Hermine kam erst am nächsten Morgen wieder in Snapes Zelt, mit gezücktem Zauberstab. Ihre Sorge hatte schließlich über die Enttäuschung über seine ungerechtfertigte Abweisung gesiegt. „Mr. Snape?", tastete sie sich behutsam zur Schlafstätte vor. Das Ausbleiben der Antwort war ihr diesmal ein positives Zeichen. Dann sah sie ihn. Er saß mit ans Kopfteil gelehntem, freiem Oberkörper auf seinem Bett, den Kopf in den Nacken gelegt, offenbar schlafend. Seine Unterarme steckten noch in seinem Pullover, als hätte er ihn sich eben erst über den Kopf gezerrt. Feine Schweißperlen glitzerten auf seiner Brust, die sich heftig hob und senkte. Der Entzug von dem krankmachenden Kezysekret hatte offenbar eingesetzt. „Sir, ich bringe Ihnen Wasser.", sagte Hermine und kam kurz darauf mit einem Glas Wasser ähnlich wie am Tag zuvor an sein Bett. „Mr. Snape, hier. Sie müssen trinken!", wieder griff sie unter seinen Kopf, doch diesmal ließ er sie gewähren. Es zeigte sich, dass er nicht schlief, aber in einer Art Trance war. Es gelang Hermine, ihm das Wasser einzuflößen. Sie wiederholte das nun alle halbe Stunde und gegen Mittag war Snape gezwungen, seinen Leib zur Toilette zu bugsieren. Er zitterte wie Espenlaub als er wiederkam und Hermine half ihm wieder in seine Sachen hinein. Bis zum Kinn zog er die Bettdecke und bekam von seiner ehemaligen Schülerin von nun an einen entgiftenden Tee im Wechsel mit Wasser gereicht.
Hermine war froh, dass Snape seine Hetzreden eingestellt hatte und sein Körper sich offenbar mit allen Mitteln gegen den Kezy-Angriff wehrte. So oft hatte sie ihn während ihrer ganzen Reise nicht zur Toilette eilen sehen, wie in den letzten Stunden.
Als der Abend kam und Snape gerade wieder eingedöst war, fand Hermine eine Dose, beschriftet mit ‚Schlangenbisssalbe', unter dem Küchentisch. Vielleicht war sie aus der Tasche gefallen, als Hermine darin nach dem Bezoar gewühlt hatte. Sie sah zum schlummernden Snape. Er hatte inzwischen einen recht unregelmäßigen Drei-Tage-Bart, der am Hals langsam in die dunklen Narben überging. Hermine schlich zum Bett, nahm etwas von der Salbe und bestrich sachte Snapes stellenweise stachligen Hals. Dann verharrte sie einen Moment und betrachtete sein Gesicht, dem sie nun so nahe war. Obgleich er aussah wie ein heruntergekommener Junkie, fesselte sie sein Anblick. Sie mochte ihn – mehr vielleicht, als ihn je jemand gemocht hatte und sie war erleichtert, dass er offenbar auf einem guten Weg der Besserung war. Endlich richtete sie sich wieder auf. Ehe sie sein Zelt verließ, stellte sie ihm noch eine Kanne Wasser und einen Krug Tee ans Bett. Draußen kontrollierte sie, wie schon die Nächte zuvor, die Banne um ihr Lager und ging dann in ihr Zelt schlafen.
Severus Snape durchlebte in jener Nacht in fiebrigen Alpträumen die schlimmsten Momente seines Lebens: er sah seinen betrunkenen Vater auf seine zauberstablose Mutter einprügeln; sah sich selbst in seinem trostlosen Zimmer einem fürchterlichen elterlichen Streit lauschen; sah wie seine Mutter immer dünner und kleiner zu werden schien, bis er irgendwann an ihrem Grab stand.
Dann beobachtete er, wie er von James Potter und seiner Clique immer und immer wieder gedemütigt wurde; wieder beschimpfte er Lily, die einzige, die sich je etwas aus ihm gemacht hatte und wieder schaffte er es nicht, sich für sie von den Dunklen Künsten abzuwenden. Erneut bekam er das Dunkle Mal auf den Unterarm gebrannt; erneut beging er den ruchlosen Verrat der halben Prophezeiung, flehte Dumbledore um Hilfe an und wieder für umsonst.
Sein Unterbewusstsein zeigte im grausige Bilder, die er in Wahrheit nie gesehen hatte: von Lily mit schreckstarren Augen leblos auf dem Boden liegend; Lily umgeben von weißen Lilien aufgebahrt und schließlich die silberne Hirschkuh, die ihn seit jeher begleitet hatte, sich nun aber entschieden abwandte. Stattdessen erschien eine leuchtende Vollblutstute, sie schüttelte ihre lange wallende Mähne und tänzelte vor ihm auf und ab. Es dauerte nur einen winzigen Moment, auch wenn es dem träumenden Snape wie eine halbe Ewigkeit vorkam, da erkannte er sie Augen der Stute und dann sprach sie mit Miss Grangers Stimme: „Du wirst mich verlieren, so wie du sie verloren hast…Niemand kann mit dir glücklich werden, solange du nicht mit dir selbst im Reinen bist…"; und dann präsentierte sein Hirn ihm Szenen mit ihr und Weasley, für die er sich abgrundtief schämte. Sie alle endeten damit, dass Miss Granger befleckt und entehrt einen grausamen Tod fand, so wie alle Frauen, die Snape je etwas bedeutetet hatten, ohne dass er es ihnen je hatte richtig sagen können.
Irgendwann im Morgengrauen, wachte er endlich vollkommen unausgeruht auf und sprang aus dem Bett. Er raufte sich die Haare und sah mit fahrigem Blick zum ersten Mal seit einigen Tagen wirklich bewusst durch sein Zelt. Er war allein. Es traf ihn wie ein Blitz. Er sackte mit dem Rücken ans Bett gelehnt zusammen, umfing mit den Armen seine angewinkelten Beine und tat etwas, was er seit Jahrzehnten nicht mehr getan hatte: er weinte.
Wut, Trauer, Verzweiflung, Einsamkeit und Dekaden des Schmerzes bahnten sich ihren Weg und schüttelten seinen gebeutelten Körper. In seinem Gram bemerkte er nicht, wie Miss Granger sein Zelt betrat.
Hermine war fassungslos ob des heftig schluchzenden Snape. Ohne nachzudenken, eilte sie an seine Seite und griff nach seinen Händen. Beruhigend sprach sie zu ihm: „Mr. Snape…Ist ja gut…Was haben Sie?"
Die gefühlvolle Stimme drang zu ihm durch und ließ ihn in seinem Kummer innehalten. Er hob den Kopf und seine Beine rutschten nach unten. Seine fettigen Strähnen fielen ihm vor die verquollenen Augen. Doch als leuchte sie, erkannte er Miss Granger neben sich und spürte Wärme und Leben in ihn zurückkehren.
Selten war seine mangelnde Attraktivität deutlicher gewesen: sein scheckiger Bart, die öligen Haare, der gräuliche Teint, sein ganzes nasses und eingefallenes Gesicht. Doch Hermine schockte sein desolater Zustand nicht. Sie sah nur seine Augen, die erstmals voller Emotionen waren. Tiefschwarz, aber bei ihrem Anblick aufleuchtend.
Snape hob seine noch zitternden Hände und umfing Miss Grangers Gesicht. „Hermine…", flüsterte er mit belegter Stimme.
Hermine fühlte, wie sich ihre Nackenhaare beim Klang ihres Vornamens, zum ersten Mal von ihm ausgesprochen, aufstellten. Seine Hände hielten sie so unendlich sanft, wie sie es sich nie hätte erträumen können. Kaum merklich schluckte sie und benetzte dann nervös ihre Lippen.
Er beobachtete die kleine Bewegung, ehe sein Blick wieder mit ihrem verschmolz. Plötzlich lehnte er sich nach vorn und neigte leicht seinen Kopf. Als sein Mund den ihren fand, schloss er die Augen und legte einen Arm eng um ihren Oberkörper.
Hermines Augen fielen ergeben zu. So konnte sie jede Einzelheit umso intensiver spüren: seine Hand, die sich leidenschaftlich in ihr Haar grub; der Arm, der sie fest an sich drückte und nicht zuletzt sein warmer, von Tränen salziger Mund, der so zärtlich von ihren Lippen kostete.
Die Zeit stand still für die Beiden, die all das in jenen unschuldigen Kuss legten, was sie nicht auszusprechen wagten.
