snape darum, wieder die Vorherrschaft zu erlangen und Severus wurde müde, ihn ständig zu bekämpfen. Um Miss Granger nicht zu verletzen, ging er abends unter wechselnden Vorwänden beizeiten zu Bett und war tagsüber zu kaum mehr als oberflächlichen Unterhaltungen fähig. Einige Male war er ihr inzwischen dennoch unsanft über den Mund gefahren, was ihn selbst nicht weniger irritiert hatte als sie.

An manchen Tagen hatte er das ganze so satt, dass er versucht war, sich nachts davon zu stehlen, um wieder ganz für sich und in Ruhe zu sein. Dann wiederum hielt er es mit sich selbst kaum aus und musste sich einen Schlaftrunk brauen, um überhaupt schlafen zu können. Immer wieder plagten ihn dann grässliche Träume – mal von Lily, mal von Miss Granger – mal von Voldemort, mal von Dumbledore. Doch am schlimmsten war es, dass er, wenn er morgens aufwachte, immer länger brauchte, um sich darüber klar zu werden, wo er war und wozu. Einen Sinn fand er bald gar nicht mehr in seinem Tun, einzig der Gedanke an Miss Granger schien ihn noch in der Realität zu verwurzeln. Wenn er sie sah, breitete ich eine wunderbare Wärme in ihm aus und er sagte sich mehrmals am Tag, dass er sie nicht wieder enttäuschen durfte. Dennoch wähnte er sich zwischenzeitlich immer wieder woanders, meist lehrend in Hogwarts, aber auch demütig an des Dunklen Lords Seite oder wieder als tieftrauriges Kind im Haus seiner Eltern. Dann erschrak er heftig, wenn er sich der Grünen Hölle um sich bewusst wurde.

Hermine waren die Veränderungen natürlich nicht entgangen, die mit ihrem Begleiter vonstatten gingen. Er war oft unbegründet aufbrausend, seine Bewegungen entbehrten die übliche raubtierhafte Präzision und gerieten immer fahriger. Sein eigentlich stets tadelloser Umhang war übersät mit Knittern, als ob er darin schlafen würde. Seine Augen wirkten bisweilen glasig und der Blick unstet. Heute Morgen hatte er augenscheinlich vergessen, sich zu rasieren und Hermine war zutiefst geschockt, wie umnachtet ihr Freund aussah, als er kurz nach ihr aus seinem Zelt gewankt kam.

„Granger! Was lungern Sie hier rum? Scheren Sie sich zu Ihren kleinen Freunden!", blaffte er zur Begrüßung und wollte schon ohne sein Zelt gen Westen losmarschieren. Je länger sie ihn so sah, umso mehr hatte Hermine den Eindruck, dass er betrunken war.

„Sir, Ihr Zelt! Wollen Sie das denn gar nicht mitnehmen?", rief sie ihm vorsichtig nach. Zerstreut wandte sich Snape um und murmelte kaum verständlich: „Ah! Jaah…das Zelt. Gut aufgepasst, Miss Granger! Zehn Punkte für Gryffindor, was?", da gluckste er und verpackte sein Zelt. Dann ging er, sich nach Osten orientierend, zügig voraus. „Mr. Snape? Müssen wir uns denn nicht desillusionieren?", Hermine löste noch hastig die Schutzzauber an ihrem Lagerplatz auf, die ihr auch schon ungewöhnlich lasch vorgekommen waren. Snape war wie erstarrt stehen geblieben und sah sie jetzt ganz sonderbar an.

„Richtig…", brachte er leise hervor, doch als er sich mit seinem Zauberstab antippte, schien sein Umriss nur zu flackern. Einige seiner Körperteile verschwammen wie gewünscht vor ihrem Hintergrund. Sein ratloses Gesicht, die Zauberstabhand, sowie sein linker Oberarm und die Unterschenkel aber blieben undurchsichtig. „Kein Problem, Sir. Ich kann ja…", Hermine gelang es ihren Schrecken darüber, dass Severus Snape offenbar so neben sich stand, dass er einen recht simplen und seit Monaten praktizierten Zauber nicht mehr zustande brachte, gut zu überspielen. Regungslos ließ sich ihr ehemaliger Professor von ihr mittels Seil an sie binden und desillusionieren.

Dann setzten sie ihren Weg fort, wobei Hermine sich mehr und mehr an die Spitze setzte, weil sie sonst immer langsamer und nördlicher gegangen wären. Sie versuchte sich immer wieder nach der südlichen Küste zu orientieren, denn der Plan war, da wo Papua-Neuguinea den geringsten Abstand zu Australien hatte, übers Meer und die vorgelagerten Inseln nach Nord-Queensland zu fliegen. Doch ihr kamen beharrliche Zweifel, ob Snape dazu überhaupt in der Lage sein würde. Bei Einbruch der Dämmerung hatte sie schließlich einen geeigneten Lagerplatz gefunden und errichtete nun gleich selbst die Schutzzauber, während Snape sich abmühte, sein Zelt ganz ohne Magie aufzubauen. Als sie auch ihr Zelt bezugsfertig hatte, sah sie besorgt zu Snape, der vor seinem Zelt stand wie die Kuh vorm neuen Tor.

Er starrte mit leerem Blick auf die Planen und schwankte leicht. Plötzlich spannte sich sein Körper und er bellte in alter Manier. „Weasley! Wenn Sie schon so einfältig sind, bei Potter abzuschreiben, sollten Sie sich wenigstens vergewissern, dass er die Fragen korrekt beantwortet hat! Zehn Punkte Abzug für Ihr Haus…für jeden von Ihnen!", ein gruseliges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als er offenbar just in diesem Moment Hermine erkannte. Schlagartig änderte sich sein Ausdruck: seine Augen fokussierten scheinbar unter größter Mühe auf sie und das Grinsen verflog. Stattdessen sah er nun aus, wie einer, der größte Schmerzen hat. Seine blassen Lippen öffneten sich etwas, doch er brachte keinen Ton heraus. Mit gerunzelten Augenbrauen wandte er sich schließlich ab und verschwand in seinem Zelt.

Hermine wusste weder ein, noch aus und fand in der folgenden Nacht kaum Schlaf. Sie machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen und der Gedanke, Snape würde nicht mehr genesen, versetzte ihrem Herzen einen heftigen Hieb. Außerdem fragte sie sich, was es war, das ihn so mitnahm. Hatte er tatsächlich ein Alkoholproblem? Oder – und es versetzte sie schier in Panik, sich das vorzustellen – war er Opfer irgendeines Langzeitgiftes, dass Voldemorts Schlange ihm injiziert hatte?

Ungeduldig erwartete sie das Morgengrauen, in der kläglichen Hoffnung, er hätte sich über Nacht erholt und nach fast einer Woche zunehmender Verwirrtheit würde er endlich wieder so sein, wie bevor sie Papua erreicht hatten. Schnell zog sie sich um und eilte bei Tagesanbruch aus dem Zelt. Da blieb sie für einen Moment bewegungsunfähig stehen.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, die Hände wurden feucht und ihr Mund seltsam trocken. Keine zehn Sekunden später überlief sie ein eiskalter Schauer, als sie realisierte, dass Severus Snape nirgends zu sehen war. Sein Zelt stand noch und das ließ nur einen Schluss zu. Mit Gänsehaut am ganzen Körper trat sie an den fremden Eingang und lauschte. Natürlich war nichts zu hören, doch das musste ja gar nichts heißen, versuchte sie sich tapfer einzureden. Sie räusperte sich und rief dann, um neutralen Tonfall bemüht: „Mr. Snape?". Der ganze Regenwald schien mit ihr den Atem anzuhalten, während sie auf eine Antwort wartete. Doch es kam keine.

Absurder Weise dachte Hermine noch, wie dämlich es doch war, dass man an einer Zeltwand nicht anklopfen konnte. Aber schließlich fasste sie einen Entschluss. Langsam öffnete sie Snapes Zelt und trat vorsichtig ein. Sie hatte keinen Blick übrig für die Einrichtung, denn ihre Augen suchten systematisch und intuitiv nach dem Schlafbereich. Als sie ihn dann fand, wurde ihr brennender Verdacht, das etwas nicht stimmte, schreckliche Wahrheit: Snape lag rücklings und in voller Montur auf seinem Bett. Einer seiner Arme hing über die Kante, der andere verdeckte mit dem Unterarm seine Augen. Hermine spürte, wie ihre Beine weich wurden und Panik von ihr Besitz ergreifen wollte, doch sie zwang sich zu einem weiteren Ansprechversuch: „Sir?".

Snape rührte sich nicht.